110 Heiligthumsfahrt des Philipp von Vignenlles.
mit einem kostbaren Goldbrocat bedeckt war. Wenn sieeine der genannten Stellen, wo die Anrede gehalten wor-den war, erreicht hatten, blieben sie stehen, nahmen diegoldene und die silberne Hülle weg und zeigten mit grosserEhrerbietung und Feierlichkeit das Gewand dem Volke,das mit entblösstem Haupte und gefaltenen Händen aufden Knien lag. Die Prälaten nämlich nehmen besagtesGewand, entfalten es und lassen es von der Gallerie herabauf einen andern Goldstoffe hängen, so dass Jeder essehen kann. In diesem Augenblick möchte man sagen, dieganze Erde erzittere von dem Getöse der Trompeten unddem Geschrei der Männer und der Frauen, die „Erbarmedich" rufen, so dass Jedermann die Haare sich empor-richten und die Thränen in die Augen treten. Um diese»Stunde, etwa um Mittag, und in der grossen Hitze Hesssich ein Stern am Himmel sehen, den Viele erblickten.Das gedachte Untergewand ist von bräunlicher Farbe, gleichals wäre es angeräuchert, und ist länger, als man sie sonstträgt, und hat zwei kurze, weite Aermel, als wären sieunten abgeschnitten. Einige wollen sagen, es sei einObergewand gewesen, das Unsere Frau über anderen Klei-dungsstücken getragen habe."
„Nachdem sie die Reliquie so lange gezeigt hatten,dass man ein Pater noster und ein Ave Maria sprechenkonnte, und das Volk ruhig geworden war, hängten siedieselbe ehrerbietig wieder auf ihren Stab und fuhren soin schönster Ordnung fort in ihrem Umgange um die Kirche.Als dieses vorUber war, kehrte derselbe Prälat zurück undvollbrachte die nämlichen Ceremonien, wie das erste Mal,und daneben von Neuem die Geistlichkeit mit Kreuzen,Rauchfässern, Weihwasser und mit brennenden Kerzen inschönster Ordnung und zeigte die anderen Reliquien vor."Zunächst werden jetzt die Windeln gezeigt; Philipp nenntsie les chaussettes saint Joseph, sei es, dass man diesenin Achen annoch geläufigen Witz dem Metzer Pilger fürWahrheit ausgab, sei es, dass sein Gewährsmann wirklichdafür hielt, die Reliquie habe ursprünglich diese Bestim-mung gehabt und sei zu Bethlehem nach der Geburt ausder Noth eine Tugend gemacht worden. Philipp unter-