Bernhard Fabian Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung Zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen ■mmm fflll Hl l liiMfe (VtA M\ tsCÜen Bibliothek CIP-Kurztitelaufnahme der Deu Fabian, Bernhard Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung: Zu Problemen d. Literaturversorgung u. d. Literaturproduktion in d. Bundesrepublik Deutschland / Bernhard Fabian. - Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1983. (Schriftenreihe der Stiftung Volkswagenwerk; Bd. 24) ISBN 3-525-85368-8 NE: Stiftung Volkswagen werk: Schriftenreihe der Stiftung ... v^'^X Oo..«- V -^" ®l9M © Stiftung Volkswagenwerk, Hannover 1983 Printed in Germany. Alle Rechte vorbehalten Textaufnahme und -einrichtung: Englisches Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität, Münster EDV-Umbruch und -Satz: Rechenzentrum der Westfälischen Wilhelms- Universität, Münster Belichtung: Mohndruck, Gütersloh Einbandgestaltung Atelier Professor Klaus Grözinger, Braunschweig Druck und buchbinderische Verarbeitung Hubert & Co., Göttingen ISSN 0172-164 X ISBN 3-525-85368-8 BEgsnEEnnEBESSEEnrüiiinr»:' 'UUffiiRip mmm Zum Geleit Bernhard Fabians Studie Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung verdient in der wissenschaftspolitischen Diskussion Aufmerksamkeit. Deshalb gibt die Stiftung Volkswagenwerk sie in ihrer Schriftenreihe heraus. Professor Fabian durchleuchtet in seiner Studie die Voraussetzungen und Bedingungen für die geisteswissenschaftliche Forschung. Er untersucht die von vielen beklagte Lage der deutschen Bibliotheken und erklärt sie aus deren Tradition. Er erörtert die Möglichkeiten, die die technischen Entwicklungen im Bibliotheks- und Publikationswesen bieten, und macht neue Vorschläge zu einer Verbesserung der Literaturversorgung, die insbesondere den Geisteswissenschaften zugute kommen soll. Die Studie kann und soll zum Nachdenken und zur Diskussion bei den Benutzern der Bibliotheken, bei den Bibliothekaren und den Geldgebern anregen. Sie kann und soll auch zum Handeln führen, damit unter Achtung der Tradition und durch Nutzung der modernen technischen Möglichkeiten die zentrale Rolle von Buch und Bibliothek in unserer Gesellschaft gestärkt wird. Die Stiftung Volkswagenwerk hat seit ihrer Gründung die wissenschaftlichen Bibliotheken in ihre Förderung einbezogen. Zum Wiederaufbau der großen Buchsammlungen und zu deren Ergänzung hat sie bis 1973 rund 65 Millionen DM bereitgestellt. Auch in ihrem Schwerpunkt „Erfassen, Erschließen, Erhalten von Kulturgut als Aufgabe der Wissenschaft", der bis 1982 bestand, hat sie größere Vorhaben an wissenschaftlichen Bibliotheken unterstützt. Beispiele sind die Einrichtung von fünfzehn Restaurierungswerkstätten, die Erarbeitung eines Indexes deutschsprachiger Zeitschrif- wm ■ m ......:..... mm §■ l : '■• :: ■:':!!>: ^Brt'i'i H •:! < ■:!i' l :|: ■ ' 1 1 ■ ■1 ■ V 1 ■ mä ' i ■--\ . ; 6' ■:.i ii tm Sbä r -&~ i'J'i'l I |i;i | ■ ten des achtzehnten Jahrhunderts durch die Göttinger Akademie der Wissenschaften und der Ausbau der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel zu einer Forschungs- und Studienstätte zur europäischen Kulturgeschichte der frühen Neuzeit. Aufgrund der Studie von Professor Fabian will die Stiftung in ihrem Schwerpunkt „Beispiele kulturwissenschaftlicher Dokumentation" den Plan zu einem Handbuch der historischen Buchbestände verfolgen. Die Stiftung hofft, daß andere Institutionen weitere Vorschläge aus Professor Fabians Studie aufgreifen werden. Damit er diese kritische Analyse des wissenschaftlichen Biblio- theks- und Publikationswesens erarbeiten konnte, hat die Stiftung Volkswagenwerk Professor Fabian ein Akademie-Stipendium gewährt und der Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen ihn von seinen Lehrverpflichtungen freigestellt. Mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in deren Bibliotheksausschuß Professor Fabian Mitglied ist, hat sich die Stiftung Volkswagenwerk frühzeitig abgestimmt. Die Verantwortung für den Inhalt der Studie liegt selbstverständlich beim Autor. Die Stiftung Volkswagenwerk ist Professor Fabian dafür dankbar, daß er sich über seine eigentlichen Aufgaben als Hochschullehrer der Anglistik hinaus allgemeinen Problemen der Wissenschaftsförderung zugewandt hat. Möge die Studie den Bibliotheken und der geisteswissenschaftlichen Forschung zum Nutzen gereichen. Hannover, im September 1983 Rolf Möller Generalsekretär der Stiftung Volkswagenwerk ■ ■ ■ SHiS Inhalt Vorwort .............. 9 Einleitung............. 13 Erster Teil............. 21 I. Die Bibliothek als institutionelle Bedingung der geisteswissenschaftlichen Forschung..... 23 II. Das historische Erbe: Wissenschaftspolitik und Bibliotheksentwicklung seit 1880..... 37 III. Gegenwartsprobleme.......... 56 1. Prämissen des Wiederaufbaus nach 1945 .... 56 2. Ein unzureichend erschlossenes Literaturreservoir . 63 3. Ein überlastetes Versorgungsnetz...... 73 4. Der Rückzug in die Region....... 80 5. Defizitäre Voraussetzungen - defizitäre Forschung? . 87 IV. Möglichkeiten für die Zukunft....... 97 1. Utopien und Realitäten von morgen..... 97 2. Erschließung und Erhaltung historischer Bestände . 111 3. Archivierung der Nationalliteratur..... 123 4. Entdogmatisierung des Leihverkehrs..... 147 5. Modernisierung des Versorgungssystems ■. . . . 163 6. Verbesserung des Informationssystems . . . .179 7. Hierarchisierung und Spezialisierung im wissenschaftlichen Bibliothekswesen .... 198 8. Bibliotheken als Forschungsstätten..... 211 Zweiter Teil ............. 227 V. Buch und Zeitschrift als geisteswissenschaftliche Publikationsorgane.......... 229 ■mmmmmmm ...........*..... vmwmmwMmmxiKmwmtm ppooytHrap*™™'™*™ VI. Gegenwartsprobleme......... 238 1. Die Krise des wissenschaftlichen Schrifttums . . . 238 2. Exponentielles Literaturwachstum..... 243 3. Dominanz der Tradition........ 248 4. Das Dilemma der Verlage....... 254 VII. Möglichkeiten für die Zukunft . . . .' . . . 259 1. Das Ende des Buches?........ 259 2. Neuordnung von Publikationsformen .... 267 3. Publikation mit neuen Techniken..... 277 4. Neugliederung des Publikationsprozesses . . . 288 Übersicht über die Vorschläge und Empfehlungen .... 296 Anmerkungen ............ 302 Über den Autor............ 346 Über das Buch............ 346 liiii ■ 1 ■ ■ Vorwort i Die vorliegende Studie versteht sich als Äußerung zum Verhältnis von Bibliothek und Benutzer und damit als Beitrag zu einer relativ neuen Sparte der Bibliotheksliteratur. Sie stellt einen Versuch dar, das Literaturversorgungssystem der geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik aus der Perspektive des Wissenschaftlers zu sehen und Möglichkeiten für seine Weiterentwicklung zu skizzieren. Sie betrachtet dieses System nicht von innen, sondern von außen und ist insofern im gängigen Sinne keine bibliothekswissenschaftliche Arbeit. Die Aufgabe der Bibliotheken wird traditionell in der Erschließung und Bereitstellung von Literatur für die Wissenschaft gesehen, und die Erwartungen, die sich damit verbinden, prägen das Bild der Bibliothek. Es ist neuerdings üblich geworden, sie als „Dienstleistungsbetrieb" zu bezeichnen, ihre Rolle im Wissenschaftsbetrieb mit „Servicefunktion" zu umschreiben und in ihr eine rein technische Einrichtung zur „Versorgung" des Benutzers mit Literatur zu erblicken. Meine Auffassung von der Bibliothek ist eine andere. Ich sehe in ihr die zentrale Institution der geisteswissenschaftlichen Forschung. Sie ist dies, weil der Text in den Geisteswissenschaften als Gegenstand der Forschung eine primäre Bedeutung hat und überdies, weil die Geisteswissenschaften der Pflege und Erschließung jener kulturellen Traditionen dienen, die sich in der Bibliothek wie in kaum einer anderen Institution verdichten. Aus dieser Auffassung heraus betrachte ich die Bibliotheksprobleme der Gegenwart nicht als isolierte technische Probleme, sondern als Probleme mit forschungstheoretischen und wissenschaftshistori- 'mmmmmmmr f^nf^fflfUVJjUU'.l•li:<.lh•.lUil i .t.iil'.l•.l'.l•. ll ü HL Ü U! aaoooaaaf.hi,■.:-,:,:'.],:, smmfmmf MmMauQwaiimffaüWSl 10 I sehen Komponenten. Der Leitgedanke der Studie ist die Abhängigkeit der geisteswissenschaftlichen Forschung von Bibliotheksgegebenheiten. Leistungsfähige Bibliotheken garantieren zwar nicht allein eine hohe Qualität der Forschung, aber bestimmte institutionelle Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der mittelmäßige Forscher Brauchbares und der gute Exzellentes leistet. Ich plädiere für einen Bibliothekstyp, der analog zum hochentwickelten Forschungslaboratorium auch diffizile Arbeitsvorhaben ermöglicht. In den Geisteswissenschaften hat die moderne Gesellschaft, wie Joachim Ritter bemerkte, „das Organ hervorgebracht, das ihre Abstraktheit und Geschichtslosigkeit ausgleichen kann." So betrachtet, haben die Geisteswissenschaften über die Existenzberechtigung hinaus in der modernen Gesellschaft eine vitale Funktion, die mit jedem Fortschritt der Naturwissenschaften und der Technik unabdingbarer wird. Der Bedarf an qualifizierter geisteswissenschaftlicher Forschung wird zunehmen, und damit der Bedarf an entsprechenden Forschungsstätten. Da ich durchgängig eine enge Beziehung zwischen Bibliothek und geisteswissenschaftlicher Forschung ansetze, tritt der kulturpolitische Aspekt eines künftigen Bibliotheksausbaus stark in den Vordergrund. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Zusammenhang einzelne Disziplinen als wichtiger denn andere hinzustellen. Ich möchte jedoch die Aufmerksamkeit darauf richten, daß es sich bei nationalen Bibliotheksplanungen nicht nur um Fragen der staatlichen Wissenschaftsfürsorge, sondern auch um Fragen der geistigen Existenzsicherung in einer durch zunehmende ideologische Kontroversen bestimmten Zukunft handelt. Ich lege diese Studie zu einem Zeitpunkt vor, da sich die Wissenschaftspolitik in einer Inventurphase befindet. Auf den Expansionsprozeß der sechziger und siebziger Jahre ist ein Reduktionsprozeß gefolgt, für den intensive Bemühungen um Verkleinerung der wissenschaftlichen Einrichtungen und die Einsparung von wissenschaftlichem Personal charakteristisch sind. Die hier unterbreiteten Vorschläge versuchen dieser Situation Rechnung zu tragen. Die voraussehbare Zukunft wird eine Zeit ini'i'1 iT 1'T : *i r i f; '1'' i;i ''! r i'i'i''' 11 karger Mittel sein, in der nicht alle wissenschaftlichen Bibliotheken so ausgestattet werden können, daß sie den Bedürfnissen der Forschung entsprechen. Viele Verbesserungen lassen sich durch den Einsatz technischer Hilfsmittel erzielen. Gleichwohl sind auch strukturelle Veränderungen zu erwägen. In Anbetracht der steigenden Anforderungen und der Notwendigkeit, im internationalen Forschungswettbewerb das Terrain zu behaupten oder bereits verlorenes Terrain zurückzugewinnen, spielt in meinen Überlegungen die vertikale Gliederung des Bibliothekswesens eine wichtige Rolle. m Die Probleme der Bibliotheken und die Probleme der wissenschaftlichen Literatur hängen aufs engste zusammen. Sie sind, streng genommen, zwei Seiten eines Problems. Daher sind in die Betrachtung der Bibliothekssituation auch Überlegungen zum wissenschaftlichen Schrifttum einbezogen. Der gesamte graphische Bereich befindet sich in einem revolutionären Umbruch, der die Technik der Buchherstellung ebenso affiziert wie den traditionellen Vermittlungsprozeß vom Autor zum Leser. Manche, wenngleich nicht alle, Schwierigkeiten der Bibliotheken könnten sich bessern, wenn es gelänge, auch im Bereich der wissenschaftlichen Literatur neue Verfahren einzusetzen und zu neuen Differenzierungen zu kommen. ■ & 1 Die. meisten Kapitel dieser Studie haben ein Motto, mit dem ich darauf aufmerksam machen möchte, daß viele Probleme, um die es hier geht, schon lange zur Lösung anstehen. Alle Motti zusammen vermögen vielleicht einen Hinweis darauf zu geben, daß es in der deutschen Bibliotheksliteratur der letzten hundert Jahre eine verdeckte Denktradition gibt, die nicht übersehen werden sollte. Vor einhundertvierzig Jahren erschien als erste Wortmeldung eines wissenschaftlichen Bibliotheksbenutzers im Serapeum ein Beitrag mit dem Titel „Einige praktische Bemerkungen und Wünsche über die öffentlichen Bibliotheken in Preußen". Ich übernehme - als erstes und abschließendes Motto - sein Schlußwort: „So empfiehlt der Verfasser seine Gabe der wohlwollenden Berücksichtigung aller, welche hier helfen können, mit der Bitte, seinen Eifer für eine so wichtige Sache nicht zu missbilligen und ihm wenigstens die ■im «HD -''"'■'/' . i ^^'jNiiiijijpliJtfr'jfrfr'jiiliiililiiiliMiiililiii! ii [i (Isl tili Ü ÜÜli lil ........ ..... .... :Wft...... ': ■■■■■■■■■■■;.■ iuüuLüLuL m 12 I Anerkennung zu lassen, dass ihn nur der beste, reinste Wille für seinen Beruf dabei geleitet hat." II Bei der Ausarbeitung der Studie ist mir vielseitige Hilfe und Unterstützung zuteil geworden. Der Herr Minister für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen hat mich für einen längeren Zeitraum von meinen Lehrverpflichtungen entbunden. Die Stiftung Volkswagenwerk hat mir für diesen Zeitraum ein Akademie-Stipendium gewährt. Die in der Studie unterbreiteten Auffassungen und Vorschläge habe ich im In- und Ausland in zahlreichen Gesprächen mit Bibliothekaren und Wissenschaftlern erörtern können. Das Verständnis, auf das ich in diesen Gesprächen gestoßen bin, hat mich ermuntert, an einigen Stellen weiter in das eigentlich bibliothekarische Terrain vorzudringen, als ich es sonst gewagt hätte. Ich möchte für jedes einzelne dieser Gespräche danken, obwohl ich meinen Dank an dieser Stelle nur in summarischer Form abstatten kann. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat mir erlaubt, aus unveröffentlichten Materialien zu zitieren. Die British Library, London, hat mir gestattet, graphische Darstellungen von zwei noch in der Entwicklung befindlichen Geräten zu übernehmen. Bei der Herstellung des Buches wurden neue Techniken erprobt. Die Notiz „Über das Buch" am Ende des Bandes enthält Einzelheiten dazu. Münster, August 1983 B.F. MMfflMHBH'i 1 'i i 5 I T?fliIl!fliiil ■''■ ■■•'.■■ "■■ mimm Wm ■ Einleitung i Die Bibliothekslandschaft der Bundesrepublik hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten nachhaltig verändert. Anfang der sechziger Jahre war der Wiederaufbau der zerstörten Bibliotheken fürs erste abgeschlossen. Die unmittelbaren Kriegsschäden waren weitgehend beseitigt und die Grundlagen für die Arbeitsfähigkeit des Literaturversorgungssystems wiederhergestellt. Insgesamt befand sich das Bibliothekswesen jedoch in einem Zustand, in dem eine weitreichende Modernisierung erforderlich erschien. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen: Teil II: Wissenschaftliche Bibliotheken (1964) leiteten Neuentwicklungen ein. Da die Funktionsfähigkeit der Bibliotheken nach den Erkenntnissen des Gutachtens „oft nicht mehr den Ansprüchen [entsprach], die ihre Benutzer zu Recht an sie stellen", 1 wurde ein umfassender Ausbau empfohlen. Durchgängig wurden Etaterhöhungen, Stellenvermehrungen und technische Verbesserungen mit dem Ziel vorgeschlagen, Bestandslücken zu schließen und das allgemeine Leistungsniveau anzuheben. Die Unterhaltsträger der wissenschaftlichen Bibliotheken sind den Vorschlägen des Wissenschaftsrates weitgehend gefolgt. Seit der Veröffentlichung des Gutachtens hat der Ausbau des Bibliothekswesens in der Bundesrepublik kontinuierliche und in mancher Hinsicht sogar rapide Fortschritte gemacht. Fast alle Universitätsbibliotheken und Landesbibliotheken haben neue Gebäude erhalten. 2 Im Zuge der Universitätsneugründungen sind bestehende Bibliotheken erweitert oder neue geschaffen worden. Die Bestände wurden allenthalben vergrößert, und nach dem Sondersammel- gebietsplan der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind umfassende Sammlungen ausländischer Spezialliteratur angelegt worden. 1mm $m ...v.. ..;■;■ ,■:•::.■,.;■;■;■ ;-; : .-. .•■■:•.■ .:.:.■;■:■.■:■;• tmm™ 14 Den Abschluß dieser Ausbauphase markierte die Einweihung des auf nationale Repräsentanz abgestellten Neubaus der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz im Jahre 1978. r::'i! I : Eine Übersicht über die Gesamtaufwendungen von Bund und Ländern für das wissenschaftliche Bibliothekswesen seit Kriegsende ist bislang nicht veröffentlicht worden. In Anbetracht der erkennbaren Investitionen in Bauten, Beständen und technischen Einrichtungen müssen sie jedoch als erheblich bezeichnet werden. Sie lassen die Absicht erkennen, im Sinne der Empfehlungen des Wissenschaftsrates ein modernes und effizientes Bibliothekssystem zu schaffen. II I Trotz der Anstrengungen, die seitens der staatlichen Unterhaltsträger gemacht worden sind, wird die Literaturversorgung von Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik in zunehmendem Maße als unzureichend empfunden. Es mehren sich die Stimmen, die die Leistungsfähigkeit des etablierten Systems in Frage stellen, wenn nicht grundsätzlich verneinen. Diese Kritik geht über den Rahmen dessen hinaus, was sich traditionell als Unzufriedenheit des Gelehrten oder Wissenschaftlers mit der von ihm benutzten Bibliothek artikuliert hat. Sie ist prinzipieller Art und lenkt, von der Person und der einzelnen Bibliothek abstrahierend, die Aufmerksamkeit auf eine Kollision zwischen den Erfordernissen der wissenschaftlichen Arbeit und den Voraussetzungen, die die Bibliotheken in der Bundesrepublik dafür bieten. Die Kritik an den Bibliotheken kommt vornehmlich aus jenen Disziplinen, die wegen der Menge und Vielfalt der benötigten Literatur in besonderem Maße als bibliotheksbezogen gelten müssen. a So wird etwa auf die Bestandslücken in der Forschungs- I li.ii: ■ Da der Gegenstand der Studie die Literaturversorgung der Geisteswissenschaften ist, bleibt die Literaturversorgung anderer Wissenschaftsbereiche außer Betracht. Auch bestimmte Spezialprobleme der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung, wie die Beschaffung und Bereitstellung von Literatur aus dem asiatischen Raum, müssen hier weitgehend unberücksichtigt bleiben. SwW 15 literatur hingewiesen. 3 Die Erschließung wichtiger historischer Bestände wird vermißt. 4 Die Benutzungsmöglichkeiten werden von ausländischen Gastwissenschaftlern bemängelt. 5 Die Zugänglichkeit von Literatur wird besonders dort als mangelhaft angesehen, wo weder für die Ortsbenutzung einer Bibliothek noch für die Fernleihe beliebig viel Zeit zur Verfügung steht. 6 Auch von bibliothekarischer Seite ist in letzter Zeit wiederholt auf Engpässe und Schwierigkeiten in der Literaturversorgung aufmerksam gemacht worden. 7 Vor allem sind Diskrepanzen zwischen der Schnelligkeit der Informationsvermittlung und der Langsamkeit der Literaturbeschaffung herausgestellt worden. 8 Teilweise werden die Leistungsschwächen der Literaturversorgung als so gravierend empfunden, daß eine völlige Umstrukturierung des gegenwärtigen Systems empfohlen wird. 9 Unabhängig davon, welches Gewicht man der individuellen Äusserung in diesem Zusammenhang beimißt, besteht über den problematischen Zustand der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung in der Bundesrepublik ein weitreichender Konsens. Die Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur überregionalen Literaturversorgung aus dem Jahre 1975 hat eine Reihe von „Schwachstellen" in der überregionalen Literaturversorgung sichtbar gemacht, die das System als Ganzes in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen. 10 Das offenbare Mißverhältnis zwischen hohem Aufwand und massiger Leistung verlangt nach einer Diagnose, die über die Analyse von einzelnen Symptomen hinausgeht. Wenn wir, wie von bibliothekarischer Seite versichert worden ist, in der Bereitstellung von Literatur für Wissenschaft und Forschung noch schlechteren Zeiten entgegengehen sollten, 11 kann dies nicht an vorübergehenden Funktionsschwächen eines ansonsten intakten und effizienten Systems liegen. Es muß dafür tieferliegende Ursachen geben. I ■ / HP ■'SßSSS [ÜÜiiiiiUluudiii 16 III Meine These ist, daß die Schwierigkeiten in der Literaturversorgung nicht spontan aufgetreten sind. Sie stellen vielmehr die Endphase einer langen Entwicklung dar, die in den letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts eingeleitet wurde. Verschlimmert durch die Nachwirkungen zweier Weltkriege, aber keineswegs allein dadurch bedingt, hat diese Entwicklung zu den heutigen Zuständen geführt. Am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts mußten die bis dahin stark vernachlässigten Bibliotheken auf die Erfordernisse des modernen Wissenschaftsbetriebs abgestellt werden. Diese Anpassung erfolgte in einer Weise, die nicht nur von der Sache her inadäquat war, sondern die sich zu einem späteren Zeitpunkt als forschungshemmend erweisen mußte. Pointiert gesagt, haben sich die Strukturen des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in Deutschland über einen langen Zeitraum in eine Richtung entwickelt, die von idealen institutionellen Voraussetzungen für die geisteswissenschaftliche Forschung wegführt und ihnen in vieler Hinsicht sogar zuwiderläuft. I ;!:!;! Mi II Vergegenwärtigt man sich, welche institutionellen Voraussetzungen für den geisteswissenschaftlichen Forschungsprozeß förderlich, wenn nicht unabdingbar sind (Kapitel I), so wird im historischen Rückblick eine Fehlentwicklung deutlich. Die Geschichte der Literaturversorgung der Geisteswissenschaten in Deutschland ist seit etwa 1890 eine Geschichte von bibliothekspolitischen Entscheidungen gewesen, die entweder in Unkenntnis der wissenschaftlichen Erfordernisse oder unter bewußter Zurücksetzung dieser Erfordernisse getroffen worden sind (Kapitel II). Überdies gibt sich zu erkennen, daß die Gegenwartsprobleme der Literaturversorgung zu einem nicht geringen Teil aus der Fortführung und Verfestigung des am Ende des neunzehnten Jahrhunderts eingeführten Systems resultieren (Kapitel III, 1). In einem dezentralisierten Bibliothekssystem wie dem deutschen ist die zentrale Erschließung des nationalen Literaturreservoirs die einzige Möglichkeit zur Sicherung der Literaturversorgung. Fehlt sie 17 ganz oder über weite Strecken (Kapitel III, 2), so ist eine dauernde Überlastung des Versorgungsnetzes die notwendige Folge (Kapitel III, 3). Ein neuerlicher kulturpolitischer Rückzug in die Region, wie er allenthalben zu beobachten ist, stellt ein insofern gefährliches Moment dar, als nur eine Konzentration von Ressourcen auf nationaler Ebene die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Forschung sichern kann (Kapitel III, 4). Bei den erhöhten Anforderungen, die heute an geisteswissenschaftliche Arbeiten gestellt werden, ist abzusehen, daß infolge der Bibliotheksgegebenheiten in der Bundesrepublik entweder bestimmte Arbeiten nicht unternommen werden oder die Resultate nicht dem wünschenswerten Standard entsprechen (Kapitel III, 5). IV Grundlegende Verbesserungen würden sich ergeben, wenn das dezentrale, wesentlich auf Fernversorgung abgestellte Literaturversorgungssystem der geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik in Zukunft durch ein doppelschichtiges System ersetzt würde. Ein solches System könnte sowohl eine verbesserte Fernversorgung gewährleisten als auch die für die geisteswissenschaftliche Forschung unabdingbare Präsenthaltung größerer Literaturbestände ermöglichen. Ideale Voraussetzungen für die geisteswissenschaftliche Arbeit in Form einer das historische wie das moderne Schrifttum gleicherweise umfassenden Zentralbibliothek lassen sich in der Bundesrepublik aus politischen und bibliothekshistorischen Gründen nicht schaffen (Kapitel IV, 1). Es sind nur Einzelmaßnahmen zur Verbesserung der institutionellen Bedingungen der Forschung möglich. Priorität sollte dabei die Erschließung und Erhaltung des historischen Quellenmaterials haben (Kapitel IV, 2), das in Deutschland nie mit der für die großen Universalbibliotheken des westlichen und östlichen Auslandes selbstverständlichen Intensität gesammelt worden ist. Als Gegenstück zu dem in der Deutschen Bibliothek bestehenden Archiv der Gegenwartsliteratur wäre ein historisches Nationalarchiv gedruckter Texte zu konzipieren und anzulegen (Kapitel IV, 3). KHBM 'S I 1 I — m w M M MBB Hb jBBBBa ■ WMWMVtMtt P I i I 1 18 Die Praxis der Fernversorgung entspricht schon heute nicht der Theorie von der generellen Verfügbarkeit des nationalen Buchbesitzes. Konservatorische Erwägungen dürften in Zukunft zu drastischen Einschränkungen im Leihverkehr führen. Daher muß der Leihverkehr entdogmatisiert werden und zwar mit dem Ziel, ihn so weit wie möglich einzuschränken und durch die Einführung neuer Techniken zu verändern (Kapitel IV, 4). Dies wiederum bedingt eine Modernisierung des Versorgungssystems, das bislang vornehmlich auf den physischen Transport abgestellt ist (Kapitel IV, 5), wie auch eine Modernisierung des Informationssystems, das bislang keine Möglichkeit der systematischen Literaturrecherche bietet (Kapitel IV, 6). Mit technischen Neuerungen wäre eine strukturelle Reorganisation im Bibliothekswesen zu verbinden. Diese müßte teilweise auf eine Aufhebung des über den Leihverkehr gebildeten Einheitssystems hinauslaufen. Die drohenden Tendenzen zur Regionalisierung lassen sich nur durch eine neue Hierarchisierung der Bibliotheken auffangen. So könnte eine Gruppe herausgehobener Forschungsbibliotheken gebildet werden, die den Aufbau des Nationalarchivs gedruckter Texte übernehmen und in erhöhtem Maße an einer Fernversorgung neuer Art mitwirken, gleichzeitig aber der Forschung als Präsenzbibliotheken zur Verfügung stehen (Kapitel IV, 7). In diesen Forschungsbibliotheken sollte sich auch, richtungsweisend für andere, die überfällige Rückverwandlung der Bibliotheken aus bloßen Literaturmagazinen in wirkliche Forschungsstätten vollziehen (Kapitel IV, 8). I Die Rolle der Bibliothek im ,Zeitalter der Information' ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen, und nicht selten wird für eine ,papierlose Zukunft' ihr Ende prophezeit. Aus der Perspektive der Geisteswissenschaften bieten sich die Aussichten anders dar. Nicht nur besteht kaum eine Chance, daß das ,papierne Gedächtnis' der Menschheit, als das die Bibliothek traditionell gilt, von einem elektronischen Gedächtnis absorbiert werden könnte. Die Aufgaben der Bibliotheken werden sich im Gegenteil künftig erweitern und ;! '.? ;i;^T:;i:i;i!;;:;i;i::::n:i::;n]:i:;|nHi mmmmmmw 19 sich wahrscheinlich über die Literaturversorgung hinaus auch auf andere Gebiete erstrecken. Für die Geisteswissenschaften ist das Buch Quelle und Gegenstand der Forschung, aber auch ein Medium der wissenschaftlichen Kommunikation, dessen Eigenart und Leistung sich gerade aus der Perspektive der elektronischen Literaturspeicherung zu erkennen gibt (Kapitel V). Die wissenschaftliche Literatur befindet sich in einer Krise, die durch einen Literaturüberfluß auf der einen und einen Mangel an Publikationsmöglichkeiten auf der anderen Seite gekennzeichnet ist (Kapitel VI, 1). Dennoch wird das Gesetz des exponentiellen Literaturwachstums, das die Bibliotheken vor große Probleme stellt, voraussichtlich weiter gültig bleiben (Kapitel VI, 2). Aus der nationalen Publikationstradition, die mit dem Veröffentlichungszwang für Dissertationen der wissenschaftlichen Anfängerleistung eine Sonderstellung einräumt, ergeben sich für den wissenschaftlichen Buchmarkt in der Bundesrepublik spezifische Probleme (Kapitel VI, 3). Aus Eigenheiten dieser Tradition erklärt sich auch das Dilemma der Verlage zwischen Subvention und schrumpfendem Markt (Kapitel VI, 4). Auch in Zukunft wird das Buch für die geisteswissenschaftliche Forschung unentbehrlich sein (Kapitel VII, 1). Das Problem besteht nicht darin, wie das Buch durch ,moderne' Publikationsweisen abgelöst, sondern wie es als zentrales Kommunikationsmedium erhalten werden kann. Angesichts des Literaturüberschusses scheint eine hierarchische Neugliederung der Publikationsformen unerläßlich (Kapitel VII, 2). Eine weitere Voraussetzung für die Erhaltung des Buches ist die Anwendung neuer Techniken für die Herstellung wissenschaftlicher Veröffentlichungen (Kapitel VII, 3). Die bereits eingeführten oder für die nahe Zukunft absehbaren Veränderungen in der Literaturproduktion werden zu einer Neugliederung des Publikationsprozesses führen (Kapitel VII, 4). Die Verantwortlichkeiten, die dem wissenschaftlichen Autor und der ihn tragenden wissenschaftlichen Institution im Verlaufe dieses Prozesses zuwachsen, werden voraussichtlich auch Rückwirkungen auf den Funktionsbereich der Bibliothek haben. mWm m :■■■:..■:■:• ■..:■-:■.. .■.■:■:■.:.■;■;■■.:: I ; 1 ■:■;.'' 1 y I I |]IjBi ]"77T rr T-rrijrrT lilHSH .■,'.■■■■. ::, '' : "::'-?.'-" ; V '■.■■■'■•'■■ '■. Erster Teil Literaturversorgung ftH S ÜH Sä 1 MM m .:^;.>:.:.;.:,;<';.:y;v:-;.;.:y;::v:.;:;:; ! ;.:.:.;y;-:v::::::;:;x: : :;;.: ! :.:.::;^:v:.:.: I Itj T I! I ■■'■:'■ 1 ;,!• ■n W't'M ^H Hl I. Die Bibliothek als institutionelle Bedingung der geisteswissenschaftlichen Forschung Solange ich Professor bin - und das sind nun dreißig Jahre - habe ich von dem Beruf des Bibliothekars und von den Aufgaben des Bibliothekswesens die höchsten Vorstellungen gehegt. Gewiß hängt die Gesundheit und Blüte der Wissenschaft in erster Linie von den wissenschaftlichen Persönlichkeiten ab; sie werden uns geschenkt, wir können sie nicht schaffen. Aber die nächstwichtige Bedingung sind die wissenschaftlichen Institute, und unter ihnen nehmen die Bibliotheken die erste Stelle ein. Sie umfassen den ganzen Ertrag der Arbeit und die Mittel zu ihrer Fortführung; sie sind Speicher und Werkstätte und Instrument der Wissenschaft zugleich. Adolf von Harnack(1905) I Die Verfügbarkeit von wissenschaftlicher Literatur ist eine Grundvoraussetzung aller wissenschaftlichen Arbeit. Geht man über diese triviale Feststellung hinaus, fehlt es an zureichenden Vorstellungen davon, daß auf Seiten der Wissenschaft unterschiedliche Literaturbedürfnisse bestehen und daß diese auf unterschiedliche Weise befriedigt werden müssen und auch befriedigt werden können. Eine kohärente Theorie der Bibliotheksbenutzung und damit der Bi- !» ,, :;,,;;■:,. : ; : ; : . ; ,,, : . ...:,., . ... K^»MW iiiliÜiiliiliiiw 24 I vi I ■ .: - iü I I bliothek als institutioneller Bedingung der Forschung existiert nicht. Üblicherweise begnügt man sich mit der monistischen Prämisse, daß es Aufgabe der Forschungsbibliothek sei, die Literaturversorgung der Wissenschaft sicherzustellen. Dabei bleibt außer acht, daß die Erfordernisse der wissenschaftlichen Arbeit auf verschiedenen Gebieten jeweils andere sind und daß sie selbst innerhalb eines Gebietes nicht notwendig dieselben bleiben müssen. Der Rekurs auf Literatur ist in der Wissenschaft vielfach differenziert, und damit können die Erwartungen gegenüber den Institutionen der Literaturversorgung nicht gleichartig sein. Das Spektrum des wissenschaftlichen Literaturbedarfs ergibt sich indessen nicht als bloße Summe von individuellen Bedürfnissen. Innerhalb gewisser Variationsbreiten treten Bedürfnisse auf, die von der Struktur der Arbeit her als charakteristisch gelten müssen. Es gibt typische Formen des Zugriffs auf die Bibliothek als Literaturreservoir, und das gilt besonders für das Verhältnis von Bibliothek und geisteswissenschaftlicher Forschung. 1 II % 1 :.l IE!!' Die spezifischen Probleme der Literaturversorgung in den Geisteswissenschaften ergeben sich daraus, daß zumindest in ihren klassischen Disziplinen - der Philosophie, den Philologien und der Geschichte - der Text primärer, wenn auch nicht notwendig alleiniger Arbeitsgegenstand ist. 2 Die Geisteswissenschaften unterscheiden sich darin nicht nur von den Naturwissenschaften, der Medizin und der Technik, sondern auch von den Sozialwissenschaften, denen unter diesem Gesichtspunkt die Psychologie, die Pädagogik und andere Disziplinen zuzurechnen sind. Hier ist der Text in der Regel nicht unmittelbarer Gegenstand der Arbeit, sondern innerhalb des Wissenschaftsprozesses nur ein supplementärer Informationsträger. In den nicht-geisteswissenschaftlichen Bereichen erstreckt sich der Literaturbedarf normalerweise auf moderne Forschungsliteratur, ein Textkorpus, das umfangreich sein mag, aber in sich weitgehend l iiiiiiii^iiüii 25 homogen ist. Es besteht aus Monographien und Zeitschriften, deren gemeinsames Kennzeichen die Zugehörigkeit zu einem Schrifttum neueren Erscheinungsdatums und damit relativ leichter bibliographischer Beherrschbarkeit ist. Diese Literatur archiviert die Ergebnisse des Forschungsprozesses. Sie repräsentiert idealiter den Konsensus des in gemeinsamer Bemühung Erreichten und bietet in einer aus der Tradition dieser Bemühungen hervorgegangenen Systematik für ein Gebiet oder eine Disziplin den Stand des Wissens dar. Die Bibliothek hat für diese Wissenschaftsbereiche vornehmlich, wenn auch nicht ausschließlich, eine elementare Speicherfunktion. In der Bibliotheksmetaphorik der polyhistorischen Gelehrsamkeit dient sie als „Vorratskammer des Geistes", 3 aus der bei Bedarf die für die Fortführung der wissenschaftlichen Arbeit erforderlichen Informationen entnommen werden können. In einem eher realen als metaphorischen Sinne stellt sie das ,Gedächtnis' der Wissenschaft dar, von dem man erwartet, daß es durch laufende und möglichst lückenlose Literaturbeschaffung in optimaler Weise funktionsfähig gehalten wird. 4 Zur Erfüllung ihrer Funktion braucht eine auf die Literaturversorgung dieser Wissenschaftsbereiche spezialisierte Bibliothek nicht unbedingt eine Bibliothek im herkömmlichen Sinne zu sein. Die naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen verfügen ebenso wie die Medizin über umfassende und feinmaschige bibliographische Hilfsmittel, die schon in gedruckter Form nicht bibliotheksgebunden waren und die in Form der Datenbank gänzlich bibliotheksunabhängig sind. Da der Zugriff auf die Literatur meist als Information über ein bestimmtes Problem erfolgt, ist von der Sache her nur ein archivierender und seine Information problemlos abgebender Literaturspeicher gefordert. Bereits jetzt drängt die Literaturversorgung mit Hilfe der Papierkopie (in der Regel von Zeitschriften-Aufsätzen) die konventionelle Bibliothek als Ort der Literaturrecherche und der Literaturbenutzung in den Hintergrund, und in Zukunft dürfte die Entwicklung der elektronischen Literatur' darauf abzielen, sie völlig entbehrlich zu machen. lü I •! I II ! ! ii!| 13; ': 26 Gegenüber dem durch die Konzentration auf moderne Forschungsliteratur strukturell unkomplizierten Literaturbedarf der Naturwissenschaften, der Technik und der Medizin weisen die Geisteswissenschaften einen andersartigen und strukturell komplexeren Literaturbedarf auf. Diese Andersartigkeit und Komplexität ergibt sich daraus, daß der Gegenstand der Geisteswissenschaften vornehmlich oder auch ausschließlich durch Texte im weitesten Sinne konstituiert wird. Die wissenschaftliche Literatur ist hier als .Sekundärliteratur' auf eine ,Primärliteratur' von gedruckten oder ungedruckten Texten bezogen, mit der zusammen sie ein diffiziles und bibliographisch schwer beherrschbares Literaturkontinuum bildet. In der Mehrzahl ihrer Disziplinen sind die Geisteswissenschaften historisch orientiert. Diese geschichtliche Dimension ist essentiell, und sie bestimmt, ungeachtet moderner Entwicklungen, den klassischen geisteswissenschaftlichen Forschungsansatz. Sofern Forschungseinrichtungen und Arbeitsweisen auf anderen Gebieten, etwa in den Sozialwissenschaften, dadurch bedingt werden, sind sie den Geisteswissenschaften zuzurechnen. Die Gemeinsamkeit kommt dabei weniger durch eine sachliche oder methodische Affinität als durch den Rekurs auf eine in textlicher Überlieferung vorgegebene Arbeitsgrundlage zustande. Das Material der Geisteswissenschaften, so befand bereits Wilhelm Dilthey „bildet die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit, soweit sie als geschichtliche Kunde im Bewußtsein der Menschheit sich erhalten hat, als gesellschaftliche, über den gegenwärtigen Zustand sich erstreckende Kunde der Wissenschaft zugänglich gemacht worden ist". 5 Potentiell erstreckt sich der geisteswissenschaftliche Literaturbedarf auf jenes Universum von Texten, das in seiner Gesamtheit einen konstitutiven Teil der kulturellen Tradition bildet. Geisteswissenschaftliche Arbeit ist, in welcher Disziplin auch immer, Arbeit in und an dieser Tradition, in der ein Text geringere oder größere Aktualität haben, aber vermöge seiner Zugehörigkeit zur Tradition nie so obsolet werden kann, daß er ausgeschieden werden dürfte oder ausgeschieden werden müßte. Werke der Literatur oder auch der Musik machen den Sachverhalt unmittelbar deutlich. nRsmnflnmnmnBS! ;:;;i!;;«;!j;:::;:::;:;;:i!:;.!::::!;!!; Böääfc! 27 Die Bibliothek hat damit in den Geisteswissenschaften eine andere Funktion als in den Naturwissenschaften. Ihre Aufgabe besteht nicht nur in der Speicherung und Bereitstellung der im engeren Sinne wissenschaftlichen Literatur für die Zwecke der Forschung. Sie besteht auch, und in vieler Hinsicht primär, in der Ansammlung und Darbietung der für den Forschungsprozeß selbst erforderlichen Materialbasis. In der Bibliothek werden zur künftigen Verwendung sowohl die Quellen für die wissenschaftliche Arbeit als auch der bisherige Ertrag dieser Arbeit zur Verfügung gehalten. Die von den Naturwissenschaften aus gesehen ,einfache' Speicherfunktion der Bibliothek weitet sich unter geisteswissenschaftlichen Prämissen aus und gewinnt ihrerseits eine historische Dimension. Die Bibliothek behält den Charakter eines Archivs der modernen wissenschaftlichen Literatur, wird aber zugleich zu einem der Wissenschaft dienenden Archiv der kulturellen Überlieferung. Diese Doppelfunktion erfüllt eine Bibliothek dann in optimaler Weise, wenn sie dem wissenschaftlichen Benutzer eine umfassende Quellensammlung zusammen mit einem differenzierten Instrumentarium zu deren Erschließung bietet. Jede Unausgewogenheit nach der einen oder anderen Seite schränkt ihre wissenschaftliche Brauchbarkeit ein. Ein großes Reservoir an Primärliteratur ist ohne die dazugehörige Sekundärliteratur ebenso problematisch wie ein umfassender Bestand an wissenschaftlichem Schrifttum ohne ein entsprechendes Quellensubstrat. Generell muß gelten, daß eine Bibliothek umso bessere Voraussetzungen für die geisteswissenschaftliche Arbeit bietet, je intensiver sie - bei adäquater Ausstattung mit moderner wissenschaftlicher Literatur - die sich in Textform darbietende Tradition repräsentiert, das heißt: je dichter ihre historischen Bestände sind. Die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften erfordern also als institutionelle Voraussetzung der Forschung unterschiedliche Bibliothekstypen, die nicht unter der Bezeichnung „wissenschaftliche Bibliothek" auf einen Nenner gebracht werden können. Daß beide Repositorien wissenschaftlicher Literatur sind, ist von untergeordneter Bedeutung. Wichtiger ist die radikal verschiedene Rolle, die sie im Forschungsprozeß spielen. Die naturwissenschaftliche Bibliothek ist in erster Linie ein Aufbewahrungsort von ■ *m HH igjgp mm®. 388» fH W8& :■,.:.:.:;;::,;:;■;■::;:;;;::;:;::::;; äi*t*titS tiiiiiiiili ^il i i i 1 tii« aii3 !■ ai ääi J j J ^«l*l^aJiialtiMllHlll*liJ*l*lti *Ällgiüi^'i..- 28 Forschungsergebnissen, die in der Regel in punktuellem Zugriff entnommen werden: "A scientific library is not primarily a quarry, nor a factory, but a störe." 6 Das schließt nicht aus, daß sie, vor allem durch Einschluß ,klassischer' Werke, die Wissenschaftstradition selbst dokumentiert. Die geisteswissenschaftliche Bibliothek ist ebenfalls ein Aufbewahrungsort von Forschungsergebnissen, aber sie ist zugleich mehr: ein Reservoir, das die primären Quellen der Forschung enthält. In ihr verbindet sich das Repositorium der wissenschaftlichen Literatur mit den eigentlichen wissenschaftlichen Arbeitsmaterialien zu einer Einheit. Infolgedessen ist die Bibliothek nicht nur Literatursammlung, sondern auch Arbeitsstätte. Sie ist, in den Worten Adolf von Harnacks, Speicher und Werkstatt in einem. III Über die Bibliothek als wissenschaftliche Arbeitsstätte herrschen weithin unklare Vorstellungen. In Deutschland sind sie besonders verschwommen, weil hier eine bestimmte Bibliothekskonzeption dominiert. Traditionell werden die Bibliotheken, auch die wissenschaftlichen, vor allem als Büchermagazine verstanden, deren erste Aufgabe die von Leihbüchereien ist. Daß eine Forschungsbibliothek mehr sein kann und sein muß, ist eine nicht generell verbreitete Ansicht. Die Erfahrungen deutscher Wissenschaftler mit ausländischen Bibliotheken, speziell denen Frankreichs, Englands und der Vereinigten Staaten, tragen indessen dazu bei, daß sich zumindest an einigen Stellen eine Revision dieser traditionellen Auffassung anbahnt. Die Schwierigkeiten, den Charakter der Bibliothek als Forschungsstätte zu verdeutlichen, scheinen Anlaß zu dem immer wieder anzutreffenden Vergleich zwischen Bibliothek und Laboratorium gegeben zu haben. Er macht in der Regel eher auf die Unabdingbarkeit der Bibliothek für die geisteswissenschaftliche Forschung als auf ihre Funktion im Wissenschaftsprozeß selbst aufmerksam. Die Forderungen naturwissenschaftlicher oder technischer Institute lassen sich, so bereits Adolf von Harnack, „drastisch ------------------- 29 motivieren"; 7 die der Bibliotheken sind schwieriger verständlich zu machen. So stellt die Parallelisierung meist einen Versuch dar, etwas von jener Selbstverständlichkeit des Existenzanspruchs, die den naturwissenschaftlichen Forschungsstätten seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts allenthalben zugestanden wird, auf die Bibliotheken zu übertragen. So problematisch der Vergleich jenseits der pragmatischen Absicht erscheinen mag, er ist bei vorsichtiger Ausdeutung der Analogie durchaus geeignet, die Rolle der Bibliothek in der geisteswissenschaftlichen Forschung zu veranschaulichen. Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften weisen im Hinblick auf das Vorgehen des Forschers an der Grenze zum Neuen viele Gemeinsamkeiten auf, deren Eigenart und institutionelle Implikationen sich am eingängigsten vom Laboratorium her als der Stätte des wissenschaftlichen Versuchs erschließen. Am Anfang eines Prozesses naturwissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung steht, wie die moderne Wissenschaftstheorie verdeutlicht hat, 8 in der Regel eine Hypothese oder Theorie. Sie stellt eine vorläufige Konzeption dar, die an empirischen Daten mit dem Ziel ihrer Bestätigung überprüft wird. Erweist sie sich gegenüber dem empirischen Befund als unzutreffend oder unzureichend, muß sie modifiziert werden. Dieses Verfahren wiederholt sich solange, bis eine in dem abgesteckten Rahmen widerspruchsfreie Erklärung der empirischen Gegebenheiten erreicht ist. Es gehört zu den methodischen Grundsätzen der modernen Naturwissenschaft, daß man zur Bestätigung oder Widerlegung einer theoretischen Annahme, wo immer das möglich ist, nicht nur einen sich von selbst ergebenden Befund registriert. Man versucht vielmehr, die Nachprüfung auf aktive Weise herbeizuführen. Dies geschieht im Experiment. Gleichviel ob im Kantischen Sinne als Frage an die Natur oder nach neuerem Verständnis als „Dialog mit der Natur" 9 aufgefaßt, ist das Experiment eine bewußt und gezielt bewirkte Erfahrung, eine planvoll angesetzte Erkenntnisbemühung. Der Erfolg eines Experiments hängt nicht nur von der Qualität der konzeptionellen Arbeit des Forschers ab. Er ist auch an die Qualität «MS speSHB mm WiMM8WiWm8Sm8WflH'; : :' . . . . ;MW*w:-;■;;::,:■, ;, 32 Realisierung der Erkenntnisabsicht - die Verfolgung einer Fragestellung - eine institutionelle Grundlage, die in präziser Analogie zum naturwissenschaftlichen Laboratorium zu sehen ist. Konzeption und Institution sind auch hier aufeinander bezogen, und das Forschungsergebnis hängt ebenso von der Qualität der Fragestellung ab wie von dem Grad der Beantwortbarkeit, den die Bibliothek als Institution gewährleistet. Der Vergleich ist zwischen der apparativen Ausstattung des Laboratoriums und der Literatur- Ausstattung' der Bibliothek anzusetzen. Entsprechend können Dichte und Verfügbarkeit von Beständen nicht für eine inzidentelle Randbedingung der wissenschaftlichen Arbeit gelten: sie stellen ein essentielles Erfordernis der Forschung dar. ■üiii fÜ IV Vom konkreten Verlauf eines Forschungsvorganges vermittelt die fertige wissenschaftliche Publikation nur eine unzureichende und vielfach sogar eine unzutreffende Vorstellung. Forschungsergebnisse müssen der Kontrolle zugänglich sein und zudem in größere Sachzusammenhänge eingefügt werden können. Es ist daher erforderlich und gehört zu den Konventionen der wissenschaftlichen Kommunikation, sie als Resultat einer Reihe von Erkenntnisschritten zu präsentieren, die logisch zwingend erscheinen und deren Aufeinanderfolge nur so und nicht anders sein konnte. Der Forschungsvorgang wird idealtypisch rekonstruiert, und bei dieser Rekonstruktion unterbleibt jeder Hinweis auf Sachverhalte, die vom Standpunkt einer inhärenten Forschungslogik als störend empfunden werden könnten. 14 i ] I iiiii Diese hochgradige Stilisierung verdeckt die Tatsache, daß Forschung - weit davon entfernt, ein geradlinig verlaufender Prozeß zu sein - in der Regel in einer Serie von tastenden ,Versuchen' besteht. Die Erhärtung einer naturwissenschaftlichen Hypothese oder die Beantwortung einer geisteswissenschaftlichen Frage gelingt selten im ersten Anlauf. Meist ist sie ein mühsames Unternehmen, das zahlreiche Neuansätze nötig macht. Was sich in der Theorie als Präzisierung der Hypothese oder als Verfeinerung der Fragestellung • ■■ ■■ ■' '• '■'"' : ' !: ■■■- '■■'■:■'■■. : - ■'*■;■:■:■■,..:,■, M ';. gl ! ,;■: .■ ■ , ' 33 beschreiben läßt, ist in Wirklichkeit ein ebenso aufwendiges wie schwieriges Verfahren. CfcT88.fi SsSw Hl Wenn sich Wissenschaftler zur Praxis der Forschung äußern (sie tun dies selten), dann fast immer in Formulierungen, die das Gegenteil von dem offenbaren, was landläufig unter Forschung verstanden wird: ein ebenso gesichertes wie konsequentes Vorgehen. Wenn ein Physiker ein Experiment plant, dann beginnt er mit etwas, was - ähnlich einem Traum - nicht realistisch ist, auch nicht sehr konkrete Formen hat, aber was für ihn die Summe des Wünschbaren und vielleicht Möglichen darstellt. Er beginnt mit einer Utopie. Vor der Ausführung muß er noch einmal denken, vorsichtig, realistisch; vieles wird nicht oder noch nicht möglich sein, und bei den Versuchen wird sich wieder viel ändern. Trotzdem ist die Utopie eine ganz wichtige Stufe. So der Physiker Heinz Maier-Leibnitz als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 15 In seiner Historik (1868) schrieb Johann Gustav Droysen: Mit der historischen Frage haben wir nur erst eine Möglichkeit, einen Schimmer in unserer Seele, eine Hoffnung. Es handelt sich darum, ob es sich wirklich so verhält, wie wir fragend ahnten, ob es sich beweisen läßt. Man wird darangehen, die dazu nötigen Materialien zu suchen, für diese Frage zu durcharbeiten, zu sehen, ob sich der Gedanke bewährt, den wir ahnten. Und wie er sich immer tiefer entwickelt, immer feiner bestimmt, so verändert er sich selbst. Man ist in Gefahr, ihn unter den Händen zu verlieren oder sich zerbröckeln zu sehen. 16 Hypothese und Frage haben demnach für umrißhafte Entwürfe zu gelten, für subtile Konstrukte, deren Herkunft und Eigenart sich weniger einer logischen als einer psychologischen Analyse erschließen. 17 In ihrer Ausarbeitung verquicken sich Methodik und Intuition, Überlegung und Phantasie in unauflösbarer Weise. Nicht von ungefähr wird in den Naturwissenschaften wie in den Geisteswissenschaften der ,Kunst'-Charakter der Forschung betont. So etwa von dem englischen Pathologen W.I.B. Beveridge in The Art of Scientific Research 18 und von dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Richard D. Altick in The Art of Literary Research ^ Beide betonen, obwohl auf verschiedene Art, persönlichkeitsgebundene Elemente im Forschungsprozeß. m , b OäsäS 91 JWBs 1 I i .■..■, ; :;xW:W*::W: 34 Als ,Einfälle' des Forschers stellen Hypothese und Fragestellung etwas Unkalkulierbares dar, einen nicht berechenbaren Faktor, der gleichwohl den Übergang zum Neuen, bisher nicht Bekannten ermöglicht. So gesehen, ist die prinzipielle Unsicherheit des Forschungsvorganges nicht etwas Negatives, das durch sorgfältige Planung vermeidbar wäre, sondern etwas Positives, das überhaupt erst den Fortschritt der Erkenntnis zu bewirken vermag. Die Geschichte der Entdeckungen liefert die historischen Belege dafür. 20 Auf der Gegenstandsseite ist die komplementäre Kategorie der Zufall. Fast jeder Versuch, eine Hypothese oder eine Fragestellung durchzuarbeiten', stößt auf Unerwartetes. In den Geisteswissenschaften erhält dieses Moment der Überraschung dadurch eine besondere Komponente, daß die empirischen Daten in der Regel lückenhaft sind und, anders als in den Naturwissenschaften, nicht oder nur begrenzt produziert' werden können. Die sich ergebenden institutionellen Konsequenzen sind weitreichend. Als geisteswissenschaftliches Laboratorium muß die Forschungsbibliothek auf den prekären Charakter des Forschungsprozesses abgestellt sein. Sie muß dem Forscher erlauben, seinen spontanen Einfall mit größtmöglicher Effizienz am empirischen Material zu überprüfen. Sie muß ihn zudem in die Lage versetzen, eine Fragestellung durch die Primär- und Sekundärliteratur verfolgen zu können - gleichviel wohin der Weg führt. In der englischen Bibliotheksliteratur sind diese Anforderungen an die Bibliothek auf die einfache Formel gebracht worden: "The best library is that which is prepared for most emergencies." 21 Die Ausrichtung auf den Eventualfall, der in der Forschung der Normalfall ist, unterscheidet die Forschungsbibliothek von der gewöhnlichen wissenschaftlichen Bibliothek. Der Literaturbedarf ist in Qualität und Quantität nicht vorhersehbar - wie etwa in einer auf die Bedürfnisse der akademischen Lehre abgestellten Bibliothek: "Inherent in research, because it is poised precariously at the frontiers of knowledge, are unpredictable demands for information which would further its direction or lead into more fruitful paths. As a consequence research requires access to comprehensive col- lections of material that include and would preserve the seemingly I ■■■ ■■ -■' «gg|gg RBTiBKKigFJ :■'.■■■ ?$8 35 irrelevant and unimportant." 22 ■ Die unmittelbare Anschauung von einem geisteswissenschaftlichen Forschungsprozeß liefert Ernst Robert Curtius' Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. 23 In den Leitsätzen und im Epilog dieses Buches entdeckt sich, apercuhaft, nicht nur die Technik und Taktik des mit fast künstlerischer Sensibilität vorgehenden Forschers (Curtius fordert „eine höchst differenzierte Aufnahmebereitschaft, die auf das Bedeutsame ,anspricht'" 24 ), sondern auch die unerläßliche institutionelle Basis eines umfassenden Literaturreservoirs. In richtiger Einschätzung dieser Situation bemerkte daher der Kunsthistoriker Sir E.H. Gombrich, daß unter Forschungsgesichtspunkten die Aufteilung der Geisteswissenschaften in Disziplinen irrelevant werde und daher zu annullieren sei. Die Praxis beweise dies: "The alert reader of any text must inevitably ask questions which will take him into linguistics today, into history tomorrow and probably into social studies next week." 25 $m Der tentative Charakter der wissenschaftlichen Erkenntnis in ihrer Entstehungsphase legt es nahe, in der Bibliothek über den ,Speicher' und über die ,Werkstatt' hinaus in einem speziellen Sinne auch ein Instrument zur Beförderung der wissenschaftlichen Erkenntnis zu sehen. Es gehört zum Klärungsprozeß in der Erkenntnisbildung, daß sich der Forscher in der Literatur ,umsieht'. Das heißt: er macht einen unsystematischen Gebrauch von der Literatur seines eigenen Fachgebiets und in der Regel auch anderer Fachgebiete, um dadurch sein eigenes Denken zu stimulieren. Im anglo-amerikanischen Bereich ist dieses Verfahren als "brow- sing" geläufig, und in dem Begriff "serendipity" besitzt die englische Sprache auch einen Ausdruck für die Fähigkeit zum glücklichen Zufallsfund. 26 Der Wert des Verfahrens wird häufig bestritten. Besonders Theoretiker der Literaturversorgung sind der Auffassung, daß es sich um eine dem Forschungsniveau unangemessene Tätigkeit handele. 27 Dabei wird verkannt, daß diese exploratorische Literaturbenutzung nicht an die Stelle systematischer Lektüre tritt, sondern sie ergänzt. 28 In ihr kommt die suggestive Kraft, die eine große Bibliothek für den Forscher hat, zur fflm MEWm ■ I m i I ■ EsHgl m •W:;:: : ::W:: >' ; :«S«««Ä5vS¥:»¥S 36 Wirkung. 29 Anders gewendet: die Bereitstellung eines umfassenden und momentan verfügbaren Literaturreservoirs ist eine der besten Möglichkeiten der zwar indirekten, aber hocheffizienten Forschungsförderung in den Geisteswissenschaften. In der englischen Bibliotheksliteratur findet sich dieses Argument: The... type of browsing... most undervalued and least understood... is the exploratory, semi-purposive browsing of mature scholars among the Stocks of large, familiär libraries. Although not seeking material on any particular topic, the reader maintains a reasonable expectation of some intellectual reward in the long run. He hopes that ideas will be stimulated, and his imagination fired, while knowing that the generation of such ideas is largely unpredictable.... Such continuing self-education is invaluable but not subject to prior evaluation. The results include the broadening of subject boundaries and a general enrichment of the quality of knowledge. 30 iis v Die Schlußfolgerung kann nur sein, daß die ideale Norm für die Forschungsbibliothek die universale Präsenzbibliothek ist. Sie allein wird den Anforderungen des Forschungsprozesses in einer Weise gerecht, daß von einer optimalen Voraussetzung gesprochen werden kann. Und sie allein gibt die institutionelle Gewähr dafür, daß der Forscher im Hinblick auf die ihm zur Verfügung gestellten Möglichkeiten effizient arbeitet. .?•„,,,■ «£gBSg IL Das historische Erbe: Wissenschaftspolitik und Bibliotheksentwicklung seit 1880 1 IS Unser deutsches Bibliothekssystem krankt an der historischen Zersplitterung. Wir möchten unsere zahlreichen Landesbibliotheken nicht missen, aber wir können uns doch der Einsicht nicht verschließen, daß alle nur Stückwerk sind, mit einer Menge Doppelstücken, Doppelkosten und Doppelarbeit, aber ohne, selbst zusammengenommen, eine so vollständige Ueber- sicht über das Geistesleben und die literarische Arbeit der Nation zu bieten wie die Nationalbibliotheken, um die wir England und Frankreich beneiden und die sich sogar das geeinte Italien zu schaffen gewußt hat. Paul Schwenke (1911) I Die Geschichte der modernen Forschungsbibliothek beginnt im achtzehnten Jahrhundert. Die allgemein als deren Urform anerkannte Bibliothek ist die 1737 errichtete Göttinger Universitätsbibliothek. 2 Hier wurde erstmals der Versuch unternommen, über die traditionelle Gelehrtenbibliothek hinaus ein Literaturreservoir anzulegen, das in seiner Größe und Eigenart auf die Bedürfnisse einer bereits im modernen Sinne zu verstehenden Forschungstätigkeit abgestellt war. Historisch sind Entstehung und Aufstieg der Göttinger Bibliothek im Kontext der sich im späten sag r",r. fflHHn | gHg| gaai m mm :>,:•:.::. ,::;:,,;::■,,;;;;;,;,,:■:; iiJiJl" taM1 *^tl{,,;v 50 Plädoyer für die Präsenzbibliothek als Arbeitsstätte für die geisteswissenschaftliche Forschung. 58 Die Verwandlung fand aus zwei Gründen nicht statt. Einmal sprachen sich Berliner Professoren gegen den Plan aus. Theodor Mommsen korrelierte das Ausleihprinzip mit der Gründlichkeit des deutschen Gelehrten, wie dies vor ihm schon Heinrich von Treitsch- ke getan hatte. 59 Das Motiv für das abstruse Argument dürfte die unzureichende räumliche Unterbringung der Königlichen Bibliothek gewesen sein - „einer der wundesten Punkte im öffentlichen Bibliothekswesen Preußens". 60 In London, Paris und Washington gab es moderne Lesesäle, und „nicht ohne Beschämung", so Treitschke 1884, konnte „ein Preuße das schöne Münchner Bibliotheksgebäude... betreten". 61 Der über Jahrzehnte verschleppte Neubau der Königlichen Bibliothek 62 kam zu spät, um auf die Entwicklung des Bibliothekswesens in Preußen und darüber hinaus in Deutschland noch die Auswirkung zu haben, die er hätte haben können und haben müssen. Der andere Grund war die desolate Literaturversorgung der Provinzuniversitäten. In einer bislang unveröffentlichten Denkschrift von 1909 forderte Harnack eine Entlastung der Königlichen Bibliothek von dem zunehmenden Druck des Leihverkehrs durch die Einrichtung von Sondersammlungen ausländischer Literatur bei einzelnen Universitätsbibliotheken, auf die bei Bedarf zurückgegriffen werden konnte. „Es muß," präzisierte er, „mindestens je an einer Stelle in Preußen neben der Königlichen Bibliothek für die wichtigsten ausländischen Literaturen in ganz anderer Weise gesorgt werden, soll die deutsche Wissenschaft nicht den Kontakt mit der ausländischen verlieren." 63 Mit dieser Denkschrift brach sich der - nicht ursprünglich von Harnack stammende - Gedanke der bewußten Parzellierung von Buchbeständen Bahn. 1910 begann die Depotbildung in Form von Sondersammlungen, und zum gleichen Zeitpunkt wurde der allseitige Leihverkehr in Preußen eingeführt. Die Mangelerscheinungen verfestigten sich zu permanenten Strukturen. Was immer die Althoffschen Reformen bewirkten, ihr Ergebnis war weder ein funktionsfähiges Literaturversorgungssystem, das den ■■■■■■llll.L'iBrrotTiininy^-- 51 Erfordernissen der Wissenschaft genügte, noch ein konkurrenzfähiges System, das als Äquivalent zu dem in den Zentralbibliotheken des Auslands konzentrierten Forschungspotential hätte gelten können. Der Historiker Johannes Haller sah in der „stiefmütterlichen Behandlung" der Bibliotheken in der Ära Althoff ein folgenschweres, nie wieder gutzumachendes Versäumnis und in der Einführung des kompensatorischen Leihverkehrs „eine Aushilfe, die auf den ersten Blick glücklich erscheinen konnte, auf die Dauer aber sich als verhängnisvoll erwies". Sein Fazit: „Im Zeitalter der deutschen Weltpolitik hörte das gelehrte Deutschland auf, sich um das zu kümmern, was draußen in der Welt gedruckt wurde. Von Amerika wurden wir vollständig überholt." 64 IV Die Zeit zwischen 1918 und 1945 war, aufs Ganze gesehen, eine Epoche der Konsolidierung der durch die Althoffschen Reformen geschaffenen Strukturen. Diese Konsolidierung kam einerseits unter dem Druck äußerer Umstände zustande, andererseits war sie das Ergebnis einer Bereitschaft zu ,kleinen Lösungen'. Die Entwicklung wurde vor allem durch drei Faktoren bestimmt: die Literaturnot nach dem Ersten Weltkrieg, die allgemeine Ausdehnung des Leihverkehrs und den Antagonismus zwischen den Institutsbibliotheken und den zentralen Universitätsbibliotheken. Wenn die für die geisteswissenschaftliche Forschung verfügbaren Ressourcen schon vor der Jahrhundertwende, zu Beginn des Zeitalters der „Großwissenschaft" (Mommsen), 65 unzureichend waren, so verschlechterte sich die Situation nach 1918 in einem bis dahin kaum vorstellbaren Maße. Die inländische Literatur konnte vielfach nur noch bruchstückhaft beschafft werden. An ausländischer Literatur mangelte es noch stärker, und dieser Mangel wurde nun nicht mehr nur von Sachkennern bemerkt. Schon J909 war der Vorschlag gemacht worden (doch wirkungslos geblieben), das Reich solle der Königlichen Bibliothek jährlich einen Zuschuß von 50-100.000 Mark „zur Anschaffung der selteneren fremdsprachlichen Literatur" gewähren. 66 Während des m i m& Wsßem ^ÜHS Oj&ggijjgx *£f$liPl gä»JP 1 ;.;■::'■:•:■:::■;::•:.;.'■:.:•:■::..:.:.:■:::•::;::•, """"""ntnr™™™* 1 ™ 52 Weltkrieges kam so gut wie keine ausländische Literatur nach Deutschland. Der Bedarf erstreckte sich also nicht nur auf aktuelle, sondern auch auf weiter zurückliegende Literatur. Die Ergänzung war nicht nur aus finanziellen Gründen unmöglich. Zum Nicht- können war, so eine bibliothekarische Stimme im Jahre 1922, „das Nichtkennen getreten. Die Bibliotheken stehen der Tatsache gegenüber, daß seit 1914 (im Allgemeinen) keine Auslandsliteratur mehr erworben wurde. Dieses Negativum aber auszufüllen, dazu fehlen ihnen nicht nur die Gelder, sondern auch die speziellen Kenntnisse darüber, was denn eigentlich inzwischen das Ausland an Literatur hervorgebracht hat." 67 Entscheidende Hilfe für die Bibliotheken kam von der neugegründeten Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. 68 Sie stellte Mittel vor allem für die Schließung von Lücken bei Zeitschriften bereit, später auch für die Beschaffung monographischer Literatur. Die finanziellen Zuschüsse gingen vornehmlich an die Preußische und an die Bayerische Staatsbibliothek. Die bereits bestehenden und einige neu geschaffene Sondersammelgebiete wurden erst in zweiter Linie bedacht. Die eindeutige Bevorzugung der beiden Großbibliotheken geschah im Interesse der Forschung. „Es ging," so der Historiograph der Notgemeinschaft, „um die Förderung der Forschung, und vom Forscher aus gesehen ist es besser, er kann mit einer leidlichen Vollständigkeit bei zwei großen Bibliotheken rechnen, als daß aus falschem Gerechtigkeitsgefühl die Mittel auf alle Bibliotheken aufgesplittert werden und der Forscher nun nicht mehr weiß, wohin er sich zuerst wenden soll und dabei doch sicher ist, überall weiterhin auf große Lücken zu stoßen." 6 9 Die Einsparungen, zu denen die Notgemeinschaft durch die Verknappung von Mitteln gezwungen war, trafen vor allem das Bibliothekswesen. Die anfangs beachtlichen Beträge für die Beschaffung ausländischen Schrifttums wurden zunehmend reduziert. Seitens der Notgemeinschaft wurde die Förderung der Bibliotheken als Ländersache betrachtet, und seitens der Reichskanzlei war man der Auffassung, „auf dem Gebiet des Bibliothekswesens könne die Notgemeinschaft immer noch sparen, ohne daß die Wissenschaft ernsthaft Schaden nehme." 70 In der politisch zugespitzten Situation ^^^Iili^jf^^Hjijipii^^mi^iiuNjiiiiijijnHmK | "";;^<;n''"fi'";'"-"'* , !!li' l ' , ' :; " l, l BHHMMHBHBB^SflSiff^P 1 ^??!!] 53 sprach Georg Leyh 1932 von der Abtrennung der Forschung von der sie tragenden Institution. 71 Als Folgeerscheinung des Literaturmangels erreichte der Leihverkehr eine neue Bedeutung und neue Ausmaße. Seine Ausweitung kommt sinnfällig in der Einführung eines allgemeinen Deutschen Leihverkehrs im Jahre 1924 zum Ausdruck. 72 Die dazugehörige Ordnung, die als seinen Zweck in erster Linie die Förderung der Forschung nennt, mußte bereits 1931 novelliert werden, doch keine Regelung konnte die „Flut der Bestellungen eindämmen". 73 Der Punkt war erreicht, an dem Forschung ohne rotierende Buchbestände keine Grundlage mehr hatte. „Wissenschaftlich produktive Arbeit," so eine Bilanz aus bibliothekarischer Sicht, „war... an den deutschen Bibliotheken der Vorkriegszeit nur mit Hilfe des Leihverkehrs möglich." 74 Das Maß der Auszehrung der wissenschaftlichen Bibliotheken, besonders der Universitätsbibliotheken, wird daran deutlich, daß einer fast um die Hälfte sinkenden Studentenzahl zwischen 1933/34 und 1937/38 eine Steigerung der Fernleihen um zwölf Prozent gegenüberstand. 75 Weit davon entfernt, eine zusätzliche Versorgung mit Literatur darzustellen, war der Leihverkehr zur Normalform der Bedarfsdeckung geworden. Auch an den großen Universalbibliotheken reichten die Bestände nicht mehr aus. Die wachsende Misere der Universitätsbibliotheken hatte ihre Ursache nicht nur in der Geldknappheit der Nachkriegs- und Inflationszeit. Sie war auch auf das duale System zurückzuführen, das ebenso wie der Leihverkehr und die Einrichtung von Schwerpunktsammlungen eine Verbesserung der Literaturversorgung bewirken sollte. Seit ihrer Etablierung zeigten die Institutsbibliotheken eine Expansionstendenz, und die im System vorgegebene Rivalität zwischen den zentralen Universitätsbibliotheken und den auf spezielle Interessen und Arbeitsrichtungen abgestellten Institutsbibliotheken verschärfte sich kontinuierlich. Bereits 1906 wurde Besorgnis geäußert über die „Entwicklung der Institutsbibliotheken zu vollständigen Fachbibliotheken, die nicht mehr neben den Universitätsbibliotheken, sondern über ihnen 111 ... ;■ 1Ü msm ■ Wk | BaSHH las : ; : ; ; : : x : : ; ;.;.;. : :: ; ; : : ; x.: ; ; ; ::; : :,:.>; : >>; : : :; ; : :,;. 54 stehen." 76 In den zwanziger und dreißiger Jahren setzte sich diese Entwicklung fort, so daß sich das Schwergewicht immer stärker auf Kleinbibliotheken verlagerte, die in den meisten Fällen nicht von Fachpersonal betreut wurden. Die ursprünglich beabsichtigte Koordination erwies sich über weite Strecken als undurchführbar, weil die Institutsbibliotheken aufgrund der universitären Organisationsstrukturen ein autonomes Dasein führten. 1936 sprach Georg Leyh von den „völlig ungeordneten Zuständen, die heute in persönlicher und sachlicher Hinsicht in dem Verhältnis zwischen den Universitätsbibliotheken einerseits und den Fakultäten und Instituten andererseits herrschen", und er bezeichnete dies als „sichtbares Kennzeichen für die breite Kluft, die... zwischen produktiver und verwaltender Wissenschaft sich aufgetan hat". 77 Das Problem lag nicht nur in dem circulus vitiosus, daß eine schwache Universitätsbibliothek Institutsbibliotheken herausforderte und erstarkende Institutsbibliotheken die zentrale Universitätsbibliothek weiter schwächten, sondern vor allem darin, daß trotz hohen Aufwandes die Leistungsfähigkeit beider Bibliothekstypen, von Ausnahmen abgesehen, über ein mittleres Niveau nicht hinauskamen. Die geringen finanziellen Ressourcen der zwanziger und dreißiger Jahre hätten eine Konzentration erfordert (wie sie von der Notgemeinschaft auch versucht wurde): statt dessen verstärkte sich die Dispersion. Das Verhältnis zwischen Instituts- und Hochschulbibliotheken, „seit Jahrzehnten krisenhaft", wie eine Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1955 feststellte, hat sich in der Zeit nach 1945 „eher verschärft als entspannt". 78 Das Problem des in der Regel beziehungslosen Nebeneinander war aufgrund der verfestigten Strukturen nicht mehr zu lösen. Man konnte den Gegensatz als „vermeintlich" ausgeben und ihn philosophisch verklären: „Er entspricht etwa dem Gegensatz Universalismus der rationalistischen Systeme und Historismus der Historischen Schule mit ihren partikularen Momenten, der nach Rothacker ein ,Schema des produktiven Lebens' selber ist." So ein deutscher Bibliothekstheoretiker. 79 Man konnte aber auch, etwa aus französischer Sicht, die Feststellung treffen: «L'Allemagne nous offre le cas unique d'un pays qui s'est donne le luxe d'entretenir systematiquement, pendant !:!!!T!i!!!;m;m:!i F\\m^!\w :, " [ ;x"''!" 55 ^m de longues annees, ä la fois l'accroissement des Bibliotheques Universitaires et le d6veloppement parallele des bibliotheques d'Instituts.» 8 ° Erst die Universitätsneugründungen des letzten Jahrzehnts haben einen Wandel herbeigeführt. 81 Hier tritt die zentrale Universitätsbibliothek stark in den Vordergrund, und das duale System ist eingeschränkt, wenn nicht ganz abgeschafft worden. 82 „Die Stärkung beider Bibliothekstypen als gleichberechtigte und gleich notwendige Partner", die sich noch in den fünfziger Jahren als „das große Anliegen" darstellte, 83 ist weitgehend durch zentralistische Konzepte ersetzt worden. Auch unter den Bedingungen der ,alten' Universitätsstrukturen wird in der Zusammenfassung und Zusammenführung aller bibliothekarischen Einrichtungen die Lösung der Probleme gesehen. Mit ihren neuerlichen Empfehlungen für die Zusammenarbeit zwischen Hochschulbibliothek und Institutsbibliotheken hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft eindeutig in diese Richtung gewiesen, 84 und auch von bibliothekarischer Seite wird die Stärkung der zentralen Universitätsbibliothek als bester Weg zur adäquaten Literaturversorgung empfunden. 85 Historisch betrachtet, scheint dies an einem entscheidenden Punkt eine Abkehr von einem Weg zu bedeuten, der seit einem Jahrhundert unverdrossen verfolgt wurde, weil er sich durch kostengünstige, forschungsfördernde und vor allem ,dezentral-deutsche' Lösungen zu empfehlen schien. m HU Süss JB fflwsm i% w$ Ä; Mi2Jää m % tfSw «ass? im m immiift8fflt!«B^^ m'-mf--<: III. Gegenwartsprobleme 1. Prämissen des Wiederaufbaus nach 1945 It appears that to a very great extent rebuilding is just that - 'rebuilding' with- out noticeable change from what had been there before. Lester K.Born (1950) I Die gegenwärtigen Probleme der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung sind in hohem Maße historisch bedingt. Sie sind als ein Ergebnis der Althoffschen Reformen anzusehen, die auf bibliothekstheoretisch ideale, aber vom Standpunkt der Forschung nicht praxisgerechte Lösungen abzielten. Beim Wiederaufbau des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg 1 sind zwischen 1945 und 1955 Entscheidungen getroffen worden, die die Althoffschen Lösungen in einer Weise weitergeführt haben, die die bereits bestehenden Schwierigkeiten nicht prinzipiell verringerten. Durch die Kriegseinwirkungen waren viele Bibliotheken in ihrer Substanz getroffen, andere hatten erhebliche Verluste erlitten, nur wenige waren verschont geblieben. 2 Zudem hatte sich die innere Geographie der Bibliothekslandschaft durch den Verlust ihres früheren Zentrums entscheidend verändert. Die Preußische Staatsbibliothek, schwer beschädigt, gehörte aufgrund der politischen BfBSBMJHfflHHIflW fl UffiSP Siäi ^mmmm 57 Entwicklung hinfort nicht mehr zum System, und ihre nach Westdeutschland ausgelagerten Bestände stellten einen Torso dar, der zumindest fürs erste nicht als eine in sich geschlossene Bibliothek gelten konnte. 3 Die Bayerische Staatsbibliothek, der zweite natürliche Schwerpunkt im alten System, war ebenfalls durch Kriegsschäden in ihrer Funktionsfähigkeit eingeschränkt. 4 Die Situation erforderte nicht nur pragmatische Maßnahmen aus dem Zwang des Augenblicks heraus. Nach der Rückgewinnung einer elementaren Funktionsfähigkeit für die einzelne Bibliothek ging es um prinzipielle Entscheidungen über den künftigen Charakter des gesamten Systems. Man stand vor der Frage, ob „der notwendige materielle Wiederaufbau der Beginn eines planmäßigen Neuaufbaus für das deutsche Bibliothekswesen" sein könnte. 5 Über die Literaturversorgung der geisteswissenschaftlichen Forschung ist zweimal entschieden worden. 1948 lag einer Konferenz von Direktoren westdeutscher wissenschaftlicher Bibliotheken ein Plan zur Schaffung einer neuen zentralen Bibliothek in Westdeutschland vor. Diese Bibliothek sollte die durch den Ausfall der Preußischen Staatsbibliothek entstandene Lücke schließen. Der Plan, entworfen von Hanns W. Eppelsheimer, dem Direktor der Frankfurter Bibliothek, sah vor, der 1946 in Frankfurt gegründeten Deutschen Bibliothek, die als Archivbibliothek nationalbibliographische Aufgaben wahrnahm, eine wissenschaftliche Zentralbibliothek zur Seite zu stellen. Sie sollte nicht nur moderne wissenschaftliche Literatur, vor allem des Auslandes, umfassen, sondern auch historische Bestände, wie sie für die geisteswissenschaftliche Arbeit unerläßlich sind. Den Grundstock für die historischen Sammlungen sollten die damals in Marburg ausgelagerten Bestände der Preußischen Staatsbibliothek bilden (etwa 1,5 Millionen Bände). Eppelsheimer erachtete die „Erhaltung einer zentralen Bibliothek als eine gemeindeutsche Aufgabe von derselben Wichtigkeit wie die Fortführung der ehemaligen reichs- deutschen Institute (etwa der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft)". 6 In modifizierter Form (eine Zentralbibliothek als Sammelschwerpunkt für ausländisches wissenschaftliches Schrifttum und als westdeutsches Pendant zu ausländischen Zentralbibliotheken) wur- Willis msSä MSSM MWsmä BmtmM ■i I »Saßi 58 1 de Eppelsheimers Memorandum 1949 mit einem Gegenentwurf aus der Feder des Hamburger Bibliotheksdirektors Hermann Tiemann konfrontiert. 7 Tiemann lehnte die zentrale Bibliothek als unklares Konzept rundweg ab. „Er verneinte die Notwendigkeit oder auch nur Erwünschtheit dieser Neugründung aufgrund einer Analyse der historischen und kulturpolitischen Situation des deutschen Bibliothekswesens und eines Vergleichs mit außerdeutschen Bibliotheksverhältnissen." 1 1 1 Gegen den Gedanken der nationalen Repräsentanz und der Konzentration von Ressourcen stellte Tiemann „den Vorzug des Reichtums in der Vielfalt und der Mannigfaltigkeit in der individuellen Gestaltung..., durch den es möglich gewesen ist, das wissenschaftliche Leben in Deutschland auf eine breitere Basis der Forschung und Lehre zu stellen und wirkungsvoller in seine Glieder zu lenken". Vorrang müsse der „kulturelle Aspekt" haben, „der die Eigenart des gewachsenen wissenschaftlichen Lebens, seine Geschichte sowohl wie seine heutigen Bedürfnisse berücksichtigt". Gerade auf einem so „traditionsgebundenen Fachgebiet" wie dem Bibliothekswesen dürfe „der ,Gründerfimmel'... so wenig wie möglich sein Unwesen treiben". Das Alternativkonzept empfahl „den Weg der Dezentralisation, wie er nach dem Ersten Weltkrieg beschritten wurde, bei gleichzeitig einheitlicher Planung und Lenkung. Das System der Vororte [das heißt: Sammelschwerpunkte] mit einigen wenigen Hauptbibliotheken, das der geschichtlichen Entwicklung unserer in bestimmten Traditionen gewachsenen Bibliotheken gerecht wird, muß stärker ausgebaut werden. Aus diesem Grunde sei „die Frage der Neugründung einer Zentralbibliothek... aus historischen und kulturpolitischen Erwägungen abzuwandeln in die Frage nach einer zentralen Lenkung der ausländischen Literatur mittels einzelner zentraler Organe in bestimmte alte Institutionen der Länder". Aufgrund dieses Votums entstand 1949 ein Sondersammelgebiets- plan, der von der damaligen Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft übernommen wurde. Dieser „Verteilungsplan", der sich in seiner frühen Form auf die Geisteswissenschaften wie auf die Naturwissenschaften erstreckte, vermied auch den geringsten !-;'i"!;!"';;"ji!!!v:'!v!':: : : ' ,: ■>' ' " : ^i'snüMniM ■MM ■■I ■u |M»« 59 Anschein von Zentralismus. Nicht weniger als dreizehn Bibliotheken wurden allein an der Beschaffung der ausländischen Spe- zialliteratur in den Humanwissenschaften beteiligt. 8 Damit begann eine - bis heute andauernde - hochgradige Dispersion der Sekundärliteratur. 9 Die Durchsetzung des extrem dezentralistischen Konzepts gegenüber einer moderaten zentralistischen Lösung, die als ein forschungspolitisches Gebot der Stunde hätte empfunden werden müssen, vollzog sich ungeachtet der Konsequenzen der Entscheidung als rein bibliotheksinterne Angelegenheit. Die Notgemeinschaft hatte ausdrücklich nicht Stellung bezogen, 10 und Vertreter der Wissenschaft wurden an der Kommissionsentscheidung nicht beteiligt. 11 Eppelsheimer vermerkte anläßlich der Strukturdebatte „ein Anwachsen der zentrifugalen Kräfte, die Gewöhnung an die ,süße Freiheit', die den regionalen Instinkten die Rückkehr zum Ganzen so schwer macht". 12 Historisch betrachtet, bietet sich die Entscheidung nicht nur als traditionsgebundene, vielleicht traditionsbefangene, Neubelebung einer bereits damals offenkundig problematischen Organisationsform der Literaturversorgung dar: in ihr dokumentiert sich auch der Durchbruch eines über „gesunden Föderalismus" hinausgehenden bibliothekarischen Individualden- kens. 13 Sie gibt Anlaß zu der Frage, ob die deutsche Bibliotheksgeschichte der letzten Jahrzehnte oder sogar des letzten Jahrhunderts nicht über weite Strecken als Mentalitätsgeschichte geschrieben werden muß. 1 ■ i i ii Die zweite Entscheidung über die Literaturversorgung der geisteswissenschaftlichen Forschung fiel im Zusammenhang mit einer Denkschrift, die der Bibliotheksausschuß der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Auftrage ihres Hauptausschusses über „Die Frage einer zentralen Bibliothek im Gesamtgefüge des deutschen wissenschaftlichen Bibliothekswesens" Ende 1955 vorlegte. 14 In ihr sollten „die Argumente für die Schaffung einer Zentralbibliothek" zusammengestellt werden, deren Notwendigkeit offenbar der Deutschen Forschungsgemeinschaft als der zentralen I :.;:.:: ; . ; ;.:.; ; : : .;: : ;y; : : ; : : : : :y; : : : ;v: : :y Uli: 60 I P l' : : I 1 forschungsfördernden Institution der Bundesrepublik nahegebracht worden war. In Übereinstimmung mit den damals erkennbaren internationalen Entwicklungen wird in der Denkschrift die zentrale Bibliothek „als Instrument der Forschung" apostrophiert, „das die moderne Verbreiterung des Wissenschaftsbetriebs notwendig macht. Da nämlich infolge der steigenden Fülle der Buchproduktion es für die meisten Bibliotheken immer mehr unmöglich ist, das alte und neue Schrifttum in einem weitere Kreise befriedigenden Umfang zu sammeln, und da deshalb die Mehrzahl der Bibliotheken eine immer strengere Auswahl treffen muß, ist es geboten, wenigstens an solchen zentralen Stellen die irgendwie bedeutsame Literatur des In- und vor allem des Auslandes zu sammeln und so umfassende Arbeitsinstrumente für die Forschung des Landes zu schaffen." 15 Als notwendige Komplementärinstitution zum System der Son- dersammelgebiete erscheint die Zentralbibliothek erstmals nicht als bibliothekarisches Negativum, sondern als eine die Arbeitseffizienz des Wissenschaftlers fördernde Einrichtung: „Sie bietet dem Forscher... den Vorteil, die wichtige ausländische Literatur seines Fachs an Ort und Stelle einsehen zu können, so daß er mit einem einmaligen Besuch in kurzer Zeit erledigen kann, wozu er sonst Monate brauchen würde." Die visionäre Idee: „Das System der Vororte [Sondersammelgebiete] bildet die zentrale Bibliothek" 16 war der Einsicht gewichen, daß die Zusammenziehung von Schrifttum an einer Stelle eine Vereinfachung und Beschleunigung der Literaturversorgung bedeutet. „Die Stärkung einer Bibliothek" wurde „mit Rücksicht auf die Erfordernisse des wissenschaftlichen Benutzers" zum „vordringlichsten Desiderat" erklärt, und es stand „außer Frage", daß die Stelle der zentralen Bibliothek „nur von dem westdeutschen Nachfolgeinstitut der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek, der Westdeutschen Bibliothek,... eingenommen werden" könnte. Zusätzlich sollte die Bayerische Staatsbibliothek zu einem „Zentrum für die Geisteswissenschaften" ausgebaut werden. Weitere sechs bis acht Bibliotheken sollten den Rang von „Mittelbibliotheken" zwischen den Sondersammelgebiets-Bibliotheken und den norma- m m ww xiMWtfWJW-M' - MWi ü-üülTHiUülrü"!-!!! BUjuiuwilSMlIUUirn^^ 61 len Universitätsbibliotheken erhalten. Diese pyramidale Strukturierung war zur Entlastung des Leihverkehrs und zur Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten des Wissenschaftlers gedacht. Trotz der Befürwortung durch Senat und Hauptausschuß der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist der Plan nicht ausgeführt worden. „Der Punkt, an dem er scheiterte, war die herausgehobene Förderung der Westdeutschen Bibliothek". 17 Einige der beteiligten Länderverwaltungen versagten dem Vorschlag, sie zur Lösung ihrer Raumprobleme provisorisch in Frankfurt unterzubringen, ihre Zustimmung. Kultusbehörden entschieden damit über die Beibehaltung des von Bibliothekaren eingeschlagenen Weges. Weder in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates von 1964 noch im Bibliotheksplan '73 ist von der Zentralbibliothek noch einmal die Rede. Die weitere Entwicklung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik ist für den technischen und medizinischen Bereich wie auch für einige andere Gebiete durch eine Rücknahme der durch den ursprünglichen Sondersammelgebietsplan herbeigeführten Dispersion der Ressourcen gekennzeichnet. In Übereinstimmung mit den international als notwendig und angemessen erkannten Differenzierungen im Bibliotheksbereich wurde die Literaturversorgung der entsprechenden Disziplinen zur Erhöhung ihrer Effizienz konzentriert und zentralisiert. Die Technische Informationsbibliothek in Hannover wurde neu gegründet, andere Zentrale Fachbibliotheken - für Medizin, Wirtschaftswissenschaften und Landbauwissenschaft - entstanden durch Vergrößerung und Verselbständigung institutioneller Bibliotheken. 18 Für die Humanwissenschaften (die Geisteswissenschaften und große Bereiche der Sozialwissenschaften) wie für die reinen (im Gegensatz zu den angewandten) Naturwissenschaften besteht das Sondersammelgebietssystem praktisch unverändert fort. Es ist zwar mehrfach überarbeitet worden, aber die Straffungen, die im Laufe der Zeit eingeführt wurden, stellen nur Detailkorrekturen dar. 19 Die Literaturversorgung ist hier über die - weithin durch persönliche Voten von Bibliothekaren entstandene - Organisationsform. der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht hinausgekommen. R WM ., ;■■ :■:■>:.;.>:■■:;;:■:. „y-X';::v:-x '■}\- ,: - [ \-:>-y^y-<-'<:'<\ Mi I 62 I ■ ' : 'i; i Die Schwierigkeiten, die für die geisteswissenschaftliche Literaturversorgung weiterhin bestehen oder auch neu entstanden sind, geben sich besonders in vier Punkten zu erkennen: (l)die Übertragung der Sondersammelgebietsfunktion auf die nach Kriegsende größtmögliche Zahl von wissenschaftlichen Bibliotheken bedeutet eine maximale Entfernung vom Prinzip der zentralen und universalen Präsenzbibliothek als der idealen Voraussetzung für die geisteswissenschaftliche Forschung; (2)die Beteiligung vieler Bibliotheken stellt eine Abkehr von der Bibliothekspolitik der Notgemeinschaft dar, deren erklärtes Ziel es war, im Interesse der Forschungseffizienz Ressourcen zu konzentrieren und möglichst große Literaturreservoire zu schaffen; (3)die Literaturstreuung bewirkt eine Leistungsminderung gerade bei solchen Bibliotheken, die von ihren Beständen her als besonders leistungsfähig gelten müssen; es gibt in diesem System, pointiert ausgedrückt, keinen natürlichen' Ort mehr für die geisteswissenschaftliche Forschung, da die bestehenden Universalbibliotheken auch nur partiell an der Sammlung spezieller Forschungsliteratur beteiligt werden; (4)durch den Verzicht auf jede Form von Zentralbibliothek entfällt die für die Forschung unerläßliche retrospektive Sammeltätigkeit, das heißt: die zentrale Ansammlung von historischen Beständen. 20 ill : ' M fflPffl W I WfflWfl l fflWfflffffM HHHMHl •'- ■:""'■" ■• : - ■ 2. Ein unzureichend erschlossenes Literaturreservoir Der Sinn jeder Bibliothek erfüllt sich in ihrer Benutzung. Voraussetzung für einen raschen und fruchtbaren Gebrauch ist aber nicht nur ein großer, sondern auch ein durchgeordneter und über vollständige Kataloge sofort greifbarer Bücherbestand. Georg Leyh (1947) I In den der wissenschaftlichen Arbeit unmittelbar dienenden Bibliotheken der Bundesrepublik - den Universalbibliotheken von nationaler Bedeutung, den Hochschulbibliotheken und den führenden Regionalbibliotheken - standen 1980 etwa 77 Millionen Bände zur Verfügung. 1 Davon befinden sich in der Bayerischen Staatsbibliothek viereinhalb Millionen, in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz drei und in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen zweidreiviertel. Als Archivbibliothek des deutschen Schrifttums seit 1945 umfaßt die Deutsche Bibliothek in Frankfurt mehr als zwei Millionen Bände. Der Bestand von sieben Hochschulbibliotheken (Bonn, Erlangen, Freiburg, Hamburg, Heidelberg, Köln und Tübingen) liegt etwas über oder unter zwei Millionen, und fünfzehn weitere Staats-, Landes- und Universitätsbibliotheken weisen mehr als eine Million Bände auf. Qualitativ betrachtet, sind die Bestände vieler dieser Bibliotheken auch im internationalen Vergleich als hervorragend anzusehen. Das gilt in erster Linie für die großen Universalbibliotheken mit ihren bedeutenden Sammlungen an Handschriften und an Drucken des fünfzehnten bis neunzehnten Jahrhunderts, aber auch für eine Reihe von mittleren und kleineren Bibliotheken, die aufgrund ihrer Entstehung und historischen Entwicklung Bestände von besonderem Interesse vereinigen. :.:■ fff-y,;'. y.yy-: ■.?:.<■;■■■■;■ 'yy^^y-.■>:■:■:■:■>:■:■ y:y\yy-y : yyyy. : y :■ 64 Jenseits der einzelnen Bibliothek ist jedoch das Forschungspotential des in der Bundesrepublik vorhandenen Literaturreservoirs schwerlich adäquat einzuschätzen. Aussagen über einen größeren Teilbestand oder gar über den Gesamtbestand sind praktisch nicht möglich. Weder ist der Anteil der für die geisteswissenschaftliche Arbeit in Frage kommenden Literatur bestimmbar, noch lassen sich generell über Art und Größe der historischen Bestände zutreffende Angaben machen. Vom Standpunkt des Benutzers sind zwei allgemeine Feststellungen negativer Art zu treffen. Zum einen handelt es sich um einen weit gestreuten Bestand. Ungeachtet der Tatsache, daß für bestimmte Zeiträume und bestimmte Gebiete in einzelnen Bibliotheken beträchtliche historische und moderne Bestände anzutreffen sind, ist zeitlich oder sachlich zusammengehöriges Schrifttum aus bibliothekshistorisch oder bibliothekspolitisch zu erklärenden Gründen häufig über eine Vielzahl von Bibliotheken verteilt und für Forschungszwecke in der Regel nicht an einem Ort zu vereinigen. Bei literaturintensiven Arbeitsvorhaben decken die Bestände einer oder zweier Bibliotheken nur in Ausnahmefällen den Bedarf. Die zweite Feststellung betrifft die ungleiche Dichte der Bestände. Die Prinzipien des systematischen Bestandsaufbaus für Forschungszwecke sind in Deutschland entwickelt und in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Göttingen auch praktiziert worden, aber im neunzehnten Jahrhundert - dem im internationalen Kontext entscheidenden Zeitraum - nur in unzureichender Weise zur Anwendung gekommen. Zwischen 1815 und 1885 erfolgte aus verschiedenen Gründen an keiner deutschen Bibliothek in zureichender Weise ein systematischer und konsequenter Aufbau des Bestandes an in- und ausländischer Literatur. 