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des, Charakters auch bei den Vornehmsten eine Seltenheit sei.Mit erhabenem Ernste erwiderte Stein: „Woher soll Sitte undZucht in diesem Lande kommen, wo die Kinder, wie selbst inEuerm Hause, in einem tatarisch-kalmückischen Gemisch undZusammenleben aller Alter und Geschlechter aufwachsen und dasEinfache, Edle und Strenge nimmer zu sehen bekommen?" Dieedle Gräfin, die Wahrheit dieser Worte fühlend, wurde bewegt.Sie griff, um ihre Tränen zu verbergen, zum Tuche. Steinmerkte es nicht und fuhr in seiner Strafrede fort: „Wie wolltIhr edle, selbständige Männer bilden, bei solchem wüsten Ge-misch, wo sich alles von Kind auf bunt durcheinander treibt,wo die Geschlechter bis zum Jünglingsalter so gemischt werden?Wie kann da das Gefühl von Ordnung, Zucht und Sitte jeentwickelt und rein erhalten werden?!"
Christliche Sitte und Gottes heiliges Gesetz galten Steinüber alles. Ohne sie hatte jedes Verdienst im Krieg und Frieden,in Kunst und Wissenschaft keinen Wert in seinen Augen. Erhielt alles für Gift, was vor Gott nicht bestehen kann. „Waskeine sittlich-religiöse Grundlage hat," so lauten seine eigenenWorte, „das ist vom Uebel und führt zum Abgrund." Keinblendender Schein, kein Glanz der Hoheit oder Genialität ver-mochte sein Urteil zu bestechen, noch das absolut freimütigeAussprechen desselben zu hindern. Bettler und gekrönte Häupterwog er, was den Kern des menschlichen Wesens betrifft, aufeiner Wage, wie Gott es tut. Dafür ist der weimarische Groß-herzog Karl August der beste Zeuge, jener weitherzige Pflegxrder deutschen Kunst, welcher unsere großen Dichter Herder,Schiller und Goethe an seinen Hof gezogen hat. Mit ihm trafStein 1817 in der alten, kunstreichen Stadt Cöln zusammen.Abends war große Gesellschaft beim Großherzog. Dieser, einwitziger, geistsprühender Herr, schien vom Kitzel gestachelt, Steinssittlichen Zorn zu reizen und an dessen stürmischem Losbrechensich zu ergötzen. Schon mehrere Male hatte Stein dem Herr-scher Antworten gegeben, vor denen die Mitgäste verstummten.Aber Karl August blieb in launigster Ruhe und erzählte mitBehagen von dem Dichter Werner, einem lockern Wüstling, eineMenge Geschichten unsauberster Art und schloß dann: „Daswar so seine poetische Naturlehre!" „Sie sollten sagen", fielStein ein, „es war eine fürstliche!" „O Aehnliches", scherzteleicht der Großherzog, „hat jeder Mann durchgemacht, und Sie,"
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