63
Mission unter den Heiden, diese oft so verächtlich angeseheneSache, hatte er ein klares, liebevolles Verständnis. Die Pflegearmer Kranken, namentlich der Unheilbaren, lag ihm vor allemam Herzen. Er hatte die barmherzigen Schwestern der katho-lischen Kirche kennen gelernt und strebte dahin, daß auch inunserer evangelischen Kirche eine ähnliche Einrichtung gegründetwerde. Er verhandelte darüber mit seinem Freunde, dem PfarrerStein in Frankfurt. Und als die liebetätige AmalieSievekingin Hamburg ein ähnliches Ziel anstrebte, suchte er sie zu er-mutigen, und schrieb an sie die zwar oft schon wiederholtenWorte, welche aber auch hier nicht fehlen dürfen: „Höchst aus-fallend war mir der Ausdruck von innerem Frieden, Ruhe, Selbst-verleugnung, frommer Heiterkeit der barmherzigen Schwestern,ihre stille geräuschlose Wirksamkeit, die liebevolle, segenbringendeBehandlung der ihrer Pflege anbefohlenen Kranken. Mit allendiesen Erscheinungen macht einen beleidigenden Kontrast derAusdruck von Unbehaglichkeit aufgereizter, wegen nicht befrie-digter Eitelkeit, über Vernachlässigung gekränkter, unverheirateteralternder Jungfrauen aus den oberen und mittleren, zum Brot-erwerb durch Handarbeit nicht berufenen Ständen — die wegenihrer auf tausendfache Art gestörten Ansprüche, wegen ihresMüßiggangs, eine Leerheit, eine Bitterkeit fühlen, die sie un-glücklich und andern lästig macht. Dieser Zustand der Unbe-haglichkeit wirkt wieder nachteilig auf ihre Gesundheit. DieFrage war wohl natürlich, warum finden sich nicht ähnlicheInstitute, wie das der barmherzigen Schwestern, bei den pro-testantischen Konfessionsverwandten? Wir haben in vielenStädten Stiftungen für ähnliche Anstalten, es zeigt sich auchfortdauernd noch ein tätiger Geist der Wohltätigkeit in Frauen-vereinen und dergleichen, aber solche feste, dauernde Verbin-dungen, wie die der barmherzigen Schwestern, an die sich wiederso manches Vortreffliche anschließt, die fehlen uns." Wie würdeStein sich freuen, wenn er heute unsere 81 selbständigenDiakonissen-Mutterhäuser und die nahezu 19000 evangelischenSchwestern sähe!
Nur sehr selten ließ sich Stein in das innerste Heiligtumseines Herzens hineinschauen; aber wenn er Freunde in Seelen-not sah, gab er ihnen mit überquellender Liebe das Beste, waser besaß. Steins Freund von Hövel in Westfalen hatte ineiner stürmischen Nacht Gutsgebäude, Bücher und Papiere ver-