2 Erwerbspläne für einen parzellierten Aufbau existierten nur streckenweise. Das Ergebnis ist ein lückenhafter Bestand. Das gilt auch dann, wenn der kollektive Bestand aller Bibliotheken als Äquivalent einer nicht vorhandenen Zentralbibliothek oder Nationalbibliothek genommen wird. 3 Die bis 1939 akkumulierten Bestände sind im Zweiten Weltkrieg dezimiert worden. Die Verluste - von kleinen Schäden bis zur ; ^'»l'i'i'Wi'iyüi'i -:;•;;:;:■ 65 Zerstörung ganzer Sammlungen - belaufen sich auf rund fünfzehn Millionen Bände. 4 In der Folge muß der Benutzer im Hinblick auf die Erhaltung und Verfügbarkeit älterer Literatur mit völlig unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen. Die Wiederbeschaffung von Kriegsverlusten blieb der einzelnen Bibliothek überlassen. Einen koordinierten Plan für die Rekonstruktion historischer Bestände hat es weder unmittelbar nach dem Krieg noch später gegeben. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Literaturbeschaffung wurde erst 1979 auf Werke ausgedehnt, die vor 1950 erschienen sind. 5 ■i 1 ■ ■ ■ ..; K»RS mm ii Für ein Literaturreservoir dieser Beschaffenheit ist eine detaillierte Erschließung unerläßlich. Da es in der Bundesrepublik eine nationale Archivbibliothek erst für die seit 1945 erschienene Literatur gibt und eine Zentralbibliothek fehlt, ist die Forschung auf Nachweisinstrumente verschiedenster Art angewiesen, um mit den vorhandenen Beständen effizient arbeiten zu können. An solchen Instrumenten fehlt es. Obwohl nicht alle Disziplinen in gleicher Weise davon betroffen sind, ist die Situation, generell gesehen, in hohem Maße unbefriedigend. Als erschlossen können, mit gewissen Einschränkungen, für den einzelnen Wissenschaftler nur die jeweils lokalen Ressourcen gelten. Die Bestände der Universitätsbibliotheken und Landesbibliotheken sind in der Regel vollständig katalogisiert.Für die ,neuen' Universitätsbibliotheken existieren vielfach EDV-Kataloge. Neben dem alphabetischen Katalog steht häufig ein systematischer Sachkatalog zur Verfügung. In den älteren Universitäten mit einem dezentralen, auch Institutsbibliotheken umfassenden Bibliothekssystem existieren überdies meist örtliche Zentralkataloge, in denen die Bestände der Institute insgesamt erfaßt sind. In nicht wenigen Fällen bieten diese Kataloge jedoch für den Benutzer Probleme. In den ,alten' Universitätsbibliotheken stammen beide Katalogteile vielfach noch aus dem neunzehnten oder sogar achtzehnten Jahrhundert. Sie sind häufig nicht nur schwer ^H mm m m ___ :,,:.::;.:;::>;;:::.,:.:. 66 lesbar, sondern aufgrund der damals geübten legeren Katalogpraxis auch ungenau. Im gesamten historischen Bereich helfen solche Bibliothekskataloge nur begrenzt bei der Zuschreibung von An- onyma, bei der Identifizierung von Erstausgaben oder bei der Auflösung fingierter Druckorte. Die systematischen Kataloge sind nach den verschiedensten Klassifikationsschemata angelegt. So interessant sie häufig unter bibliothekshistorischen Gesichtspunkten sind, so wenig hilfreich erweisen sie sich bei der Verfolgung moderner Fragestellungen. Schließlich hat die Ablösung der lange für die Katalogisierung gültigen „Preußischen Instruktionen" durch die seit einigen Jahren eingeführten Regeln für die alphabetische Katalogisierung (RAK) zu ,Brüchen' in den Katalogen geführt, die die Arbeit mit ihnen erschweren. 6 Der Vergleich deutscher Bibliothekskataloge mit führenden ausländischen (besonders englischen und amerikanischen) Katalogen läßt erkennen, daß das Katalogniveau, vom Standpunkt des Benutzers betrachtet, hierzulande niedriger liegt. Das bedeutet, daß der Benutzer deutscher Bibliotheken bei einem Forschungsvorhaben, besonders im Bereich historischer Bestände, mit den eigenen Erschließungsarbeiten wesentlich früher einsetzen muß als etwa der Benutzer amerikanischer Bibliotheken, abgesehen davon, daß die lokalen Ressourcen auch in den größeren Universitätsbibliotheken hierzulande häufig vergleichsweise schmäler sind. Bei den Katalogen der Universalbibliotheken von überregionaler Bedeutung treten spezielle Schwierigkeiten auf. In der Bayerischen Staatsbibliothek gibt es einen uneingeschränkt zugänglichen „Publikumskatalog" erst für das nach 1911 erschienene Schrifttum. Der gesamte historische Bestand der Bibliothek ist nur im sogenannten „Dienstkatalog" verzeichnet, dessen älterer Teil aus einem handschriftlichen Bandkatalog und einem ebenfalls handschriftlichen und in Schachteln aufbewahrten Loseblattkatalog besteht. Aufgrund seiner Schutzbedürftigkeit ist der „Dienstkatalog" für Benutzer nur mit Sondererlaubnis zugänglich. Die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen besitzt für ihre Bestände vor 1930 nur einen bereits im achtzehnten Jahrhundert begonnenen alphabetischen Bandkatalog, der durch Kriegseinwirkungen kleinere Lük- ken aufweist. In der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz gibt wm asrj ,;Wöa ■■ mmi 67 es als Nachwirkung von Kriegsereignissen für erhebliche Teile des historischen Bestandes überhaupt keinen alphabetischen Katalog. (Der alte Realkatalog befindet sich teils in Ost-Berlin, teils in West-Berlin). Die Neukatalogisierung der historischen Bestände ist seit 1976 im Gange, neuerdings in Form von provisorischen, auf Minimalangaben beschränkten Aufnahmen. 7 Die Publikation der Kataloge einzelner Bibliotheken wird seit über einem Jahrhundert als Desiderat empfunden. Bereits 1842 drängte sich dem Germanisten und Bibliographen Ernst Wilhelm För- stemann in seiner tour d'horizon der preußischen Bibliotheken „der Wunsch auf, dass es sich in irgend einer Weise bewirken lassen möchte, gedruckte Kataloge der verschiedenen öffentlichen Bibliotheken unseres Vaterlandes zu erhalten". 8 Bislang liegt im geisteswissenschaftlichen Bereich kein gedruckter Gesamtkatalog einer deutschen Bibliothek vor. 9 Nur für Teilbereiche gibt es Verzeichnisse. 10 So ist als Ergebnis eines Förderungsprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine beträchtliche Zahl von vorzüglichen Handschriftenkatalogen erschienen. 11 Die Inkunabelkatalogisierung ist ebenfalls vorangekommen und wird mit der zu erwartenden Veröffentlichung des Inkunabelkataloges der Bayerischen Staatsbibliothek, die eine der größten Inkunabelsammlungen überhaupt beherbergt, einen Höhepunkt erreichen. 12 Ein gemeinsamer Bestandskatalog der in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel befindlichen deutschen Drucke des sechzehnten Jahrhunderts wird, mit einer voraussichtlichen Publikationsdauer von zehn Jahren, 1983 zu erscheinen beginnen. 13 Für Teile ihres Bestandes hat die Herzog August Bibliothek mit der Veröffentlichung neuer Kataloge begonnen. 14 Darüber hinaus sind (oder werden) Kataloge zu größeren Spe- zialsammlungen verfügbar, so die Kataloge der Ostasien-Sammlungen der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und der Bayerischen Staatsbibliothek. 15 Schließlich sind im Rahmen eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Erschließung von Spezialbeständen einige Kataloge zu historisch besonders wichtigen oder interessanten Sammlungen in iL!i;;il;::i:i;;;!;il;[i:;ii!iii;iÜ!li;li : : :>:HvW>::; ; : : iüliliüiiüliüLtlü i,,:; r'imSBBM 68 verschiedenen Bibliotheken in Vorbereitung 16 wie etwa ein Katalog der englischen Frühdrucke in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. 17 Insgesamt gilt jedoch für den größten Teil des historischen Bereichs, was von einem Referenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Hinblick auf die Verzeichnung von Drucken des siebzehnten Jahrhunderts festgestellt wurde: es gibt in der Bundesrepublik „ein eklatantes Mißverhältnis zwischen den Interessen und dem Bedarf der Forschung einerseits und der bibliographischen und katalogmäßigen Erschließung der in den Bibliotheken erhaltenen Buchproduktion". 18 I l.jjljij in iliii las? III Die in den fünfziger und frühen sechziger Jahren zur Verbesserung des Leihverkehrs in Hamburg, Berlin, Göttingen, Köln, Frankfurt, Stuttgart und München eingerichteten Zentralkataloge repräsentieren die nächsthöhere Ebene der Erschließung der nationalen Ressourcen. Sie umfassen für bestimmte, nicht in jedem Falle der Ländereinteilung entsprechende Bibliotheksregionen den gemeinsamen Bestand der am Leihverkehr beteiligten Bibliotheken. Als mechanische Kopien der in den einzelnen Bibliotheken vorhandenen Kataloge bilden sie eine entweder in einem einzigen oder in mehreren Alphabeten angelegte Kumulation, die als Nachweis- und Lenkungsinstrument für die regionale und überregionale Literaturversorgung dient. Für die bibliotheksinterne Benutzung konzipiert, war dieses Katalogmaterial von vornherein nicht für eine Veröffentlichung oder generelle Bereitstellung gedacht. 19 Als ein für die Forschung nutzbares Inventar zu einem größeren Literaturreservoir kommen die Zentralkataloge nur mit erheblichen Einschränkungen in Betracht, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst wird darauf verzichtet, namensgleiche Verfasser so zusammenzufassen, daß sich ein Überblick über das jeweilige oeuvre ergibt. Als eine über die elementare Katalogfunktion hinausgehende bibliographische Auskunftsquelle taugen die Zentralkataloge daher nicht. Überdies schließen die in ihnen berücksichtigten Litera- i ^^BH HG ■)■■ 69 turkategorien Materialien aus, die forschungsrelevant sein können. Schließlich wird ihre Benutzung zwar im Einzelfall ermöglicht, doch die räumliche Unterbringung der meisten Zentralkataloge ist so unzureichend, daß sie eine intensive externe Benutzung nicht zuläßt. 20 Auf eine schriftliche Auskunftserteilung größeren Stils nach dem Vorbild des früheren Berliner Auskunftsbüros sind die Zentralkataloge nicht eingerichtet. Der einzige Einblick, den der Benutzer in regional vorhandene Bestände erhalten kann, besteht auf dem Gebiet der Zeitschriftenliteratur. Hier hat - ausgelöst durch den starken Benutzungsdruck - schon relativ früh eine Neukatalogisierung begonnen. Als Ergebnis der Bemühungen, einen möglichst vollständigen Überblick über die lokal und regional verfügbare Zeitschriftenliteratur zu geben, existieren zahlreiche Einzelverzeichnisse, die in der Regel alle modernen Zeitschriften und vielfach auch die historischen enthalten. Es gibt diese Verzeichnisse für die großen Universalbibliotheken, für die meisten Universitätsbibliotheken (wo sie im Falle eines ,alten' Bibliothekssystems auch die Institutsbestände umfassen) und für Regionalbibliotheken. Es gibt sie auch für die Leihverkehrsregionen, in denen sie als Pendant zu den nicht generell zugänglichen Zentralkatalogen aufgefaßt werden können. 21 Oberhalb der durch die Zentralkatalge repräsentierten regionalen Ebene besteht keine Orientierungsmöglichkeit über das in der Bundesrepbulik vorhandene Literaturreservoir. Der einzige Vorstoß zu einem nationalen Nachweisinstrument ist bislang auf dem Gebiet der Zeitschriftenliteratur unternommen worden. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist eine nationale Zeitschriften-Datenbank im Aufbau, in die der Gesamtbestand an historischen und aktuellen Zeitschriften aufgenommen werden soll. Streckenweise sind die hier gespeicherten Katalog- Daten bereits verfügbar, und im Endstadium soll die Datenbank ihre Nachweise im on-line -Betrieb liefern. 22 Für den Bereich der Monographien, und besonders der historischen Literatur, ist ein solches nationales Nachweisinstrument weder in Vorbereitung noch in Aussicht. 23 Der ehemals Preußische Gesamtkatalog bricht bei ,BEL' ab und gibt den Besitzstand der Vor- ' • ■■'' :mm i ü I ; P I ■ V H i I ■.:Li,i,.Li\i:iiii:\\^-.u\'.'. ÜilliUliÜ iiiijii'jüiiililüüiiüilti ...■., 70 kriegszeit an. 24 Eigene Literaturrecherchen sind also für den Wissenschaftler nicht möglich. Er ist bei der Beschaffung lokal nicht erhältlicher Literatur auf eine Blindbestellung im Fernleihverkehr angewiesen. Er bestellt seine Literatur in der Erwartung, daß notfalls an sieben verschiedenen Stellen in den Zentralkatalogen eine verläßliche Ermittlung erfolgt; eine Gewißheit dafür hat er nicht. Angesichts dieser Situation ist von bibliothekarischer Seite eine Weiterentwicklung' der Zentralkataloge zu modernen, effizienten und uneingeschränkt zugänglichen Nachweisinstrumenten gefordert worden. 25 Bei der neuesten Literatur läßt sich ein schneller und unkomplizierter Zugriff auf einen größeren Literaturbestand relativ einfach erreichen. Diese Literatur wird vielerorts bereits mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung katalogisiert. 26 Die Techniken der Verbundkatalogisierung und der Ausgabe des maschinell verfügbaren Datenbestandes auf Mikrofiche sind seit längerem etabliert, so daß die auftretenden Schwierigkeiten nicht prinzipieller Art sind. Teile einzelner Zentralkataloge mit Titelmaterial neueren und neuesten Datums sind bereits in Mikroform publiziert. 27 Probleme stellen sich bei den die älteren und vor allem die historischen Bestände umfassenden Katalogteilen. Der Zustand der Zentralkataloge läßt eine bloße Reproduktion dieser Katalogteile zum Zwecke der Veröffentlichung nicht ohne weiteres zu. Das Titelmaterial, selbst bereits kopiert, ist uneinheitlich und vielfach schwer leserlich. Überdies existieren die meisten Zentralkataloge in Form einer Mehrzahl oder sogar Vielzahl von Alphabeten, die nach unterschiedlichen chronologischen und sachlichen Kriterien angelegt sind. 28 Einer Veröffentlichung müßte eine durchgreifende Sanierung und Vereinheitlichung vorausgehen. Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Sonderaktion zur Bereinigung der Zentralkataloge in den Jahren 1965 bis 1968 hat nicht den gewünschten Erfolg erbracht. 29 Zur Verfilmung der Zentralkataloge sind gleichwohl zwei Vorschläge gemacht worden. Der erste (1976) sah die separate Aufnahme jedes einzelnen Zentralkatalogs nach der Einfügung von Nachtragsalphabeten in das jeweilige Hauptalphabet vor. 30 Der pjWjWHWWlWli|iS!iIilil!iP! ■■■■■■■«IIIIIIIUHMUIIIH1 V - ,; ■'•■■■• -v 71 zweite (1978) sprach sich für die Kumulation aller Zentralkataloge in einer einzigen Sequenz aus, so daß ein solches Bestandsverzeichnis einen „Deutschen Gesamtkatalog" darstellen oder zumindest hinreichend ersetzen könnte. Die Kosten dafür wurden auf über 40 Millionen DM geschätzt. 31 Ein Konsens über Sinn und Zweckmäßigkeit der generellen Bereitstellung des gesamten in den Zentralkatalogen angesammelten Nachweismaterials (zur Zeit etwa 40 Millionen Titel) ist bisher nicht erzielt worden. Die erste Möglichkeit ist im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft geprüft und unter bibliothekarischen Gesichtspunkten als bedingt brauchbar empfohlen worden. Von einer „Förderung der Verfilmung von Teilen der Zentralkataloge mit dem Ziel ihrer überregionalen Verbreitung [wurde] grundsätzlich abgeraten", da „die Handhabung von in der Endstufe etwa 14 Instrumenten..., die nach Berichtszeit, Form, Inhalt und Ordnungsprinzipien verschieden sind..., in der Praxis der Zentralkataloge und großen Bibliotheken nahezu ausgeschlossen" erschien. Dagegen wurden von einer „Verbreitung von Mikrofiches-Katalogen in der eigenen Leihverkehrs-Region... insoweit Vorteile [erwartet], als Bestellungen in größerem Umfang gezielt an die besitzenden Bibliotheken gerichtet werden können". 32 Gesichtspunkte der wissenschaftlichen Benutzung von Katalogen blieben bei dieser Stellungnahme unberücksichtigt. Der zweite Vorschlag, der das totale Defizit von Nachweisinstrumenten auf der nationalen Ebene aufgewiesen und damit die wissenschafts- und kulturpolitische Dimension eines Inventars zum nationalen Buchbesitz sichtbar gemacht hat, 33 wurde vom Deutschen Bibliotheksverband zurückgewiesen. „Der Vorstand," so das veröffentlichte Protokoll, „verkennt nicht die kulturpolitische Bedeutung eines derart geschlossenen und weltweit verfügbaren Nachweises des in der Bundesrepublik vorhandenen Schrifttums nach dem Vorbild des National Union Catalog Pre-1956 Imprints. Doch kann der Vorstand dem Projekt nicht die Priorität zumessen, die zur Rechtfertigung der immensen Kosten des Projekts notwendig wäre. Ohne die durch den DGK [Deutschen Gesamtkatalog] erreichbare qualitative Verbesserung der Literaturversorgung (Beschleunigung, hoher Komfort) unterschätzen zu wollen, I iüili&i&l&iil üütiiiii;- ——MB— 72 1 darf die im Laufe der Zeit abnehmende Inanspruchnahme des DGK nicht übersehen werden. Außerdem wäre der DGK fast ausschließlich für den Bereich der Geisteswissenschaften von Bedeutung. Hier aber hat der durch den DGK ermöglichte schnellere und direkte Zugriff auf Bestandsnachweise nicht den hohen Stellenwert wie im Bereich der Naturwissenschaften und Technik.'^ IV iw Die Situation in der Bundesrepublik gibt sich am besten im internationalen Vergleich zu erkennen. In England steht in der British Library, London, als Präsenzbestand ein Literaturreservoir zur Verfügung, das größer ist als der gemeinsame Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek, der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und der Göttinger Bibliothek. 35 Es ist durch „den weitaus bedeutendsten aller Kataloge, der je gedruckt worden ist" erschlossen (Georg Leyh). 36 Der National Union Catalog der Vereinigten Staaten erschließt ein noch umfangreicheres Reservoir. Beide Kataloge werden zusammen mit dem Katalog der Biblio- theque Nationale zum Zwecke jener virtuellen Literaturrecherche benutzt, die inzwischen ein fester Bestandteil der bibliothekarischen und wissenschaftlichen Routine in der Bundesrepublik ist. In Minutenschnelle läßt sich ermitteln, ob ein deutsches oder ausländisches Buch, das einem historischen oder modernen Bestand zugehört, in Paris, London, Houston oder Los Angeles steht. Aber es gibt keine Möglichkeit, in München herauszufinden, ob es in Göttingen vorhanden ist, oder in Kiel zu ermitteln, ob die Stuttgarter Bibliothek es besitzt. Daß es möglicherweise in der Nachbarbibliothek steht, erfährt der Suchende häufig erst nach Wochen oder Monaten. WBSm WS*****:!«*:/ 3. Ein überlastetes Versorgungsnetz Die Mitteilung von der Einrichtung des gesamtdeutschen Leihverkehrs entlockte dem Leiter einer dieser [englischen] Bibliotheken den aus ehrlichem Erstaunen und einer gewissen Sorge gemischten Ausruf: „Gracious me!" - wie kann man so etwas machen! Rudolf Juchhoff(1925) I Der Literaturversorgung in der Bundesrepublik liegt eine Theorie der Subsidiarität zugrunde, die in ihren Grundzügen bereits auf die Anfänge des kompensatorischen Leihverkehrs zurückgeht. 1 Danach wird der Literaturbedarf in einen „Grundbedarf" und einen „Spitzenbedarf" eingeteilt. Als Grundbedarf gilt die deutsche wissenschaftliche Literatur und die unerläßliche wissenschaftliche Literatur des Auslandes, als Spitzenbedarf die ausländische Spe- zialliteratur. Den Grundbedarf sollen die örtlichen wissenschaftlichen Bibliotheken decken; der Spitzenbedarf wird in Sammelschwerpunkten konzentriert erworben und steht dort zur Ergänzung der lokalen Ressourcen bereit. Der örtliche Bestandsaufbau und der Bestandsaufbau in den Sammelschwerpunkten sollen sich so ergänzen, daß auf nationaler Ebene ein gleicherweise lückenloses wie überschneidungsfreies Literaturkontinuum entsteht. Die Praxis der Literaturversorgung entspricht dieser Theorie nicht, und das Maß der Divergenz ist durch den stetigen Anstieg der Fernleihe im gesamten Bundesgebiet gegeben. Das Volumen des örtlich nicht zu deckenden Literaturbedarfs betrug 1975 1,7 Millionen Titel, 1980 2,3 Millionen Titel. 2 Dieser Steigerung von 35 Prozent 3 steht in der Mehrzahl der wissenschaftlichen Bibliotheken eine weit geringere Zuwachsrate der Ortsbenutzung gegenüber. 4 Die Literaturnachfrage beansprucht also zunehmend den empfindlichsten und anfälligsten Teil des Versorgungssystems, und die ver- M BflflMflflfl^HHBBflHfl88Bfli ■■■IHHBMi 74 breiteten Klagen über die Dysfunktionen des Leihverkehrs zeigen an, daß er weit über seine Belastbarkeit hinaus beansprucht wird. In den Anfängen des preußischen Leihverkehrs wurden Wartefristen von sechs bis acht Tagen als „unerträglich lang" angesehen. 5 In einem solchen Zeitraum wird heute eine Leihverkehrsbestellung nur noch in besonders günstigen Ausnahmefällen erledigt. Die ,normale' Wartezeit liegt nach verbreiteten Benutzererfahrungen um drei Wochen, nicht selten erheblich darüber. Ende 1973 gaben sechzig Prozent der an fünf Universitäten befragten Fernleihbenutzer an, die erbetene Literatur erst nach vier oder mehr Wochen erhalten zu haben. 6 Der Erfolg von Fernleihbestellungen ist in doppelter Hinsicht ungewiß. Einmal kann die angeforderte Literatur zu spät eintreffen, um noch von Nutzen zu sein. Das war bei 42 Prozent des befragten Bestellerkreises der Fall. 7 Umgerechnet auf die Zahlen von 1980 wäre damit fast eine Million Bestellungen zwar positiv erledigt, aber nutzlos ausgeführt. 8 Zum anderen kann die Bestellung überhaupt ergebnislos sein. Die Mitteilung, daß ein Titel nicht nachweisbar sei, erreicht den Besteller häufig erst nach Monaten, manchmal nach Jahresfrist. 9 Im Extremfall erhält er weder die gewünschte Literatur noch einen negativen Bescheid. Bereits 1973 gingen, bei steigender Tendenz, fünf Prozent aller Bestellungen ,verloren': 10 Ausfallserscheinungen in einem überlasteten System. Das Problem des auswärtigen Leihverkehrs wird allenthalben als ein bibliothekstechnisches Problem betrachtet, das durch verbesserte technische Lösungen zu bewältigen sei. So erwartete bereits der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zum Ausbau der wissenschaftlichen Bibliotheken (1964), daß der „früher als vorbildlich angesehene" und nunmehr „wegen der langen Wartefristen viel kritisierte" Leihverkehr durch organisatorische Vorkehrungen in den Bibliotheken so zu beschleunigen sei, daß der Benutzer hinreichend schnell bedient werden könne. 11 Im Bibliothekswesen selbst richtet sich die Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die Umlaufs- und Bearbeitungsverfahren. 12 In den Bibliotheken selbst, und das ist rückhaltlos anzuerkennen, wird viel Mühe darauf verwendet, durch geeigneten Personaleinsatz und rationelle Gestaltung von Arbeitsabläufen den Leihprozeß zu beschleunigen. 13 täSSSP ES HBBflHHBPHWPfflmfflüWl 75 Die Bemühungen haben bislang über Detailverbesserungen hinaus keinen wirklichen Erfolg gehabt. 14 Die seit Jahrzehnten angestrebte und dem Benutzer in Aussicht gestellte Effizienz des Leihverkehrs ist, gemessen an den Erfordernissen des Wissenschaftsbetriebs, nicht erreicht worden. Ein weiteres Ansteigen der Fernleihlawine wird überall erwartet, 15 und damit ist - vor allem wegen der stagnierenden oder sogar gekürzten Pesonalhaushalte - eine weitere Verschlechterung der Literaturversorgung zu erwarten. In der Folge schwindet die Hoffnung, daß sich die inzwischen „tragende Funktion" 16 des Leihverkehrs in der Literaturversorgung der Bundesrepublik je wieder in jene akzidentelle Funktion zurückverwandeln könnte, die für ihn ursprünglich vorgesehen war. II Die Überlastung des Leihverkehrs hat zunächst wissenschaftliche Ursachen. Die Theorie der Bestandsergänzung führt zu strukturellen Inkongruenzen zwischen Literaturbedarf und Literaturversorgung. Die Unterscheidung zwischen Grundbedarf und Spitzenbedarf setzt eine ,klassische' Forschungssituation voraus, wie sie noch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gegeben war. In dieser Situation spielt sich, speziell in den Geisteswissenschaften, die Forschung vornehmlich in einem nationalen Kontext ab, so daß die nationale Forschungsliteratur zusammen mit der unerläßlichen' Forschungsliteratur des Auslandes eine zureichende Arbeitsgrundlage abgeben kann. Diese überall in Europa zu beobachtende intellektuelle Autarkie des Wissenschaftsbetriebs brach um die Jahrhundertwende auf und machte damals schlagartig die Unterversorgung der deutschen Forschung mit ausländischer Literatur sichtbar. 17 Das Kennzeichen des modernen Wissenschaftsbetriebs ist eine uneingeschränkte Internationalität, in der die nationale Herkunft von Forschungsergebnissen, und damit von wissenschaftlichem Schrifttum, keine Rolle mehr spielt. Auch die führenden Wissenschaftsnationen sind auf einen solchen Austausch angewiesen, wiewohl es im anglo-amerikanischen Bereich noch immer Tendenzen zur Selbstgenügsamkeit gibt. 18 Sofern nicht Sprachbarrieren Tl ■ 1 v;v .'■;::„:.;:;■' I fflüU HUttBfflB ■ 76 I | - ii" die Verbreitung beeinträchtigen, zählen nur Qualität und Aktualität. Jenseits des Selbstverständlichen fällt damit die Entscheidung über Grundbedarf und Spitzenbedarf nurmehr in der konkreten Forschungssituation. Je spezieller die Forschung wird - und jede Forschung ist Spezialforschung - desto eher verwandelt sich der vermeintliche Spitzenbedarf in einen unvorhersehbaren Grundbedarf, der über den auswärtigen Leihverkehr beschafft werden muß. Aus dieser prinzipiellen Nichtabgrenzbarkeit dürfte sich umgekehrt auch die überraschend hohe Nachfrage nach deutschen Publikationen im Leihverkehr erklären. 19 Zur Internationalität kommt die Interdisziplinarität. Die selbständige Disziplin als intellektuelle und organisatorische Grundeinheit der Forschung war ein Ergebnis der Professionalisierung und Spezialisierung der Wissenschaft im neunzehnten Jahrhundert. Die Abgrenzung überschaubarer Teilgebiete bedeutete eine klare Kompetenzzuweisung, so daß die Rahmenbedingungen der Forschung vorgegeben waren. Innerhalb der Disziplinen waren die Literaturbedürfnisse homogen, und der Literaturbedarf der Forschung setzte sich aus einem Aggregat von klar definierbaren Einzelbedürfnissen zusammen. Die ursprüngliche Einrichtung von Sammelschwerpunkten trug dieser Situation Rechnung. 20 iiiij II Moderne Fragestellungen greifen fast immer über die herkömmlichen Disziplinen hinaus, und zahlreiche Arbeitsgebiete, von der Literaturpsychologie bis zur Sozialgeschichte, implizieren in mehrfacher Hinsicht Grenzüberschreitungen. Auch bei einem Fortbestehen von traditionellen Organisationsformen verlieren damit die Demarkationslinien des neunzehnten Jahrhunderts ihre Einteilungskraft. Die Literaturbedürfnisse in der heutigen Forschungssituation können nur durch die Anlage genügend großflächiger Reservoire mit zureichender Schnelligkeit gedeckt werden. m Die Geisteswissenschaften sind schließlich, wie bereits angedeutet, auf ein Literaturkontinuum angewiesen, in dem sich historische Bestände und moderne Sekundärliteratur zu einer Einheit verbinden. Daraus resultiert ein spezifischer Bedarf an ,älterer' Literatur. Stichproben zufolge macht zur Zeit der Anteil der vor 1945 erschienenen Literatur mehr als 38 Prozent des Leihverkehrsauf- 77 §Mm.4 RH kommens aus. Jeder sechste von auswärts angeforderte Titel ist vor 1900 erschienen. 21 Auf diesen Bedarfssektor, der eine Größenordnung zwischen einem Drittel und zwei Fünfteln aufweist, ist das aus dem preußischen Leihverkehr herausentwickelte Subsidiari- tätsschema von vornherein nicht anwendbar. Von Ausnahmen abgesehen, gibt es für diese frühe Literatur keine Sammelschwerpunkte. Hier wird deutlich, wie schwierig auf seiten der Forschung und wie aufwendig auf seiten der Bibliothek die Literaturbeschaffung in der Bundesrepublik ist. III Für die Überlastung des Leihverkehrssystems gibt es zudem mindestens zwei bibliothekspolitische Gründe. Einer ist die Heranziehung des Leihverkehrs zur Überwindung der Aufbauschwierigkeiten in den Bibliotheken der zahlreichen in den sechziger und siebziger Jahren neu gegründeten Universitäten und Gesamthochschulen. 22 Die Ausstattung dieser vielfach unter Zeitdruck errichteten Bibliotheken beschränkte sich in der Regel auf jene neuere Literatur, die nur einen Teil des geisteswissenschaftlichen und häufig auch des sozialwissenschaftlichen Literaturbedarfs ausmacht. Die Konzentration von Lehrpersonal und Studierenden in literaturintensiven Fächern führte zwangsläufig zu einer erhöhten Inanspruchnahme des regionalen und überregionalen Leihverkehrs, der damit auf eine in seiner Konstruktion nicht vorgesehene Weise zur Deckung des an zahlreichen Stellen auftretenden und örtlich nicht zu befriedigenden ,Grundbedarfs' benutzt wurde. In einigen Fällen hat sich diese besondere Form der Partizipation am Leihverkehr in den letzten Jahren normalisiert, in anderen ist der Druck auf den Leihverkehr überproportional angestiegen. 23 Der zweite Grund ist die Überlagerung des ursprünglich für die Zwecke der Forschungsförderung aufgebauten Versorgungsnetzes durch ein zweites Versorgungsnetz, dessen Absicht eine möglichst breite Streuung des nationalen Buchbesitzes ist. Die erste Erweiterung des Leihverkehrs fällt in die Ära Althoff und bestand in der Einbeziehung der Bibliotheken der höheren Lehranstalten. 24 Das Ziel war eine möglichst umfassende Literaturversorgung unter II flflfiflUUBflflSHfli 78 >i Einsatz möglichst geringer Mittel. Die weitere Geschichte des Leihverkehrs ist durch eine in mehreren Stufen erfolgte Ausdehnung des Verbundes auf eine immer größere Zahl von Bibliotheken charakterisiert. Die letztmögliche Ausweitung brachte der von der Deutschen Bibliothekskonferenz entworfene Bibliotheksplan '73 mit der Forderung, daß „Literatur aller Art... für jedermann an jedem Ort erreichbar" zu sein habe. 25 Der Gedanke war bereits in der Leihverkehrsordnung von 1966 impliziert, und er liegt auch der neuen Leihverkehrsordnung von 1979 zugrunde. Damit ist eine Regelung intendiert, nach der im Prinzip jede Bibliothek jede andere als Leihbibliothek zur Schließung ihrer eigenen Bestandslücken behandeln kann. llji Bei dieser universellen Anwendung des Subsidiaritätsprinzips werden Bibliotheken unterschiedlicher Leistungsfähigkeit zusammengeschlossen. In Größe und Bestandsqualität bestehen zwischen den Bibliotheken der Bundesrepublik vielfache Abstufungen, die ebenso das Ergebnis bibliothekspolitischer Entscheidungen wie historischer Wachstumsprozesse sind. Dies gilt für die öffentlichen Bibliotheken wie für die wissenschaftlichen Universalbibliotheken, die trotz einer gemeinsamen Ausrichtung nicht alle in gleicher Weise für ihre Aufgaben ausgestattet sind. Die Möglichkeit des allseitigen Zugriffs auf den nationalen Buchbestand führt nicht nur zur gegenseitigen Aushilfe zwischen gleichgewichtigen Partnern. Sie führt auch zur Überbeanspruchung der großen Bibliotheken und damit zur Einschränkung ihrer Leistungsfähigkeit, ohne daß die nehmenden Bibliotheken dadurch eine erhebliche Mehrleistung erbringen. In Maßen ist dieses Mißverhältnis intendierter Bestandteil des Systems: Sammelschwerpunkte sind für erhöhte Literaturabgabe konzipiert. In dem zutage tretenden Umfang muß es jedoch als unbeabsichtigte Nebenwirkung angesehen werden, die das System gerade an seinen stärksten Stellen zum Schaden des Ganzen schwächt. I '•; '■ Rund 30 Prozent des Leihverkehrsaufkommens unter rund achtzig Bibliotheken werden von vier Bibliotheken erbracht; rund 44 Prozent von acht Bibliotheken. Zur ersten Gruppe gehören (in der Reihenfolge der Belastung) die Göttinger Bibliothek, die Bayerische 79 Staatsbibliothek, die Frankfurter Bibliothek und die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz; zur zweiten noch die Landesbibliothek Stuttgart und die Universitätsbibliotheken in Köln, Bonn und Saarbrücken. 26 Sieben der acht Bibliotheken sind Sonder- sammelgebiets-Bibliotheken der Deutschen Forschungsgemeinschaft, aber schon die Bibliothek mit dem fünftgrößten Aufkommen (Stuttgart) gehört nicht dazu. Die Grenzen zwischen Sondersam- melgebiets-Bibliothek zur Deckung eines wissenschaftlichen „Spitzenbedarfs" und genereller nationaler Ausleihbibliothek sind also fließend. Jedes Jahr wird eine dem Gesamtbestand einer gut ausgestatteten Universitätsbibliothek äquivalente Buchmenge aus den Regalen genommen, durch die Lande geschickt und wieder in die Regale zurückgestellt. Bei den besonders belasteten Bibliotheken macht die Fernleihe mehr als ein Drittel ihrer Ortsbenutzung aus. Gemessen an der Aufgabe dieser Bibliotheken stellt dies nicht nur eine Überlastung dar, sondern auch eine erhebliche Reduktion ihres Leistungspotentials und damit eine Nivellierung in der Spitzengruppe der Bibliotheken. Ist es sinnvoll, gerade bei den großen Universalbibliotheken die Einschränkung ihrer Brauchbarkeit am Ort zum Maßstab ihrer Effizienz zu machen? ■ i in ■ ■ r ___ liiliiiiiMiiiiiiliiiiiiiii SfSJ:Bv?:Ky: ffMHM—l 4. Der Rückzug in die Region 1 «I Deutschland kann stolz daraufsein, einen grossen Reichtum wie an Universitäten, so auch an Bibliotheken mittleren Ranges aufzuweisen. Sie geben die Möglichkeit, auch an kleineren Orten wissenschaftlich zu arbeiten, und an ihrem Teile haben sie dazu beigetragen, dass bei uns die Zentralisation des geistigen Lebens vermieden, der Begriff der stumpfen Provinz unbekannt ist. Adalbert von Roquette (1902) I Das wissenschaftliche Bibliothekswesen in der Bundesrepublik ist in eine föderalistische Verfassungsstruktur eingebunden, die den einzelnen Bundesländern die „Kulturhoheit" und somit eine primäre legislative und administrative Zuständigkeit für Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen überträgt. Die für die geisteswissenschaftliche Forschung bedeutsamen Bibliotheken - die Hochschulbibliotheken und die allgemeinen Universalbibliotheken - sind daher (mit Ausnahme der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz) 1 in erster Linie eine Angelegenheit der einzelnen Länder. Sie bleiben dies auch ungeachtet der vertraglichen Vereinbarungen, die zwischen den Ländern und zwischen Bund und Ländern zum Zwecke einer Kooperation in der Forschungsförderung getroffen worden sind. 2 Der verfassungsrechtlichen Anerkennung des Regionalprinzips, mit der die historisch gewachsene Vielfalt des deutschen Kulturraumes respektiert werden soll und auch zu Recht respektiert wird, steht die Tatsache gegenüber, daß der moderne Forschungsbetrieb in den Geisteswissenschaften Ressourcen voraussetzt, die nicht mehr auf regionaler, sondern nur noch auf nationaler und gelegentlich sogar auf internationaler Ebene geboten werden können. Daraus ergibt sich automatisch ein Spannungsverhältnis, das nicht ausgeglichen, ;.'■■:'■ i'/ PS«»? 81 sondern nur durch eine Prioritätensetzung aufgelöst werden kann. Entweder räumt man den regionalen Verpflichtungen einen Vorrang vor den (die regionalen Ressourcen in der Regel übersteigenden) Anforderungen der Wissenschaft ein; oder man befriedigt die wissenschaftlichen Literaturbedürfnisse, welcher Art sie auch sind, unter Zurücksetzung anderer regional auftretender und auch regional zu befriedigender Ansprüche an die Literaturversorgung. >^ } H&4 ^ ■ ii Die dezentrale Lösung, die beim Wiederaufbau des westdeutschen Bibliothekswesens nach dem Zweiten Weltkrieg für die Sammlung forschungsrelevanter Literatur gewählt wurde, gibt eine anti-zen- tralistische Akzentsetzung zu erkennen. 3 Die im Rückblick weithin willkürlich anmutende Streuung von Sammelstellen läßt sich aus dem Zerfall des zumindest tendenziell zentralistischen Systems erklären, wie es sich unter preußischer Dominanz in den ersten Dezennien dieses Jahrhunderts ausgebildet hatte. Sie stellte in dieser Form noch keine Etablierung des Regionalprinzips dar, schuf aber eine Prädisposition für nachfolgende regionalistische Tendenzen. Der Begriff „Bibliotheksregion" kam um die Mitte der fünfziger Jahre in Umlauf. 4 Obwohl dabei zunächst an überschaubare Gebietseinheiten gedacht war, gewann die Region als Orientierungsmodell rasch an Bedeutung. Mit der Einrichtung der regionalen Zentralkataloge entstanden die in den meisten Fällen mit den Bundesländern identischen "Leihverkehrsregionen", und durch sie verfestigte sich das regionale Denken in der täglichen Bibliothekspraxis. Neben ihrer Aufgabe in der Literaturversorgung erfüllten die Regionalkataloge eine wichtige ideologische Funktion. Sie traten an die Stelle des ehemaligen preußischen Gesamtkatalogs, der vielfach in den Bibliotheken ebenso als technische wie als politische Belastung empfunden worden war. 5 Mit der Einführung des Regionalbegriffs verband sich eine folgenreiche Änderung. Die Auffassung, daß es eine primäre Funktionszusammengehörigkeit von Bibliotheken gebe, wurde abgelöst Wi m 1 «üsä 8* """""UHMlMHrfl HBiMHIM 82 1 I I durch die Auffassung, daß die Bibliotheken primär durch ihre Regionalzusammengehörigkeit miteinander verbunden seien. Die ältere Ansicht von der Funktionszusammengehörigkeit ordnete die Bibliotheken nach Maßgabe ihrer Aufgaben einander zu. So wurde zwischen örtlich auseinanderliegenden wissenschaftlichen Bibliotheken ein engerer Zusammenhang gesehen als zwischen benachbarten wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken. Das ursprüngliche Konzept des preußischen Leihverkehrs, das eine Aushilfe nur zwischen der Königlichen Bibliothek und den Universitätsbibliotheken vorsah, war darauf abgestellt. Die neuere Auffassung stellte die Raumeinheit über die Funktionseinheit. Sie entspricht der Kulturhoheit der Länder. Pointierten Ausdruck fand sie im Bibliotheksplan '73, dessen Ordnungsvorstellung die eines umfassenden und ,flächendeckenden' Bibliotheksnetzes für die Bundesrepublik ist. 6 Beratungsgremien für die Bibliotheksentwicklung gibt es in dieser oder jener Form der Institutionalisierung in allen Bundesländern. Teilweise wurden diese Beiräte schon in den späten vierziger Jahren eingesetzt, so in Niedersachsen und in Rheinland-Pfalz. In den sechziger und siebziger Jahren sind in der Mehrzahl der Bundesländer Bibliotheksentwicklungspläne aufgestellt worden - stets unter strikter Beschränkung auf die Region. Auch der Bibliotheksplan '73 gehört als nationaler Regionalplan in diesen Kontext. ^m V Die Wichtigkeit bibliothekarischer Regionalplanung steht außer Frage, da die regionale Literaturversorgung zahlreiche Aufgaben hat. Auch sind im Zuge der regionalen Bibliothekspolitik der Nachkriegszeit die meisten Regionalbibliotheken wieder zu wirkungsfähigen Institutionen geworden, und ihre Wiederbelebung gehört zu den erfreulichen Kapiteln der jüngsten deutschen Bibliotheksgeschichte. 7 Ob die Regionalbibliotheken allerdings ihre frühere Bedeutung voll zurückgewinnen werden, wird in Bibliothekskreisen unterschiedlich beurteilt. 8 Dieser intensiven Regionalplanung steht keine vergleichbare Planung auf nationaler Ebene gegenüber. Entsprechende Instanzen sind wenig ausgeprägt und vor allem nicht mit den notwendigen Kompetenzen ausgestattet. Für den preußischen Beirat für Bi- I . ■■. . wÄteiwffiSM 83 bliotheksangelegenheiten, der Weisungsbefugnisse hatte, gibt es keine Nachfolgeinstitution. Der Wissenschaftsrat kann nur Empfehlungen aussprechen, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft kann nur über Förderungsmaßnahmen Einfluß auf die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens nehmen. Unter solchen Voraussetzungen kann eine nationale Bibliothekspolitik in der Bundesrepublik nicht in ursprünglicher, sondern nur in abgeleiteter Form betrieben werden. Alles Nationale kann sich nur als Aggregat von Regionalem ergeben. Die überall eingeführte Bezeichnung „überregionale Literaturversorgung" verdeutlicht den sekundären Charakter dessen, was oberhalb der regionalen Ebene liegt. Wie wenig eine aus einem nationalen Zentrum hervorgehende Bibliothekspolitik in der Bundesrepublik vorstellbar ist, zeigt die Ansprache des damaligen Bundespräsidenten zur Einweihung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. 9 ■ ■ ■ III Zu einer akuten Gefahr für die Literaturversorgung der Forschung wird der Regionalismus in Kombination mit der elektronischen Datenverarbeitung. Seit die erste Datenverarbeitungsanlage im Jahre 1965 in einer westdeutschen Bibliothek installiert wurde, haben sich fast überall zentrifugale Tendenzen bemerkbar gemacht. Durch einen unkoordinierten Einsatz von Datenverarbeitungsanlagen im lokalen Bereich, großenteils in Form sogenannter „Pilot- Projekte", kam es, wie von bibliothekarischer Seite festgestellt worden ist, zu einer „heillosen Zersplitterung der EDV-Aktivitäten in den deutschen Bibliotheken". Planung und Anwendung der elektronischen Datenverarbeitung wurden hier vorrangig durch „traditionelle Autonomievorstellungen" und nicht durch die „Bereitschaft zu umfassender Zusammenarbeit" bestimmt. 10 Auf der regionalen Ebene ist die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung ebenfalls sukzessive und unkoordiniert erfolgt. Hier geht es vor allem um Aufgaben wie die kooperative Katalogisierung und die Einführung von Verbundkatalogen, die der Erschließung eines größeren Literaturreservoirs dienen. Bei der &m HS ■ SRI ü 84 Auswahl und Installierung von Systemen haben sich die einzelnen Länder in erster Linie von landesinternen Gesichtspunkten leiten lassen. jj || II ü In Erkenntnis der Tatsache, daß „ein einziges nationales Verbundsystem unter den gegebenen politischen, rechtlichen, technischen und organisatorischen Voraussetzungen nicht sinnvoll realisiert werden kann", hat der Bibliotheksausschuß der Deutschen Forschungsgemeinschaft den Aufbau regionaler Verbundsysteme und die Einrichtung regionaler Bibliothekszentren empfohlen. Dies geschah in der Absicht, für die bereits laufenden Entwicklungen und vor allem für künftige Planungen eine möglichst weitgehende Vereinheitlichung zu erreichen. Die Funktion der Empfehlungen wird als die eines „grundsätzlichen Orientierungsrahmens" gesehen." Unter technischen und organisatorischen Gesichtspunkten hat sich die Bildung kleinerer Einheiten als sinnvoll erwiesen, und auch im Ausland sind dezentrale Lösungen angestrebt worden. Ob die Dezentralisierung auch in Zukunft das sinnvollste Verfahren ist, gilt jedoch unter Experten als eine offene Frage. So könnte die in Gang befindliche Regionalisierung in der Bundesrepublik ein unter pragmatischen Gesichtspunkten begrüßenswerter Schritt zur Modernisierung der Literaturversorgung sein - wenn gleichzeitig sichergestellt wäre, daß ein Zusammenschluß der regionalen Systeme ein funktionsfähiges Ganzes ergäbe. Aber eben dies muß als fraglich gelten. Schon 1976 stand „angesichts der durch die föderative Konstitution der BRD vorgegebenen Strukturen und der dadurch bestimmten bisherigen Entwicklung außer Zweifel ..., daß die Regionen - seien es die Länder oder die Leihverkehrsregionen - die Hauptbezugsebene für alle weiteren Planungen und Entwicklungen" sein würden. 