Druckschrift 
2 (1868)
Seite
110
Einzelbild herunterladen
 

Seiten eine kurze Metaphysik der Tonkunst, wodurch der Herr Doctor.Forkel seine Leser erst mit der inneren Natur und mit der all-mähligen Erweiterung seiner Kunst bekannt machen will, ehe er siezur Geschichte derselben bei verschiedenen Völkern führt. Die Bil-dung und Zusammensetzung der musikalischen Ausdrücke ist darinnmit der Bildung und Zusammensetzung der Sprachausdrücke ver-glichen. Man hat die Musik schon lange eine Sprache der Empfin-dung genannt, folglich die in der Zusammensetzung ihrer und der Zu-sammensetzung der Sprachausdrücke liegende Aehnlichkeit dunkelgefühlt; aber noch niemand hat sie, so viel Recensent bewnsst ist, sodeutlich entwickelt und für die Theorie der Kunst nach ihrem ganzenUmfange so wichtige Folgen daraus hergeleitet, als der Herr Ver-lasser in dieser Einleitung thut. Unter mehrern mag nur der einzigeaus dieser Vergleichung entspringende Beweis von der Notwendig-keit der Harmonie angeführt werden, die selbst von unsern bestenAesthetikern so oft bezweifelt und sogar bestritten wurde, und diesicli nach der hier gegebenen Erklärung 1) auf die Vermehrung,, 2) auf die genauere Bestimmtheit der musikalischen Ausdrücke griin-jdet, folglich in einer Musik, die als eine wirklich aneinander hängendeaSprache zu unsern Empfindungen reden soll, unentbehrlich und beif!wertem nicht die gothische und barbarische Erfindung der neuerenZeiten ist, für welche sie von Philosophen ohne Kunstkenntniss,hauptsächlich aber von dem berühmten J. J. Rousseau so laut er-klärt worden ist. Noch manche ganz neue Gesichtspunkte, zu derenAnführung aber der Raum hier mangelt, werden sachkundige Leserleicht selbst bemerken, und sich dadurch diese Einleitung, der eigent-lichen Absicht des Verfassers gemäss, zu einem Wegweiser machenkönnen, die Stufen der Vollkommenheit, worauf nach der folgendenGeschichtserzählung die Musik bei verschiedenen Völkern des Alter-thums gestanden hat, wenigstens so richtig und sicher, als bei solchenGegenständen möglich ist, darnach zu bestimmen. Der übrige Inhaltdieses Werkes ist zu reichhaltig', um hier ganz angezeigt werden zukönnen. Es wird daher genug sein, nur noch einige Endurtheile an-zuführen.

Ueberhaupt hält der Herr Doctor Forkel die Musik aller derVölker, von welchen in diesem Bande geredet wird, selbst die derGriechen nicht ganz ausgenommen, mehr für Volkssache und für sehrdürftigen Ausdruck der in den recitirten oder gesungenen Gedichtenenthaltenen Empfindungen, als für eigentliche Kunst nach unsern Be-griffen. Ohne Harmonie, die keinem alten Volke bekannt war, konntesie unmöglich aus eigenen Kräften wirken, sondern musste sich ebenaus Mangel eigener zusammenhängender Ausdrücke an Poesie,Tanz u. s. w. so fest anschmiegen, dass sie uns fast stets nur indieser Gesellschaft erscheint. Die so häufig gerühmten Wirkungender alten Musik liegen daher auf keine Weise in der innern Be-schaffenheit derselben, sondern sind nach aller vernünftigen Wahr-