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602 Zwei Achcner historische Gedichte des 15. u. 16. Jahrhunderts.
Stadt in einer Verkleidung *). Die Handwerker jubelten wegensolcher Kettungen, die den Zorn der Patrizier nur um somehr anfachten.
Die Hinrichtungen hatten Schrecken und Entmuthigungunter den Bürgern verbreitet. Geschützt durch die in derStadt lagernden Ritter und Reisigen schritt der Rath zueiner weitern unerhörten Massregel, welche der gesammtenGemeinde in feierlichster Weise die eben erfolgte Unterwer-fung einprägen, jeden einzelnen mit der wieder eingesetztenObrigkeit aufs neue verbinden sollte. Aus dem Liebfrauen-münster wurde ein uraltes, aus karolingisclier Zeit stammen-des Reliquienkästchen herbeigeschafft, das Erde enthalten soll,in die das Blut des Erzmärtyrers geflossen, und das besondersehrwürdig erschien, weil es bei der Königskrönung gebrauchtwurde 2 ). Auf dieses Heiligthum mussten nun die männlichenEinwohner, die sämmtlich zum Rathhause entboten wordenwaren, alte wie junge in Gruppen von je sechs eingetheilt,einen feierlichen Eid leisten, so ein Gelöbniss des Gehorsamsfür die Zukunft, wie ein Versprechen, sich für das Geschehenenicht rächen zu wollen, Unterthaneneid und Urfehde zugleich 3 ).Die Herren von Heinsberg und von Virneburg waren bei dieserEidesleistung mit anwesend und besiegelten die darüber er-
J ) Diese Namen und die Einzelnheiten der Flucht berichtet alleindas Gedicht (Vers 225 —252), gewiss aber in diesen Dingen eine durch-aus zuverlässige Quelle.
2 ) Das Kästchen befindet sich seit 1798 in Wien, es gehörte bis dahinzu den wenigen immer in Achen verbleibenden Reichskleinodien undwurde bei jeder Krönung nach Frankfurt gebracht. Abbildung undBeschreibung bei Bock, Karls des Grossen Pfalzkapelle I, S. 158 ff.
3 ) Die Formel ist in Anlage 3 mitgetheilt, sie ist vom 14. Oc-tober 1429 datirt, an welchem Tage der Rath sie wahrscheinlich demHerzoge von Jülich übersandte. Alle Quellen sprechen zuerst von denHinrichtungen, dann (und zwar in allen Einzelheiten übereinstim-mend) von der Eidesleistung; es liegt in der Natur der Sache, dassjene dieser vorausgingen. Das Gedicht allein gedenkt des Schwörensauf St. Stepbans Blut in Vers 165—170 vor seinem Bericht über dieEnthauptungen, kommt aber noch einmal in Vers 253—259 auf denEid zurück; wohl auch ein Beweis dafür, dass es aus verschiedenenLiedern zusammengesetzt ist. Mit Recht wird diese Eidesleistung inVers 254 als ein „neues Gesetz" bezeichnet: ähnliches hatte nie statt-gefunden.