12 Seither hat sich die Situation verschärft. Selbst wenn sich die technischen Möglichkeiten des Zusammenschlusses von Systemen, die noch vor einiger Zeit als inkompatibel galten, verbessert haben, ist in den politischen Voraussetzungen für die Zusammenfassung der regionalen Verbünde zu einem nationalen Verbund eher eine Verschlechterung eingetreten. w - v . ■ üjnmäfftink m BTfflffVi aRg^Ä 85 In der Schulpolitik wie in der Hochschulpolitik wird seit einiger Zeit ein Rückzug in die Region erkennbar. Fast überall treffen die Länder Entscheidungen, die ausschließlich „im Landesinteresse" liegen. Das gilt für die Gestaltung des Schulwesens wie für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, für die Strukturierung des Hochschulbereichs wie für die Unterstützung von Forschungsvorhaben. Unter den Prämissen der Sparpolitik schlagen die Grundsätze eines gesunden Föderalismus in protektionistische Maßnahmen um, wie sie sonst nur aus nationalstaatlichem Verhalten bekannt sind. Die Gefahr, daß die Bibliothekspolitik in den Sog dieser Entwicklungen gerät, ist groß. Mancherorts ist die Literaturversorgung schon so weitgehend regionalisiert, daß der Leihverkehr, der als „kooperative" Leistung der von den Ländern unterhaltenen Bibliotheken gilt, davon beeinträchtigt wird. Mehr noch: neu errichtete Regionale Bibliothekszentren werden als rein landesinterne Service-Einrichtungen aufgefaßt und ausgestattet. Bereits in wenigen Jahren werden zumindest in einigen Bundesländern die regionalen Verbundsysteme so weit ausgebaut sein, daß auch kleinere Bibliotheken mit den großen wissenschaftlichen Bibliotheken der Region in direkter Verbindung stehen. On-line- Recherchen und Fernbestellungen vereinfachen sich damit, so daß wirkliche Verbesserungen in der Literaturversorgung eintreten. Sie kommen allen Bibliotheksbenutzern der Region zugute, doch die größten Vorteile bieten sich dort, wo sie voraussichtlich nicht am dringendsten benötigt werden: beim Zugriff auf die Bestände einer großen wissenschaftlichen Bibliothek von einer Außenposition her. Pointiert gesagt: der Hobby-Leser auf dem flachen Lande könnte eine komfortablere Literaturversorgung haben als der Wissenschaftler, dessen Literaturbedürfnisse nicht in der Region zu befriedigen sind. I m JSss mm m m Die Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft sehen vor, daß die Regionalen Bibliothekszentren miteinander kooperieren. Das „Ziel der angestrebten Kooperation ist es, dem Benutzer die Möglichkeit zu bieten, seinen Bedarf an fachlicher Information und an Nachweisen über die Verfügbarkeit der benötigten Literatur HÖH IM mm :::: L_ 86 möglichst an einer Stelle und aus einer Hand zu decken". 13 Über Absichtserklärungen hinaus gibt es bislang keine konkreten Maßnahmen zur Verwirklichung einer solchen Zusammenarbeit. Die Verwendung unterschiedlicher Systeme und die Konzentration auf die Region als verbindliche Einheit muß den wissenschaftlichen Benutzer, der auf die Erschließung größtmöglicher Ressourcen angewiesen ist, befürchten lassen, daß die künftigen Verbundsysteme lediglich elektronische Versionen der bestehenden regionalen Zentralkataloge darstellen werden. I Der Aufbau der Zeitschriftendatenbank läßt erkennen, wie schwierig und aufwendig die Realisierung eines nationalen Nachweisinstruments in der Bundesrepublik unter den Bedingungen des politischen und kulturellen Föderalismus ist. Bis zur Fertigstellung der regionalen Verbundsysteme werden nach Ansicht von Fachleuten mindestens zehn Jahre vergehen. Welche Aufwendungen dann für einen nationalen Zusammenschluß dieser Systeme erforderlich sind, ist nicht abzuschätzen. Doch zeichnet sich schon jetzt die Gefahr ab, daß dieser Zusammenschluß nicht erfolgt, weil er aus politischen, technischen und finanziellen Gründen nicht erfolgen kann. Daß es arme und reiche Bibliotheksregionen in der Bundesrepublik gibt, ist dabei weniger ein Problem, als daß die bibliothekarische Selbständigkeit der Region in die geistige Selbstgenügsamkeit der Provinz umschlagen kann. giüfeäS 5. Defizitäre Voraussetzungen - defizitäre Forschung? I Über die Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaftsinstitution und Forschungsleistung ist wenig bekannt, und es ist fraglich, ob es darüber allgemeinverbindliche Erkenntnisse geben kann. Die unter der Bezeichnung „Forschungsmessung" seit einiger Zeit unternommenen Versuche, Tätigkeit und Leistung des Forschers quantifizierbar zu machen, erhellen diese Zusammenhänge nicht. Sie beschränken sich auf den Entwurf von Maßstäben für den Vergleich individueller Leistungen. 1 Die Frage, wie die möglichen oder notwendigen institutionellen Voraussetzungen für Forschungsleistungen auszusehen haben, wird in der Regel nicht gestellt. 2 Die gängige Auffassung vom Verhältnis zwischen Forscher und Institution ist die vom Primat der wissenschaftlichen Persönlichkeit. Orientiert an jenen Beispielen aus der Wissenschaftsgeschichte, in denen sich der Erfolg des Forschers auch unter widrigen institutionellen Gegebenheiten eingestellt hat, postuliert sie die Unabhängigkeit des Forschers von der Institution: Wer als Forscher begabt ist, kommt auch ohne eine ihn tragende Institution zum Ziel. Selbst wenn daran im Einzelfall etwas Richtiges sein sollte, wird übersehen, daß es mehr Beispiele für das Gegenteil gibt: den wissenschaftlichen Erfolg als Ergebnis eines Zusammenspiels von Person und Institution. Im Idealfall, und das bezeichnet die Gegenposition, übt die Institution sogar einen förderlichen Druck auf den Forscher aus: Sie provoziert ihn zu besonderen Leistungen. Es geht hier nicht um das gesamte Spektrum dieser Wechselbeziehungen. Ich möchte vor dem Hintergrund der Gegenwartsprobleme des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik nur andeuten, daß infolge defizitärer institutioneller Voraussetzungen Minderleistungen auftreten können, die wahrnehmbar, wenn auch nicht direkt ,meßbar' sind. wm 88 II ;,,;. Unabhängig von Umfang und Qualität der Bestände in der einzelnen Bibliothek wird die spezielle Literatur für den Forschungsbedarf in der Bundesrepublik durch ein System von Sam- melschwerpunkten bereitgestellt, dessen theoretische Fundierung das einzelne Fach oder die einzelne Disziplin ist. So etwa die Sammelschwerpunkte für Geschichte (Bayerische Staatsbibliothek München) oder Romanistik (Universitätsbibliothek Bonn) oder Philosophie (Universitätsbibliothek Erlangen). Über weite Strecken entspricht dieses System dem herkömmlichen Fächerkanon des akademischen Lehrbetriebs, ein Umstand, der es zusätzlich pragmatisch sanktioniert. Für den Wissenschaftler existiert ein einfacher Bezug zu diesem System, solange er sich innerhalb der - wie immer definierten - Grenzen der entsprechenden Fächer oder Disziplinen bewegt. Durch die Wissenschaftsfürsorge der Sondersammelgebiets-Biblio- theken, wie sie etwa in der Zusammenstellung von fachbezogenen current awareness -Diensten zum Ausdruck kommt, entstehen vielfältige institutionelle wie auch persönliche Beziehungen zwischen Forschung und Bibliothek. Eine solche Koppelung von Beschaffungsstrukturen und möglichen Forschungsaktivitäten hat also, wie sich an verschiedenen Beispielen erweist, durchaus positive Aspekte. Nicht zuletzt läßt die Nachahmung des deutschen Systems im Ausland dies erkennen. 3 Aus der Gegenperspektive zeigen sich auch negative Aspekte. Die deutlich markierten Fachgrenzen des Systems können dort Leitlinien vorgeben, wo im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts eine wenig scharfe Profilierung erwünscht sein muß. Diesen Nachteil bringt jede konventionelle Systematik mit sich. Es gibt Entsprechendes innerhalb einzelner Fächer und Disziplinen. Hier begünstigt etwa die Systematik von Standard-Nachschlagewerken eine Schematik der Gegenstandsbetrachtung, die einen erkenntnishemmenden Einfluß haben kann. 4 Die Auswirkungen des Literaturversorgungssystems in der Bundesrepublik auf einzelne Forschungsprojekte sind naturgemäß nicht IMWII mm 89 einfach zu beurteilen. Generell dürfte jedoch zutreffen, daß Vorhaben, die innerhalb konventioneller Fachgrenzen liegen, eine bessere institutionelle Unterstützung erfahren als grenzüberschreitende. Die fachliche Aufteilung bringt zwangsläufig einen Bestandsaufbau mit sich, der von einem ,Zentrum' her erfolgt, und je näher ein Vorhaben dem ,Kernbereich' des jeweiligen Bestandes steht, desto größer ist die Chance einer adäquaten Literaturversorgung - sei es in der Präsenzbenutzung einer Sondersammel- gebiets-Bibliothek oder, neuerdings, über die Direktbestellung im auswärtigen Leihverkehr. Jede Distanz zu einem fachlichen ,Zentrum' vergrößert die Schwierigkeiten der Informations- und Literaturbeschaffung. Das gilt bereits für Vorhaben, die im herkömmlichen Sinne als interdisziplinär gelten. Ein einfaches literarhistorisches Beispiel: Eine Arbeit über das Sonett als europäisches Literaturphänomen ist im Hinblick auf die moderne ausländische Forschungsliteratur allein für den westeuropäischen Bereich auf mindestens vier Sonder- sammelgebiets-Bibliotheken angewiesen - Bonn (Romanistik), Frankfurt (Germanistik, Allgemeine Literaturwissenschaft), Göttingen (Anglistik) und Münster (Niederländische Literatur). In viel höherem Maße trifft dies auf solche Vorhaben zu, die durch moderne ,Problemfelder' konstituiert werden. Die Situation der geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik läßt sich am besten durch einen Vergleich mit amerikanischen Verhältnissen verdeutlichen. Der deutsche Wissenschaftler befindet sich, modellhaft verdeutlicht, in einem System von Kreisen (den Sondersammelgebieten), die sich berühren oder gelegentlich auch überschneiden, die aber distinkte Sphären darstellen. 5 Das System hat keinen natürlichen Mittelpunkt, und jede Sphäre hat ihre spezifische Struktur. Der amerikanische Wissenschaftler arbeitet in der Regel in einer größeren Forschungsbibliothek, die nicht nur einen universalen Präsenzbestand aufweist, sondern auch eine besondere Form der Bestandserschließung: den sogenannten Kreuzkatalog (einen Katalog, der Verfassereinträge und Schlagwörter in einer Sequenz vereinigt). 6 Die für dieses Reservoir angemessene Modellvorstellung ist die eines homogenen Kontinuums, das von jeder Stelle aus zugänglich ist und keine IS ■ ■ WOT53 j II fflmn u " I B ' M r'™ m illwlll TtilttfflH l*■• «BT m§ Wm H'k. 136 Frage an die nationale Vergangenheit mit seiner Hilfe beantwortet werden kann. Wenn die geisteswissenschaftliche Forschung, wie angedeutet, immer Arbeit in und an einer Tradition ist, dann stellt das Nationalarchiv gedruckter Texte nicht in erster Linie eine museale Sammlung historischer Dokumente dar, sondern jenen maximalen Quellenvorrat, aus dem in einer permanenten Bemühung die nationale Geschichte geschrieben wird. Der Begriff schließt über die politische Geschichte hinaus die Geschichte des gesamten kulturellen und geistigen Lebens ein, so daß die Geschichte von Literatur und Musik ebenso dazugehört wie die Geschichte von Wirtschaft und Wissenschaft. So gesehen, lassen sich die Konturen des Nationalarchivs von wissenschaftlichen Erfordernissen her bestimmen. Diese Erfordernisse sind zwar nicht so ,objektiv', wie es vom Standpunkt der bibliothekarischen Verwaltung des Archivs erwünscht sein mag. Sie sind aber andererseits auch nicht durch willkürlich ideologische Setzungen bestimmt, wie dies bei einer politisch oder gesellschaftspolitisch motivierten Anlage der Fall wäre. Bei einer primären Bindung des Archivs an die wissenschaftliche Benutzung stehen Quellensammlung und Quellenauswertung in einem Verhältnis funktionaler Abhängigkeit zueinander, und der prinzipiell nicht abschließbare Prozeß des Ausbaus erhält dadurch eine innere Richtung. Als maximales Quellenreservoir für die Erforschung der nationalen Geschichte sollte das Nationalarchiv über den Kernbestand hinaus als ,Randbestände' auch jene Werke enthalten, die für das nationale Schrifttum ,Bezugstexte' sind, ohne selbst Teil davon zu sein. Keine Nationalgeschichte ist ohne internationale Komponenten, und in der deutschen sind sie besonders zahlreich. Diese politischen und kulturellen Wechselbeziehungen sollten als wichtige Aspekte der Nationalgeschichte durch das Archiv hinreichend dokumentiert werden. Damit hört das Nationalarchiv zwar im strikten bibliographischen Sinne auf, ein nationales Archiv zu sein, gewinnt aber diese Bezeichnung in einem höheren, historisch legitimierten Sinne zurück. mm Hui 137 Ein Beispiel: Deutschland hat im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert die französische und die englische Kultur mit einer Intensität rezipiert, die im Verhältnis zweier Nationalkulturen kaum ihresgleichen hat. Damit nehmen die Übersetzungen französischer und englischer Autoren dieser Epoche einen wichtigen Platz im Kernbestand des Archivs ein. Zu den ,Randbeständen' würden als eine wissenschaftlich notwendige Ergänzung die den Übersetzungen zugrundeliegenden Originale gehören. Ein weiteres Beispiel: Die Begegnung mit der griechischen Antike ist ein spezifisches Phänomen des deutschen Geisteslebens im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Die vielfältigen Formen und Wirkungen dieser Begegnung verlangen nicht nur, daß die gesamte antike Literatur in den ihre Rezeptionsgeschichte dokumentierenden Ausgaben im Nationalarchiv präsent gehalten werden (diese Literatur gehört als selbstverständlicher Bestandteil in das Archiv jeder europäischen Nation): sie verlangen auch, daß diese Begegnung in dem dafür allein angemessenen Kontext der europäischen Geistesgeschichte dokumentiert wird. il : r I In dieser erweiterten Form ist der Begriff des Nationalarchivs geeignet, dem Begriff der Universalbibliothek, der schon zur Zeit seiner Entstehung im neunzehnten Jahrhundert nur mit Mühe zu definieren war, einen präzisen Sinn zu geben. Ein universaler Bestandsaufbau ist heute für keine Bibliothek mehr möglich, und unter den wissenschaftlichen und finanziellen Bedingungen der Gegenwart erweist sich die Selektion als unumgänglicher denn je. Definiert man die „angemessene Auswahl" bei der Beschaffung fremdsprachlicher historischer Literatur durch ihren funktionalen Bezug zum Korpus der Nationalliteratur, dann lassen sich Zufälligkeit und Beliebigkeit weitgehend ausschalten und Lücken gezielter schließen, als es sonst möglich wäre. Der Begriff Nationalarchiv liefert nicht automatisch die Beschaffungsrichtlinien für die bibliothekarische Praxis, aber er verdeutlicht zweierlei: daß der Aufbau eines Nationalarchivs ein Vorhaben ist, bei dem Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung zusammenwirken können und zusammenwirken müssen; und daß der umfassende Ausbau historischer Buchbestände als Aufgabe der l 111 I m 138 staatlichen Bibliotheks- und Wissenschaftsförderung am sinnvollsten unter Zugrundelegung dieses Begriffs zu legitimieren ist. : l im VI Wie ließe sich ein Nationalarchiv gedruckter Texte in der Bundesrepublik realisieren? Sicher nicht in der Form, in der es üblicherweise existiert. In Ländern mit einer Nationalbibliothek wird das Archiv in der Regel durch deren Bestand repräsentiert. Diese zentralistische Lösung scheidet ebenso aus wie ihr dezentrales Gegenstück, das Treitschke schwärmerisch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts empfahl: eine Nationalbibliothek, die vermittels eines Gesamtkatalogs von allen Bibliotheken zusammen gebildet würde. Unter den gegebenen kulturpolitischen Bedingungen läßt sich etwas Äquivalentes nur in der Weise schaffen, daß sich mehrere Bibliotheken in die Aufgabe der umfassenden Archivierung der Nationalliteratur teilen. Durch diese Ersatzform eines geteilten Archivs wäre wenigstens annäherungsweise eine physische Konzentration von Beständen zu erreichen, wie sie die Konzeption eines Archivs und auch die Bereitstellung einer adäquaten Quellenbasis für die Forschung erfordern. Bei der Lösung, die ich empfehlen möchte, kann das regionale Sammelprinzip, wie es zur Zeit praktiziert wird, unangetastet bleiben. Änderungen sollten hier schon deswegen nicht ins Auge gefaßt werden, weil die Sammlung historischer Literatur mit regionalem Bezug als eine spezifisch landesbibliothekarische Aufgabe angesehen wird. Teilweise erstreckt sich eine solche Sammeltätigkeit schon über einen langen Zeitraum, so daß gewachsene Bestände vorhanden sind, deren kontinuierliche Pflege angesichts der zahlreichen Diskontinuitäten im deutschen Bibliothekswesen gesichert bleiben sollte. Das regionale Prinzip wäre durch ein chronologisches zu ergänzen. Entsprechendes Schrifttum würde dabei nicht nach Maßgabe seines Herkunftsortes, sondern nach Maßgabe seiner Entstehungszeit gesammelt. Die regionale Zuordnung würde in diesem Falle keine Rolle mehr spielen. Alleiniges Kriterium für die Beschaffung wäre iS^te» hHÜHHII h 139 die Zugehörigkeit eines gedruckten Textes zu einer historischen Epoche. Dadurch würden nicht nur die Begrenzungen und Einseitigkeiten, die sich aus dem Regionalprinzip ergeben, weitgehend kompensiert: die nationale Bedeutung von Autoren und Werken käme in einem angemessenen historischen Kontext zur Geltung. Während sich das regional gesammelte Schrifttum weder unter dem Gesichtspunkt der nationalen Repräsentanz noch unter dem der forschungsgerechten Erfassung zu einem geschlossenen Archiv zusammenfügt, ergibt das chronologisch gesammelte Schrifttum ohne weiteres ein Kontinuum, auch wenn die Sammlungen selbst nicht an einem Ort vereinigt sind. Die Voraussetzung ist allerdings, daß der Kreis der beteiligten Bibliotheken klein gehalten wird und daß sich die jeweilige Sammeltätigkeit auf einen hinreichend großen Zeitraum erstreckt. Bei der Auswahl der Bibliotheken müßte nach einem Prinzip verfahren werden, das einer vielfach geübten Praxis entgegensteht. Die in der Bundesrepublik allenthalben verfolgte Politik der regionalen Versorgung' hat zum Grundsatz, dort etwas aufzubauen oder hinzugeben, wo bislang noch nichts ist. Nach diesem Prinzip wurde - mit negativen Folgen für das gesamte wissenschaftliche Bibliothekswesen - über weite Bereiche das Sondersammelgebiets- system in der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgebaut. Jeder Versuch, hier ähnlich zu verfahren, würde in einem Fiasko enden. Die Zeit für den Aufbau eines retrospektiven Nationalarchivs war das neunzehnte Jahrhundert. Jeder heute unternommene Versuch ist ein verspäteter Versuch, der nur dann noch zum Erfolg führen kann, wenn man auf den besten zur Zeit vorhandenen Beständen aufbaut und deren Arrondierung versucht, so schwierig dies im einzelnen auch sein dürfte. Als zweckmäßig dürfte es sich erweisen, den gesamten Zeitraum vom Beginn des Buchdrucks bis 1900 in vier Abschnitte aufzuteilen: das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert, das siebzehnte Jahrhundert, das achtzehnte Jahrhundert und das neunzehnte Jahrhundert. Vom Standpunkt der Forschung ist diese Aufteilung sicher nicht ideal. Viele Fragestellungen führen über die Jahrhundertgrenzen hinweg, so daß jede Segmentierung eine Erschwerung • I : I i i i W in ; ■ i 1 ■ Hl 140 bedeutet. Andererseits gibt es in vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen - in der allgemeinen Geschichte wie in der Literaturgeschichte, der Kunstgeschichte, der Philosophiegeschichte u.a. - auch eine stark epochenorientierte Forschung, der mit einer solchen Einteilung durchaus geholfen wäre. Vom Standpunkt der Bibliotheken läßt sich kaum eine andere Einteilung treffen, wenn eine größtmögliche Bestandsverdichtung beabsichtigt ist. Das Nationalarchiv für das fünfzehnte und sechzehnte Jahrhundert sollte sich in der Bayerischen Staatsbibliothek befinden. Einer besonderen Begründung dafür bedarf es nicht. Der Inkunabelbestand der Bibliothek ist einer der größten und bedeutendsten überhaupt. Er ist vollständig katalogisiert und bietet damit eine ideale Grundlage für eine weitere Archivierung. Die Bestände zum sechzehnten Jahrhundert sind ebenfalls die reichsten in der Bundesrepublik. Auch ihre Katalogisierung ist abgeschlossen (die Veröffentlichung des Kataloges hat begonnen), so daß es sich hier um eine Erweiterung eines bereits voll erschlossenen Bestandes handelt. Die Literatur des siebzehnten Jahrhunderts bietet für jede auch nur auf relative Vollständigkeit abzielende Sammlung und Erschließung besondere Probleme. Die literarische Produktion der Zeit war ebenso umfangreich wie vielgestaltig. Es existierten zahlreiche Pressen, die häufig nur geringe Auflagen druckten. Das gilt vor allem für Ephemera, die einen hohen Anteil an der gesamten Produktion ausmachen. Die technische Qualität der Herstellung war vielfach niedrig, so daß der Erhaltungszustand schlecht ist. Bereits im Dreißigjährigen Krieg wurden die Bestände dezimiert, und neue gravierende Verluste sind während des Zweiten Weltkrieges in den ehemaligen deutschen Ostgebieten eingetreten, die wie Schlesien zu den Zentren barocker Buchproduktion gehörten. Kleinere, aber durch ihre Qualität und ihre Katalogisierung besonders wertvolle Bestände an deutschen Drucken des siebzehnten Jahrhunderts befinden sich in den Vereinigten Staaten. 24 Eine der bedeutendsten Sammlungen, die seit Jahren auf hohem Niveau katalogisiert wird, ist in der British Library vorhanden. Jüngst wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die in Breslau neu zusammen- 1 1 mtmMö&ä 141 geführten Bestände „den Umfang sämtlicher innerdeutschen Barocksammlungen - einschließlich Wolfenbüttels - bei weitem übersteigen". 25 Angesichts dieser Situation dürfte es ratsam sein, daß mehrere Bibliotheken bei der Lösung dieser wohl schwierigsten Teilaufgabe, die sich beim Aufbau eines Nationalarchivs stellt, zusammenwirken. Die umfangreichsten Bestände, die in ihrer Gesamtheit als Grundstock zu betrachten wären, befinden sich in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, in der Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen und in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Welcher Art die Aufgabenteilung zwischen den Bibliotheken sein könnte, etwa geographisch für den nord- und süddeutschen Raum, wäre zu entscheiden, wenn die Ergebnisse einer Vorstudie der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Katalogisierung des deutschen Schrifttums im siebzehnten Jahrhundert vorliegen. Für die Literatur des achtzehnten Jahrhunderts bietet sich die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen als Sammelstätte an. Die 1737 gegründete Bibliothek wurde bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert hinein so systematisch aufgebaut, daß ihre Bestände für diesen Zeitraum von keiner zweiten deutschen Bibliothek erreicht werden. Es kommt hinzu, daß der Aufbau der Göttinger Bibliothek in einem weitgespannten europäischen Kontext erfolgte. Die unter dem Gesichtspunkt des Nationalarchivs als ,Randbestand' zu betrachtende Literatur ist hier für alle wichtigen europäischen Länder in einer Dichte vorhanden, wie sie sich nur aus der konsequenten Ausführung des Plans zu einer wissenschaftlichen Universalbibliothek im achtzehnten Jahrhundert ergeben konnte. Überdies ist hier bereits seit längerer Zeit eine größere Bestandsergänzung im Gange. Der von der Göttinger Akademie betreute und von der Stiftung Volkswagenwerk geförderte Index zu ausgewählten Zeitschriften der Epoche hat eine über die vorhandenen Bestände hinausgehende Materialsammlung erforderlich gemacht. Die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts sollte dort gesammelt werden, wo sich aus den örtlichen Gegebenheiten am leichtesten ein Anschluß an das seit 1945 im Aufbau befindliche moderne Na- ■ i S m msi ^B^SBB^^^BB^^^^^BBBBuBBBBB^BB^^M m 142 tionalarchiv erreichen läßt. Dies wäre in der Stadt- und Universitätsbibliothek in Frankfurt der Fall. Die Bibliothek verfügt in der Rothschild-Bibliothek über einen vorzüglichen Fundus für diesen Zeitraum, der durch den internationalen Charakter der Sammlung auch Ansatzpunkte für die Ausbildung der wichtigen ,Randbestände' des Nationalarchivs bieten würde. Die Bibliothek ist die Sondersammelgebiets-Bibliothek der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Deutsche Sprache, Literatur und Volkskunde sowie für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, für Theaterwissenschaft und Judaica. Diese Spezialsammlungen dürften in Kombination mit dem Nationalarchiv der deutschen Literatur für das neunzehnte Jahrhundert vorzügliche Forschungsmöglichkeiten ergeben. Überdies ist der mit Unterstützung der Thyssen Stiftung angefertigte Index zur deutschen Zeitschriftenliteratur des frühen neunzehnten Jahrhunderts in Frankfurt entstanden. 26 Damit wären hier auch die Voraussetzungen für eine Sammlung der in dem Zeitraum wichtigen, aber bislang nirgendwo vollständig vorhandenen Zeitschriften gegeben. Es würde sich empfehlen, das deutsche Schrifttum des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gleichfalls in Frankfurt zu archivieren. Damit käme in Verbindung mit den Beständen der Deutschen Bibliothek eine Sammlung zustande, die sich über einen Zeitraum von nahezu zwei Jahrhunderten erstreckte. Erstmals in der deutschen Bibliotheksgeschichte wären durch eine solche Archivierung die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß die Erforschung eines relativ großen Zeitraumes im wesentlichen an einem Ort erfolgen könnte. Die vorgesehenen Einteilungen nach Jahrhunderten sollten nicht als starres Schema gelten. Vielmehr wären gleitende Übergänge erwünscht, so daß sich der tatsächliche Zeitraum, für den in einer Bibliothek Literatur gesammelt wird, über die Jahrhundertgrenzen hinausginge. Gewisse Nachteile, die die dezentrale Archivierung mit sich bringt, ließen sich auf diese Weise ausgleichen, und die Kontinuität der Sammlungen würde gestärkt. Wie alle dezentralen Lösungen erfordert auch diese einen zusätzlichen Aufwand. <Ä ^^^^B ;: : H 1 II fÜ .,'.-V- 143 Sf/gSi Im Hinblick auf die bisherige Zersplitterung der Überlieferung kann jede Überschneidung im Aufbau historischer Bestände nur erwünscht sein. Die Forschungsmöglichkeiten verbessern sich dadurch. Insofern ist die hier vorgeschlagene Archivierung nicht als Ersatz für den generellen Aufbau historischer Bestände gedacht, sondern als eine dringend notwendige Ergänzung. Zu den wichtigsten Aufgaben des retrospektiven Bestandsaufbaus sollte deswegen auch die Schließung der Lücken gehören, die durch Kriegsund Nachkriegsentwicklungen in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz entstanden sind. Traditionell ist die Bibliothek eine universale Großbibliothek, und die Bemühungen sollten sich darauf richten, ihr baldmöglichst den Platz zurückzugewinnen, der ihr historisch zukommt. Die Rolle, die die Bibliothek als Archivbibliothek spielen kann, wird sich wahrscheinlich erst genauer definieren lassen, wenn die im Gang befindliche Neukatalogisierung der noch vorhandenen historischen Bestände abgeschlossen ist.27 VII Wie sich die Bestandsvergrößerung und -Verdichtung vollziehen könnte, läßt sich an dieser Stelle nur in Umrissen beschreiben. Zunächst wäre ein staatlicher Sammelauftrag für die Archivbibliotheken vonnöten. Eine Eigeninitiative der Bibliotheken, wie sie für eine regionale Sammeltätigkeit ausreichend sein mag, genügt hier nicht. Das Volumen der Beschaffung und die kulturpolitische Dimension des Auftrags erfordern eine besondere Legitimation. Die Anpassung des Projekts an die föderalistische Struktur der Bundesrepublik dürfte die Erteilung eines staatlichen Auftrags erleichtern. Es geht nicht um eine neue Bibliothek, für die aus Gründen der nationalen Repräsentanz der Bund zuständig wäre. Es geht lediglich um die Übernahme zusätzlicher Funktionen durch bereits bestehende Bibliotheken, wofür sich administrativ das etablierte Konzept der „überregionalen Aufgaben" anbietet. Selbst wenn die üblichen Mechanismen der Zusammenarbeit von Bund und Ländern bei kulturellen und wissenschaftlichen Aufgaben von nationaler Bedeutung hier nicht zur Wirkung kämen, könnte eine MlBnnl^BWnBlfcnnnnnii 144 Vereinbarung unter den Ländern eine tragfähige Grundlage für die Ausführung des Planes bieten. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft getragenen Sondersammelgebiets-Programm böte sich ein Modell für die Abwicklung der konkreten Maßnahmen an, und hier wäre auch das Vorbild dafür zu suchen, daß die Sammlung nationalen Schrifttums den Archivbibliotheken als Daueraufgabe übertragen werden könnte. Die Beschaffung der entsprechenden Literatur sollte, wo immer das noch möglich ist, im Original erfolgen. Zwar ist der Antiquariatsmarkt nicht mehr so reichhaltig, wie er noch in den sechziger Jahren war, doch zeigen gerade auch die Ankäufe historischer deutscher Literatur durch ausländische Bibliotheken, daß durch eine gezielte Erwerbungspolitik vorhandene Ressourcen nach wie vor erweitert werden können. In welchem Maße die vorgesehenen Archivbibliotheken ihre Bestände zu arrondieren in der Lage sind, würde vornehmlich, wenn auch nicht ausschließlich, von den Mitteln abhängen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. liii'!' 1 I ftÜ Vieles wird trotz aller Bemühungen zu diesem späten Zeitpunkt nur als Kopie zu beschaffen sein. Im Interesse einer möglichst lük- kenlosen Dokumentation für Forschungszwecke sollte es auch ohne falsche Originalitätsansprüche in reproduzierter Form erworben und bereitgestellt werden. Die Wege, die von den Archivbibliotheken dabei zu beschreiten sind, lassen sich hier im einzelnen nicht vorzeichnen. Doch dürfte zumindest im Falle der deutschen Literatur des siebzehnten Jahrhunderts zu beachten sein, daß sich wesentliche Sammlungen, deren Bestände die Ressourcen in der Bundesrepublik übersteigen, außer Landes befinden. Es dürfte daher nicht nur eine Frage des bibliothekarischen Sachverstandes, sondern auch des kulturpolitischen Engagements sein, ob es gelingt, nicht vorhandenes Schrifttum in größerem Umfang in kopierter Form in den Archivbibliotheken zu vereinigen. Bei der Zusammenführung des allenthalben verstreuten Materials wird man bibliographisch und technisch neue Wege beschreiten müssen. Es gibt über weite Strecken keine Verzeichnisse, an denen sich auch nur annähernd die Vollständigkeit eines Nationalarchivs überprüfen ließe. Bestandsaufbau und bibliographische Erschlies- m^ 145 sung bedingen sich hier wechselseitig, und man wird fürs erste versuchen müssen, vorläufige Lösungen zu erreichen. Im technischen Bereich wird es darauf ankommen, Möglichkeiten der Speicherung zu finden, die über die bloße Archivierung hinaus die wissenschaftliche Benutzung des vorhandenen und neu hinzugekommenen Quellenmaterials ermöglichen. Unter den Bedingungen eines dezentralen Systems bedeutet dies, daß die Distribution von Forschungsmaterial nicht mehr nur in der bisher üblichen Form der Versendung von Originaltexten zu bewerkstelligen ist (vgl. Kapitel IV,4). : I I I I VIII Das wichtigste Problem beim Aufbau eines Nationalarchivs gedruckter Texte dürfte ein Mentalitätsproblem sein. Es gibt in Deutschland eine fast hundertjährige Tradition der Vernachlässigung des historischen nationalen Schrifttums. Alle Bemühungen, ein solches Archiv in Form einer Nationalbibliothek zu schaffen, sind nicht dramatisch gescheitert, sondern im Sande verlaufen. Wenn an die Stelle dieser Gleichgültigkeit nicht die Überzeugung tritt, daß es eine nationale Pflicht ist, die sich in gedruckter Form präsentierende Tradition sach- und forschungsgerecht zu bewahren und zu erschließen, dürfte sich auch der hier vorgelegte Vorschlag bald aus finanziellen, technischen und administrativen Gründen als unausführbar erweisen. Die noch zu schreibende Geschichte der retardierten Bibliotheken in einer „verspäteten Nation" (Helmuth Plessner) beginnt mit dem halbherzigen Ausbau der Königlichen Bibliothek in Berlin zu einer - gemessen an den Maßstäben des westlichen Auslands - unzureichenden nationalen Universalbibliothek. 1904 wurde auf der Fünften Bibliothekarversammlung gefordert, daß die deutschen Bibliotheken mit Rücksicht auf die Konkurrenz der amerikanischen Bibliotheken „in den Stand gesetzt werden sollten, von der nationalen und sonst wichtigen Literatur für sich zu retten, was noch zu retten ist". 28 1932 bezeichnete es Georg Leyh als „Kennzeichen schwerer Notstände..., wenn Universitätsbibliotheken nicht in der . 146 Lage waren, zu der groß aufgemachten Nationalfeier von Goethes 100. Todestag auch nur einen bescheidenen Besitz an klassischen Literaturdenkmälern aufzuzeigen, und in diesem beschämenden Fall haben sich wohl von zwei bis drei Ausnahmen abgesehen alle Universitätsbibliotheken befunden". 29 1982 beschrieb der Direktor einer großen Universitätsbibliothek „das Ausmaß, in dem Antiquariats-Kataloge von deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken (wenn man allein an das Angebot an alten deutschen Drucken denkt) nicht ausgewertet werden [können]", als „einen verborgenen nationalen Skandal". 30 Das nationale Interesse und die nationale Verpflichtung sind letzthin anläßlich des drohenden Verkaufs der Oettingen-Waller- steinschen Bibliothek ins Spiel gekommen, aber die Versteigerung der Fürstenberg-Manuskripte hat gezeigt, wie gering das gesetzgeberische und finanzielle Engagement in der Bundesrepublik ist. „Die Zerstreuung eines Besitzes von solchem Gewicht," so ein Pressekommentar, „wäre in anderen europäischen Ländern, vom äußerst strengen Ostblock ganz zu schweigen, heute kaum noch vorstellbar." 31 Lediglich bei Werken der bildenden Kunst erwacht noch ein Nationalempfinden, wie anläßlich der Auktion des Nachlasses Hirsch deutlich wurde, als bedeutende Stücke wegen ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Kulturtradition für Museen der Bundesrepublik ersteigert wurden. In den zahlreichen Berichten zu diesem Ereignis fehlt jedoch jeder Hinweis darauf, daß die Musiksammlung Hirsch in den Besitz der British Library übergegangen ist und daß sich die Sammlung von Erstausgaben deutscher und französischer Literatur, die Robert von Hirsch und sein Bruder aufgebaut hatten, jetzt in Harvard befindet. HHH 4. Entdogmatisierung des Leihverkehrs Dass dies System des Leihverkehrs ein Notbehelf bleibt, ist klar. Adalbert von Roquette (1902) l I I Der Leihverkehr, regional und überregional, ist der neuralgische Punkt des Literaturversorgungssystems der geisteswissenschaftlichen Forschung in der Bundesrepublik. Seine Bedeutung für die Literaturversorgung der Wissenschaft ist, so die Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur überregionalen Literaturversorgung, „allgemein anerkannt". 1 In der Tat ist in einem dezentralen System ein verzweigter Leihverkehr unerläßlich. Die Beförderung großer Buchmengen vom Ort der Aufbewahrung zum Ort der Benutzung - ein kompliziertes und kostenintensives Verfahren - ist die einzige Möglichkeit zur vollständigen Deckung des Literaturbedarfs. Gleichwohl hat sich der Leihverkehr in der etablierten Form nicht als geeignet erwiesen, die Literaturversorgung sicherzustellen. Nach den Erkenntnissen der Deutschen Forschungsgemeinschaft entspricht seine Leistungsfähigkeit „in vielen Punkten nicht den Erwartungen, die an ihn gestellt werden müssen". 2 | I 1 Ulf 1 Da es in der Bundesrepublik keine geisteswissenschaftliche Zentralbibliothek gibt, sind die Anforderungen an den Leihverkehr notgedrungen hoch. Die bei einem wissenschaftlichen Vorhaben örtlich nicht erhältliche Literatur muß aus anderen Ressourcen herbeigeschafft werden. Dieser Beschaffungsprozeß hat, wenn er wissenschaftlich und arbeitsökonomisch sinnvoll sein soll, kurzfristig zu erfolgen. Die Größenordnungen des zusätzlichen', aber essentiellen Literaturbedarfs sind von Fall zu Fall verschieden, doch allenthalben beträchtlich, wie der Anstieg des Leihverkehrs zeigt. Der Bedarf erstreckt sich über das gesamte Spektrum der Primär- und Sekundärliteratur. KU I 148 Es ist in der Regel nicht möglich, die gewünschte Literatur so schnell zu erhalten, wie sie gebraucht wird. Auch läßt sie sich am Ort der Arbeit nicht in dem Umfang vereinigen, wie dies meist erforderlich ist. Somit liegen die Anforderungen, die an den Leihverkehr gestellt werden können, weit unter denen, die aus systemimmanenten Gründen an ihn gestellt werden müssen. Angesichts zahlreicher Überlastungs- und Ausfallserscheinungen wächst die Berechtigung, von einer graduellen Verschlechterung der Literaturversorgung zu sprechen. Allen Versuchen, systemimmanente Verbesserungen zu erzielen, sind enge Grenzen gesetzt. Die Komplexität des Apparates ist nicht in der notwendigen Weise reduzierbar. Der Nachweis der gesuchten Literatur erfolgt durch sieben unterschiedlich strukturierte Zentralkataloge, die in Form von konventionellen Karteien geführt werden. Die Sanierung und Vereinheitlichung dieser Nachweisinstrumente ist bislang nicht geglückt. 3 Für die modernste Literatur (frühestens ab 1975) gibt es mikrographische oder elektronische Nachweise, aber diese erschließen nur Teile der insgesamt benötigten Literatur. 4 Bei der zunehmenden Verselbständigung der Leihverkehrsregionen ist zu befürchten, daß der für Forschungszwecke allein zureichende Nachweis auf nationaler Ebene nicht die erforderliche Effizienz erreichen wird. 5 I | II Der Leihvorgang besteht bei monographischer Literatur, sofern sie nicht als besonders schützenswert deklariert wird, noch immer im physischen Transport des Buches. Reproduktionsverfahren werden in größerem Stil nur bei modernen Zeitschriftenaufsätzen in Form der Papierkopie angewendet. Die manuelle Abwicklung des Vorgangs widersetzt sich unter den Bedingungen des Personalmangels der wünschenswerten Beschleunigung, und der konventionelle Transport unterliegt den verbreitet zu beobachtenden Verzögerungen. Auch der Einsatz von Bücherwagen hat das Problem der langen Laufzeiten von Fernleihbestellungen nicht gelöst. Im Bestellverfahren ist der Einsatz moderner technischer Hilfsmittel versucht worden. Die Verwendung von Fernschreibern wurde erprobt, hat aber offenbar nicht die erhofften Verbesserungen gebracht. 6 Der Benutzer des Leihverkehrs hat im Regelfall keine 149 andere Möglichkeit, als seinen Bestellschein bei der örtlichen Bibliothek einzureichen. Jede Kontrolle über den weiteren Ablauf der Bestellung ist ihm entzogen. Mit den Zentralkatalogen kann er sich zum Zwecke der Bestellung nicht direkt in Verbindung setzen. In Wahrnehmung ihrer Aufgaben als Sondersammelgebietsbiblio- theken der Deutschen Forschungsgemeinschaft sind einige Bibliotheken dazu übergegangen, die neueste Forschungsliteratur in Form einer persönlichen Fernleihe dem Benutzer unter Umgehung der üblichen Bestellwege direkt zur Verfügung zu stellen. Dies ist eine erhebliche Verbesserung in einem Teilbereich der Literaturversorgung. In ihrer Denkschrift zur überregionalen Literaturversorgung hat sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft trotz der negativen Erfahrungen mit dem dezentralen System zunächst für seine Beibehaltung ausgesprochen. Sie tat dies zu einem Zeitpunkt, da angesichts der Funktionsschwächen des Systems von bibliothekarischer Seite der Vorschlag gemacht wurde, 7 es gänzlich abzuschaffen und durch eine zentralistische Form des Leihverkehrs zu ersetzen. Das Votum stützt sich vornehmlich darauf, „daß eine völlige Abkehr von dem dezentralen System einen tiefen Eingriff in seit 25 Jahren gewachsene Strukturen darstellen, erhebliche Investitionen an Geld, Arbeit und Engagement entwerten und die Organisation der überregionalen Literaturversorgung in einen Gegensatz zur Neuordnung des wissenschaftlichen Informationswesens bringen würde". Erst nach Ausschöpfung „aller Verbesserungsmöglichkeiten innerhalb des bestehenden Systems" würde eine Feststellung darüber möglich sein, „ob und inwieweit heute erkennbare Funktionsschwächen auf strukturellen Mängeln beruhen, die langfristig andere Lösungen erforderlich machen". 8 Eine umfassende Studie über die Anwendbarkeit anderer Modelle auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik wurde in Aussicht gestellt, ist aber bislang nicht veröffentlicht worden. m Beim Fortbestand des dezentralen Systems stellt sich damit die Frage, wie die etablierte, durch Bibliothekspraxis und Kulturpolitik sanktionierte Form des Leihverkehrs so verändert werden kann, daß zumindest die gravierendsten Forschungshemmnisse nicht mehr in der bisherigen Form auftreten. WMw«M«m ll m BBgiiBBmlBBBBHnliHltWHHfTffTtffffBwnBflll 150 II Obwohl der Leihverkehr auf den ersten Blick als eine pragmatisch konzipierte Institution erscheint, stellt er in Wirklichkeit eine von Anfang an mit ideologischen Momenten durchsetzte Einrichtung dar. Diese haben sich im Verlaufe seiner Geschichte verstärkt und zu einer Leihverkehrsdogmatik geführt, aus der sich großenteils seine „tragende Rolle" im Literaturversorgungssystem der Bundesrepublik erklärt. ig i Die Etablierung des Leihverkehrs war eine administrative Maßnahme zur Verwaltung des Literaturmangels, der sich als Folge der unzureichenden Ausstattung der Bibliotheken am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ergeben hatte. Es war damals, so Friedrich Althoff, „finanziell nicht angängig", die Bibliotheken so auszustatten, daß sie den Erfordernissen des Wissenschaftsbetriebs genügten. „Geeignetes Zusammenwirken bei der Bücher-Anschaffung" sollte sicherstellen, daß wenigstens innerhalb eines „Kartelverbandes" von Bibliotheken „die gesammte Literatur in ungefährer Vollständigkeit" vorhanden war. 9 Die Bibliotheken waren von Anfang an darauf bedacht, das Staatsinteresse an einer Minimierung der Ausgaben für die Literaturbeschaffung und das Benutzerinteresse an einer reibungslosen Literaturversorgung in Einklang zu bringen. Dem Göttinger Bibliotheksdirektor Dziatzko etwa erschien Althoffs Plan „eines Versuches werth zu sein. Nur müßten die Vorkehrungen so getroffen werden, daß die Benutzer... möglichst wenig... davon zu merken bekommen, daß die gewünschten Bücher aus einer fremden Bibliothek entlehnt sind". 10 Mit diesem Bemühen, den Notstand zu kaschieren und eine volle Leistungsfähigkeit der einzelnen Bibliothek zu suggerieren, begann die Ideologisierung des Leihverkehrs. Die Ära Adolf von Harnacks ist durch den Widerspruch zwischen offiziell geforderten Erfolgsberichten und internen Gutachten über die unerträglichen Zustände in der Literaturversorgung gekenn- IfflMWfflla 151 zeichnet. 