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Der Leihverkehr ist nicht ein Akzidens, sondern ein integrierender Bestandteil desdeutschen wissenschaftlichen Bibliothekswesens. Gerade deshalb aber muß er inseinem jetzigen Zustand im höchsten Grade hemmend statt förderlich auf diewissenschaftliche Arbeit wirken. Der Gelehrte ist einerseits wohl oder übel auf ihn indemselben Maße angewiesen wie er die Bibliotheken überhaupt braucht, andererseitsaber wird er in seiner Arbeit allenthalben durch ihn aufgehalten. Wenn man einstdarüber zu klagen hatte, daß der Professorenbibliothekar die Benutzung seinerUniversitätsbibliothek durch Auswärtige allzusehr zugunsten der Universitätsan-gehörigen beschnitt, so hat seitdem die in entgegengesetzter Richtung laufendeEntwicklung den Zustand einer ausgewogenen Liberalität längst hinter sich gelassen.Aus der ursprünglichen Engherzigkeit, die immerhin der Forschung im eigenenHause zugute kam, ist eine teils gesetzliche, teils moralische Nötigung zur schran-kenlosen Gewährung eines Nutznießungsrechtes an alle, die es wünschen, geworden,das in einem krassen Mißverhältnis zu den vorhandenen Mitteln steht, so daßniemand mehr ausreichend befriedigt wird. 24
III
Ein solcher Rückblick verdeutlicht, daß die Entdogmatisierung desLeihverkehrs eine wichtige Aufgabe ist. Nur eine ideologie- undillusionsfreie Einordnung des Leihverkehrs in den historischen undsystematischen Kontext des deutschen Bibliothekswesens kann dieVoraussetzung für eine generelle Verbesserung der wissenschaft-lichen Literaturversorgung schaffen.
Der erste Beitrag dazu muß von den Bibliotheken erbeten werden.Die lange Geschichte des Leihverkehrs, seine ständige Ausweitungund Intensivierung, seine staatlich verordnete Verbindlichkeit undseine „tragende Rolle" in der Literaturversorgung hat in derbibliothekarischen Fachwelt ein Denkklima erzeugt, das einernüchternen Einschätzung des Systems wenig förderlich ist. Selbstwenn der Leihverkehr heute nicht mehr als „einzigartige Kul-tureinrichtung" empfunden, sondern zunehmend kritisch beurteiltwird, ist er doch so sehr zur Selbstverständlichkeit und zu einerAngelegenheit der unbewußten bibliothekarischen Routine gewor-den, daß Veränderungsmöglichkeiten nur insoweit in Betrachtgezogen werden, wie sie systemimmanente Verbesserungen dar-stellen.
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