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Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung : zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland
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Der Ausbau des Leihverkehrs gilt nach wie vor als ein vorrangigesZiel der bibliothekarischen Arbeit. Es ist üblich geworden, Rangund Bedeutung einer Bibliothek vornehmlich nach ihren Leistungenim gebenden Leihverkehr zu beurteilen, und jede neue Höchstzahlgilt als Beweis für besondere Leistungsfähigkeit. 25 Als typischesProdukt der Ära konkreter Utopien enthält der Bibliotheksplan '73die letztmögliche Übersteigerung der Leihverkehrsidee - „Literaturaller Art... für jedermann an jedem Ort". Die Frage, ob eine solcheProjektion sinnvoll und vor allem realisierbar ist, wird nicht gestellt.

Es ist folgerichtig, daß nicht eine Änderung des Systems zumNutzen des potentiellen Benutzers, sondern eine Anpassung desBenutzers an die Gegebenheiten des Systems gefordert wird. Auchhier gibt es Extreme, etwa in der Forderung: „Der Benutzer muß sogeschult werden, daß seine Bedürfnisse erfüllt werden können, daßsie sich aber zugleich möglichst in den Bibliotheksprozeß einfügenlassen." Das bedeutet, „daß der Benutzer je selbst sehen muß, wanner das Buch brauchen und wann er es bestellen muß". 26 Eine solche„sinnvolle Planung von Fernleihbestellungen" unter Einkalkulie-rung langer und längster Lauffristen mag in Ausnahmefällenmöglich sein. Sie zum Prinzip zu erheben, reduziert die Forschungzu einem Akt intellektueller Administration.

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Die Fixierung auf den Leihverkehr hat in vielen Zusammenhängenzu einer folgenschweren Verkehrung von Perspektiven geführt. DerBlick der bibliothekarischen Fachwelt wendet sich mehr und mehrvon der einzelnen Bibliothek ab und richtet sich nur noch auf dieGesamtheit des Systems. Die Grundvorstellung ist nicht mehr, daßdie einzelne Bibliothek - gleichviel welcher Art und welcherGrößenordnung - möglichst autark sein müsse, damit sie ihreAufgaben in der Literaturversorgung optimal erfüllen kann. Dieheutige Grundvorstellung ist, daß es genüge, wenn der nationaleGesamtvorrat an Schrifttum möglichst wenige Literaturbedürfnisseunbefriedigt lasse. Daß der Benutzer in einem solchen System nurmit großen Verzögerungen oder überhaupt nicht in den Besitz dergewünschten Literatur kommt, wird als kaum vermeidbare, aberunerhebliche Nebenwirkung angesehen.