11 In den frühen zwanziger Jahren setzte eine Glorifizierung des Leihverkehrs ein, die in krassem Gegensatz zu den historischen Fakten steht. „Althoffs großzügige und nie in fiskalischen Bedenken steckenbleibende Politik hat ihn geschaffen," hieß es auf dem Bibliothekartag 1920, und „von jeher" habe er „zu den Einrichtungen gehört, auf die die deutschen Bibliotheken stolz sein konnten". 12 Wenig später wurde der neu eingeführte Deutsche Leihverkehr als eine Möglichkeit apostrophiert, im Zuge einer „Bespeisung der Schulen durch die großen wissenschaftlichen und öffentlichen Büchereien... Bibliothek und Schule aus ihrer jetzigen Isolierung zu fruchtbarer Arbeitsgemeinschaft zusammenzuführen". 13 In der ersten Bilanz des Deutschen Leihverkehrs auf dem Bibliothekartag 1927 stellte sich dieser nicht nur als „fester, nicht mehr fortzudenkender Bestandteil des deutschen Bibliothekswesens" dar, sondern auch als „eine Kultureinrichtung", die „bisher einzig in der Welt dasteht". 14 Die kurze Zeit ihrer Wirksamkeit habe genügt, „um jeden Zweifel darüber zu beheben, daß der große Wurf gelang". 15 Die Einheit des Deutschen Leihverkehrs wurde in Analogie zur Einheit der deutschen Wissenschaft gesehen. In solchen Bekundungen ist die jüngst geäußerte Auffassung präfiguriert, daß Althoff den Humboldt'schen Organismusgedanken auf das Bibliothekswesen übertragen habe. 16 Auf sehen des Benutzers ging ein ähnlicher Bewußtseinswandel vor sich. Eine geschickte staatliche Bibliothekspolitik vermittelte vor allem in der Provinz den Eindruck, daß nicht ein Mangel verwaltet, sondern ein Überfluß zur Verfügung gestellt werde. Nach der geographischen Ausdehnung des Leihverkehrs und seiner Erweiterung auf die Höheren Schulen wurden ab 1897 die Handschriften einbezogen. So konnte sich die Meinung bilden, daß ein „Geist des Fortschritts und der Liberalität" im Bibliothekswesen Einzug gehalten habe, wie die Deutschen Geschichtsblätter: Monatsschrift zur Förderung der landesgeschichtlichen Forschung bereits 1901 mitteilten. Insgesamt schien das deutsche Bibliothekswesen, wie schon Heinrich von Treitschke glaubte, mehr Demokratie und Humanität aufzuweisen als das des Auslands. Nur noch in solchen Institutionen wie dem Britischen Museum, das keine Handschriften verlieh, sah man „den alten engherzigen Geist walten". 17 1927 hieß es auf dem Bibliothekartag: „Die Einrichtung des Leihverkehrs ist m H4 152 der Absicht entsprungen, zur Erleichterung der wissenschaftlichen Arbeit den Reichtum - überhaupt jedes Mehr - des Besitzes einzelner Bibliotheken 1. sämtlichen andern zugänglich zu machen; 2. dieses Ziel mit den geringsten Kosten für die Entleiher und gleichzeitig mit dem geringsten Aufwand an Arbeit und Kosten für die verleihenden Anstalten zu erreichen". 18 I Nicht alle waren dieser Meinung. Die Professorenschaft der Universität Göttingen protestierte gegen die Einführung des Leihverkehrs - wegen der zu erwartenden Behinderung der wissenschaftlichen Arbeit am Ort. 19 Richard Pietschmann, dem Nachfolger Dziatzkos als Direktor der Göttinger Bibliothek, erschien der organisierte Leihverkehr „nicht unbedenklich, weil dadurch ganz falsche Hoffnungen erweckt werden könnten: Die Technik der wissenschaftlichen Arbeit verlangt oft, daß das benötigte Buch sofort zur Stelle ist, wenn nicht auf die Benutzung verzichtet werden soll". 20 1932 bemerkte Georg Leyh in einem Vortrag über „Kulturabbau und wissenschaftliche Bibliotheken": „Die immer noch steigende Ausdehnung des Leihverkehrs bedeutet für die besitzenden Bibliotheken eine ungeheuere Belastung. Der Leihverkehr hat für das seltenere, vergriffene und spezielle Buch sein gutes Recht, aber er verliert seinen Sinn und er ist nur noch ein Gradmesser für die Not der Bibliotheken, wenn er auch auf das neue, überall gleichzeitig gebrauchte Buch seine Hand legen will." 21 Solche Einsichten waren indessen die einer Minorität. Die Auffassung, daß der Leihverkehr ein Gradmesser für die Leistungsstärke des deutschen Bibliothekswesens sei, hat seitens der Bibliotheken eine Service-Bereitschaft erzeugt, die von Anfang an über die tatsächliche Leistungsfähigkeit hinausging. Die Hinweise auf die Überlastung des Leihverkehrs gehen bis in seine Anfänge zurück. Auf der anderen Seite hat sich der Benutzer kontinuierlich an die „bequeme Einrichtung des Leihverkehrs" (so die Deutschen Geschichtsblätter 1901) gewöhnt. 22 Er betrachtet die Literaturversorgung über Land nicht erst neuerdings als ein selbstverständliches „Geschenk des Staates an die Wissenschaft und die Fortbildung". 23 Service-Bereitschaft und Benutzererwartung haben sich über einen längeren Zeitraum zu einem Zustand hochgesteigert, die sich in der Standardgeschichte des deutschen Leihverkehrs so darstellt: ü : '-' ; '" •''.•.-•. •'-. •■'■': .'■■"■ ES 153 Der Leihverkehr ist nicht ein Akzidens, sondern ein integrierender Bestandteil des deutschen wissenschaftlichen Bibliothekswesens. Gerade deshalb aber muß er in seinem jetzigen Zustand im höchsten Grade hemmend statt förderlich auf die wissenschaftliche Arbeit wirken. Der Gelehrte ist einerseits wohl oder übel auf ihn in demselben Maße angewiesen wie er die Bibliotheken überhaupt braucht, andererseits aber wird er in seiner Arbeit allenthalben durch ihn aufgehalten. Wenn man einst darüber zu klagen hatte, daß der Professorenbibliothekar die Benutzung seiner Universitätsbibliothek durch Auswärtige allzusehr zugunsten der Universitätsangehörigen beschnitt, so hat seitdem die in entgegengesetzter Richtung laufende Entwicklung den Zustand einer ausgewogenen Liberalität längst hinter sich gelassen. Aus der ursprünglichen Engherzigkeit, die immerhin der Forschung im eigenen Hause zugute kam, ist eine teils gesetzliche, teils moralische Nötigung zur schrankenlosen Gewährung eines Nutznießungsrechtes an alle, die es wünschen, geworden, das in einem krassen Mißverhältnis zu den vorhandenen Mitteln steht, so daß niemand mehr ausreichend befriedigt wird. 24 III Ein solcher Rückblick verdeutlicht, daß die Entdogmatisierung des Leihverkehrs eine wichtige Aufgabe ist. Nur eine ideologie- und illusionsfreie Einordnung des Leihverkehrs in den historischen und systematischen Kontext des deutschen Bibliothekswesens kann die Voraussetzung für eine generelle Verbesserung der wissenschaftlichen Literaturversorgung schaffen. Der erste Beitrag dazu muß von den Bibliotheken erbeten werden. Die lange Geschichte des Leihverkehrs, seine ständige Ausweitung und Intensivierung, seine staatlich verordnete Verbindlichkeit und seine „tragende Rolle" in der Literaturversorgung hat in der bibliothekarischen Fachwelt ein Denkklima erzeugt, das einer nüchternen Einschätzung des Systems wenig förderlich ist. Selbst wenn der Leihverkehr heute nicht mehr als „einzigartige Kultureinrichtung" empfunden, sondern zunehmend kritisch beurteilt wird, ist er doch so sehr zur Selbstverständlichkeit und zu einer Angelegenheit der unbewußten bibliothekarischen Routine geworden, daß Veränderungsmöglichkeiten nur insoweit in Betracht gezogen werden, wie sie systemimmanente Verbesserungen darstellen. i 154 Der Ausbau des Leihverkehrs gilt nach wie vor als ein vorrangiges Ziel der bibliothekarischen Arbeit. Es ist üblich geworden, Rang und Bedeutung einer Bibliothek vornehmlich nach ihren Leistungen im gebenden Leihverkehr zu beurteilen, und jede neue Höchstzahl gilt als Beweis für besondere Leistungsfähigkeit. 25 Als typisches Produkt der Ära konkreter Utopien enthält der Bibliotheksplan '73 die letztmögliche Übersteigerung der Leihverkehrsidee - „Literatur aller Art... für jedermann an jedem Ort". Die Frage, ob eine solche Projektion sinnvoll und vor allem realisierbar ist, wird nicht gestellt. Es ist folgerichtig, daß nicht eine Änderung des Systems zum Nutzen des potentiellen Benutzers, sondern eine Anpassung des Benutzers an die Gegebenheiten des Systems gefordert wird. Auch hier gibt es Extreme, etwa in der Forderung: „Der Benutzer muß so geschult werden, daß seine Bedürfnisse erfüllt werden können, daß sie sich aber zugleich möglichst in den Bibliotheksprozeß einfügen lassen." Das bedeutet, „daß der Benutzer je selbst sehen muß, wann er das Buch brauchen und wann er es bestellen muß". 26 Eine solche „sinnvolle Planung von Fernleihbestellungen" unter Einkalkulierung langer und längster Lauffristen mag in Ausnahmefällen möglich sein. Sie zum Prinzip zu erheben, reduziert die Forschung zu einem Akt intellektueller Administration. M Die Fixierung auf den Leihverkehr hat in vielen Zusammenhängen zu einer folgenschweren Verkehrung von Perspektiven geführt. Der Blick der bibliothekarischen Fachwelt wendet sich mehr und mehr von der einzelnen Bibliothek ab und richtet sich nur noch auf die Gesamtheit des Systems. Die Grundvorstellung ist nicht mehr, daß die einzelne Bibliothek - gleichviel welcher Art und welcher Größenordnung - möglichst autark sein müsse, damit sie ihre Aufgaben in der Literaturversorgung optimal erfüllen kann. Die heutige Grundvorstellung ist, daß es genüge, wenn der nationale Gesamtvorrat an Schrifttum möglichst wenige Literaturbedürfnisse unbefriedigt lasse. Daß der Benutzer in einem solchen System nur mit großen Verzögerungen oder überhaupt nicht in den Besitz der gewünschten Literatur kommt, wird als kaum vermeidbare, aber unerhebliche Nebenwirkung angesehen. üi 155 Im Problem des Leihverkehrs verbirgt sich - spätestens seit der Einführung der Sondersammelgebietsstruktur im Jahre 1949 - ein anderes Problem, das als solches in der Bundesrepublik bisher nicht erkannt und behandelt worden ist. Es ist das Problem, ob die Literaturversorgung vor der Beschaffungssystematik oder die Beschaffungssystematik vor der Literaturversorgung rangieren soll. Im ersten Fall ist der Benutzer der Bibliothek, im zweiten die Bibliothek dem Benutzer übergeordnet. Die Lösung des Problems ist in der Bundesrepublik eindeutig im Sinne der Überordnung der Bibliothek gegenüber dem Benutzer erfolgt. Klassischen Ausdruck hat die Entscheidung in der Darstellung von Gisela von Busse gefunden: Für die Bundesrepublik möchten wir sagen: Sicher ist das System trotz der Vereinfachungen, die eingeführt werden, noch immer kompliziert, und sicher behindert der komplizierte Verteilungsplan die rasche und problemlose unmittelbare Benutzung. Aber dagegen stehen die Überlegungen zur Erwerbung. Ob die Abkehr vom Fachprinzip und die auf formale Kriterien sich gründende so weit möglich globale Beschaffung Sammlungen wissenschaftlicher grundlegender und hochspezialisierter Literatur entstehen lässt, die unseren Sondersammelgebieten gleichkommen, das scheint uns, zumindest für eine Reihe von Gebieten, sehr fraglich, ist jedenfalls bis jetzt nicht erwiesen. 27 «Sbsk Da der Leihverkehr ein bibliotheksinternes Verfahren ist, wird seine Benutzerfreundlichkeit seitens der Bibliotheken überschätzt. Für den Ein-Buch-Leser, der gelegentlich eine nicht örtlich verfügbare Informationsquelle heranziehen möchte, ist die Literaturbeschaffung von auswärts eine Annehmlichkeit. Für den Wissenschaftler, der größere Literaturmengen als Arbeitsgrundlage in einem nicht beliebig fragmentierbaren Zusammenhang benötigt, bedeutet die Auslieferung an die Zufälligkeiten des Leihverkehrs eine beständige Behinderung. Das Modell der Informationszufuhr, das dem deutschen Leihverkehr zugrunde liegt, ist mit den Erfordernissen der geisteswissenschaftlichen Forschung so wenig kompatibel, daß auch von hohen Erledigungsquoten nicht ohne weiteres auf den wissenschaftlichen Nutzen geschlossen werden kann. Damit sollen die Leistungen des Bibliothekswesens oder gar einzelner Bibliotheken nicht geschmälert werden. Es geht allein um eine Verständigung zwischen Bibliothek und Benutzer, daß ein I 156 historisch gewachsenes und nunmehr als selbstverständlich angesehenes System den Anforderungen nicht genügt und aus benennbaren Gründen nicht genügen kann. Der Leihverkehr hat nie in der intendierten Weise als umfassendes und verläßliches Literaturversorgungsinstrument der Wissenschaft funktioniert, obwohl sich im historischen Rückblick der Eindruck ergeben kann, daß er einmal funktioniert habe. Der Leihverkehr ist das Symptom von Literaturmangel. Er ist 1982 noch das, was er für den Göttinger Bibliothekar Adalbert Roquette 1902 war: ein Notbehelf in einem System, dessen Bibliotheken ihren Aufgaben nicht voll gerecht werden können. Jedes Ansteigen der Leihverkehrszahlen stellt deswegen keine Verbesserung der Literaturversorgung dar: es ist ein Alarmsignal für die unzureichende Ausstattung der Bibliotheken. Ob sich bei der Beschaffung ausländischer wissenschaftlicher Literatur im Rahmen des Sonder- sammelgebiets-Systems je die oft vermutete Veränderung vollzogen hat, daß es von einem Instrument zur Verwaltung des Mangels zu einem Instrument der Beherrschung des Überflusses geworden ist, muß als offene Frage angesehen werden. Die Prämisse „Literatur aller Art für jedermann an jedem Ort" muß also durch ein realistisches Prinzip ersetzt werden, das den wirklichen Gegebenheiten der Literaturversorgung auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene entspricht. IV In ihrer Öffentlichkeitsarbeit versuchen die Bibliotheken allenthalben, eine verstärkte Benutzung anzuregen. Information und Werbung zielen darauf ab, dem tatsächlichen Benutzer das Literaturangebot und die Serviceleistungen nahezubringen und dem potentiellen Benutzer durch „Orientierungshilfen" und „Anleitungen" die „Schwellenangst" vor der Inanspruchnahme der institutionalisierten Literaturversorgung zu nehmen. Zu dieser Absicht scheint die hier vertretene Auffassung, daß der Leihverkehr eingeschränkt werden müsse, im Widerspruch zu Hl ■Lgjnu! ;■ w&Sm : 157 stehen. Dieser Widerspruch ist jedoch ein nur scheinbarer. Zwar bedeutet jede Reduktion des Leihverkehrs eine Limitierung des ungehinderten Zugriffs auf das nationale Literaturreservoir, dessen generelle Verfügbarkeit die Leihverkehrsordnungen garantieren. Insofern könnte der Vorschlag als Einschränkung der Informationsfreiheit aufgefaßt und im politischen Sinne mißverstanden werden. Die Forderung nach einer Anpassung des Leihverkehrs an seine technischen Gegebenheiten zielt jedoch nicht auf eine Einschränkung von Individualrechten. Die Absicht besteht lediglich darin, eine sinnvolle Nutzung der dezentral vorhandenen Ressourcen zu empfehlen und dadurch eine Entlastung und Funktionsverbesserung des Leihverkehrs zu erreichen. Wahrscheinlich ist eine Einschränkung des Leihverkehrs am ehesten dort zu erreichen, wo die Möglichkeit dazu am wenigsten vermutet wird: in den Universitäten. Die Statistik weist die Universitäten natürlicherweise als die stärksten Benutzer des Leihverkehrs aus. Das gilt nicht nur für die neu gegründeten Universitäten, deren Bibliotheken sich noch im Aufbau befinden, sondern auch für die ,alten', deren Bibliotheken voll ausgebaut sind. Die untere Grenze der statistisch erfaßten Leihverkehrsbestellungen an Universitäten lag 1980 bei etwa 10.000, die obere jenseits von 40.000. Eine Aufschlüsselung nach Bestellern gibt es bisher nicht. Daher fehlen Informationen über die unterschiedliche Inanspruchnahme des Leihverkehrs für die Zwecke von Forschung und akademischer Lehre. 28 In den Universitätsbibliotheken ist indessen bekannt, daß der Anteil der studentischen Bestellungen relativ hoch ist. Das trifft wiederum nicht nur für die neuen Universitäten zu, sondern auch für jene alten, die neben der zentralen Bibliothek noch über ein System von Institutsbibliotheken mit zum Teil beträchtlichen Beständen verfügen. Die studentische Benutzung des auswärtigen Leihverkehrs ergibt sich nur zu einem geringen Teil aus persönlichen Informationsbedürfnissen. Überwiegend ist sie die Folge der ,Reform' des akademischen Unterrichts während des letzten Jahrzehnts. Allenthalben ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine Aktualisierung' des Unterrichts erfolgt, die sich in der Wahl ,moderner' l I HB Hl I II f I | I; 1 II II 158 Themen für Lehrveranstaltungen manifestiert. Teilweise steht diese Aktualisierung im Zeichen einer „Entrümpelung" des Studiums, teilweise im Zeichen der Erhöhung des sogenannten „Praxisbezugs". Die Faktoren, die diese Entwicklungen steuern, sind vielfältig. Ideologische Motive aus der Studentenrevolution wirken sich ebenso darin aus wie das Jnnovations'-Bestreben staatlich erlassener Prüfungsordnungen. In vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ist daher eine Abkehr von jenem Kanon festzustellen, der für den akademischen Unterricht verbindlich war und der anderwärts auch weitgehend noch Anerkennung findet. So tritt etwa in den Neuphilologien die jüngste, eben erschienene Literatur in den Vordergrund, in der Geschichte finden Gegenwartsprobleme verstärkt Berücksichtigung etc. Die Vermittlung von ,Neuem' führt überdies dazu, daß auch Gegenstandsbereiche in die Lehre einbezogen werden, die höchstens von vorübergehendem Interesse sind. Diese Tendenzen des Universitätsunterrichts bringen zwangsläufig ein Mißverhältnis zwischen Literaturbedarf und lokal vorhandenen Bibliotheksbeständen mit sich. Die in den Institutsbibliotheken für die Zwecke des Lehrbetriebs angesammelte Literatur wird zwar auf einem modernen Stand gehalten, ist aber wesentlich eine Literatur des Kanons. Der ,aktualisierte' Unterricht erzeugt dagegen einen hohen Bedarf an allerneuestem und vielfach auch ephemerem Schrifttum, das von auswärts beschafft werden muß. So wird die Benutzung entlegener Literatur, normalerweise das Kennzeichen spezieller Forschungstätigkeit, zu einem häufigen Bedürfnis des Lehrbetriebs. Unter den Bedingungen der Massenuniversität ergibt sich dadurch eine besonders gravierende Inanspruchnahme des Leihverkehrs. Üili! Vielfach wird ein solcher Literaturbedarf bereits auf dem Anfängerniveau erzeugt. Infolge des verbreiteten Analphabetismus in der Bibliotheksbenutzung entsteht für das Bibliothekspersonal eine zusätzliche Arbeitsbelastung. Hier dürfte ein Grund dafür liegen, daß die Möglichkeiten für die oft geforderte „Motivierung" des Personals in den Fernleihstellen begrenzt sind. Wer vermöchte einzusehen, daß die aufwendige Bearbeitung studentischer Fern- 159 leihbestellungen für Proseminararbeiten eine unerläßliche Tätigkeit im Dienst der Wissenschaft ist? Durch den „Praxisbezug" der akademischen Ausbildung schlagen diese Zustände neuerdings auch auf die Schulen durch. Leistungskurse in der differenzierten Oberstufe werden vielfach nach dem gleichen Prinzip der ,Aktualität' angelegt, so daß der Leihverkehr nun auch von den Schülern der so ausgebildeten Lehrer in Anspruch genommen wird. Die wissenschaftspropädeutische Ausbildung von Schülern ist zweifellos zu begrüßen, vor allem, wenn dabei die Techniken der Bibliotheksbenutzung erlernt werden. Doch sollte unter allen Umständen vermieden werden, daß dadurch die wissenschaftlichen Bibliotheken und vor allem der Leihverkehr eine weitere Belastung erfahren. 29 Aufgrund der geltenden Leihverkehrsbestimmungen haben die Bibliotheken keine Möglichkeit, Mißstände in der Benutzung des Leihverkehrs abzustellen. Die mancherorts bereits ausliegenden Hinweise auf die Kostspieligkeit und Überlastung des Leihverkehrs dürften wenig helfen. Nur eine massive Öffentlichkeitsarbeit kann einen Wandel herbeiführen. Eine umfassende Information des wissenschaftlichen Personals an den Universitäten über die Probleme des Leihverkehrs und der Literaturversorgung ist dabei vonnöten.30 Darüber hinaus sollten die staatlichen Instanzen auf die Konsequenzen einer Bildungspolitik aufmerksam gemacht werden, die systematisch Aktualisierung' generiert. Der Unterschied zwischen einer ,modernen' Ausbildung, die eine geistige Flexibilität bewirken kann, und einer ,aktuellen' Ausbildung, die zu einem schnell veraltenden Wissen führt, ist weithin nicht geläufig. Modellversuche in der Öffentlichkeitsarbeit der Bibliotheken, auch der wissenschaftlichen, sind letzthin von staatlicher Seite verschiedentlich gefördert worden. In diesem Zusammenhang würde sich ein weiterer Modellversuch empfehlen. Sein Gegenstand sollten die Möglichkeiten einer Differenzierung in der Zweckbestimmung des Leihverkehrs sein. Die zur Zeit gültige Formulierung: „Der Überregionale Leihverkehr dient der Förderung von Forschung und Lehre. Darüber hinaus vermittelt er wissenschaftliche Literatur für Ausbildung, Fort- und Weiterbildung sowie Berufsarbeit" 31 ist in ü m, 160 der augenblicklichen und wohl auch künftigen Situation der Literaturversorgung nicht akzeptabel. Insbesondere ist die Inanspruchnahme des Leihverkehrs durch die Lehre an den meisten Universitäten unnötig und in hohem Maße reduzierbar. a Ähnliches dürfte in vielen Fällen auch für den Bereich der Öffentlichen Bibliotheken gelten, der hier nicht zu betrachten ist. 32 Zur Dogmatik des Leihverkehrs gehört auch, daß er als eine Einrichtung für den physischen Transport der Literatur vom Ort der Aufbewahrung zum Ort der Benutzung verstanden wird. Zur Zeit seiner Entstehung im neunzehnten Jahrhundert war dies die einzige Möglichkeit der Literaturversorgung. Daß der Buchtransport noch immer die dominante Rolle bei der Deckung des örtlich nicht zu befriedigenden Literaturbedarfs spielt, scheint ebenso mit den Ursprüngen des Leihverkehrs wie mit der Bequemlichkeit zusammenzuhängen, die das Buch als Medium der Informationsvermittlung dem Benutzer bietet. Verbesserungen in der Literaturversorgung sind auch hier nur über eine Abkehr vom Dogma zu erreichen. Allerdings gibt es keine einfachen Lösungen, da mehrere Faktoren zu berücksichtigen sind. Moderne technische Verfahren tragen nicht nur nicht zur Bequemlichkeit des Benutzers bei, sondern bleiben im Hinblick auf die Einfachkeit der Handhabung beträchtlich hinter dem Buch zurück. Andererseits kann die Bequemlichkeit für den Benutzer nicht der allein maßgebende Gesichtspunkt sein. Die Erhaltung historischer Bestände ist ein zwingendes Gebot, und davon werden Möglichkeiten und Grenzen in der Anwendung moderner Verfahren entscheidend mitbestimmt. In allen nicht für die Veröffentlichung bestimmten wissenschaftlichen Arbeiten sind Lücken in der Dokumentation, die durch nicht erreichbare Literatur entstehen, solange akzeptabel, wie die bibliographische Recherche einwandfrei und die Lücke klar markiert ist. Dies gilt nicht zuletzt für Hausarbeiten im Rahmen von Staatsprüfungen, wo der Nachweis der wissenschaftlichen Befähigung auch ohne die Besorgung von Literatur im Leihverkehr erbracht werden kann. '''''"■...-'..•.■:..:■.■':■:■:':'■'. 161 Die Geschichte des Handschriftenstudiums in Deutschland ist ein instruktives Beispiel für die Probleme und die sich anbietenden Lösungen. Lange Zeit galt es als selbstverständlich, daß das Studium der Handschriften nur am Ort ihrer Aufbewahrung möglich war. Die Wiederentdeckung und Neuaneignung der antiken Literatur in der Renaissance hatte die Bibliotheksreise des Gelehrten zur Voraussetzung. 33 Die generelle Präsenthaltung der Handschriften schloß indessen eine gelegentliche Verleihung von Einzelstücken nicht aus. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde die Handschriftenausleihe zum Prinzip erhoben, obwohl sich die Reisemöglichkeiten längst verbessert hatten. Mi ■'■ Inzwischen ist der bei seiner Einführung als progressiv' empfundene Leihverkehr der Handschriften nicht nur zurückgenommen worden: er wird unter konservatorischen Gesichtspunkten als indiskutabel empfunden. Der auswärtige Benutzer erhält heute nicht das Original, sondern einen Mikrofilm. Die Handschrift selbst ist nur unter Einhaltung besonderer Vorsichtsregeln am Aufbewahrungsort einzusehen. Die Handschriftenforschung hat darunter nicht gelitten. Im Gegenteil: sie hat im „Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" einen neuen Aufschwung genommen. Zweierlei ist hier geglückt: einmal die Dissoziation von physischer Form und Informationsgehalt. Wer nur am Inhalt der Handschrift interessiert ist, gibt sich mit der fotographischen Reproduktion zufrieden. Daß der Forschung dadurch neue Möglichkeiten zugewachsen sind, wird allgemein anerkannt, und der Vergleich mit den Möglichkeiten, die die Fotographie für die Kunstgeschichte eröffnet hat, ist statthaft. Wer die Handschrift als physisches Objekt studieren will, muß sie aufsuchen. Er kann nicht mehr erwarten, daß sie ihm zugeschickt wird. Zum anderen ist die Überzeugung des Benutzers von der Angemessenheit und Notwendigkeit dieser Trennung geglückt. Jede Forderung nach einer Rückkehr zum Handschriften-Leihverkehr würde bei Bibliothekaren und Benutzern gleichermaßen Befremden auslösen. Die Entwicklung in Deutschland war ein Umweg, den man anderwärts nicht gegangen ist. Damit dürfte zusammenhängen, daß sich die Möglichkeiten der Reproduktion von gedruckten und I Hl I I . r i I I ö « i i|!i S 1 162 handschriftlichen Texten anderwärts auch schneller und vielseitiger ausgebildet haben. In der Bundesrepublik erschließen sich ebenfalls in dem Maße, wie man zum ursprünglichen Prinzip der Präsenthaltung zurückkehrt, Techniken und Verfahren, die den physischen Transport erübrigen, den Schutz der Bestände gewährleisten und dem Leser dennoch die Benutzung ermöglichen. Ihre Erweiterung und Vervollkommnung könnte von der Idee der totalen Archivierung als Denkmodell nur profitieren. Gedankliche Anleihen wären bei der Kunstgeschichte möglich, wo die Vorstellung, daß Gemälde oder Plastiken aus Museen für Forschungszwecke ausgeliehen werden sollten, als absurd empfunden würde. Forschungshilfen wie der Marburger Index: Bilddokumentation zur Kunst und Architektur in Deutschland , eine Sammlung von 475.000 Fotographien, sind die Antwort auf die prinzipielle Ortsfestigkeit der Studienobjekte. Zugespitzt formuliert, wäre nicht, wie es bisher geschieht, darüber nachzudenken, wie der physische Transport von Büchern ermöglicht und beschleunigt werden könnte, sondern darüber, wie er durch eine geeignete Ablösung des Informationsgehalts vom Informationsträger zu verhindern ist. Die partiellen Antworten, die bisher auf diese Frage gegeben worden sind, reichen jedoch nicht aus. '•■ 5. Modernisierung des Versorgungssystems Zu den Hilfsmitteln, welche außer den nötigen Einkünften besonders geeignet sind, die Leistungsfähigkeit unsrer Bibliotheken bedeutend zu erweitem, gehört die Heranziehung der Technik auf allen Gebieten. Chr. Ruepprecht( 1909) I Die ersten Versuche, den Leihverkehr nicht durch den Transport von Büchern zu bewerkstelligen, wurden vor dem Zweiten Weltkrieg unternommen. Die steigende Flut auswärtiger Bestellungen zwang die Preußische Staatsbibliothek, nach Auswegen zu suchen, um ihre Funktionsfähigkeit zu erhalten. Mit der damals relativ neuen Kleinbildkamera wurden Textstellen und Zeitschriftenaufsätze fotografiert und als Film oder Papierabzug dem Benutzer zur Verfügung gestellt. Einige am Leihverkehr beteiligte Bibliotheken wurden mit Lesegeräten ausgestattet. 1 Seit der Vervollkommnung der Mikroverfilmung in den fünfziger Jahren gehört die Lieferung von Mikrofilmen auf individuelle Bestellung zu den Service-Leistungen aller größeren Bibliotheken. I i In großem Umfang ist der Mikrofilm allerdings bisher nicht für die Literaturversorgung eingesetzt worden. Die Zusammenstellung umfassender Textsammlungen auf Mikrofilm, wie sie im Ausland seit längerem zur dezentralen Schaffung und Stärkung von Forschungskapazitäten praktiziert wird, ist in der Bundesrepublik nicht versucht worden. 2 Lediglich auf dem Gebiet der Handschriftenverfilmung ist man an einigen Stellen zur Anlegung von Foto- Archiven übergegangen. 3 Auch bei Zeitungen und Zeitschriften ist, großenteils zur Sicherung von Beständen, die vom Verfall bedroht waren, eine Verfilmung in größerem Stil erfolgt. 4 I 1 164 Die Bedeutung des Mikrofilms ist in letzter Zeit zurückgegangen. Der Grund dafür ist, daß der Rollfilm trotz erheblicher Verbesserungen der Lesegeräte in der Benutzung Schwierigkeiten bietet. Er weist alle Nachteile auf, die schon die Buchrolle gegenüber dem Buchblock kennzeichneten. Das tritt besonders bei der Verfilmung ganzer Bücher zutage, wo die lineare Einsinnigkeit des Mediums die freie Bewegung innerhalb des Textes mühsam macht. Für den an den Buchblock gewöhnten modernen Leser bedeutet dies einen Verzicht auf Komfort, zu dem er nicht ohne weiteres bereit ist. 5 # iiii: ■: iiii:! Die bislang einzige durchgreifende Neuerung im Leihverkehr bildete sich im Laufe der sechziger Jahre aus, als es der allseitige Zugriff auf die moderne Zeitschriftenliteratur erforderlich machte, die Originalbände präsent zu halten und dem einzelnen Benutzer jeweils nur den gewünschten Aufsatz zur Verfügung zu stellen. Die Möglichkeit dazu bot das Vordringen der Papierkopie, die sich - in verschiedener technischer Ausführung - schnell durchsetzte und die seither das gesamte Informationsverhalten in Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung revolutioniert hat. Ab Mitte der sechziger Jahre werden, so die Leihverkehrsordnung, „Aufsätze und Schriften geringeren Umfangs, Zeitungsartikel und kleine Teile eines Werkes grundsätzlich nur in Reproduktionen geliefert, soweit dies urheberrechtlich zulässig ist". 6 Das Urheberrechtsgesetz von 1966 gestattet die Vervielfältigung von Einzelstücken zum eigenen Gebrauch. Der Übergang zu diesem Verfahren ist zu Recht als eine „in die Zukunft reichende Massnahme angesehen" worden. Sie „dient ebenso der ökonomischen Nutzung der Bestände wie der Rationalisierung des Leihverfahrens", 7 auch wenn sie vom Standpunkt des Benutzers nur als eine punktuelle Informationsversorgung betrachtet werden kann. Heute erledigen fast alle Bibliotheken auswärtige Bestellungen auf Zeitschriftenaufsätze nur noch durch die Versendung von Papierkopien. Am Ort stellt sich der Benutzer in der Regel die Kopien in Selbstbedienung her. In Fällen hoher Bibliotheksbeanspruchung werden Größenordnungen von ein bis zwei Millionen Kopien pro Jahr erreicht (zusätzlich zu den an Münzkopierern in Selbstbedienung angefertigten Kopien). 8 Diese Kopien werden bis zu 165 zwanzig Aufnahmen kostenlos abgegeben, 9 ungeachtet der entstehenden Material- und Personalkosten. Umfangreichere Aufträge werden in der Regel berechnet. Über Mikrofilm und Papierkopie hinaus sind im bundesdeutschen Leihverkehr, soweit er die geisteswissenschaftliche Forschung versorgt, bislang keine weiteren technischen Hilfsmittel eingesetzt worden. In der Literaturversorgung der Technik und der Medizin findet neuerdings das Telefaksimile Verwendung. Die Technische Informationsbibliothek Hannover und die Zentralbibliothek der Medizin in Köln nehmen Bestellungen per Fernschreiber entgegen und liefern gegen besondere Berechnung Kopien von kürzeren Texten, in der Regel Zeitschriftenaufsätzen, über den Telefax- Dienst der Bundespost. Die technische Qualität des Telefaksimile läßt jedoch, da eine Papierkopie des Originals als Grundlage für die Übermittlung hergestellt werden muß, teilweise noch zu wünschen übrig. 10 I II Bei der Auswahl von technischen Hilfsmitteln für die Verbesserung der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung ist die Struktur des Literaturbedarfs zu berücksichtigen. Im Bereich der Technik, der Naturwissenschaften und der Medizin geht es ausschließlich um moderne Forschungsliteratur, und der Zeitschriftenaufsatz, meist kürzeren Umfangs, steht hier im Vordergrund. Der Charakter der benötigten Literatur und der relativ geringe Umfang des Literaturbedarfs machen hier den Einsatz von Hilfsmitteln sinnvoll, die in den Geisteswissenschaften nur begrenzt, wenn überhaupt, von Nutzen wären. In den Geisteswissenschaften spielt nicht nur die moderne Forschungsliteratur, sondern auch das Quellenmaterial in gedruckter und ungedruckter Form eine Rolle. Dieses Material bedarf fast durchgängig eines besonderen Schutzes. Für Archivalien und Handschriften, die sämtlich als Unica zu gelten haben, versteht sich dies von selbst. Für gedruckte Texte, deren Seltenheitswert lange unbeachtet geblieben ist, muß ein ähnliches Schutzbedürfnis po- 166 stuliert werden. Man hat es hier nicht mit bloßer ,Gebrauchs- literatur' zu tun, und schon gar nicht mit ,Verbrauchsliteratur', die wie die Forschungsliteratur schnell fortschreitender naturwissenschaftlicher Disziplinen binnen kurzem so veraltet, daß sie wissenschaftlich und bibliothekarisch als wertlos angesehen werden könnte. Technische Hilfsmittel, die im Bereich der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung eingesetzt werden sollen, müssen daher nicht nur den für die Reproduktion moderner Gebrauchsliteratur anzusetzenden Kriterien genügen, sondern darüber hinaus auch Kriterien, die sich aus der Schutzbedürftigkeit und aus der Fragilität des zu reproduzierenden Materials ergeben. Solche auch unter konservatorischen Gesichtspunkten befriedigenden Hilfsmittel existieren bislang erst in Ansätzen. Die Überlegungen zur Verwendung technischer Hilfsmittel im Bereich der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung dürfen sich daher nicht nur auf den Einsatz neuer Geräte richten. Sie müssen auch, und in vieler Hinsicht vorrangig, auf die Veränderung bereits existenter und in Benutzung befindlicher Geräte abzielen. I 1 I III Vom Standpunkt des Benutzers ist die befriedigendste Form der Reproduktion die Papierkopie. Sie kann ohne Gerät gelesen, mit Notizen versehen und leicht in den Arbeitsablauf eingeordnet werden. Andererseits ist die Papierkopie, vom Standpunkt der Bibliotheken aus gesehen, die gefährlichste Form der Reproduktion wegen der dabei fast zwangsläufig auftretenden Einbandschäden. Das individuelle Interesse des Benutzers an leicht handhabbaren Arbeitsunterlagen kollidiert also mit dem institutionellen Interesse der Bibliotheken an der Schonung ihrer Bestände. Die zur Zeit verwendeten Geräte für die Herstellung von Papierkopien sind sämtlich für Bibliotheksmaterial ungeeignet, da sie für den Bürogebrauch und damit für die Vervielfältigung einzelner Blätter konstruiert wurden. Auch sogenannte „Buchkopierer", die ^ m ' ■ . ■ ■ ..........■■-.■■........... ■■■■■■ i .... ■ ■ ■ . * ■■ > 167 von einigen Firmen angeboten werden, entsprechen nicht den Anforderungen. Ihre gewölbte Oberfläche schont die Einbände kaum mehr als eine plane Oberfläche. Durch die Anfertigung von Kopien auf den allerorts aufgestellten handelsüblichen Geräten sind vielfach bereits Einbandschäden entstanden, deren Beseitigung Millionenbeträge erfordern wird. Die Lösung des Problems liegt in der Entwicklung spezieller Geräte für den Kopierbedarf der Bibliotheken. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten sind nicht technischer, sondern wirtschaftlicher Art. Im Vergleich zu dem Markt für Bürokopierer ist der potentielle Markt für Bibliotheksgeräte, wie groß er zunächst auch erscheinen mag, so klein, daß seitens der führenden Hersteller kein Interesse daran besteht. Es kommen also nur Entwicklungsarbeiten durch kleinere Firmen unter Verwendung bereits ausgereifter Bürokopierer in Betracht. Im Ausland sind Versuche in dieser Richtung unternommen worden. Ein erstes Buchkopiergerät ist unter der Typenbezeichnung Va- rioprint W 1001 bereits in Benutzung. Es besteht aus einem serienmäßig gelieferten Kopiergerät und einem Zusatzgerät, das es ermöglicht, Kopien im Auflichtverfahren herzustellen. Bei sachgemäßer Bedienung erleiden auch fragile Bücher, Einbände und Papiere keinen Schaden. Der Nachteil besteht in einer gewissen Schwerfälligkeit des gesamten Apparates. Die Bedienung ist zeitaufwendig und damit kostenintensiv. Erfahrungsberichte aus Bibliotheken bezeichnen das Gerät als noch nicht völlig ausgereift. 11 Von einem zweiten Gerät existiert bislang nur ein Prototyp, der von der British Library bei einer englischen Firma in Auftrag gegeben wurde. Auch hier ist ein serienmäßig gebautes und leicht modifiziertes Kopiergerät mit einem Zusatzgerät gekoppelt, durch das ein nur wenig geöffnetes Buch mit Hilfe optischer Spiegelung reproduziert werden kann. Die weiteren Arbeiten am Prototyp sollen noch im Laufe des Jahres 1983 abgeschlossen werden, so daß das als „Overhead Photocopier" bezeichnete Gerät in kürzerer Zeit einsatzfähig sein dürfte. 12 (Abbildung Seite 168) 168 / Optics itiside tmnsfer image to copür ßook, cradle v Office copier Zweierlei empfiehlt sich: (1) Die Bereitstellung von Mitteln durch eine forschungsfördernde Institution zur weiteren Erprobung des Gerätes Varioprint W 1001 und zur Ersterprobung des englischen Gerätes an einer oder zwei wissenschaftlichen Bibliotheken der Bundesrepublik. Ausführliche Erfahrungsberichte sollten veröffentlicht werden. (2) Die Vergabe eines weiteren Entwicklungsauftrags zur Herstellung eines Prototyps für einen Bibliothekskopierer, falls die Erprobung der schon vorhandenen Geräte nicht zu dem Ergebnis führt, daß sie kostengünstig und problemlos benutzbar sind. Die Vergabe könnte wiederum durch eine forschungsfördernde Institution erfolgen. I! ■■■'■•: II So wünschenswert ein spezielles Buchkopiergerät ist, die Probleme der Literaturversorgung in den Geisteswissenschaften werden dadurch nur zum Teil gelöst. Die unter konservatorischen Gesichtspunkten befriedigende Herstellung einer Papierkopie erfüllt die Wünsche des Benutzers nach einer brauchbaren Arbeitsunterlage und die Wünsche der Bibliotheken nach schonender Behandlung der Bestände. Aber sie ist unrationell, und ökonomisch nur in Grenzen vertretbar. Durch die auswärtige Bestellung moderner Forschungsliteratur sind gerade die leistungsfähigen Großbiblio- lÜIÜ ^^^^M ■■■■P 169 im 71 theken bereits überaus stark in Anspruch genommen. Die Möglichkeit, auch von historischen Beständen Papierkopien herstellen zu lassen, würde zu einer weiteren Belastung des schon jetzt überforderten Kopierdienstes führen. Unter dem Gesichtspunkt der effizienten Literaturversorgung liegt der Nachteil der Papierkopie darin, daß mit der Herstellung der Kopie keine Möglichkeit der Speicherung verbunden ist. Bei jeder neuen Anforderung muß der gleiche manuelle Arbeitsprozeß wiederholt werden. Der Komfort für den Benutzer wird also durch eine Beanspruchung der Bibliothek erreicht, die im Normalfall nicht in angemessenem Verhältnis zum Nutzen stehen dürfte. Einige Bibliotheken sind dazu übergegangen, von besonders gefährdeten Einzelexemplaren älterer Literatur für die Ausleihe gebundene Kopien herzustellen. Selbst dies dürfte sich als zu großer Aufwand erweisen. Die Papierkopie kann deswegen nur eine unter anderen Möglichkeiten zur Reproduktion gedruckter Texte sein. Ihr Anwendungsbereich wird in Zukunft sicher nicht erweitert werden können, sondern eingeschränkt werden müssen. I IV Das zur Zeit geeignetste technische Hilfsmittel für die Literaturversorgung der Geisteswissenschaften ist der Mikrofiche. 13 Ursprünglich eine deutsche Erfindung, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gemacht wurde, 14 hat er erst auf dem Umweg über das Ausland in jüngster Zeit wieder Verwendung in der Bundesrepublik gefunden. Es handelt sich dabei um einen Planfilm von der Normgröße DIN A 6, der in der Standardausführung 98 Felder aufweist, als Ultramikrofiche aber auch über Speicherkapazitäten bis zu 3.600 Feldern verfügt. Im Bibliothekswesen wird der Mikrofiche bereits für EDV-Kataloge verwendet, und zwar in Form sogenanner COM-Kataloge ("Computer Output in microform"). Infolgedessen sind Lesegeräte in praktisch jeder größeren Bibliothek vorhanden. Der Benutzer ist mit ihrer Handhabung vertraut. Überdies haben sich die Geräte durch die vielseitige industrielle Anwendung verbilligt. Sogar Geräte für I 170 den Privatgebrauch sind seit einiger Zeit zu durchaus erschwinglichen Preisen auf dem Markt. Es bietet sich also an, den Mikrofiche auch in anderen Bereichen zu verwenden. Für den Benutzer hat die Bereitstellung von Literatur in Form der Mikrofiche-Reproduktion zunächst Nachteile. Wie beim MikroRollfilm benötigt er ein Lesegerät und entbehrt damit den Komfort der gedruckten oder in Papierform kopierten Seite. Gegenüber dem Rollfilm ist der Planfilm allerdings einfacher benutzbar, da er die Größe einer Karteikarte und damit ähnliche Eigenschaften wie ein Blatt hat. Lesegeräte, die zwei Mikrofiches zur gleichen Zeit einzulegen erlauben, ermöglichen sogar die Benutzung eines Index zusammen mit einem Text. Ein weiterer Vorteil für den Benutzer ist die Möglichkeit, größere Textmengen in Karteiform aufzubewahren. Unter Umständen kann der gesamte für eine wissenschaftliche Arbeit erforderliche Textvorrat auf diese Weise vereinigt und auch transportiert werden. K i Uli P I Der Nachteil des Films - Gerätebenutzung und Bildschirmlektüre - wird neuerdings dadurch ausgeglichen, daß Rückkopiergeräte die Möglichkeit bieten, den auf dem Bildschirm erscheinenden Text durch bloßen Knopfdruck als Papierkopie herzustellen. Solche Rückkopiergeräte werden von verschiedenen Firmen in mehreren Ausführungen angeboten. Sie sind technisch ausgereift, und ihr vielseitiger Einsatz hat sie so verbilligt, daß die Anschaffung kleinerer Modelle auch Institutsbibliotheken und sogar Privatpersonen möglich ist. Auf der Produktionsseite bietet der Mikrofiche Vorteile, die zur Zeit von keinem Reproduktionsmedium erreicht werden. Die Herstellung eines Mikrofiche ist weniger zeitaufwendig als die von Papierkopien, besonders wenn für Papierkopien aus konservatorischen Gründen besondere Sorgfalt aufgewandt werden muß. Sie ist also ökonomisch günstiger. Überdies stellt das Original der Mikrofiche-Aufnahme eine Speicherform dar, die beliebig oft wiederverwendet werden kann. Anders als bei der Papierkopie braucht die Reproduktion des Originals nicht bei jeder neuen Anforderung des Werkes manuell wiederholt zu werden. Kopien von einem Mikrofiche sind einfach und kostengünstig herzustellen, 171 und ihr Versand ist billiger als der eines Buches oder einer größeren Menge von Papierkopien. 15 Die Anfertigung der Originale, von denen die Kopien gezogen werden (masterfiche), erfolgt mit Hilfe einer speziellen Kamera (Reihenschrittkamera). 16 Ihre Handhabung bietet für Fachpersonal keine Schwierigkeiten. Die Stundenleistung einer hochwertigen Kamera liegt bei etwa 700 Aufnahmen. 17 Die Qualität des verfügbaren Filmmaterials genügt hohen Ansprüchen sowohl an Auflösungsvermögen wie an Haltbarkeit. Seit einiger Zeit können Farbmikrofiches ohne zusätzlichen Aufwand hergestellt werden, so daß auch die Reproduktion von farbigen Abbildungen möglich ist. Mikroaufnahmen stellen unter normalen Bedingungen keine Gefahr für die verfilmten Bücher dar. Die Einbände werden, anders als bei Papierkopien, nur wenig beansprucht, und Experimente mit Spiegelsystemen, die bei fragilen Büchern nur einen minimalen Öffnungswinkel erfordern, sind erfolgreich gewesen. 