— 72 —
pflanzten, indem sie der häuslichen Andacht den Stempelkünstlerischer Schöne aufprägten? Das unbewusste Gefühl,das aus dem Herzen heraus nach Mittheilung und Befrie-digung drängte, war noch nicht gewohnt, nach den glän-zenderen Gestaltungen der Bühne zu blicken. Mit denvorliegenden Liedern und Compositionen wurde ihm eineBefriedigung geboten, deren reiche Fülle weit über denDrang und das Begehren des Augenblicks hinausreichteund zugleich veredelnd, erhebend wirkte. Wohl kann manden Texten dieser Lieder eine grosse Orthodoxie zumVorwurf machen; man kann zugeben, dass ihnen nicht jeneKraft innewohnt, die den alten Kirchenliedern so eigen-thiimlich war. Doch lässt sich ihnen eine gewisse Wärmeder Empfindung, eine schöne poetische Form und jenerpopuläre Anstrich nicht absprechen, durch den sich im All-gemeinen Sturmis geistliche Schriften ausgezeichnet haben ').In einzelnen dieser Lieder, z. IL im ersten Theil, demFrühling S. 14, dem Ernteliede S. 15, dem SommerliedeS. 20, dem Lobgesang S. 28, so wie in der zweiten Samm-lung, dem Passionsliede S. 8, dem Morgenliede S. 15, Gottder Ernährer der Menschen S. 19, den Empfindungen ineiner Sommernacht S. 20, Jesus in Gethsemane S. 31 wehtein Geist edler Poesie und einer reinen Religiosität, derauch über die Grenzen des Pietismus hinaus eine christ-liche Auffassung zulässt. Für ihre Zeit waren diese Ge-dichte von grosser Bedeutung, und Bach hat wohlgetlian,sie zur Bereicherung des deutschen Liedes zu benutzen.Er hat sie in einer Weise musikalisch behandelt, welcheihm die dankbare Anerkennung der Nachwelt sichert.Keiner vor ihm hat auf diesem Felde versucht oder ge-leistet, was ihm zu leisten beschieden war; seine eigenen
i) Sturm gehörte zu den bedeutenderen Personen Hamburg's ausjener Zeit. Er starb bereits 1778, 46 Jahre alt. Die HanseatischenNachrichten (Y. 1-17) bezeichnen ihn „als warmen, herzlichen unddurchaus praktischen Kanzelredner, als Liederdichter, Volksschrift-steller und Mensch, ehrenwerth, vielwirkend und unvergesslich."