18 iji'iül Die Verwendung von Mikrofiches für die Literaturversorgung der Geisteswissenschaften würde zunächst dringende konservatorische Probleme lösen. Bei entsprechender Ausstattung der Bibliotheken brauchte die gesamte vor 1900 erschienene Literatur nicht mehr in die Fernleihe gegeben zu werden. Jedes einmal verfilmte Buch könnte archiviert werden. Seine Benutzung wäre nur dann noch erforderlich, wenn es nicht um den Informationsgehalt des Werkes, sondern um das Buch als physischen Gegenstand ginge, wie etwa bei bibliographischen, druckgeschichtlichen oder ähnlichen Untersuchungen. Die Benutzung würde in diesen Fällen in der Regel am Ort der Aufbewahrung erfolgen. Überdies wäre eine Verstärkung von lokalen Ressourcen möglich. Sie ist besonders bei kriegsgeschädigten und neuerrichteten wissenschaftlichen Bibliotheken vordringlich, wo es allenthalben an Quellenmaterial und älterer wissenschaftlicher Literatur fehlt. Der Anteil dieser Literatur an den Fernleihbestellungen beträgt in letzter Zeit rund vierzig Prozent. 19 Durch die mikrographische Vervielfältigung entsprechender Werke ließen sich im Laufe der Zeit zahlreiche Lücken mit relativ geringem finanziellen Aufwand schließen. Es wäre dazu nur erforderlich, daß von jeder Fern- II I f l I I »—BIIBPDIiqflffOOMn— 172 leihbestellung, die durch die Anfertigung von Mikrofiches erledigt würde, zwei Kopien an die anfordernde Bibliothek gingen - eine für den individuellen Besteller, die andere zur Archivierung in der bestellenden Bibliothek. Bereits kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs machte der amerikanische Bibliothekar Fremont Rider den Vorschlag, zur Reduzierung der Stellfläche in den Bibliotheken Mikroformen von Büchern in der Weise herzustellen, daß die Katalogkarte auf der Rückseite den Text des jeweiligen Werkes bieten sollte. 20 Der gebräuchliche Mikrofiche wandelt diese Idee auf eine für den Bibliotheksbetrieb durchaus rationelle Art ab. Die normal lesbare Kopfleiste enthält den Titel und erspart damit eine zusätzliche Katalogisierung. Die Archivierung von Mikrofiches stellt also im gleichen Arbeitsgang ihre Katalogisierung sicher, so daß sich eine Mikrobibliothek mit geringem Arbeitsaufwand anlegen läßt. 21 I 1 VA i 8 1 I tu Der Nutzen der Mikroverfilmung für die Literaturversorgung läßt sich erhöhen, wenn ein zentrales Verzeichnis der verfilmten Werke geführt und für die allgemeine Benutzung zur Verfügung gestellt wird. Dieses Verzeichnis kann auf rudimentäre bibliographische Angaben beschränkt sein. Sein primärer Zweck ist die schnelle Information des literatursuchenden Wissenschaftlers über die Verfügbarkeit von Mikrotexten. Das Musterbeispiel für ein solches Hilfsmittel ist das von der Library of Congress geführte und publizierte National Register of Microform Masters . Es erscheint jährlich und versteht sich als "a catalog of master microforms which have been produced for the sole purpose of preserving printed material on film". Es umfaßt "foreign and domestic books, pam- phlets, serials, and foreign doctoral dissertations but excludes technical reports, typescript translations, foreign or domestic ar- chival manuscript collections, U.S. doctoral dissertations, and masters' theses". 22 Ein „Verzeichnis mikroverfilmter Werke" für den Bereich der bundesdeutschen Bibliotheken würde nach einer gewissen Anlaufzeit den schnellen Zugriff auf verfilmte Literatur sichern und zu einer fühlbaren Entlastung der regionalen Zentralkataloge führen. Auf die Dauer könnte die Versorgung mit älterer Literatur zu- ^ ■ £t&£ ^™ 173 mindest teilweise an den Zentralkatalogen vorbeigeführt werden. Durch Direktbestellungen würde das ganze Bibliotheksnetz weniger stark in Anspruch genommen, und durch die Vermehrung der örtlichen Bestände würde sich die Versorgung beschleunigen. Die Umstellung der Literaturversorgung im Bereich der älteren Literatur dürfte eine gewisse Zeitspanne benötigen. Es sind Investitionen bei den Bibliotheken erforderlich, die nicht überall sofort vorgenommen werden können. Der notwendige Fundus an mikroverfilmter Literatur bildet sich erst nach und nach heraus. Eine Übergangszeit, in der die Literaturversorgung teils nach dem üblichen Leihverkehrsschema, teils in der neuen Form abläuft, wird unvermeidlich sein. In dieser Zeit dürfte seitens der Bibliotheken der Leihverkehr allerdings nur in dem Maße eingeschränkt werden, wie sie ohne zeitliche Verzögerungen in der Lage sind, Mikrofilme an den Besteller zu liefern. Andernfalls käme es zu nicht hinzunehmenden Beeinträchtigungen der wissenschaftlichen Arbeit. Es dürfte sich empfehlen, mit der Umstellung bei den großen Universalbibliotheken zu beginnen, die ohnehin die Hauptlast der Fernversorgung tragen. Bei mindestens zwei von ihnen sollten zur Erprobung des neuen Verfahrens die Fotostellen bald so ausgebaut und ausgerüstet werden, daß eine Anfertigung von Mikrofiches in großem Stile und damit eine ,Vorratsbildung' an häufig benötigter Literatur möglich wird. Zweckmäßigerweise sollte es sich bei diesen Bibliotheken um Archivbibliotheken in dem hier intendierten Sinne handeln. Damit fiele diesen Bibliotheken die Doppelaufgabe zu, in einem über das Normale hinausgehenden Maße ältere Literatur zu sammeln und diese in neuer Form für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Präsenthaltung der Bestände und Teilnahme an der überregionalen Literaturversorgung würde sich also nicht ausschließen. T In welchen Phasen sich die Umstellung auch bei anderen Bibliotheken vollziehen könnte, hängt von örtlichen und regionalen Gegebenheiten ab und kann daher hier nicht im einzelnen erörtert werden. Generell müßte jedoch sichergestellt werden, daß die Bestände in diesen anderen Bibliotheken nicht deswegen übermäßig in Anspruch genommen werden, weil sie noch nicht verfilmt I 174 werden konnten. Der schnelle Aufbau von Archiven an verfilmter Literatur bei den Archivbibliotheken wäre daher eine vordringliche Aufgabe, damit diese im Leihverkehr in erster Linie angegangen werden könnten. Ob die Vervielfältigung und Versendung der Mikrofiches von jeder einzelnen Bibliothek aus erfolgen soll oder ob dafür eine Zentralstelle zuständig sein könnte, wird erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden können. In jedem Falle sollte jedoch das „Verzeichnis mikroverfilmter Werke" zentral geführt werden. Es wäre als nationalbibliographisches Unternehmen aufzufassen. Damit wäre die Deutsche Bibliothek in Frankfurt der natürliche Ort für die Zusammenstellung und Veröffentlichung. 23 I I i Wegen der Einfachheit und Verläßlichkeit ihrer Technik wird die Mikroverfilmung voraussichtlich noch für längere Zeit das geeignetste und kostengünstigste Mittel darstellen, zum Zwecke des Transports den Informationsgehalt eines wissenschaftlichen Werkes von der Buchform abzulösen. Gleichwohl sollte sich die Aufmerksamkeit auch auf jene neuen Technologien richten, die in Zukunft vielleicht noch weiterreichende Formen der Dissoziation herbeiführen können. Unter der Sammelbezeichnung „Electronic Document Delivery" werden seit einiger Zeit Möglichkeiten der Fernübertragung geplant und erprobt, deren technische Grundlage die Auflösung von Dokumenten (Textseiten) in binäre Datenströme ist. Die Auflösung erfolgt durch spezielle Geräte (Scanner, Digitizer, Digitalisierer), die die Originaldokumente abtasten und in entsprechende Impulse umsetzen. Die Technik der Scanner ist voll entwickelt, und Geräte werden von einer Reihe von Firmen auf den Markt gebracht. Die Digitalisierung ist aus zwei Gründen eine für die Literaturversorgung interessante Technik. Einmal wegen einer ,neutralen' Charakteristik auf der Eingangsseite. Das im Scanner umgewandelte Original stellt sich für das Gerät einfach als ,Bild' dar. Es spielt keine Rolle, ob es sich um Texte oder Abbildungen oder um Texte ^^^ ■■^H 175 mit Abbildungen handelt. Jedes Original kann auf die gleiche Weise ohne Schwierigkeiten umgewandelt werden. Überdies braucht das Original nicht eine gedruckte Seite zu sein. Auch Filmaufnahmen werden von einem Scanner digitalisiert, so daß Mikrofilme statt Papiervorlagen benutzt werden können. Der zweite Grund ist eine vielfache Verwendbarkeit des digitalisierten ,Bildes'. Es kann sofort weitergeleitet werden. Unter Benutzung verfügbarer Datennetze läßt es sich über kurze oder weitere Entfernungen an einen Empfänger übermitteln, der es seinerseits auf einen Bildschirm empfangen oder als Papierkopie ausdrucken kann. Es kann aber auch im Computer oder in anderer Form gespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt beliebig oft abgerufen werden. Die bislang im Handel befindlichen Digitalisierer haben den Nachteil, daß sie, ebenso wie die handelsüblichen Kopiergeräte, nicht für den Bibliotheksgebrauch vorgesehen sind. Sie sind auf Originale in Blatt-Form eingerichtet. Sie verursachen die gleichen Einbandschäden wie die zur Zeit überall verwendeten Kopiergeräte und sind daher nur begrenzt oder - bei fragilen Buchvorlagen - überhaupt nicht benutzbar. Bei Versuchen mit solchen Geräten, die in den Vereinigten Staaten unternommen wurden, mußten die Buchblöcke in einzelne Blätter zerlegt und damit zerstört werden. Ein spezielles Gerät für die Verwendung in Bibliotheken hat die British Library, London, entwickelt. 24 Es kombiniert eine weitgehend konventionelle Digitalisierungsausrüstung mit einer neu konstruierten Halterung. Diese V-förmige Halterung erlaubt eine relativ schnelle und beschädigungssichere Reproduktion von Büchern. Die bei den handelsüblichen Geräten erforderliche Kopie der Buchseite entfällt also. Außerdem arbeitet das Gerät schneller als übliche Telefaksimile-Einrichtungen. Für das scanning einer DIN A 4 Seite werden unter acht Sekunden benötigt. Der Wiederausdruck auf einem entsprechenden Gerät nimmt ebenfalls nicht mehr als acht Sekunden in Anspruch. Die Wiedergabequalität der Papierkopie läßt kaum zu wünschen übrig, auch im Falle alter Bücher. Die Entwicklung des Gerätes ist abgeschlossen; es soll noch im Jahre 1983 verfügbar werden, und zwar in Verbindung mit einem speziell i m w i Hl I :! I I^^Bi^H^HflHHHfll 176 dafür entwickelten Interface, das den Anschluß an eine Reihe von Übermittlungs- und Wiedergabeeinrichtungen ermöglicht. Scantiing ftead Book cradlc (canntate) Printer ,:■!: £ V Die Auswirkungen der Digitalisierungstechnik auf das Bibliothekswesen lassen sich zur Zeit noch nicht mit Sicherheit abschätzen. Es ist deswegen an dieser Stelle weder möglich noch nötig, darüber Spekulationen anzustellen. Daß indessen das Telefaksimile besonders für ein dezentrales Bibliothekswesen wie das der Bundesrepublik eine erhebliche Bedeutung gewinnen wird, dürfte außer Frage stehen. Eine Reihe von Techniken, die zur Zeit in einem fortgeschrittenen Stadium der Entwicklung sind, konvergieren in dieser Möglichkeit der schnellen Übertragung von bereits vorhandenen Dokumenten. Zwei Entwicklungen verdienen in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit: (1) Die Pläne der Europäischen Gemeinschaft zur Schaffung eines Systems für die Fernübertragung von Dokumenten. Dieses unter dem Akronym ARTEMIS laufende Projekt („Automatic Retrieval of Text from Europe's Multinational Information Service") zielt auf einen weiten Anwendungsbereich und soll als „offenes System" 177 prinzipiell jedem Interessenten zugänglich sein. 25 Falls es in der vorgesehenen Form realisiert wird, könnte es nicht nur, wie zunächst wohl in Aussicht genommen, im naturwissenschaftlichtechnischen Bereich eine entsprechende Rolle spielen, sondern auch in der nationalen und internationalen Literaturversorgung der Geisteswissenschaften. Mit dem „Image Digitizer" der British Library existiert eine wichtige Voraussetzung dafür, und die Kompaktheit und die Beweglichkeit des Geräts würden sogar eine Telefaksimilierung direkt aus den Magazinen der Bibliotheken gestatten. (2) Die sich vervollkommnende Technik der Optischen Speicherplatten. Bei der Speicherung großer Textmengen eröffnet die Optische Speicherplatte neue Wege, die auch zu ihrer Anwendung in der allemal an ein umfangreiches Textkorpus gebundenen geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung führen könnten. Normale Speicherplatten haben bereits heute eine Kapazität, die die des Ultramikrofiche um das Fünffache übertrifft. Auf einer Platte von etwa dreißig Zentimeter Durchmesser lassen sich bis zu sechzigtausend Seiten unterbringen. Auch bei zurückhaltender Bewertung der Prognosen über weit höhere Speicherkapazitäten ist bereits deutlich, daß dieses Medium die Bereitstellung erheblicher Ressourcen gestattet. Die Einspeicherung der digitalisierten Texte erfolgt in der Regel durch einen Laserstrahl, der auch bei der Abnahme wieder verwendet wird. Bei entsprechender Kodierung ist das schnelle Wiederauffinden eines gesuchten Textes ohne weiteres möglich. 26 i I i Gegenüber einer Textspeicherung im Computer hat die Speicherung auf Optischen Speicherplatten Vorteile, die besonders in der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung zu Buche schlagen. Die Speicherung erfolgt in Faksimileform, bewahrt also die Akzidenzien eines Textes, die in der Computerspeicherung verlorengehen. Der Benutzer der optisch gespeicherten Textseite hat das genaue ,Bild' dieser Seite vor sich. Auch ist der gespeicherte Text nicht, wie beim Computer, manipulierbar. Er kann nur in der einmal gespeicherten Form wieder in toto reproduziert werden. I ffl 1 L i I :;iü :::Üii 178 Unter der Bezeichnung „Megadoc" hat die Firma Philips ein Archivsystem vorgestellt, das die Speicherung digitalisierter Dokumente auf einen Massenspeicher von vierundsechzig Optischen Speicherplatten ermöglicht. Bei einer Zugriffszeit von einhundertfünfzig Millisekunden bei laufender Platte oder zwanzig Sekunden bei einer nicht im Gerät befindlichen Platte ist jedes Dokument auf einem Bildschirm abrufbar oder auf einem Faksimile-Drucker reproduzierbar. 27 Ein weiteres System ist unter der Bezeichnung „Gigadisc" von der französischen Firma Thomson-CSF entwickelt worden. Beide Systeme sind jedoch nicht in erster Linie für die Bibliotheksbenutzung gedacht und scheinen in der augenblicklichen Form auch noch nicht für eine Fernübertragung von Dokumenten geeignet zu sein. Für eine breite Verwendung im Bibliotheksbereich sind die neuen Techniken sicher noch nicht genügend ausgereift. Aber es dürfte sich - besonders im Hinblick auf die Erfahrungen, die ausländische Bibliotheken damit sammeln 28 - eine begrenzte Erprobung bei einer oder zwei Bibliotheken empfehlen, und zwar unter zwei Fragestellungen: (1) Läßt sich die Fern Versorgung im überregionalen Leihverkehr durch das Telefaksimile entscheidend verbessern? und (2) Bietet die Optische Speicherplatte eine Möglichkeit, die dezentral vorhandenen Literaturreservoire entscheidend zu vergrös- sern? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Bildplatten, die in den Archivbibliotheken hergestellt wurden, gegebenenfalls vervielfältigt und dezentral verwendet werden können? $r5S ^M 6. Verbesserung des Informationssystems Fortschritte in der Forschung und in der technischen Entwicklung, in Wirtschaft, Verwaltung und Politik hängen maßgebend davon ab, ob das in der Welt vorhandene Wissen rasch, konzentriert und aufgabenbezogen zugänglich gemacht und in Praxis umgesetzt werden kann. Der Bundesminister für Forschung und Technologie (1975) I I I Geisteswissenschaftliche Veröffentlichungen lassen sich - mit einiger Vergröberung - als Texte charakterisieren, die aus Texten entstanden sind. Daran wird nicht nur die Literaturbezogenheit der geisteswissenschaftlichen Forschung deutlich, die größer ist als in allen anderen Wissenschaftsbereichen, sondern auch die essentielle Bedeutung, die jedes Hilfsmittel der Literaturerschließung für sie besitzt. Kataloge und Verzeichnisse haben hier über die elementare Ordnungsfunktion hinaus eine strukturbildende Wirkung im Wissenschaftsprozeß selbst. Das Spektrum literaturerschließender Hilfsmittel ist breit und läßt Einteilungen unter verschiedenen Gesichtspunkten zu. Es genügt hier, wissenschaftsbezogene und bibliotheksbezogene Hilfsmittel als zwei Grundkategorien zu unterscheiden. Im ersten Fall handelt es sich um Verzeichnisse produzierter Literatur, im zweiten um Verzeichnisse vorhandener Literatur. Fachbibliographie und Bibliothekskatalog repräsentieren den jeweiligen Typus in reiner Form und deuten zugleich das Spannungsfeld zwischen dem potentiell Notwendigen und dem tatsächlich Verfügbaren an, in dem sich der Wissenschaftler bei jedem Rückgriff auf Literatur bewegt. Auf dem Gesamtgebiet der literaturerschließenden Hilfsmittel vollziehen sich seit einiger Zeit mit zunehmender Beschleunigung '". II jjl I 180 Veränderungen. Sie gehen auf die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung zurück und sind geeignet, die traditionellen Formen des Literaturnachweises und der Literaturrecherche zu revolutionieren. Nicht nur werden größere Datenmengen beherrschbar und Informationen schneller verfügbar. Vor allem wird der Zugriff auf Literatur leichter und differenzierter. Die Bedeutung dieser Veränderungen für den Fortschritt der Forschung ist allenthalben anerkannt. In entsprechender Einschätzung der „Bedeutung der wissenschaftlichen und technischen Information für den Fortschritt in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens" hat die Bundesregierung 1974 ein „Programm zur Förderung der Information und Dokumentation" (IuD-Programm) entworfen. Es soll „einen dem steigenden Wissenszuwachs und dem zunehmenden Informationsbedürfnis der modernen Gesellschaft gerechtwerdenden Ausbau der wissenschaftlichen und technischen Informationsdienstleistungen veranlassen und unterstützen". Sein Ziel ist, „einen besseren Zugang zu Informationen aller Art aus den verschiedenen Fach- und Aufgabenbereichen sicherzustellen." 1 Für die Geisteswissenschaften ist ein eigenes Fachinformationszentrum vorgesehen (FIZ 14), das alle traditionellen Disziplinen umfaßt. Ein Planungskonzept dafür wurde 1977 entworfen und einem kleinen Kreis von Interessenten zugänglich gemacht. 2 Über dieses Planungsstadium ist das Zentrum bisher nicht hinausgekommen, so daß die Bilanz, die nach fast zehn Jahren IuD- Programm für die Geisteswissenschaften zu ziehen ist, negativ ausfällt. 3 Trotz zeitweiliger Förderung einiger Einzelprojekte 4 ist weder die wissenschaftsbezogene noch die bibliotheksbezogene Literaturerschließung durch das IuD-Programm so verändert worden, daß man von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der geisteswissenschaftlichen Forschung sprechen könnte. Ob ein Fachinformationszentrum Geisteswissenschaften noch eine Zukunftschance hat oder ob es, wie vielerseits befürchtet wird, als Teil einer „gigantischen Förderungsruine" betrachtet werden muß, 5 ist hier nicht zu entscheiden. Größere staatliche Investitionen auf diesem Gebiet sind offenbar in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. wm ii g Ich möchte deswegen einen speziellen geistes- und sozialwissenschaftlichen Wegweiser zur Literaturbeschaffung durch Bibliotheken empfehlen. Hier liegen die wirklichen Probleme, und hier muß dem Benutzer klar gemacht werden, welches Zusammenwirken von bibliothekshistorischen, bibliothekspolitischen und bibliothekstechnischen Faktoren seine Literaturversorgung oft unerträglich kompliziert. Eine den Benutzer wirklich interessierende Darstellung dieser Sachverhalte ist nicht einfach. Das Problem liegt darin, daß gleicherweise elementare und komplexe Gegebenheiten einem nach üi 189 Interessenlage und Bibliothekserfahrung heterogenen Leserkreis nahegebracht werden müssen. Meine letzte Anregung betrifft die current awareness Services. Eine Reihe von Sondersammelgebiets-Bibliotheken hat seit einigen Jahren in dieser oder jener Form Informationsdienste eingerichtet, die über Neuzugänge zu den jeweiligen Beständen Auskunft geben. In einigen Fällen gehen die Dienste darüber hinaus; so gibt es Zeitschriften-Inhaltsverzeichnisse {Current Contents) oder Verzeichnisse von Zeitschriften für bestimmte Fachgebiete. 21 Der Wert dieser Informationsdienste steht außer Frage. Sie vermitteln häufig eine schnellere Kenntnis von Neuerscheinungen als die - in der Regel verspäteten - Fachbibliographien. Durch die Finanznot der Bibliotheken sind diese Dienste zum Teil in Schwierigkeiten geraten, und es besteht die Gefahr, daß sie ganz eingestellt werden. Deshalb wäre eine Studie vonnöten, die auf der Grundlage genereller Erwägungen über die Informationsbedürfnisse der Geisteswissenschaften 22 ein schlüssiges Konzept für solche Dienste entwirft und Vorschläge für eine möglichst effiziente und rationelle Gestaltung macht. Alle hier genannten Hilfsmittel lassen sich als Einzelprojekte realisieren. Bei ihrer Förderung sollte allerdings beachtet werden, daß alle Nachschlagewerke nur dann zweckentsprechend sind, wenn sie immer wieder neu bearbeitet und ergänzt werden. Deswegen sollten sie an zentraler Stelle betreut werden, etwa beim Deutschen Bibliotheksinstitut, zu dessen Aufgaben die Entwicklung von Arbeitshilfen für den Bibliotheksbetrieb gehört. Nach neueren Projekten zu urteilen, scheint man dem Bereich „Präsentation und Öffentlichkeitsarbeit" verstärkt Aufmerksamkeit entgegenzubringen. 23 Es wäre erfreulich, wenn davon auch jener Benutzerkreis profitieren würde, zu dessen täglicher Routine die intensive Bibliotheksarbeit gehört. I 190 ' m i iiiiii Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in den Funktionsablauf der Bibliotheken, generell als „Bibliotheksautomatisierung" bezeichnet, ist in der Bundesrepublik von größter Bedeutung. 24 Die Möglichkeit, mit Hilfe dieser Techniken die Katalogführung zu verbessern sowie Verbundkataloge anzulegen, kann gerade in einem dezentralen System die Leistungsfähigkeit erheblich steigern. Was auf dem Gebiet der Bibliotheksautomatisierung geschieht oder nicht geschieht, dürfte deswegen - zum Guten oder zum Schlechten - weitreichende Auswirkungen haben. Aus der Perspektive des geisteswissenschaftlichen Benutzers gesehen, vollziehen sich im wissenschaftlichen Bibliothekswesen der Bundesrepublik zur Zeit drei unterschiedliche Entwicklungen: Erstens werden auf Teilgebieten des Literaturnachweises Lösungen auf nationaler Ebene angestrebt. Dies gilt vor allem für die Nationalbibliographie, die gleicherweise als Bibliographie wie als Inventar zum Gegenwartsarchiv des deutschen Schrifttums betrachtet werden kann. Die frühe und konsequente Umstellung auf eine Technik, die allemal unumgänglich ist, hat hier dazu geführt, daß ein On-line Informationssystem (BIBLIO-DATA) sowie ein Magnetbanddienst zur Verfügung steht. 25 Die Service-Leistungen der Deutschen Bibliothek werden planmäßig weiter ausgebaut, und in Zukunft wird es auch möglich sein, die Daten ausländischer Nationalbibliographien über die Deutsche Bibliothek zu erhalten. Die Nationalbibliographie liefert zwar für die verzeichnete Literatur keine Standorte, aber der Benutzer kann stets auf den Präsenzbestand der Deutschen Bibliothek zurückgreifen - eine Möglichkeit, die wohl schon jetzt in beträchtlichem Maße für Forschungszwecke genutzt wird und die mit dem natürlichen ,Altern' der Bestände an Bedeutung gewinnen dürfte. Ein gänzlich anderes nationales Nachweisinstrument ist die von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und vom Deutschen Bibliotheksinstitut aufgebaute zentrale Zeitschriftendatenbank, die in ihrer letzten Ausbaustufe den gesamten Zeitschriftenbestand in den wichtigen Bibliotheken der Bundesrepublik umfassen soll. 26 Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft entsteht ■•■■]■•:•:■[■: :rt::;i:r: '.'■:;:: : i ■::.■'■,:■■ ^ Hl 191 hier ein Hilfsmittel für die wissenschaftliche Arbeit, dessen Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Selbst wenn aufgrund immer wieder auftretender Schwierigkeiten noch einige Zeit bis zur Fertigstellung vergehen dürfte, kann die Zeitschriftendatenbank als richtungweisendes Unternehmen gelten. Sie repräsentiert in vorzüglicher Weise den Typ von Katalog, der in einem dezentralen System zur Sicherung der Funktionsfähigkeit unerläßlich ist. Der Streubesitz gerade auf dem Gebiete des älteren Zeitschriftenwesens wird auf die Dauer die Schaffung von Depots erforderlich machen, die umfassende Bestände in Mikroform für die Benutzung bereitstellen. Die Sammlungen der hier empfohlenen Archivbibliotheken werden möglicherweise nicht ausreichen. Aber in aller Wahrscheinlichkeit wird die Zeitschriftendatenbank die Einrichtung einer nationalen Zeitschriftenbibliothek erübrigen, wie sie verschiedentlich im Ausland zur Verbesserung der Versorgung mit Zeitschriftenliteratur gefordert worden ist. 27 Zweitens werden regionale Verbundsysteme aufgebaut. Die entsprechenden Zentren sollen nicht in jedem Bundesland, sondern in den Leihverkehrsregionen errichtet werden, so daß in Analogie zu den bestehenden Zentralkatalogen sieben maschinenlesbare Verbundkataloge entstehen. Die Planungsgrundlage für die Verbundkataloge und die sie tragenden Regionalen Bibliothekszentren sind, wie angedeutet, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgesprochenen „Empfehlungen". 28 In den Regionen ist der Aufbau der Zentren und Kataloge verschieden weit fortgeschritten. 29 In Baden-Württemberg etwa befindet sich beides noch im Planungsstadium, und der erste Verbundkatalog wird nicht vor 1987 erwartet. In Niedersachsen ist das Regionale Rechenzentrum in Göttingen bereits eröffnet worden, und der Niedersächsische Monographiennachweis (ab 1977) soll bereits 1983 on-line verfügbar sein. 30 In Bayern ist ein Katalogisierungsverbund durch Ausdehnung des Regensburger Systems auf die Bayerische Staatsbibliothek und vier Universitätsbibliotheken entstanden. 31 Im Berliner Raum werden erste Schritte zu einem Katalogisierungsverbund unternommen. In Hessen sind die Aufgaben des Regionalen Bibliothekszentrums auf zwei Partner illl [ l;1 übertragen worden. Geräteinvestitionen für die Katalogisierung sollen 1983 erfolgen. 32 In Nordrhein-Westfalen ist ein Off-line- Verbund für die Gesamthochschulen seit längerem in Betrieb, eine Ausdehnung des Verbundes ist in der Planung. 33 Ein einheitliches Bild bietet sich also nicht. I II Zum augenblicklichen Zeitpunkt ist nicht abzusehen, wann alle regionalen Zentren voll funktionsfähig sein werden. Ihre hardware- Ausstattung ist nicht einheitlich, und auch die verwendete Software weist Unterschiede auf. Eine Kompatibilität der verwendeten Systeme scheint nicht von vornherein gegeben. Gemäß den „Empfehlungen" der Deutschen Forschungsgemeinschaft sollen die Regionalen Bibliothekszentren miteinander kooperieren, aber diese Zusammenarbeit nimmt keine Prioritätsstelle ein. 34 ''■'■•■ i ÜiiÜ Sil: 1 t hiüi Drittens sind, wiederum für Teilbereiche des Literaturbestandes, überregionale Verbundkataloge im Entstehen. An erster Stelle ist der Verbundkatalog maschinenlesbarer Katalogdaten deutscher Bibliotheken zu nennen, ein Gemeinschaftsprojekt neuer Universitätsund Gesamthochschulbibliotheken aus Baden-Württemberg, Hamburg, 35 Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Aus dem Gedanken entstanden, daß die maschinenlesbar katalogisierten Bestände der in den sechziger und frühen siebziger Jahren gegründeten Hochschulen ein erhebliches Potential bilden, 36 wurde dieses Gesamtverzeichnis mit Standortnachweisen, aufgebaut mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft durch das Deutsche Bibliotheksinstitut, 37 vor allem zur Verbesserung und Beschleunigung des überregionalen Leihverkehrs entwickelt. 38 Es umfaßt zur Zeit knapp vier Millionen Titel und befindet sich in einer Mikrofiche-Ausgabe bei einer Reihe von Bibliotheken in der Erprobung. Der Katalog stellt das erste große überregionale Nachweisinstrument für monographische Literatur dar, das seit dem Zweiten Weltkrieg im westdeutschen Bibliothekswesen entwickelt worden ist. Ein weiteres überregionales Vorhaben betrifft die Altbestandskatalogisierung in zwei an historischen Beständen besonders reichen Bibliotheken. Mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat an der Bayerischen Staatsbibliothek die QOBHHH 193 Umsetzung des handschriftichen Bandkatalogs und des handschriftlichen Loseblattkatalogs in einen maschinenlesbaren Katalog begonnen. Es handelt sich dabei nicht um eine Neukatalogisierung von Beständen, sondern um eine einfache Konversion des bestehenden Katalogs, die seine Verbreitung und erweiterte wissenschaftliche Benutzbarkeit ermöglichen soll. Die Arbeiten werden eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen. Fast gleichzeitig mit den Arbeiten am Münchener Katalog ist in Göttingen ein Probelauf zur Konversion des dortigen Altbestandskatalogs (1501-1945) eingeleitet worden, dessen Ziel es ist, eine kompatible Umsetzung zu erreichen. 39 Die Ergebnisse sind abzuwarten, aber schon heute muß der Versuch der Vereinigung zweier so wichtiger Altbestandskataloge als ein hochbedeutsamer Schritt zur Verbesserung der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung bezeichnet werden. a VI In dem Nebeneinander von regionalen, überregionalen und nationalen Entwicklungen auf dem Gebiete der Bibliotheksautomatisierung dokumentiert sich - zumindest in den Augen des Benutzers - eine beunruhigende Vielfalt der Konzeptionen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Regionalismus das beherrschende Prinzip in der Bibliotheksplanung der Bundesrepublik gewesen. Es kann daher nicht überraschen, daß der dominante Impuls auch jetzt ein regionalistischer ist. Die Einrichtung von Regionalen Bibliothekszentren ist sichtbarer Ausdruck dieses Regionalismus, und sie gibt ihm einen massiven institutionellen Rückhalt. a Seitens der Bibliotheken sollte die Frage erörtert werden, ob diese Bemühungen nicht durch ein konventionelles Hilfsmittel ergänzt werden können, das auch nach der Fertigstellung der maschinenlesbaren Kataloge für geraume Zeit seinen Wert behielte: ein annotiertes Exemplar des Gesamtverzeichnisses des deutschsprachigen Schrifttums (a) 1700-1910 (München, 1979-1982), 160 Bände und (b) 1911-1965 (München, 1976-1980), 150 Bände, in dem ausgewählte Standorte mit Signaturen eingetragen werden. I I P ■cSuw.ti''- 1 '-''-''' 194 In den überregionalen und nationalen Projekten scheint sich ein Zweifel daran zu verraten, daß die anstehenden Probleme der Literaturversorgung regionalistisch zu lösen sind. Zumindest stellt sich die Frage, ob die Region, gemessen an den Literaturbedürfnissen der Wissenschaft, als Planungseinheit tauglich und als Versorgungseinheit zureichend ist. 40 Die bisherigen Erfahrungen mit der überregionalen Literaturversorgung sprechen dagegen. Ein Blick auf die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten verstärkt die Bedenken. Obwohl der Regionalismus dort nicht weniger ausgeprägt ist als in der Bundesrepublik, findet sich, wenigstens nach meiner Kenntnis, in der amerikanischen Bibliotheksliteratur kein einziger Vorschlag, die Literaturversorgung der Forschung dadurch zu sichern oder zu verbessern, daß man in Texas oder Wyoming oder North Dakota regionale Bibliothekszentren einrichtet. I II 3:i Der Zustand, auf den die Entwicklungen in der Bundesrepublik zusteuern, offenbart in der Tat überraschende Perspektiven. Durch die Zeitschriftendatenbank wird die gesamte Zeitschriftenliteratur auf nationalem Niveau erschlossen und auf diesem Niveau auch dem einzelnen Bibliotheksbenutzer zugänglich. Soweit die Aufnahmen fertiggestellt sind, gibt es bereits jetzt einen Katalog, der uneingeschränkt konsultierbar ist. Auf der anderen Seite dürfte die Konversion der Altbestandskataloge von München und Göttingen ebenfalls zu einem kumulierten Katalog führen, in dem der individuelle Bibliotheksbenutzer die Literatur ermitteln kann, die er für seine Zwecke benötigt. a l!l ■• Ich denke dabei weniger an den Überregionalen Leihverkehr als an die Vorbereitung einer Präsenzbenutzung dieser Bibliotheken. In deutschen Bibliothekskreisen scheint weitgehend unbekannt zu sein, daß der Katalog des Britischen Museums in der Wissenschaft weltweit eine eminente Bedeutung für die Vorbereitung von Bibliotheksreisen nach London hat. Man fährt nicht nur nach London, weil die British Library nicht ausleiht, sondern weil die Arbeit in der Bibliothek bis ins letzte Detail vorbereitet werden kann. Die Präsenzbenutzung der großen Universalbibliotheken in Deutschland dürfte in dem Maße zunehmen, wie ihre Kataloge verfügbar werden. Die Veröffentlichung von Katalogen darf also nicht nur unter Gesichtspunkten des Leihverkehrs gesehen und beurteilt werden. ■ am 195 Zwischen Zeitschriften und Altbeständen liegt vor allem die Masse jener Monographien, die die moderne wissenschaftliche Literatur ausmachen und die besonders in den Geisteswissenschaften eine Rolle spielen. Nach den derzeitigen Planungen ergibt sich hier folgende Situation. Uneingeschränkt zugänglich für die wissenschaftliche Benutzung ist bereits jetzt der knapp vier Millionen Titel umfassende Verbundkatalog maschinenlesbarer Katalogdaten deutscher Bibliotheken. In diesem katalog sind die Bestände von fünfzehn Bibliotheken vereinigt, unter denen sich nur eine Son- dersammelgebiets-Bibliothek (die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg) befindet. Eingeschränkt zugänglich werden hingegen jene maschinenlesbaren Kataloge sein, die in Zukunft durch die Regionalen Bibliothekszentren verwaltet werden. Diese Kataloge enthalten indessen die Bestände aller Sondersammelgebiets- Bibliotheken und damit die gesamte für die überregionale Benutzung durch die Forschung bestimmte Sondersammelgebiets- Literatur. Nach den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorgelegten „Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme und zur Einrichtung Regionaler Bibliothekszentren" haben die Bibliotheken - und damit der individuelle Benutzer - nur „Zugriff zu den Daten des jeweils für sie zuständigen Regionalen Bibliothekszentrums". Alle anderen Daten sollen ausschließlich von Bibliothekszentrum zu Bibliothekszentrum zugänglich sein. Das heißt: auf dem Bildschirm des Datensichtgeräts, das der Benutzer in Zukunft anstelle des konventionellen Katalogs konsultieren soll, wird nur der Titelbestand erscheinen, den das jeweilige regionale Zentrum verwaltet. I In die konkrete Situation des Benutzers übersetzt: ein Kieler Anglist wird künftig die von der Deutschen Bibliothek on-line zur Verfügung gestellten Daten der British National Bibliography konsultieren und sich damit über englische Neuerscheinungen orientieren können. Ob diese Neuerscheinungen in der Sondersam- melgebiets-Bibliothek (der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen) vorhanden sind, kann er indessen nicht persönlich ermitteln, denn das Regionale Bibliothekszentrum für Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein verzeichnet keine Sondersammelgebiets-Bestän- de zur Anglistik. Die anglistischen Bestände sind nur im Re- I I BBP'" 196 II I i; II 1 ! 1 1 1 gionalkatalog für Niedersachsen aufgeführt. Ebensowenig kann sich ein Frankfurter Romanist über die ihn interessierenden Bestände in Bonn unmittelbar informieren oder ein Münsteraner Volkskundler über die ihn betreffende Literatur, die im Hessischen Zentralkatalog oder an anderer Stelle erscheint. Wer zufällig ,seine' Sondersammelgebiets-Bibliothek in ,seiner' Region hat, ist begünstigt. Alle anderen werden weiter in der Abhängigkeit von regionalen Nachweisinstrumenten gehalten, in der sie sich bislang befunden haben. Daß die Regionalen Bibliothekszentren „untereinander Möglichkeiten des wechselseitigen Zugriffs auf die gespeicherten Bestandsdaten" haben werden, wird in den „Empfehlungen" unterstellt. Eine Gewißheit dafür gibt es zumindest bislang nicht. „Bibliotheksplanung," so ein Mitarbeiter der Deutschen Forschungsgemeinschaft, „war und ist nach wie vor Planung auf Landesebene - dieses Faktum scheint unumstößlich, und die Aktivitäten der EDV-Planer finden ihre Grenzen offenbar stets an den Landesgrenzen, auch wenn dies gerade für Verbundplanungen paradox erscheint." 41 Auch bei sorgfältiger Abstimmung sind die Probleme der Kompatibilität von EDV-Systemen groß, und die nachträgliche Verkettung von zwei Systemen stellt, so ein amerikanischer Experte, „eine äußerst schwierige Aufgabe dar". Selbst wenn es sich dabei um zwei Verbundsysteme in demselben Land handelt, „sind 36 Probleme der verschiedensten Art zu lösen". 42 In der Bundesrepublik sieht man sich nicht weniger als sieben Systemen gegenüber, denen von vornherein eine Eigengesetzlichkeit der Entwicklung eingeräumt worden ist. 1 : I | ,8 Es ist seitens der Forschung nicht zuzugestehen, daß Forschungsliteratur, die für die überregionale Literaturversorgung beschafft worden ist, ausschließlich in regionalen Systemen erfaßt und damit dem direkten bibliographischen Zugriff des einzelnen Wissenschaftlers zumindest weitgehend entzogen wird. Eine Zentralbibliothek fehlt in diesem Lande, so der Historiograph der Deutschen Forschungsgemeinschaft, „vor allem darum, weil in dem überföderalistischen Westdeutschland der Wille zu einer solchen deutschen Zentralbibliothek nicht vorhanden war". 43 Nunmehr geht es um eine neue Art des Literaturnachweises. Die elektronische Daten- 197 Verarbeitung bietet wie keine andere Technik die Möglichkeit, große Literaturreservoire nicht nur bibliotheksgerecht, sondern auch forschungsgerecht zu erschließen. Im Ausland ist man auf diesem Wege bereits ein gutes Stück vorangekommen. Die Bibliotheksautomatisierung bietet eine einmalige Chance zur Modernisierung des gesamten deutschen Bibliothekswesens. Diese Chance kann mit unabsehbaren Folgen verspielt werden. I Will I Hl i i I WM 7. Hierachisierung und Spezialisierung im wissenschaftlichen Bibliothekswesen I I Jeder Einsichtige weiß heute auch, daß die Wissenschaft ohne eine Zentralbibliothek überhaupt nicht zu bestehen vermag - nicht zur Repräsentanz und Parade, sondern weil alle wissenschaftlichen Hauptaufgaben aus dem Spezialistentum herausführen und einen universalen Bücherbestand fordern, ferner aber weil es geschriebene und gedruckte Schätze gibt, die erst durch die Verbindung miteinander ihren wahren Wert erhalten. AdolfvonHarnack(1914) I Die Notwendigkeit einer großen Zentralbibliothek wurde in Deutschland erst zu einem Zeitpunkt erkannt, als die Nationalbibliotheken des westlichen Auslands bereits eine fortgeschrittene Ausbaustufe erreicht hatten. Die zögernde Förderung der Berliner Bibliothek um die Jahrhundertwende hatte nicht nur zur Folge, daß sich in Deutschland keine wirkliche Nationalbibliothek entwickelte: sie führte auch dazu, daß die Vorstellung von der Zentralbibliothek als einer die Wissenschaft tragenden Institution nie wirklich Fuß fassen konnte. 1 Die Geschichte der ,deutschen' Problemlösungen für die geisteswissenschaftliche Literaturversorgung ist durch den Versuch der ,Umgehung' der universalen Zentralbibliothek gekennzeichnet. Der Gesamtkatalog der deutschen Bibliotheken war ein Gegenentwurf zur Zentralbibliothek. Die regionalen Zentralkataloge der Nachkriegszeit waren ihrerseits ein Gegenentwurf zum Gesamtkatalog. Der Gesamtkatalog blieb unvollendet; die regionalen Kataloge haben den Regionalismus nicht als taugliches Prinzip für ein Literaturversorgungssystem erweisen können. Als Einrichtung der Literaturversorgung ist die Zentralbibliothek selbst ein unverbind- 199 licher Diskussionsgegenstand geblieben. Wir sind heute - politisch und kulturell - weiter denn je von der Zentralbibliothek entfernt, ohne die, wie bereits Adolf von Harnack erkannte, „die Wissenschaft überhaupt nicht zu bestehen vermag". Die Bundesrepublik besitzt keine solche Bibliothek, und es besteht auch keine Aussicht, daß sie je eine besitzen wird. Die universale Zentralbibliothek ist hier nicht vorstellbar, und sie ist deswegen auch nicht realisierbar - unabhängig davon, ob sie wissenschaftlich erforderlich ist oder nicht. II Die Geisteswissenschaften - das ist noch einmal zu betonen - sind auf große Literaturreservoire angewiesen, die sowohl die Quellenliteratur wie die moderne Forschungsliteratur umfassen. Wenn eine Zentralbibliothek fehlt und nicht geschaffen werden kann, muß nach Alternativen dazu gesucht werden. Die hier unterbreiteten Vorschläge zielen deswegen auf ein Äquivalent zur Zentralbibliothek, das den Bedingungen des kulturpolitischen Föderalismus angepaßt ist. Die ihnen zugrunde liegende Vorstellung ist die des nationalen Zentrums in der Region. I Die bislang einzige Bibliotheksplanung auf nationaler Ebene, der Bibliotheksplan '73, ist von dem Gedanken bestimmt, daß die Literaturversorgung ,flächendeckend' sein müsse und daß die primäre Aufgabe des Zusammenwirkens der Bibliotheken aller Stufen darin bestehe, daß sie überall eine gleichmäßige Versorgung zu sichern hätten. Alle Literaturbedürfnisse werden als gleichartig angesehen, und es wird unterstellt, daß sie auf die gleiche Weise befriedigt werden können: Ein nicht am Ort befindliches Buch wird herbeigeschafft. Daß dieses Prinzip zu Überlastungen des überregionalen Leihverkehrs führt, ohne daß jedem Bibliotheksbenutzer wirklich zu dem verholfen wird, was er braucht, hat sich in aller Deutlichkeit erwiesen. I Hl Meine Empfehlungen unterscheiden sich von diesen und ähnlichen Vorstellungen durch den Grundgedanken, daß es spezifische Li- I ■HB HflnH 200 1 m iiiii! : fr! teraturbedürfnisse gibt und daß zu ihrer Befriedigung ein differenziert eres Versorgungssystem erforderlich ist, als es heute existiert. Sie sind kein Plädoyer für die Abschaffung des Leihverkehrs, wohl aber für eine Neubestimmung seiner Funktion. Wenn die geisteswissenschaftliche Forschung adäquat mit Literatur versorgt werden soll, darf der überregionale Leihverkehr nicht mehr die oberste Ebene der Versorgungseinrichtungen repräsentieren. Er muß auf eine mittlere Ebene zurückgenommen werden. Nach der allgemein akzeptierten Theorie der Literaturversorgung soll die örtliche wissenschaftliche Bibliothek jeweils so ausgestattet sein, daß eine Inanspruchnahme des Leihverkehrs nur für den „Spitzenbedarf" erfolgt. Theorie und Realität der Literaturversorgung klaffen in diesem Punkt schon seit einem Jahrhundert auseinander, und es wäre unrealistisch, für die Zukunft einen Zustand erwarten zu wollen, in dem die Versprechungen dieser Theorie eingelöst werden könnten. Die Lösung des Problems kann nur darin liegen, daß oberhalb der Ebene des etablierten Leihverkehrs einige Bibliotheken zu wirklichen Forschungsbibliotheken ausgebaut werden. Oberhalb des Leihverkehrs soll dabei nicht bedeuten, daß diese Bibliotheken völlig autark wären oder sein könnten. Es soll nur heißen, daß auch bei hohem und differenziertem Literaturbedarf der etablierte Leihverkehr nicht, wie es jetzt die Regel ist, eine „tragende Rolle" in der Literaturversorgung spielen muß. Die Vorschläge zum Aufbau eines Nationalarchivs gedruckter Texte sehen vor, daß einer Reihe von Bibliotheken ein Sammelauftrag für chronologische Segmente des historischen Schrifttums übertragen wird: der Bayerischen Staatsbibliothek, der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt. Die in diesen Bibliotheken durch den Ausbau vorhandener Bestände entstehenden Sammlungen sollten, zusammen genommen, das Nationalarchiv bilden. 2 lllllllllllllllllllllllllll 201 Die herausgehobene Stellung dieser Bibliotheken bei der Bereitstellung des Quellenmaterials für die geisteswissenschaftliche Forschung könnte sie auch dafür prädestinieren, daß sie gemeinsam ein Äquivalent für die fehlende universale Zentralbibliothek bilden. Hinzukommen sollte die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, die nach der retrospektiven Bestandsergänzung ebenfalls eine Archivbibliothek darstellen würde. Aus diesen fünf Bibliotheken - so unterschiedlich sie in ihrem Charakter und in ihren Beständen auch sind - ließe sich eine Funktionseinheit bilden, und zwar in dem Sinne, daß jede von ihnen durch die anderen vier direkt und unmittelbar gestützt würde. Keine einzelne Bibliothek weist so umfassende und differenzierte Bestände auf, daß sie allein ein für die gesamte geisteswissenschaftliche Forschung hinreichend großes Literaturreservoir bieten könnte. Zusammen jedoch würden die fünf Bibliotheken ein Forschungspotential vereinigen, das auch im Ausland nur an wenigen Stellen zu übertreffen wäre. Natürlich kann der Gedanke der Funktionseinheit nicht implizieren, daß die Archivbibliotheken je zu einer universalen Großbibliothek zusammenwachsen könnten oder sollten. Sie ergeben nicht automatisch ein Gebilde, das mit den über lange Zeiträume entwickelten Nationalbibliotheken des westlichen Auslands im Hinblick auf Bestandsdichte und Leistungsfähigkeit für die Forschung verglichen werden könnte. Doch sie würden unter Zuhilfenahme moderner technischer Einrichtungen die institutionellen Voraussetzungen für die wissenschaftliche Arbeit in der Bundesrepublik nachhaltiger verbessern, als das durch andere bibliothekspolitische oder bibliothekstechnische Maßnahmen der letzten Jahrzehnte möglich war. III Die erste Voraussetzung für den Aufbau von Forschungsbibliotheken wäre ein neues Strukturkonzept. Die Vorstellung von einem ,flächendeckenden Bibliotheksnetz' wäre als Orientierungsmodell durch die Vorstellung eines Systems konzentrischer Kreise zu ! HE IBW 202 I 1 I 1 ersetzen. In einem solchen System gäbe es engere und weitere ,Ringe', und im Gegensatz zur bloßen Fläche wiese es Zentrum und Peripherie auf. Das Modell hätte den Vorteil, die Zusammengehörigkeit von Bibliotheken nicht im Rahmen ihrer regionalen Verteilung, sondern im Rahmen ihres Aufgabenbereichs sichtbar zu machen. Die fünf Archivbibliotheken würden das Kernstück bilden, den ,inneren Ring' des Systems. In ihnen würde sich die in der Bundesrepublik höchstmögliche Bestandskonzentration darbieten, und ihre primäre Aufgabe bestände nicht in der Versorgung einer Region, sondern in der Bereitstellung eines Literaturreservoirs für die Forschung. Sie wären die Komponenten des einer Großbibliothek vergleichbaren Bibliothekskomplexes. Es ginge bei der ,Ringbildung' nicht darum, die Bibliotheken aus ihrem Regionalkontext herauszulösen, sondern allein darum, ihr Potential in neuer Weise für die Forschung zu nutzen. Das Mißverhältnis zwischen wissenschaftlichen Erfordernissen und institutionellen Gegebenheiten, das sich in der Vergangenheit gezeigt hat und in Zukunft noch stärker erweisen dürfte, ist nicht im Rahmen des bisherigen Systems zu beseitigen. I In den Vereinigten Staaten ist schon vor zwei Jahrzehnten erkannt worden, daß der Ausbau der einzelnen Bibliothek, so forciert er auch vorangetrieben wird, kaum mehr ausreicht, die Literaturbedürfnisse einer sich ständig ausweitenden und differenzierenden Forschung zu befriedigen. 1963 bemerkte der Direktor der Harvard University Library: "Research interests have become so broad and the quantity of printed material useful to research has increased so greatly that the Harvard University Library today, with its 7,000,000 volumes, is more frequently reminded of its inadequacies than it was sixty years ago, when it had only 1,000,000." 3 Die amerikanische Antwort auf dieses Problem der unzureichenden Unterstützung der Forschung war ein Zusammenschluß von Forschungsbibliotheken. Seit 1974 existiert die Research Libraries Group, die ursprünglich von den Bibliotheken der Universitäten Harvard, Yale und Columbia zusammen mit der New York Public 203 Library gebildet wurde und inzwischen mehr als 25 Bibliotheken umfaßt, darunter fünf der zehn größten Forschungsbibliotheken des Landes. 4 Zweck der Vereinigung ist die generelle Verbesserung der Bibliotheksvoraussetzungen für die Forschung durch Bereitstellung eines enormen Literaturreservoirs (zur Zeit 81 Millionen Bände), das nach und nach zentral erschlossen werden soll. 5 I!i Auch wenn die Formen der Organisation und Kooperation der Research Libraries Group nicht im einzelnen auf die Verhältnisse in der Bundesrepublik übertragbar sind, kann der Grundgedanke von Nutzen sein. Er besteht in der einfachen Formel: "Strengthening the Strong". 6 Die Zukunft der Forschungsbibliotheken liegt nach amerikanischer Auffassung nicht in jener Kooperation, die hierzulande allenthalben empfohlen wird, sondern im Zusammenschluß von Bibliotheken, die schon von sich aus leistungsstark sind. Seit der Einführung des Leihverkehrs vor fast hundert Jahren ist die Theorie der geisteswissenschaftlichen Literaturversorgung in Deutschland von der gegenteiligen Prämisse bestimmt gewesen. Die starken Bibliotheken sollten die schwachen stützen. Die Folge davon war eine allgemeine Senkung des Leistungsniveaus. Die Rechnung, daß sich die Stärke automatisch aus einer Koalition der Schwachen ergeben würde, ging nicht auf. Diese historischen Erfahrungen bieten von sich aus schon Veranlassung, ein neues Strukturkonzept zu versuchen. Daß in den Vereinigten Staaten nach einer Epoche des Bibliotheksausbaus, die in der Bundesrepublik auch nicht entfernt ein Pendant hat, allein in einer Vereinigung der ,Starken' eine Möglichkeit für die Zukunft gesehen wird, sollte ein weiterer Grund sein, das Konzept der regionalen Subsysteme in Frage zu stellen. Gegenwärtig laufen in der Bundesrepublik zwei Entwicklungen nebeneinander her. In der einen kommt im Sinne des ,flächen- deckenden Bibliotheknetzes' eine starke regionalistische Tendenz zum Ausdruck. Sie ist gekennzeichnet durch die Zentralisierung innerhalb der Region, wie sie sich vor allem in der Einrichtung von Regionalen Bibliotheksrechenzentren dokumentiert. 204 I m iljiii: m i I In der anderen, die erst in Ansätzen erkennbar ist, deutet sich eine gegenläufige Tendenz an. Mit der Veröffentlichung der Altbestandskataloge der Bayerischen Staatsbibliothek (ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstütztes Projekt) und der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen würde ein Literaturreservoir von überregionaler und teilweise sogar internationaler Bedeutung unmittelbar für die Benutzung erschlossen. Hier vollzöge sich, über die retrospektive Konversion von Katalogen, eine erste Phase der als neues Strukturmodell skizzierten ,Ringbildung'. Es ist abzusehen, daß diese Entwicklungen über das bestehende Literaturversorgungssystem hinausführen. Auf der einen Seite wird sich dieses System zwar verfestigen. Auf der anderen wird jedoch mit der Veröffentlichung der Kataloge ein großes Reservoir unmittelbar für die Benutzung zugänglich. Zum erstenmal in der neueren deutschen Bibliotheksgeschichte wird es dem wissenschaftlichen Bibliotheksbenutzer möglich sein, sich selbst über historische Bestände oberhalb der lokalen Ebene zu informieren. Damit wird sich das Benutzerverhalten ändern, und man wird fordern, daß weitere Bibliothekskataloge veröffentlicht werden. IV Die Forschungsbibliotheken sollten als Präsenzbibliotheken konzipiert werden. Ungeachtet der Tatsache, daß sie in einer Tradition stehen, in der die Ausleihe noch den Vorrang vor der Präsenzbenutzung hat, bietet sich für eine Forschungsbibliothek keine andere Möglichkeit an. Forschung erfordert Präsenzbestände, und in den Geisteswissenschaften zudem Altbestände, die geschützt werden müssen. Jede Veröffentlichung eines Bibliothekskatalogs verstärkt bekanntlich den Benutzungsdruck auf die betreffende Bibliothek. Dem verantwortungsbewußten Bibliothekar bleibt schon aus diesem Grunde keine andere Wahl, als nicht das Buch zum Leser zu schicken, sondern den Leser zum Buch zu bitten - und ihm die Präsenzbenutzung zu erleichtern. 7 In jeder einzelnen Forschungsbibliothek sollten dem Benutzer die Kataloge aller anderen Bibliotheken des ,inneren Ringes' zur 205 Verfügung stehen. Damit böte sich ihm bei seiner Arbeit eine Überschau über einen wirklich großen Bestand, und überdies würden sich ihm jene Durchblicke durch die Literatur eröffnen, die für die geistesgeschichtliche Forschung so förderlich sind. Große Kataloge steigern, wie bereits Adolf von Harnack anläßlich des projektierten Gesamtkatalogs bemerkte, „die Literaturkenntnis, deren Mangel jetzt mit Recht so oft beklagt wird". 8 Nachdem die Weiterentwicklung der Regionalen Zentralkataloge in eine Sackgasse geraten ist und die Aussicht auf einen Gesamtkatalog vorerst nicht besteht, bietet sich hier, im Aufbau eines großen Katalogs auf der Grundlage der Kataloge einzelner Bibliotheken, eine Alternative. Es ist die einzige, die im westdeutschen Bibliothekswesen noch gegeben ist, wenn man für die Wissenschaft einen Literaturbestand zugänglich machen möchte, der modernen Ansprüchen genügt. Die Altbestandskataloge der Bayerischen Staatsbibliothek und der Göttinger Bibliothek werden voraussichtlich in einem Jahrzehnt in maschinenlesbarer Form vorliegen. Falls man sich den Gedanken der Forschungsbibliotheken zu eigen macht, sollten schon jetzt Überlegungen einsetzen, wie auch die neueren Kataloge dieser beiden Bibliotheken, der (in anderer Form erscheinende) Wolfenbütteler Katalog, der Katalog der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz und der Katalog der Frankfurter Bibliothek Teil eines ,Zentralkatalogs der Forschungsbibliotheken' werden könnten. Es geht zunächst um die Altbestände, aber nicht allein darum: auch eine Übersicht über die modernen Bestände ist für den Benutzer vonnöten. ii Vier der fünf Forschungsbibliotheken sind Sondersammelgebiets- bibliotheken der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie vereinigen unter sich den größten Teil der geisteswissenschaftlichen Sondersammelgebiete. Von den ,großen' Sondersammelgebieten sind lediglich die Religionswissenschaft und Theologie, die Romanistik, die Kunstwissenschaft und die Philosophie anderweitig untergebracht. Es stände also auch im Hinblick auf die ausländische Forschungsliteratur ein Potential zur Verfügung, das unter den Bedingungen des Dezentralismus als optimal angesehen werden kann. II I II m I I 206 Um eine Funktionseinheit bilden zu können, müßten die fünf Bibliotheken so ausgestattet werden, daß sie unter sich eine schnellere Fernversorgung des Benutzers über das gesamte Spektrum der historischen Quellenliteratur und der modernen Forschungsliteratur gewährleisten könnten, als dies jetzt im normalen überregionalen Leihverkehr möglich ist. Dazu wäre neben der Bereitstellung der Kataloge eine ,Vorratsbildung' an historischen Beständen und eine moderne technische Ausrüstung nötig. Als Archivbibliotheken würden die Forschungsbibliotheken den ihnen zufallenden Teil des Nationalarchivs gedruckter Texte aufbauen. Dies wird, wie angedeutet, über weite Strecken nur in Mikroform möglich sein. Falls es zur Regel würde, daß Abzüge der jeweils mikrokopierten Texte automatisch an alle anderen Forschungsbibliotheken gingen, könnten sich dort ebenfalls beachtliche Quellenreservoire bilden. Sie ständen dann momentan zur Benutzung bereit. Die Kosten für eine solche Vervielfältigung in Mikroform würden sich in durchaus akzeptablen Grenzen halten. Eine Ausrüstung aller Forschungsbibliotheken mit Mikrofiche-Ka- meras wäre die Voraussetzung für eine schnelle Versorgung der anderen Bibliotheken mit Mikro-Reproduktionen jener älteren Literatur, die am Ort vorhanden ist, aber grundsätzlich präsent gehalten werden sollte. Langwierige bibliographische Ermittlungen entfielen, da der Benutzer die Kataloge selbst einsehen könnte. Bestellungen könnten telefonisch erfolgen, und Erledigungszeiten wie in der Lending Division der British Library (unter zwei Tagen) sollten erreichbar sein. Schließlich wäre zwischen den Forschungsbibliotheken ein Te- lefaksimile-Dienst einzurichten. Er sollte die schnelle Erledigung kleinerer Bestellungen (etwa von Zeitschriftenaufsätzen) übernehmen. Die Geräte dafür sind verfügbar, und das Übertragungsnetz, das solche Übermittlungen gestattet, dürfte in den nächsten Jahren eingerichtet werden. Es ist nicht nötig, weiter ins Detail zu gehen, denn es handelt sich nur um die Skizze einer bibliothekarischen Einrichtung, deren Ausgestaltung, wenn sie realisiert werden sollte, die Aufgabe von I 207 Fachleuten wäre. Mir geht es hier nur, aus der Perspektive des Benutzers, um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der geisteswissenschaftlichen Forschung. Die Existenz eines ,Ringes' von Forschungsbibliotheken würde es dem Benutzer in Zukunft gestatten, zusätzlich zu dem herkömmlichen Literaturversorgungssystem ein zweites mit stark ausgeprägtem Präsenzcharakter und höherer Leistungsfähigkeit zu benutzen. Dies erfordert allerdings die im Ausland selbstverständliche Bibliotheksreise. Bei der günstigen geographischen Verteilung der empfohlenen Forschungsbibliotheken sollte dies jedoch keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bedeuten. Die Zusammenziehung von Literatur an einer Stelle bietet, so die bereits zitierte Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Frage einer zentralen Bibliothek (1955), „dem Forscher den Vorteil, die... Literatur... an Ort und Stelle einsehen zu können, so daß er mit einem einmaligen Besuch erledigen kann, wozu er sonst Monate brauchen würde". 9 Seitens der forschungsfördernden Institutionen wäre zu erwägen, in welchem Maße die (bislang vielfach restriktiv gehandhabte) Gewährung von Reisemitteln für Bibliotheksreisen ein Beitrag zur Erhöhung der Forschungseffizienz sein könnte. Auf die Dauer wird es sich empfehlen, den ,inneren Ring' der fünf Bibliotheken mit einem zweiten zu umgeben. Dieser sollte aus jenen Bibliotheken bestehen, die wegen ihrer bedeutenden Altbestände oder wegen wichtiger Spezialbestände (etwa an Sondersammel- gebiets-Literatur) die Bestände der Forschungsbibliotheken wirkungsvoll zu ergänzen vermögen. Es handelt sich dabei vornehmlich um einige der alten Universitäts- und Landesbibliotheken. Das Problem dürfte dabei nicht in der zusätzlichen technischen Ausstattung liegen, die eine schnelle Verständigung oder Zusendung von Literatur auch unter einer größeren Anzahl von Bibliotheken ermöglicht. Es wird in der Schwierigkeit liegen, die WSSB H Si 8 B Kataloge aller dieser Bibliotheken entweder in reproduzierter Form für den Benutzer bereitzustellen oder - was vorzuziehen wäre - aus diesen Katalogen einen maschinenlesbaren Verbundkatalog herzustellen. So wünschenswert es wäre, alle Universitätsbibliotheken in einem solchen ,zweiten Ring' zusammenzuschließen, so wenig erfolgversprechend wäre ein solcher Versuch. Er würde damit enden, daß man das bestehende System verdoppelte. Der Aufwand würde sich erhöhen, ohne daß die Leistung sich steigerte. Was benötigt wird, ist ein begrenzter Zusammenschluß von ,starken' Bibliotheken, die die Literaturbedürfnisse der Forschung wirklich befriedigen können. ijij üil li Es ist weder nötig noch möglich, an dieser Stelle die endgültige Form zu umreißen, die dieser Verbund haben könnte. Wahrscheinlich wird er nicht nur Universitätsbibliotheken einschließen, sondern auch einige der in der Bundesrepublik in größerer Zahl vorhandenen Spezialbibliotheken. Dies wäre immer dann sinnvoll, wenn diese Spezialbibliotheken einen Literatursektor repräsentieren, der zur Arrondierung eines universalen Bestandes erforderlich ist. Man wird von der Fiktion Abschied nehmen müssen, daß es in der Bundesrepublik nur gleiche und gleich gute Bibliotheken gibt. Die Tatsachen sprechen dagegen, wie sie dies auch im Falle der Universitäten tun. Nicht jede Universitätsbibliothek bietet die gleichen Voraussetzungen für die geisteswissenschaftliche Forschung, und in Zukunft wird das voraussichtlich noch weniger der Fall sein. Die Anforderungen der Forschung steigen indessen, und es wäre illusorisch, erwarten zu wollen, daß jedes Forschungsprojekt überall ausgeführt werden könnte. Auch in den Ländern mit den besten Bibliothekssystemen sind solche Voraussetzungen nicht gegeben. II Der Vorschlag, das wissenschaftliche Bibliothekswesen der Bundesrepublik in vertikaler Richtung zu reorganisieren, zielt nicht auf die Privilegierung eines kleinen Kreises von Wissenschaftlern, sondern auf die Herstellung von Arbeitsvoraussetzungen, wie sie in anderen Ländern selbstverständlich sind. Es ist ineffizient, mit I r .•fft 209 hohem Aufwand ein Literaturversorgungssystem zu unterhalten, das fast jedem zweiten Benutzer Fernleihbestellungen dann anliefert, wenn er sie nicht mehr braucht. 10 Es geht darum, die intellektuelle Kapazität, die für die Forschung in diesem Lande zur Verfügung steht, durch geeignete institutionelle Vorkehrungen bestmöglich auszunutzen. Und es geht darum, den wissenschaftlichen Nachwuchs stimulierenden und leistungssteigernden institutionellen Bedingungen auszusetzen. VI Der Vorschlag, die Quellenliteratur in den Forschungsbibliotheken weitgehend präsent zu halten, impliziert auch, daß die moderne Sekundärliteratur verfügbar sein muß. Die geisteswissenschaftliche Forschung ist auf diese Einheit angewiesen. Eine solche Präsenthaltung widerspricht der Leihverkehrsordnung, nach der der nationale Literaturvorrat prinzipiell disponibel gehalten werden soll. Kollisionen dürften sich vornehmlich in den Universitätsbibliotheken ergeben, die von ihrer Benutzerschaft traditionell als Leihbibliotheken in Anspruch genommen werden. Kollisionen treten unvermeidlich auch in den Sondersammelgebiets-Bibliothe- ken auf, deren Spezialbestände für den überregionalen Leihverkehr gedacht sind. Im Hinblick auf die Sondersammelgebiets-Literatur (nur um sie kann es in Forschungszusammenhängen gehen) bieten sich zwei Auswege an. Sie schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander: (1) die Verdoppelung viel benutzter Bestände. In den Bibliotheken dürfte bekannt sein, welche Bestände vornehmlich in Frage kommen. Das Sondersammelgebiets-System ist kein überschneidungsfreies System, wenn dies auch angestrebt wird. Manche Überschneidungen werden bewußt in Kauf genommen, andere kommen unbeabsichtigt zustande. In den Kernbereichen der Forschung sollten daher Doppelungen nicht nur toleriert, sondern gefördert werden. Die Gesamtaufwendungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Beschaffung ausländischer Spezialliteratur betrugen 1980 rund 5,7 Millionen DM. 11 Die Hälfte davon dürfte l! I i; I 210 eine ausreichende Summe für Zweitexemplare sein. (2) die Einschränkung von Leihfristen für Sondersammelgebiets- Literatur, verbunden mit der Auflage, daß diese Literatur nur im Lesesaal der entleihenden Bibliothek benutzt werden kann. Damit wäre ein Rückruf jederzeit möglich, und die Präsenzbenutzung von Beständen würde wesentlich erleichtert. Weitere organisatorische Vorkehrungen zur besseren Ausnutzung der Literatur werden sich den Bibliotheken von selbst anbieten. Die Tatsache, daß es vielfach in neu gebauten Bibliotheken moderne Lesesäle gibt, die nicht ausgenutzt werden, 12 sollte jedenfalls zu entsprechenden Überlegungen Anlaß geben. SflWSH 8. Bibliotheken als Forschungsstätten Die Bibliotheken sind mehr als nur wissenschaftliche Verkehrsanstalten. In höherem Sinne sind sie die äußeren Träger der geistigen Überlieferung. Daher sind auch die Bibliothekare mehr als bloß Handlanger der Gelehrten. Georg Leyh (1950) I Eine der bedauerlichsten Auswirkungen der Althoffschen Reformen ist die Trennung von Bibliothek und Wissenschaft, die sich in Deutschland im Verlaufe von Jahrzehnten vollzogen hat. Obwohl es das erklärte Ziel dieser Reformen war, den wissenschaftlichen Charakter der Bibliothek und des Bibliothekarstandes stärker zur Geltung zu bringen, 1 sind Bibliothek und Wissenschaft nicht zusammengeführt, sondern entzweit worden. Die Absonderung der Wissenschaft von der zu ihr gehörenden Universalbibliothek wurde durch die Einrichtung von Institutsbibliotheken bewirkt. Ursprünglich zur Literaturversorgung des akademischen Studiums gedacht, entwickelten sie sich infolge der tatsächlichen oder vermeintlichen Leistungsschwäche der zentralen Universitätsbibliotheken mehr und mehr zu Spezialbibliotheken. Die Forschung verlagerte sich damit in die Institute, und den zentralen Bibliotheken kam vielfach nur noch die Funktion eines subsidiären Literaturdepots zu. 2 Die Geschichte der deutschen geisteswissenschaftlichen Forschung als einer weitgehend auf Klein- und Kleinstinstituten beruhenden Forschung ist noch zu schreiben. Zu welchen positiven Ergebnissen sie auch kommen mag, mindestens zwei negative Folgen des Dissoziationsprozesses wären zu verzeichnen. Die zentralen Universitätsbibliotheken haben dadurch an Bedeutung und vor allem an wissenschaftlicher Wirkungskraft eingebüßt. Ein Vergleich mit ' . I I n 212 ausländischen Verhältnissen läßt dies erkennen. Die Forschung hat, weniger offenkundig, eine Horizontverengung erlitten. Die Präsenz eines universalen Bücherbestandes ist nicht nur, wie immer wieder versichert wird, 3 ein geeignetes Mittel zur Vermeidung von Einseitigkeiten in der wissenschaftlichen Ausbildung, sie vermag auch ein wirksames Korrektiv in der Spezialisierung der Forschung zu bilden. I In den Bibliotheken wurde die zunehmende Distanz zu Forschung und Wissenschaft spätestens nach dem Ersten Weltkrieg deutlich empfunden. 4 Dies führte zu einem Rückzug der Bibliotheken auf sich selbst. Die Tradition des nicht nur wissenschaftlich vorgebildeten, sondern auch wissenschaftlich tätigen Bibliothekars, die sich in der Ära Althoff wenn nicht ausgebildet, so doch verstärkt hatte, schwächte sich ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sie sich nicht wieder in der früheren Form belebt, und bedauerlicherweise wird ihre Rückbildung bei den Bibliotheken und ihren Unterhaltsträgern mancherorts sogar begrüßt. Daß nach wie vor aus den Bibliotheken hervorragende Einzelbeiträge zur historischen Buchforschung, zur Bibliotheks- und Wissenschaftsgeschichte und auch zu anderen Disziplinen kommen, spricht nicht gegen diesen Befund, doch in der Tatsache, daß sie hervorstechen, deutet sich eine Veränderung des Umfeldes an. f I II In den letzten zwei oder drei Jahrzehnten ist die Forschungskomponente der zentralen Universitätsbibliotheken weiter reduziert worden. Diese Reduktion ist nicht mit Absicht und Vorsatz erfolgt, obwohl es sich für den Rückblick in vielen Details so darbietet. Sie hat sich Schritt für Schritt ergeben und ist durch die Veränderungen im Hochschulbereich eingeleitet und verstärkt worden. Die in mehreren Stufen vollzogene ,Öffnung' der westdeutschen Universitäten erfolgte unter weitgehender oder völliger Nichtachtung gewachsener Strukturen. Aus den Vereinigten Staaten wurde die Erkenntnis importiert, daß zur Befriedigung des Bedarfs an akademischem Nachwuchs ein weitaus höherer Prozentsatz jedes l;i;i;i; EWS ■BHBHH^n^BDB^H 213 Jahrgangs „die Universität" besuchen müsse. Die Forderung nach höheren Studentenzahlen wurde entweder in Unkenntnis oder unter Ignorierung der Tatsache gestellt, daß die amerikanische und die traditionelle deutsche Universität zwei verschiedene Dinge sind. Die amerikanische Universität setzt sich aus College und graduate school zusammen, und beide Institutionen sind voneinander getrennt. Die traditionelle deutsche Universität ist das Äquivalent zur graduate school. Dies war bereits am Ende des neunzehnten Jahrhunderts offenkundig, als die amerikanische Orientierung am deutschen Universitätswesen nicht zu einer Reform des College, sondern zur Neueinführung oder Reorganisation der graduate studies führte. Der als Maßstab empfohlene Prozentsatz der ,Universitäts'-Ab- solventen bezieht sich in den Vereinigten Staaten auf das College, das sich grundlegend von der graduate school unterscheidet. Das College zielt auf eine vertiefte Allgemeinbildung ab und vermittelt in vielen Fällen die Vorbildung für das eigentliche wissenschaftliche Studium. Zum College gehört als charakteristische Institution die under- graduate library. Als eine auf spezifische Bedürfnisse abgestellte Bibliothek, die weniger produktive wissenschaftliche Arbeit als reproduktive Aneignung von Wissen ermöglichen soll, ist sie eine wissenschaftliche Bibliothek, aber keine Forschungsbibliothek. Sie besteht aus moderner Gebrauchsliteratur, und das Fehlen von historischen Beständen ist kennzeichnend für sie. Die Erhöhung der Studentenzahlen an den westdeutschen Universitäten hätte die Schaffung eines dem College ähnlichen Unterbaus (als Erweiterung der vorhandenen graduate school) zur Voraussetzung haben müssen. Zielte die ,Öffnung' der Universitäten doch mehr auf eine generelle Anhebung des Qualifikationsniveaus und die Vergrößerung des Nachwuchses für die akademischen Berufe als auf die Vermehrung des wissenschaftlich produktiven Personals. Statt der Differenzierung wurde jedoch allenthalben eine weitgehende Integrierung neuer Elemente in die vorhandenen Strukturen versucht - eine der folgenreichsten Ent- lij'i 214 Scheidungen der neueren deutschen Universitätsgeschichte. Mit den Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Bibliotheken von 1964 begann eine Strukturveränderung der Universitätsbibliotheken. Traditionell als Bibliotheken für die produktive wissenschaftliche Arbeit konzipiert, erhielten vor allem die ,alten' Universitätsbibliotheken durch die Angliederung von Lehrbuchsammlungen einen neuen Aufgabenbereich zugewiesen, der sich seither ständig erweitert hat. 5 Die Institutsbibliotheken, denen die Literaturversorgung des akademischen Unterrichts ursprünglich zukam, hatten sich über Jahrzehnte zu kleinen oder größeren Spezialbibliotheken entwickelt. Die ,Elementarversorgung' fiel daher vorrangig den zentralen Bibliotheken zu, die für diese Aufgabe weder durch ihre Geschichte noch durch ihre Struktur noch durch ihre Bestände prädestiniert waren. Die Einrichtung von Lehrbuchsammlungen hätte ein erster Schritt zur notwendigen Differenzierung sein können, wenn ihm ein zweiter gefolgt wäre. Doch anstatt die Literaturversorgung des akademischen Studiums in Form eines Äquivalents zu den un- dergraduate libraries von Grund auf neu zu organisieren, hat man sie im Zuge der ,integrativen' Maßnahmen voll in eine Institution hineingenommen, die eine solche Funktion bestenfalls subsidiär erfüllen konnte. Wie alle integrativen Maßnahmen im Hochschulbereich, mit denen versucht wurde, traditionelle Strukturen beizubehalten und zugleich die Probleme eines Massenstudiums zu lösen, hat auch diese zu Unzuträglichkeiten geführt. 6 Die zunehmend stärkere Ausrichtung auf die Bedürfnisse der akademischen Lehre bedeutete eine Schwerpunktverlagerung innerhalb eines differenzierten Funktionsbereich.es. Obwohl die zentralen Universitätsbibliotheken schon immer Forschung und Lehre dienten, sind sie vor der ,Öffnung' der Universitäten nie so einseitig wie heute in Anspruch genommen worden. Mit dieser Inanspruchnahme ändert sich zwangsläufig die herkömmliche Konzeption der wissenschaftlichen Bibliothek. Die Universitätsbibliotheken werden mehr und mehr als ein spezifischer Typ von Gebrauchsbibliothek verstanden, für den eine Grundausstattung mit moderner wissenschaftlicher Literatur als ausreichend angesehen wird. Essen- ■ ■.■ : r,:]r;y. , \:::!':;:y. ^^HHHHHHHIH 215 tielle Aufgaben der wissenschaftlichen Bibliothek schwinden damit aus dem Blickfeld, und über weite Strecken ist eine Bestandsverödung die Folge. Als Forschungsbibliotheken, auch als solche mittleren Niveaus, fallen solche Bibliotheken auf die Dauer aus. III Seitens der Wissenschaft muß ein dringendes Interesse daran bestehen, daß die generelle Reduktion der zentralen Universitätsbibliotheken aufgehalten wird und daß sich die Entwicklungstendenzen der letzten Jahrzehnte nicht weiter fortsetzen. Es gibt in Wissenschaft und Forschung Funktionen, die nur von zentralen Bibliotheken wahrgenommen werden können, und ihre Bedeutung wird in dem Maße zunehmen, wie die Mittel für die Forschung knapper werden und nach den rationellsten Methoden der Forschungsförderung gesucht werden muß. Die Lösung der Probleme kann nicht in neuen ,integrativen' Maßnahmen liegen. Die prekäre Situation, in der sich die Hochschulpolitik und damit auch ein wichtiger Sektor der Bibliothekspolitik befindet, ist wesentlich eine Folge der allseitigen Anwendung des Integrationsprinzips. Die Lösung liegt vielmehr in der Differenzierung, in dem Versuch, die Zusammenballungen, die sich sukzessive ergeben haben, zu entzerren. Die Universitätsbibliotheken und auch die universitäre Aufgaben wahrnehmenden Allgemeinbibliotheken sind bereits dazu übergegangen, in der Literaturversorgung des akademischen Studiums neue Wege zu suchen. In klarer Erkenntnis der Tatsache, daß eine traditionelle wissenschaftliche Bibliothek für die Zwecke des Studierenden ein überdimensionierter Apparat ist, haben sie durch Informationshilfen und Erstbenutzerschulung jene Elementarfunktionen der Bibliothek zu vermitteln versucht, auf die der Studierende vornehmlich angewiesen ist. Alle Einzelmaßnahmen deuten darauf hin, daß auf die Dauer ein separates System für die Literaturversorgung des Studiums benötigt wird. Dieses System sollte möglichst pragmatisch von der zentralen Bibliothek her entworfen und realisiert werden - auch unter den Prämissen Sil 216 dezentraler Strukturen in den ,alten' Universitäten. a I 1 I Es wird einiger Überlegungen bedürfen, wie man die Beziehungen zwischen Bibliothek und Wissenschaft wieder enger knüpfen und der Forschung einen selbstverständlichen Platz in den Bibliotheken einräumen kann. In jedem Fall stellt sich - nach der Absonderung der Literaturversorgung des Studiums - die Aufgabe der Rückgewinnung der vollen Leistungsfähigkeit der zentralen Universitätsbibliotheken als Instrumenten für die produktive wissenschaftliche Arbeit. Trotz des Bedeutungsrückganges, den diese Bibliotheken lange Zeit erlebten, haben sie doch nie aufgehört, im Forschungsprozeß eine wichtige Rolle zu spielen, und diese Tradition sollte neu belebt werden. 7 II 1 Der Antagonismus zwischen zentralen Bibliotheken und Institutsbibliotheken bildet eine erste Barriere. Die Reserve des wissenschaftlichen Personals gegenüber der zentralen Bibliothek hat eine lange Geschichte und ist ebenso vielgestaltig wie unbegründet. 8 Fürs erste ist jedoch kaum damit zu rechnen, daß sich in den Universitäten (in denen sich der größte Teil der geisteswissenschaftlichen Forschung abspielt) ein ebenso unbefangenes Verhältnis zwischen Forschung und Bibliothek einstellen wird, wie es außerhalb Deutschlands anzutreffen ist. I ! Die zweite Barriere findet sich in den Bibliotheken selbst. Sie ergibt sich aus der fehlenden Tradition der Präsenzbibliothek in Deutschland. Unsere Bibliotheken, und das gilt fast durchgängig, sind nicht oder nicht in erster Linie für einen Benutzer eingerichtet, der von einer Bibliothek mehr erwartet als „einen öffentlichen Lesesaal... zum Nachschlagen, zum Sammeln von Notizen oder auch zum raschen Durchgehen eines Buchs", wie es bereits Heinrich von Treitschke am Ende des neunzehnten Jahrhunderts etwas abschätzig formulierte. 9 |';ft: \"V\ '' Die von Lohse (Anm. 6) mitgeteilten Einzelheiten weisen den studentischen Literaturbedarf klar als einen Bedarf aus, der durch eine undergraduate library am besten gedeckt wird. Im Hinblick auf die Universitätsbibliotheken sollte man sich die Frage stellen, ob sie nicht - ungeachtet einiger anderer Aufgaben - bereits jetzt vornehmlich die Funktion von undergraduate libraries haben. «n 217 Als Benutzer unserer Bibliotheken wird in erster Linie ein standardisierbarer Ein-Buch-Leser erwartet, und in Abstimmung auf seine Bedürfnisse ist auch ein großer Teil der Bibliotheksneubauten der letzten Jahrzehnte konzipiert worden. Dieser Benutzer benötigt einen Platz im Lesesaal, an dem er für kürzere oder längere Zeit ein oder zwei Bücher bearbeitet. Sein ,Apparat' ist minimal: ein Notizbuch und vielleicht ein paar Kopien. Für literaturintensive Arbeitsvorhaben, wie es geisteswissenschaftliche Forschungsprojekte in der Regel sind, reichen die ,normalen' Arbeitsplätze in einer Bibliothek nicht aus. Es sind spezielle Arbeitsplätze erforderlich, die etwa den Aufbau eines Apparates oder kontinuierliche Arbeit über einen längeren Zeitraum gestatten. Auch der Gebrauch von Schreibmaschinen oder Diktiergeräten muß möglich sein, der schalldämpfende Kabinen voraussetzt. In den Vereinigten Staaten ist die Arbeitskabine für den speziellen' Leser (carrel) ein fester Begriff. Sogar die undergraduate libraries verfügen in der Mehrzahl über eine Palette von unterschiedlichen Spezialarbeitsplätzen, die nicht nur besonderen Erfordernissen, sondern auch individuellen Arbeitsweisen entgegenkommen. In deutschen Bibliotheken fehlt es weitgehend an solchen Arbeitsplätzen. 10 Benutzer, die mehr als die Hälfte eines Zweiertisches für ihre Arbeit benötigen, sind fast immer schlecht versorgt. In vielen neueren Bibliotheken sind carrels - bisweilen verlegene Anspielungen auf amerikanische Vorbilder - schon für bescheidene Ansprüche unbrauchbar und für längeres Arbeiten unzumutbar. Auch in solchen Bibliotheken, die mit einigem Aufwand gebaut und ausgestattet worden sind, finden sich ,intensive' oder ,atypische' Benutzer meist in dunklen Ecken oder abgelegenen Nischen wieder. Es scheint charakteristisch für die deutschen Verhältnisse zu sein, daß selbst der ästhetisch anspruchsvollste Bibliotheksneubau des letzten Jahrzehnts ergonomisch defizient ist: alle Einzelarbeitskabinen können nur bei dauernder Neonbeleuchtung benutzt werden. 1 «SKIS i 81$- I i 4üsw ij pm Es ist nicht nötig, hier im einzelnen die Voraussetzungen zu nennen, die erfüllt sein müssen oder sollten, damit eine zentrale Universitätsbibliothek eine brauchbare Forschungsbibliothek abgibt. !l rriT'!vi»iVj'i'' r I« m i 'S 218 Ein Modellentwurf dafür existiert in der deutschen Bibliotheksliteratur, 11 und er ist mit so sicherem Blick für das bibliothekarisch Richtige und das wissenschaftlich Förderliche ausgeführt, daß er keiner Ergänzungen oder Modifikationen bedarf. Dem Bestandsaufbau, der Bestandserschließung und den Arbeitsbedingungen des Benutzers wird hier die gleiche Aufmerksamkeit zuteil. Für die Rückgewinnung oder die Neugewinnung der zentralen Universitätsbibliotheken als Forschungsstätten gibt es kein Schnellverfahren, und man wird sie als einen längeren Prozeß sehen und planen müssen. Ein Faktor, der die Entwicklung wesentlich mitbestimmen könnte, sind die an einigen Stellen in der Bundesrepublik dezidiert unternommenen Versuche, Forschung und Bibliothek unter neuen Bedingungen zusammenzuführen. Eine Versuch ist in der Bayerischen Staatsbibliothek zu beobachten, die traditionell eine bedeutende Forschungsbibliothek ist. Hier wird in bewußtem Gegensatz zu simplistischen Theorien Zug um Zug eine Praxis der Literaturversorgung realisiert, die unterschiedlichen Benutzerbedürfnissen und besonders geisteswissenschaftlichen Forschungserfordernissen entgegenzukommen versucht. Zugleich werden die bibliothekarischen Konsequenzen aus der Tatsache gezogen, daß eine Literaturversorgung auf Forschungsniveau etwas anderes ist als die Bereitstellung von Gebrauchsschrifttum. 12 Ein zweiter Versuch ist der von der Stiftung Volkswagenwerk geförderte Ausbau der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel zu einer Forschungsstätte für die Kulturgeschichte der frühen Neuzeit. 13 Er ist unter Prämissen erfolgt, wie sie sonst nur für die independent research libraries der Vereinigten Staaten Gültigkeit haben, und zielt darauf ab, dem wissenschaftlichen Benutzer optimale Arbeitsbedingungen unter den generellen Voraussetzungen der Präsenzbenutzung zu bieten. Die Bibliothek hat ein eigenes Forschungsprogramm, und sie unterstützt vor allem auch gezielt den einzelnen Wissenschaftler bei der Ausführung längerfristiger Forschungsvorhaben. Solche Versuche, die zum Teil auf singulären Gegebenheiten aufbauen, können selbstverständlich nicht als überall verbindliche : HHMHHH| 219 Modelle angesehen werden. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, daß sie die bislang in der Bundesrepublik allgemein akzeptierte Theorie der Literaturversorgung relativieren . Gleichzeitig bringen sie die besonderen Bedürfnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung stärker zur Geltung, als das bisher unter den generalisierenden Perspektiven der Bibliotheksplanung der Fall war. Mein Plädoyer für die Zentralbibliothek als geisteswissenschaftliche Forschungsstätte ist nicht zuletzt durch die augenblickliche Situation und die voraussehbaren Veränderungen im Informationsbereich motiviert. Zentrale Bibliotheken sind schon immer Informationszentren gewesen, vor allem in den Universitäten. Gleichviel wie gut Institutsbibliotheken als Spezialbibliotheken ausgestattet sind, sie können in der Breite und Differenziertheit ihres bibliographischen Apparats nicht an die zentralen Bibliotheken heranreichen. Der Aufbau eines umfassenden bibliographischen Apparats, wie er vor allem für die geisteswissenschaftliche Forschung unabdingbar ist, erfordert so viel Sachkenntnis und finanziellen Aufwand, daß er nur an einer zentralen Stelle zu realisieren ist. Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung hat diese Situation nicht verändert, sondern eher akzentuiert. Terminalanschlüsse zu Datenbasen sind aufwendige Einrichtungen, die nicht überall zur Verfügung gestellt werden können. Überdies ist die Benutzung solcher Einrichtungen kostenintensiv. Und schließlich ist meist Fachpersonal erforderlich, wenn sie adäquat betrieben werden sollen. 14 All dies spricht dafür, die Informationsvermittlung in Zukunft zumindest nicht weniger zu zentralisieren, als sie es in der Vergangenheit bereits war. Auch wenn Sonderregelungen für die Naturwissenschaften und die Medizin in Betracht gezogen werden: für den gesamten geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich bietet sich keine andere als eine zentrale Lösung an. 15 I Es ist nicht sinnvoll, die Möglichkeiten der Informationsaufnahme von den Möglichkeiten der Literaturbenutzung abzutrennen. Obwohl es scheinen könnte, daß die bibliographische Ermittlung und die nachfolgende Bearbeitung von Literatur nicht notwendig zusammengehören, stellt sich dies vom Standpunkt der Forschung aus BBHHRHHBBHi m 220 anders dar. Forschung ist ein Prozeß, der im Interesse der Effizienz so wenig wie möglich segmentiert werden sollte. Die besten Arbeitsmöglichkeiten sollten daher dort sein, wo die besten Informationsmöglichkeiten bestehen. Dies gilt insbesondere für den Universitätsbereich, in dem sich der Raum für die Forschung durch das traditionelle Gegeneinander von zentralen Bibliotheken und Institutsbibliotheken erheblich eingeengt hat. .....• I Es würde sich daher empfehlen, die Verbesserung der Voraussetzungen für die produktive wissenschaftliche Arbeit in den zentralen Universitätsbibliotheken (und auch in anderen Bibliotheken) zum Gegenstand bibliothekarischer Überlegungen zu machen. Das Grundkonzept ist vorgegeben, aber viele Details bedürfen der Ausarbeitung, denn eine Reihe von Sachkomplexen ist bislang kaum erwogen worden. Dazu gehört etwa die Frage, wie - ich benutze den englischen Ausdruck, weil ein deutsches Äquivalent fehlt - reference sections für Forschungszwecke auszusehen haben. Oder die Frage, wie sich Freihandbestände in einer primär für die studentische Arbeit bestimmten Bibliothek von denen in einer wissenschaftlichen Bibliothek' unterscheiden. 16 (Es gibt Bibliotheken, in denen das Triviale neben dem Hochspeziellen steht). Zur Beantwortung dieser und zahlreicher anderer Fragen wäre allerdings eine differenziertere Benutzerforschung erforderlich, als es sie zumindest bisher in der Bundesrepublik gibt. IV l %ii Geisteswissenschaftliche Forschung ist vornehmlich, aber nicht ausschließlich Individualforschung. Wäre sie nur Individualfor- schung, würden einige Forschungsbibliotheken, wie sie hier vorgeschlagen werden, 17 die Probleme der Literaturversorgung weitgehend lösen. Aber geisteswissenschaftliche Forschung ist auch, wie es Theodor Mommsen bereits formulierte, „Großwissenschaft, die nicht von Einem geleistet, aber von Einem geleitet wird." 18 1 Großprojekte wie Editionen, Wörterbücher, Bibliographien und Nachschlagewerke sind gegenüber der Individualforschung, die zumindest außerhalb Deutschlands schon immer mit der Biblio- I 221 theksreise verbunden war, an feste Standorte gebunden. Sie können nicht beliebig angesiedelt werden, denn sie hängen im Hinblick auf die Leitung und Ausführung von speziellen Gegebenheiten ab. Es muß daher Sorge dafür getragen werden, daß sie dort, wo sie entstehen (und das ist meist an den Universitäten) auch ausgeführt werden können. 19 Die Planung und Abwicklung von Großprojekten hat in den letzten Jahren häufiger Anlaß zu forschungspolitischen und forschungsorganisatorischen Überlegungen gegeben. 20 Großprojekte sind in der Regel langfristige Projekte, aber keine Daueraufgaben. Sie erfordern einen erheblichen personellen und institutionellen Aufwand, aber nur für eine begrenzte Zeit. Damit stellt sich nicht nur ihre sachgerechte Einrichtung als Problem, sondern auch, weitaus komplexer, ihre sachgerechte Wiederauflösung. 21 Es entspricht der deutschen Wissenschaftstradition, für langfristige Vorhaben Arbeitsstellen einzurichten, die in der Regel die Form eines Klein- oder Kleinstinstituts annehmen. Die Ausstattung variiert nach den Erfordernissen, schließt aber häufig auch eine Handbibliothek oder Spezialbibliothek ein. Meist werden solche Kleinbibliotheken mit einigem Aufwand aufgebaut, und ihre Zusammenstellung und Beschaffung erfordert nicht nur einen finanziellen Aufwand, sondern bindet auch die Arbeitszeit und Arbeitskraft des wissenschaftlichen Personals. Nach Abschluß des Projekts pflegen diese Kleinbibliotheken in die Bestände von Institutsbibliotheken inkorporiert zu werden, wo sie häufig einen Fremdkörper bilden oder als Ballast empfunden werden. ig i: : : f In den Vereinigten Staaten bevorzugt man eine andere Lösung: die Unterbringung von langfristigen Projekten in den zentralen Forschungsbibliotheken der Universitäten. So werden etwa an der Yale University mehrere Editionsvorhaben abgewickelt, darunter die Herausgabe der auf zahlreiche Bände angelegten Boswell Papers. Die Jefferson-Ausgabe ist in Princeton angesiedelt, die Neubearbeitung des Short Title Catalogue of English Books, 1475-1640 erfolgt in der Houghton Library der Harvard University. Der Vorteil dieser Art von Unterbringung liegt auf der Hand. Die Handbibliothek kann auf ein Minimum eingeschränkt werden, und die Mi : 222 Ressourcen einer großen Bibliothek stehen uneingeschränkt zur Verfügung. In der Bundesrepublik gibt es solche Arrangements bisher nur in Einzelfällen. So die Unterbringung der Monumenta Germaniae Historica im Gebäude der Bayerischen Staatsbibliothek und der KJopstock-Ausgabe in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Die Leibniz-Ausgabe bildet eine Sonderabteilung der Niedersächsischen Staatsbibliothek in Hannover, und der Index der deutschen Zeitschriften des achtzehnten Jahrhunderts, ein Projekt der Göttinger Akademie, wird in der Göttinger Bibliothek bearbeitet. Es entspräche einer rationellen Forschungsplanung und bedeutete überdies eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, wenn in Zukunft langfristige geisteswissenschaftliche Projekte, soweit sie sich auf die textliche Überlieferung beziehen, in den zentralen Universitätsbibliotheken angesiedelt würden. Nicht in allen Fällen wird das möglich sein. Aber überall dort, wo auf einen großen und differenzierten Literaturbestand zurückgegriffen werden muß, bietet sich diese Lösung in erster Linie an. Die Vorteile, die sie gegenüber dem Klein-Institut bietet, liegen auf der Hand. Die zentrale Bibliothek ist nicht nur der Ort für die extensive Literaturrecherche, wie sie praktisch jedes Großprojekt impliziert, sie ist auch der Ort, an dem die für solche Projekte verwendete Spezialliteratur in einen umfassenden Fundus eingehen sollte. Aus Großprojekten ergibt sich meist ein bleibender Beitrag zur wissenschaftlichen Literatur. Sie repräsentieren in dieser oder jener Form ein Stück Wissenschaftsgeschichte, die ihrerseits ein Teil der von den Bibliotheken bewahrten Tradition ist. 22 Auch dies spricht dafür, in den Bibliotheken die räumlichen und technischen Voraussetzungen für die Abwicklung größerer geisteswissenschaftlicher Forschungsvorhaben zu schaffen. Auf diese Weise ergäbe sich ein permanenter institutioneller Rahmen für eine Abfolge von Projekten. Von einem Augenblick auf den anderen wird diese Einbeziehung der Bibliotheken in den Prozeß der Forschung nicht zu bewerk- ü MinwwwwiMflMPBHflH^BflMBlBQflflflffl 223 stelligen sein. Es gibt technische Probleme, die sich nicht sofort lösen lassen und aufgrund der langen Trennung von Bibliothek und Wissenschaft wohl auch psychologische Probleme. Doch sollte nichts unterlassen werden, was die Bibliothek wieder an die Forschung annähern und was ihren Charakter als Forschungsstätte unterstreichen kann. I V Bibliotheken sind nicht nur Forschungsinstrumente, sondern auch Aufgabe für die Forschung. Als „äußere Träger der geistigen Überlieferung" repräsentieren sie eine Kultursubstanz, die umso bedeutsamer ist, je stärker sie sich historisch verdichtet hat. Geschichte bedeutet indessen mehr als Alter: sie bedeutet Individualisierung, und das gilt für das einzelne Buch wie für einen Bibliotheksbestand in seiner Gesamtheit. Bibliotheken mit einer Geschichte sind Individualitäten hohen Ranges, und ihr .Nutzen' für die Forschung hängt davon ab, wie differenziert ihre Individualität erschlossen ist. Bibliotheken, die den Geisteswissenschaften dienen, sind daher auch Forschungsstätten, die sich selbst zum Gegenstand haben können und haben müssen. Bestandsgeschichte und Bestandserschließung sind die Aufgaben, die sich hier stellen. Je historisch bedeutsamer eine Bibliothek ist, umso unausweichlicher stellen sie sich auf einer Ebene, die weit über der vermeintlichen Routine der bibliothekarischen Tätigkeit liegt. Die Bestandsgeschichte reicht, wie jede Sparte der Bibliotheksgeschichte, nicht selten in allgemeine historische Zusammenhänge hinein. Die Verflechtungen, in denen die Bibliotheksgeschichte neuerdings mit der Geschichte der Wissenschaften und der Geschichte der Gelehrsamkeit gesehen wird, 23 stellen an den Historiker einer Bibliothek Anforderungen, die sich radikal von der früheren Bestandsgeschichte positivistischer Prägung unterscheiden. Die Erschließung historischer Bestände durch die historische Buchforschung und durch die analytische Bibliographie anglo-ame- rikanischer Provenienz hat ebenfalls einen Grad von Differenziertheit erreicht, der einen hochqualifizierten Fachmann verlangt. wmmmmm I ; -- ( :■'-'- ■'-■- - 224 1 Mi ! l In ihren Spitzenleistungen bewegt sich die Literaturerschließung in diesem Bereich international auf einem Niveau, dem der Rang selbständiger Forschungsleistung zugestanden werden muß. Die Grenzen zwischen ,Wissenschaft' und ,Bibliothek', die häufig mit großer Akribie gezeichnet wurden, sind an mehr als einer Stelle fließend geworden. Daraus muß die Konsequenz gezogen werden, daß es auch im Arbeitsbereich des Bibliothekars genuine Forschungsaufgaben gibt. Sie liegen dort, wo sich bei der Erforschung der in Textform vorliegenden Überlieferung Probleme stellen, bei denen nur seine Kompetenz eine Lösung ermöglicht. 24 Über das Berufsbild des wissenschaftlichen Bibliothekars wird seit langem debattiert, und mit der neuen „Bibliothekswissenschaft" (verstanden als Betriebslehre der Bibliotheken) hat sich die Debatte verschärft. Häufig werden dabei Alternativen schroff gegenübergestellt, so daß der Eindruck entsteht, die bibliothekarische Tätigkeit sei von Gegensätzen bestimmt, die einander ausschlössen oder auschließen müßten. Es kommt dem Außenstehenden nicht zu, hier Stellung zu nehmen, 25 aber es sei ein Hinweis erlaubt, auf welchen bibliothekarischen Partner die geisteswissenschaftliche Forschung jetzt und in Zukunft angewiesen ist. Im anglo-amerikanischen Bereich sind research library und research librarian feste Begriffe, zu denen „wissenschaftliche Bibliothek" und „wissenschaftlicher Bibliothekar" keine genauen Äquivalente abgeben. Es gab den Typus des research librarian in Deutschland (die anglo-amerikanische Vorstellung hat sich daran sogar zum Teil ausgebildet), und es gibt ihn noch heute. Aber durch die jüngere Berufsbilddiskussion sind seine Konturen unscharf geworden. Er ist ebenso einfach wie zutreffend dadurch charakterisiert, daß er auf der Bibliotheksseite das Pendant zum historisch arbeitenden Geisteswissenschaftler darstellt. Für den research librarian der Zukunft wird der Gegensatz zwischen dem alten Buch und der modernen Technik, um den die bibliothekarische Diskussion so häufig kreist, gegenstandslos sein. Die erforderliche Vereinigung von historischer Buchforschung und elektronischer Datenverarbeitung ist im Ausland bereits vollzogen. 225 AM Die Frage ist nur noch, ob und wann in der Bundesrepublik der internationale Standard erreicht wird. Die augenblicklichen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für die wissenschaftlichen Bibliothekare lassen, aufs Ganze gesehen, wenig Hoffnung, daß sich überall dort, wo es vom Umfang und der Bedeutung der historischen Bestände nötig wäre, die Voraussetzungen und Möglichkeiten zu einer bibliothekarischen Forschungstätigkeit in dem hier skizzierten Sinne ergeben könnten. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht seitens der forschungsfördernden Institutionen Hilfe geboten werden könnte - falls die Bibliotheken dies wünschen. I I Research librarianship in den wissenschaftlichen Bibliotheken liegt nicht nur im Interesse der geisteswissenschaftlichen Forschung, die auf die Bibliotheken „als Träger der geistigen Überlieferung" angewiesen ist. Die Zukunft ihrer Vergangenheit geht die Bibliotheken selber unmittelbar an, denn ob es ihnen gelingt, Tradition und Modernität miteinander zu verbinden, dürfte sich für sie als Existenzfrage erweisen. 1 1 PI i n m :ä:| m*,. HBHQflfl^^H Wägl «KU V. Buch und Zeitschrift als geisteswissenschaftliche Publikationsorgane i Wissenschaft ist, wie die moderne Wissenschaftssoziologie verdeutlicht hat, „öffentliches Wissen". Sie besteht in methodisch gewonnenen Erkenntnissen, über die in einem formalen Rezeptionsverfahren ein rationaler Konsens hergestellt worden ist. Die bloße Veröffentlichung macht eine Erkenntnis noch nicht zu einer wissenschaftlichen, aber ohne Veröffentlichung kann keine Erkenntnis zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis werden. Die Publikation ist damit kein inzidentelles Merkmal, sondern ein integraler Bestandteil des Wissenschaftsprozesses. Ohne Veröffentlichung gibt es keine Wissenschaft: der Akt der Publikation ist konstitutiv. 1 Eine wissenschaftliche Veröffentlichung kann in mündlicher Form erfolgen. Deren Konvention ist der Vortrag, wie es ihn seit der Frühzeit des modernen Wissenschaftsbetriebs gibt. Auch wenn sich im Verlauf von Jahrhunderten zwischen den Zusammenkünften von Gelehrten und den Kongressen von Wissenschaftlern die Rahmenbedingungen für den Vortrag geändert haben, ist er doch als Kommunikationsform weitgehend konstant geblieben. Charakteristisch für ihn ist nicht so sehr die scheinbar informelle Art der Mitteilung, sondern der begrenzte Adressatenkreis. Soll eine wissenschaftliche Veröffentlichung einen größeren Kreis erreichen und zugleich dauerhaft fixiert bleiben, erfolgt sie in schriftlicher Form. Deren Konventionen sind flexibler und haben sich erst im Verlauf einer längeren Entwicklung ausgebildet. Die Ergebnisse dieses Entwicklungsprozesses, seit geraumer Zeit verfestigt, sind uns als wissenschaftliches Buch und wissenschaftliche 230 Zeitschrift geläufig. Das moderne wissenschaftliche Buch ist aus dem gelehrten Traktat hervorgegangen und hat über eine Reihe von Zwischenstufen jene Form der Monographie angenommen, die heute allgemein als Standardform akzeptiert ist. 2 Die Zeitschrift ist jüngeren Datums und verdankt ihre Entstehung speziellen Konstellationen in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. 3 Obwohl gewisse Grundzüge von Anfang an festlagen, hat auch die Zeitschrift ihre Form erst im Laufe der Zeit gefunden. 4 Die entscheidende Konsolidierungsphase für die wissenschaftlichen Literaturformen war das späte neunzehnte Jahrhundert. Im Zuge der sich damals vollziehenden Institutionalisierung der Forschung nahmen sie ihre verbindliche Ausprägung an. Das heißt nicht, daß es seither keine Veränderungen mehr gegeben hätte. Buch und Zeitschrift müssen immer wieder neuen Bedürfnissen angepaßt werden, und dieser Prozeß ist bislang nicht zum Abschluß gekommen. Aber am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts war der mediale Charakter der beiden Literaturformen soweit etabliert, daß sich keine grundsätzlichen Probleme mehr stellten. II Buch und Zeitschriftenaufsatz sind unterschiedliche Formen der Mitteilung, und sie spielen in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen nicht die gleiche Rolle. Zwar ist die Öffentlichkeit der Mitteilung für alle verbindlich, doch die Form, deren man sich dabei bedienen kann oder muß, ist nicht notwendig die gleiche. Erkenntnisabsicht und Erkenntnisstruktur weisen in verschiedenen Bereichen jeweils andere Charakteristika auf, und sie können auch innerhalb desselben Bereichs variieren. P II II Das Verhältnis zwischen den Naturwissenschaften und der Zeitschrift ist traditionell eng. Ein wesentlicher Impuls für die ,Erfindung' der Zeitschrift war die schon in der Frühzeit der naturwissenschaftlichen Forschung empfundene Notwendigkeit, den ,Fortgang' der Erkenntnis laufend zu dokumentieren. Bereits die 231 erste wissenschaftliche Zeitschrift, die Philosophical Transactions 5 , hatte weitgehend die Funktion eines laufenden Protokolls. Sie hielt die Ergebnisse der wissenschaftlichen Bemühungen in Kurzform fest und machte sie zum Bestandteil eines Fundus von vermittelbaren Erkenntnissen. Die Zeitschrift trug damit dem Prozeßcharakter der Forschung Rechnung, und so gibt sich auch die ihr ursprünglich zugedachte Aufgabe eines ,sequentialisierten Buches' zu erkennen. Die Erkenntnisabsicht der Naturwissenschaften richtet sich, zumindest grundsätzlich, auf die Feststellung von Regelhaftigkeit und Gesetzmäßigkeit. Idealiter soll für die in der Natur auftretenden Phänomene das Prinzip der Notwendigkeit aufgedeckt werden. Charakteristisch für die naturwissenschaftliche Erkenntnis ist die ,Formel', deren Aufgabe die Zusammenfassung des Erkannten in einer metasprachlichen, die Vieldeutigkeit der Umgangssprache vermeidenden Präzision ist. Damit ist die naturwissenschaftliche Erkenntnisgewinnung von der Sache her reduktiv: sie zielt auf den höchstmöglichen Grad von Allgemeinheit der Aussage ab. Die Darstellung entsprechender Sachverhalte kann knapp sein, und der allgemeine Charakter der erstrebten Aussage macht die Darstellung im Regelfall kondensierbar. Als Literaturform stellt der wissenschaftliche Aufsatz ein natürliches Korrelat dazu dar. Die Geisteswissenschaften sind durch eine andere Erkenntnisabsicht gekennzeichnet. Nach der bekannten Formulierung von Wilhelm Windelband sind sie idiographisch, das heißt: in der Intention des Erkennens auf das Besondere im Gegensatz zum Allgemeinen gerichtet. 6 Wiederum grundsätzlich gesagt, ist ihr spezifischer Gegenstand das individuelle historische Phänomen, und sie betrachten es als ihre Aufgabe, diese Individualität in dem ihr angemessenen Kontext herauszustellen. Das schließt nicht aus, daß sie allgemeingültige Einsichten zu gewinnen versuchen. Die Darstellung geisteswissenschaftlicher Sachverhalte ist jedoch in der Regel nicht auf die Subsumtion des einzelnen Falles unter eine generelle Gesetzmäßigkeit gerichtet, sondern sie bezweckt die Kennzeichnung dessen, was das jeweilige Phänomen von anderen unterscheidet. Die geisteswissenschaftliche Erkenntnisweise ist m 1 Uli daher eine andere als die naturwissenschaftliche. Damit ist auch ihr Kommunikationsbedürfnis ein anderes. ■■" Es genügt hier, die geisteswissenschaftliche Aussage als diskursiv zu bezeichnen und ihr einen wesentlich argumentativen und inter- pretativen Charakter zuzuerkennen. Sie kann auch, sofern es um die Nachzeichnung historischer Entwicklungen geht, essentiell narrativ sein. Infolgedessen ist die typische geisteswissenschaftliche Aussage im Gegensatz zur typischen naturwissenschaftlichen Aussage nicht kondensierbar. Die Analyse eines Kunstwerks oder eines Literaturwerks zielt auf das differenzierende Detail, wiewohl vor dem Hintergrund allgemeiner Gattungsmerkmale. Ihre Aufgabe liegt daher in der Herausarbeitung des nicht Zusammenfaßbaren, wie etwa auch die Aufgabe einer Biographie in der erzählenden Nachzeichnung eines singulären Verlaufs liegt. Pointiert gesagt, kann sich die Erkenntnissubstanz einer geisteswissenschaftlichen Mitteilung in dem Maße reduzieren, wie der Versuch unternommen wird, ihre diskursive Struktur zu komprimieren. 7 Die der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis angemessene Literaturform ist daher das Buch, und es besteht wegen der spezifischen Kommunikationsbedürfnisse ein primäres Verhältnis zwischen Geisteswissenschaften und Buch. Dieses Verhältnis hat sich nicht, wie vielleicht angenommen werden könnte, traditionell ergeben, sondern es ist in ähnlicher Weise von der Sache her bedingt wie die Affinität der Naturwissenschaften zur Zeitschrift. 1 So kennzeichnend die Bindung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften an unterschiedliche Literaturformen ist, so wenig darf sie als ausschließlich angesehen werden. Es gibt naturwissenschaftliche Bücher wie es geisteswissenschaftliche Aufsätze gibt, und in beiden Bereichen reicht die Tradition in der Verwendung von Buch und Zeitschrift weit zurück. Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften benötigen beide, doch nicht zur Befriedigung identischer Kommunikationsbedürfnisse. Die jeweils ,atypische' Form hat, von der Erkenntnisweise und der Mitteilungsstruktur her gesehen, eine andere Funktion. T.^.^/.ii;,;;.':;' 233 In den Naturwissenschaften ist das Buch in dem Maße vonnöten, wie sich ein Gegenstand der Kondensierbarkeit entzieht. Das wird an Sachverhalten deutlich, mit denen es die deskriptiven oder auch die theoretischen Disziplinen der Naturwissenschaften zu tun haben. Der Umstand, daß das Detail nicht subsumierbar ist, erfordert einen breiteren Raum für die Darstellung, und das Buch ist hier das Medium für die Wiedergabe einer im Gegenstand liegenden Komplexität. MM mffl In den Geisteswissenschaften wird der Zeitschriftenaufsatz nicht deswegen benutzt, weil sie etwa neben Gegenständen, die diskursiv abgehandelt werden müssen, auch solche zu behandeln hätten, die eine nicht-diskursive Mitteilungsstruktur aufweisen. Vielmehr findet der Zeitschriftenaufsatz in dem Maße Verwendung, wie der Gegenstand, trotz der Notwendigkeit seiner diskursiven Behandlung, an Umfang abnimmt. Nicht die Art des Gegenstandes, sondern seine spezifische ,Kleinheit' bedingt die Verwendung der Aufsatzform. m in Ungeachtet der generellen Ausbreitung der Zeitschrift im achtzehnten Jahrhundert als Medium der gelehrten wie der populären Kommunikation ist der Einbruch der wissenschaftlichen Zeitschrift in die geisteswissenschaftlichen Disziplinen eine Folge der im neunzehnten Jahrhundert einsetzenden Spezialisierung und der damit verbundenen Konzentration auf kleine und kleinste Gegenstände. Die Aufgliederung der Wissenschaften in immer be- grenztere Arbeitsbereiche schuf die Voraussetzungen für die Benutzung des Aufsatzes als Mitteilungsform. Zugleich weckte sie einen Bedarf an immer neuen Zeitschriften als Kommunikationsorgan und Ausdrucksform von verselbständigten Spezialistengruppen. In diesem Prozeß ,überholte' die Zeitschrift das Buch, und bereits um die Mitte des Jahrhunderts war deutlich, daß der Zeitschriftenaufsatz das eigentliche' Medium der wissenschaftlichen Kommunikation geworden war. In seiner „Rede am Leibniztage 1874" I mm KäössS laffl ; '. '• m m 1 mm m M ^H Ja« Hl PH» HP m ■ s ■ 1 UV.'.'!'' 10 ' 234 1 1 1 bemerkte Theodor Mommsen, daß „in allen Zweigen der Literatur die Fachschriften, vor allem die Fachzeitschriften, jetzt durchaus die erste Stelle" einnehmen. Er erblickte darin eine ambivalente „Einseitigkeit der heutigen Forschung" und betrachtete die Wissenschaftssituation insgesamt als Ergebnis einer nicht mehr zurücknehmbaren Spezialisierung. 8 Im heutigen Wissenschaftsbetrieb dominiert die Zeitschrift, und nach einer vielfach vertretenen Auffassung ist der Zeitschriftenaufsatz das Medium, in dem sich der moderne Wissenschaftler artikuliert. Daran ist zweifellos etwas Richtiges. Die Zunahme der Zeitschriftenliteratur in allen Wissenschaftsbereichen während der letzten zwei oder drei Jahrzehnte ist außerordentlich. Nach amerikanischen Ermittlungen haben sich die geisteswissenschaftlichen Zeitschriften zwischen 1960 und 1975 um mehr als 100 Prozent vermehrt. 9 Aus den Bibliotheken ist bekannt, daß ein immer größerer Teil des Etats für Zeitschriften ausgegeben werden muß und daß die Zeitschrift die Monographie in den Hintergrund drängt. Die Präponderanz der Zeitschrift in den Naturwissenschaften findet ihre natürliche Erklärung darin, daß es hier einen realen Fortschritt' der Forschung gibt. Ein einmal gelöstes Problem bleibt in der Regel gelöst. Die Zeitschrift erfüllt damit die Funktion einer Begleitdokumentation des Forschungsprozesses, und die Aktualität der wissenschaftlichen Publikation erlischt mit der Lösung des Problems. Die bekannte „Halbwertszeit" der naturwissenschaftlichen Zeitschriften macht dies unmittelbar deutlich. M [er In den Geisteswissenschaften gibt es keinen vergleichbaren Fortschritt'. Die Aufgabe der Erschließung und Vermittlung einer kulturellen Tradition ist von der Sache her nicht durch eine der naturwissenschaftlichen Forschung vergleichbare Kontinuität gekennzeichnet. 10 Zwar gibt es aktuelle Problemstellungen, aber in der Regel keine Problemlösungen, die ein für allemal Gültigkeit haben. Aktualität und Kontinuität sind in den Geisteswissenschaften andere Kategorien. Damit ist die Zeitschrift zwar ein Medium für die Mitteilung von Forschungsergebnissen, aber nicht wie in den Naturwissenschaften ein wegen seiner Erscheinungsweise unent- ■■ :■■"■"......: 235 behrliches Kommunikationsinstrument. In den Geisteswissenschaften wird die Zeitschrift als Repositorium für die Ergebnisse der Spezial- und Detailforschung benötigt. Sie hat indessen ihre Funktion im Wissenschaftsprozeß vornehmlich als ein Sammelorgan, zu dem Alternativen zwar nicht existieren, aber durchaus denkbar sind. Das wird unter anderem daran deutlich, daß es in den Geisteswissenschaften (und auch in den Sozialwissenschaften) typische Formen des Verlegenheitsgebrauchs der Zeitschrift gibt; so etwa an den unter bestimmten Themen zusammengestellten Einzelheften, die für sich genommen selbständige Sammelwerke sind, oder an den in Zeitschriften aufgenommenen monographischen Untersuchungen, die nach Anlage und Umfang Bücher darstellen. Ich richte die Aufmerksamkeit deswegen auf diese Punkte, weil die Allgegenwart der Zeitschrift im heutigen wissenschaftlichen Publikationswesen die unterschiedlichen Kommunikationsbedürfnisse der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften nicht nur momentan verdeckt, sondern auf die Dauer in den Hintergrund drängen dürfte.Durch die allgemeine Affinität der modernen Wissenschaft zur Zeitschrift, die eine leichte, schnelle und innerhalb gewisser Grenzen auch vorläufige Form der Mitteilung ermöglicht, wird sich das bereits vorhandene Ungleichgewicht zwischen Monographie und Zeitschrift noch weiter zugunsten der Zeitschrift verschieben. In einem Zeitalter ausgeprägter Spezialforschung benötigen die Geisteswissenschaften unabdingbar eine Kleinform der Kommunikation, doch hat es den Anschein, daß sich diese Form auf die Dauer kaum jene Eigenständigkeit bewahren wird, die von der Sache her gefordert ist. Eine der voraussehbaren Entwicklungen wird früher oder später zur elektronischen Zeitschrift führen." Experimente werden bereits mit dem Ziel unternommen, den Druck von Zeitschriften überflüssig zu machen und wissenschaftliche Primärtexte für einen Abruf nach Bedarf in digitalisierter Form zu speichern. Nach gängiger Auffassung muß eine solche Speicherung ,in geeigneter Form' erfolgen. Was das bedeutet, ist bislang nicht spezifiziert worden. Erste Überlegungen lassen jedoch erkennen, daß die Bildschirmlektüre, SP M I III Ül! I 236 da ein ,Durchblättern' nicht möglich ist, eine rigorose Strukturierung des Textes voraussetzt. 12 Bei naturwissenschaftlichen Aufsätzen ist das relativ leicht zu erreichen, bei solchen jedoch, die ein Argument enthalten, treten beträchtliche, aber vom Standpunkt der Medientechnik nicht unüberwindbare Schwierigkeiten auf. Der Prototyp des elektronischen Artikels' wird unvermeidlich der naturwissenschaftliche Aufsatz sein, und an ihm werden sich die neuen Publikationskonventionen ausbilden. Die Zusammenfassung (abstract) wird ein wichtiges, vielleicht das hervorstechende Merkmal sein. In jedem Fall dürften den positiven Auswirkungen, die das Erfordernis der Strukturierbarkeit auch auf den argumentativen' Aufsatz haben könnte, erhebliche negative gegenüberstehen: There are... dangers in the tight structuring of articles. Writers might gradually drift into producing papers that were all structure and no style, and lose the facility of continuous writing. If this sounds unlikely, anyone who writes will be aware how long and possibly laborious a process it was to learn to write coherently, con- tinuously, readably and with some sense of style. 13 IV Durch die revolutionären Veränderungen, die sich im Publikationswesen anbahnen, verlieren Buch und Zeitschrift jene Selbstverständlichkeit, mit der sie bislang zum wissenschaftlichen Kommunikationsrepertoire gehörten. Die Möglichkeiten der elektronischen Literaturspeicherung lassen erkennen, daß sie nicht, wie man aufgrund einer jahrhundertealten Tradition anzunehmen geneigt war, ,Dinge an sich' sind, sondern spezifische Mitteilungsformen, die sich im Kontext der typographischen Kultur herausgebildet haben. I I Die Distanz, in die sie rücken, bringt nicht nur ihre Relativität, sondern auch ihre Eigenart zur Geltung. Besonders im Hinblick auf das Buch wird deutlich, daß es mehr ist als eine mediale Grundeinheit im Kommunikationsprozeß. Im Verlaufe seiner langen Geschichte hat es eine Verbindlichkeit erlangt, die weit über den 237 typographischen Bereich hinausreicht. Es ist ein ordnender Faktor in der Gewinnung wie in der Weitergabe von Erkenntnissen. "In the humanities, the book is much more than a slab of information. Certainly it may be made up of an accumulation of words - and facts - but the whole is greater than the sum of the individual parts, the means of evoking imaginative, creative responses." 14 Als eine der symbolischen Formen der Schriftkultur kann das Buch daher nicht nur als eine den Geisteswissenschaften angemessene Mitteilungsform betrachtet werden: es muß angesichts der sich abzeichnenden Entwicklungen als die ideale Norm der geisteswissenschaftlichen Publikation postuliert werden. VI. Gegenwartsprobleme 1. Die Krise des wissenschaftlichen Schrifttums I I Hit Das vielberufene ,Zeitalter der Information' hat mit einer Krise des wissenschaftlichen Schrifttums begonnen. Seit einiger Zeit ist das wissenschaftliche Kommunikationssystem in den klassischen Bereichen von Produktion, Distribution und Rezeption durch akute Mißstände gekennzeichnet, ohne daß sich absehen läßt, ob und wann eine Rückkehr zu ,normalen' Verhältnissen wieder möglich sein wird. iSi 1 i|iiji In der Sphäre des Autors treten erhebliche »Absatzschwierigkeiten' auf. Ein wissenschaftlicher Autor kann heute nicht mehr damit rechnen, daß er ein Manuskript - sei es Zeitschriftenaufsatz oder Buch - ohne weiteres unterbringen kann. Er muß in einem viel höheren Maße als früher damit rechnen, daß sein Publikationswunsch negativ beschieden wird. Zeitschriften haben keinen Mangel an Beiträgen, so daß oft lange Wartelisten bestehen, wenn nicht schon von vornherein eine Ablehnung erfolgt. Zur Vermehrung der Publikationsmöglichkeiten werden auch in den Geisteswissenschaften neue Zeitschriften gegründet, doch der Erfolg bleibt in vielen Fällen aus. Nur wenige Neugründungen fassen wirklich Fuß. Kleinzeitschriften, die mit einem minimalen Aufwand herausgebracht werden und in den Bereich der ,Grauen Literatur' gehören, sind daher vielfach für die Situation kennzeichnend. ■■HHMMMMnB 239 I Buchmanuskripte sind mindestens ebenso schwer zu veröffentlichen. Als ,typische' Publikation hat die ,normale' wissenschaftliche Monographie nur eine geringe Chance, verlegt zu werden. Sie ist in der Regel vom Thema her zu speziell, als daß ein größerer Absatz erhofft werden könnte. Das schließt nicht aus, daß das eine oder andere Buch wider Erwarten einen größeren Markt findet. Die .klassische' Monographie wird indessen heute in der Bundesrepublik in vielen, vielleicht sogar in den meisten Fällen nur noch als subventioniertes Buch von einem Verlag übernommen. 1982 hat allein die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Publikation von 445 wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit Beihilfen von 9,9 Millionen DM gefördert (im Schnitt rund 22.250 DM pro Publikation). 1 Der Bereich der Distribution ist ebenfalls durch Absatzschwierigkeiten gekennzeichnet. Die Grunderfahrung aller wissenschaftlichen Verlage während des letzten Jahrzehnts ist ein langsamer oder auch rapider Rückgang der Absatzzahlen. Der Markt des wissenschaftlichen Buches bietet sich aus der Verlagsperspektive als ein kontinuierlich schrumpfender Markt dar, so daß die Veröffentlichung der .klassischen' Monographie in vielen Fällen nicht nur nicht mehr lohnt, sondern unter normalen Verlagsbedingungen nicht mehr möglich ist. Dem reduzierten Absatz stehen steigende Kosten gegenüber. Im gesamten graphischen Bereich sind die Kosten in den letzten Jahren unverhältnismäßig in die Höhe gegangen. Das trifft für den konventionellen Satz und Druck ebenso zu wie für das Papier. Kosteninflation und Absatzrückgang wirken sich doppelt belastend auf den Preis aus. Englische wissenschaftliche Bücher etwa sind zwischen 1977 und 1982 um 55 Prozent teurer geworden, und zwischen 1974 und 1982 ist ihr Durchschnittspreis von rund viereinhalb auf knapp vierzehn Pfund gestiegen. 2 Zwei Auswege bieten sich an, die im In- und Ausland auch von einer Reihe von Verlagen beschritten werden. Einmal eine Erhöhung der Titelproduktion. Um den mengenmäßigen Absatz insgesamt auch bei einem zurückgehenden Verkauf des einzelnen Titels zu erhalten, werden mehr Titel veröffentlicht. So erklärt sich, ■ I i ■;■■■■ I 240 daß die Buchproduktion als Ganzes eine noch immer steigende Tendenz aufweist, obwohl das Volumen des Absatzes nicht größer wird. Der andere Weg ist eine Senkung des technischen Niveaus. Neben die konventionell gesetzte und in Leinen gebundene Monographie ist in den letzten Jahren zunehmend ein neuer Buchtyp getreten, der als Reduktionsform angesehen werden muß: das broschierte Offset- Faksimile. Es besteht in der Reproduktion einer maschinenschriftlichen Vorlage und stellt, streng genommen, keine Buchveröffentlichung, sondern nur die photomechanische Vervielfältigung eines Manuskriptes dar. Als zur Zeit billigste Form der Verbreitung deutet das Offset-Faksimile einen wirtschaftlichen und ästhetischen Tiefstand der wissenschaftlichen Buchproduktion an. i 1 1 Jl I II In der Aufnahme des wissenschaftlichen Buchangebots haben sich einschneidende Veränderungen vollzogen. Aufs Ganze gesehen, ist der Markt nicht mehr aufnahmefähig für das, was produziert wird. Der vielleicht bemerkenswerteste Wandel ist beim Wissenschaftler selbst als dem Endverbraucher der wissenschaftlichen Literatur eingetreten. Die Privatbibliothek, früher eine weitgehend selbstverständliche Grundlage der wissenschaftlichen Arbeit, ist zwar nicht gänzlich verschwunden, sie spielt aber als Basis der der Forschung keine ausschlaggebende Rolle mehr. 3 m Der Preisanstieg der wissenschaftlichen Literatur hat den privaten Käufer als Abnehmer in den Hintergrund treten lassen. Zwar besteht nach Repräsentativumfragen weiterhin eine Bereitschaft, auch teurere wissenschaftliche Werke zu erwerben, aber in einschlägigen Privatbibliotheken macht der Anteil wissenschaftlicher Literatur nur „etwa die Hälfte am gesamten privaten Buchbesitz aus". 4 Viele Verlage, besonders im Ausland, versuchen den privaten Käufer durch paperback -Ausgaben zurückzugewinnen, doch es scheint fraglich, ob sich auf die Dauer dadurch wirklich wieder eine Käuferschicht für das wissenschaftliche Buch etablieren läßt. 5 ■SSM iü:::-S:-:-:-:: SttW: 241 Seit etwa einem knappen Jahrzehnt zeigt die Wissenschaftsexpansion der sechziger Jahre eine rückläufige Tendenz, und damit haben sich auch die Etats der Bibliotheken reduziert. Die Einschränkungen sind in fast allen Ländern mit einem hochentwik- kelten Forschungs- und Wissenschaftssystem zu beobachten, obwohl nicht überall in der gleichen Form. In der Bundesrepublik haben die Etatkürzungen relativ spät begonnen, aber dafür in der letzten Zeit Ausmaße erreicht, die als drastisch empfunden werden. 6 Damit hat sich der wesentliche und eigentliche Markt für den Absatz wissenschaftlicher Literatur in einer Weise verkleinert, die in vielfacher Hinsicht für Buch und Zeitschrift existenzbedrohend geworden ist. Obwohl nach Schätzungen die in der Bundesrepublik ausgegebene Summe für die Beschaffung von Literatur nur etwa zwei Prozent des Gesamtetats der Hochschulen ausmacht, 7 haben die hier vorgenommenen Einsparungen erhebliche Auswirkungen. Mit dem Kaufkraftverfall der Bibliotheken setzt eine Spiralwirkung ein, die auf die Dauer das gesamte wissenschaftliche Kommunikationssystem affizieren muß. Wenn durch Einsparungen die Kaufmöglichkeiten geringer werden, sinken notwendig die Auflagen, und bei kleineren Auflagen steigen die Preise, so daß bei reduzierten Etats noch weniger angeschafft werden kann. Von dieser Entwicklung ist vornehmlich die Monographie betroffen. Ein großer Teil eines Bibliotheksetats liegt durch langfristige Bindungen von vornherein fest. Zur Vermeidung von später nicht mehr schließbaren Lücken versucht eine Bibliothek, Zeitschriften, Reihen und Lieferungswerke möglichst nicht abzubestellen. Dadurch engt sich der finanzielle Spielraum für die Anschaffung monographischer Literatur notwendig ein, und die Auswahl dessen, was angeschafft werden kann, schrumpft weiter zusammen. Vom Standpunkt der Geisteswissenschaften her gesehen, tritt also die Schwächung des Kommunikationssystems vornehmlich an der Stelle ein, wo sie unter allen Umständen vermieden werden sollte. üü! ! ! HU IS I 242 III Wenn man die Situation des wissenschaftlichen Schrifttums so beschreibt, wie es hier geschehen ist, stellt sie sich als klassische ökonomische Krisensituation dar. Eine Verbesserung der Situation wäre nur zu erreichen, wenn an einer oder mehreren Stellen des Systems erhebliche finanzielle Aufwendungen gemacht werden könnten - etwa durch eine Steigerung der Subventionen oder eine Erhöhung der Bibliotheksetats. Aber eben damit ist auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Wenn man eine Verschlechterung des Systems der wissenschaftlichen Kommunikation und der Literaturversorgung nicht als unvermeidbar hinnehmen möchte, ergibt sich die Frage, ob sich die Situation nicht unter Einbeziehung wissenschaftlicher Aspekte differenzierter und damit leichter beeinflußbar darstellt. ______ iflRtgMMMMBm 2. Exponentielles Literaturwachstum Die massenhafte Produktion von Büchern und Abhandlungen wird eine Kalamität, weil das Gediegene, Wertvolle und Notwendige immer mehr in der Fülle des Unnützen verschwindet und von ihm erstickt zu werden droht. „Wie können wir die Buchproduktion einschränken?" ist daher eine Kulturfrage ersten Ranges. Sie geht in erster Linie Deutschland an, und es ist höchste Zeit, daß sich umsichtige Gelehrte, Schriftsteller und Patrioten mit dieser Frage beschäftigen. Adolf von Harnack (1911) I Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges deckte der amerikanische Bibliothekar Fremont Rider das Gesetz des exponen- tiellen Literaturwachstums auf. Seit geraumer Zeit, so fand er, hatte sich der Buchbestand in den kleineren wissenschaftlichen Bibliotheken alle sechzehn Jahre verdoppelt, und in den führenden Forschungsbibliotheken alle neun Jahre. 1 Die von Rider diagnostizierte Parabel ist heute als Wachstumskurve allgemein anerkannt. Neuere Beobachter konstatieren zwar einen nicht mehr ganz so steilen Anstieg und halten eine weitere Abflachung für möglich, doch ziehen sie die Gültigkeit der Figur nicht in Zweifel. 2 Es gilt als ausgemacht, daß die Produktion der wissenschaftlichen Literatur exponentiell zunimmt und auch weiterhin zunehmen wird, wenn nicht plötzliche Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb auftreten. Es gehört zum Wesen exponentieller Kurven, daß ihr Wachstum für längere Zeit unbemerkt bleibt, weil es sich in akzeptablen Grenzen hält. So erklärt es sich, daß die Zunahme der wissenschaftlichen Literatur zunächst unbeachtet vor sich ging. Mit dem steilen Anstieg der Parabel wurde eine Wahrnehmungsschwelle überschritten, so daß sich die Literaturfülle plötzlich als das Problem darbot, als das IM mi WM n MW B— ■■,. I - \ i Hl Pili Iran fSeS mm kbbPw m m 0§GS •li'i 244 sie heute allenthalben empfunden wird. Das Schlagwort von der „Wissensexplosion", das seit den fünfziger und sechziger Jahren kursiert, bringt die abrupte Vergegenwärtigung sinnfällig zum Ausdruck. Die Literaturvermehrung ist offenbar ein irreversibler Prozeß. Ihre Anfänge liegen im neunzehnten Jahrhundert, und drei Faktoren wirkten dabei zusammen: die Vermehrung der Institutionen für die wissenschaftliche Forschung und Ausbildung; die Zunahme des wissenschaftlichen Personals; und die Spezialisierung innerhalb einzelner Disziplinen. Die Zahl der Universitätsneugründungen stieg nach 1850 steil an, 3 und damit bot sich in einem bis dahin unbekannten Maße die Möglichkeit, Wissenschaft als Karriere zu verfolgen. Gleichzeitig setzte jener Differenzierungsprozeß in der Wissenschaft ein, der zu immer neuen Sproßbildungen geführt hat. j l'i'i Spezialisierung und Literaturwachstum wurden früh entdeckt, aber entsprechende Hinweise sind heute nicht mehr präsent. Jakob Burckhardt bemerkte in seinen 1868 entworfenen Weltgeschichtlichen Betrachtungen : „Tatsächlich herrscht die Spezialisierung bis in Monographien über die kleinsten Einzelheiten hinein." 4 Auf der konstituierenden Sitzung des Österreichischen Vereins für Bibliothekswesen im Jahre 1896 wurde eine apokalyptische Vision der Literaturflut entworfen: „Die Literatur selbst hat bereits eine unübersehbare Ausdehnung erreicht und ihr Wachstum steigt noch von Jahr zu Jahr." 5 Den neuerdings in Umlauf befindlichen Zahlen über den durch Vermehrung des Personals und Spezialisierung von Forschungsrichtungen ausgelösten Literaturzuwachs 6 lassen sich ebenso eindrucksvolle aus dem neunzehnten Jahrhundert gegenüberstellen. So stieg die Gesamtzahl der Zeitschriften in Deutschland zwischen 1820 und 1927 auf das Achtzehnfache. 7 Die Publikationswünsche überstiegen die Verlagskapazitäten bei weitem. Allein Friedrich Perthes lehnte innerhalb von vier Jahren 500 Manuskripte ab. 8 I4tt Das Problem des Literaturwachstums stellt sich überall, aber es stellt sich nicht aus jeder Sicht und überall in gleicher Weise. Die Perspektive des rezipierenden Wissenschaftlers ist eine andere als die des produzierenden Autors, und diese ist wiederum nicht identisch mit der des wissenschaftlichen Verlegers, dessen Sicht sich von der des Bibliothekars unterscheidet. Es gibt auch unterschiedliche nationale Perspektiven, und diese sind zur Beurteilung der Situation in der Bundesrepublik besonders wichtig. ■ Im neunzehnten und noch im frühen zwanzigsten Jahrhundert war Deutschland auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Literatur weitgehend ein Exportland. Naturwissenschaftliches und geisteswissenschaftliches Schrifttum deutscher Provenienz wurde im Ausland als so wichtig empfunden, daß es einen beträchtlichen Teil der Bibliothekskäufe ausmachte. Die Harvard Library kaufte zwischen 1870 und 1910 aus Deutschland rund 150.000 Bände.? Das heißt nicht, daß nicht auch ausländische Literatur nach Deutschland eingeführt worden wäre. Aber die Klagen Adolf von Harnacks über den Mangel ausländischer Literatur an der führenden deutschen Bibliothek der Zeit lassen das geringe Maß der Importe und das hohe Maß der intellektuellen Autarkie in Deutschland erkennen. 10 Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich die Situation grundlegend verändert. Im internationalen Vergleich nimmmt die Bundesrepublik nicht mehr die Stellung ein, die Deutschland einstmals innehatte. Die in letzter Zeit mit zunehmender Intensität geführte Diskussion um Forschungsbeiträge und Forschungsleistungen in der Bundesrepublik läßt dies deutlich erkennen. 11 Das gilt für den naturwissenschaftlich-technischen und für den medizinischen Bereich, aber auch, und nicht zuletzt, für den geisteswissenschaftlichen. Die internationale Bedeutung der deutschen wissenschaftlichen Literatur ist zurückgegangen, und als Wissenschaftssprache spielt das Deutsche in vielen Disziplinen keine Rolle mehr. 12 Beides bedingt sich. Der Bedeutungsverlust der wissenschaftlichen Literatur macht die Erlernung der deutschen Sprache überflüssig, und '.'3% m m m m ■ i »ig mm Hü I ras ■ ■■ a ■;■■■-■ mm m ■...,,, i 246 fehlende Sprachkenntnisse führen dazu, daß auch die noch wichtige deutsche Literatur nicht mehr rezipiert wird. Einige Disziplinen bilden noch Ausnahmen. I Den unbestritten ersten Rang nimmt die wissenschaftliche Literatur des anglo-amerikanischen Raumes ein, und die Weltgeltung des Englischen, gleicherweise eine Folge politischer wie wissenschaftlicher Präponderanz, sichert dieser Literatur optimale Rezeptionsbedingungen. Auch in den Geisteswissenschaften gibt es kaum ein Gebiet, auf dem diese Literatur nicht ein hervorragende oder sogar dominante Rolle spielt. I i ü iß: :: liiji:; III 1::: iiiiÜ 1 lil Die Bundesrepublik ist damit in hohem Maße zu einem Importland für wissenschaftliche Literatur geworden, und die intellektuelle Bilanz fällt zu ihren Ungunsten aus. Die Importe dienen nicht, wie häufig deutsche Literatur im anglo-amerikanischen Bereich, der zusätzlichen Information. Sie stellen vielmehr die Basisliteratur dar, von der die Forschung ausgeht und auf der sie. aufbaut. Die Gegebenheiten spiegeln sich in der Buchhandelsstatistik wider. Der anglo-amerikanische Anteil am Gesamtimport machte 1980 17 Prozent aus, während nur 9,6 Prozent der gesamten Ausfuhren nach England und in die Vereinigten Staaten gehen. 13 Zwei Drittel aller Übersetzungen ins Deutsche kommen aus dem Englischen. Und fast sechzig Prozent der deutschen Geisteswissenschaftler machen Gebrauch von englischsprachiger Literatur. 14 Die Produktion deutscher wissenschaftlicher Literatur hat nicht in dem Maße abgenommen, wie sie an genereller wissenschaftlicher Bedeutung zurückgegangen ist. Vielmehr zeigen die letzten Jahrzehnte einen rapiden Anstieg. Der Zuwachs der westdeutschen Literaturproduktion zwischen 1976 und 1980 betrug auf dem Gebiet von Religion und Theologie 85 Prozent, in der Philosophie und Psychologie 35 Prozent, bei der Sprach- und Literaturwissenschaft 28 Prozent, bei der Geschichte 67 Prozent. Im Vergleich dazu vermehrten sich die naturwissenschaftlichen Publikationen um 27 Prozent. 15 ■flBnHHn 247 III Die Schlußfolgerung kann nur sein, daß es in der Bundesrepublik Deutschland eine spezifische Überproduktion von Literatur gibt. Daß insgesamt mehr Literatur produziert wird als aufgenommen werden kann, ist ein allgemeines Problem. Es tritt überall auf, wo die Forschung intensiv gefördert wird. In der Bundesrepublik scheint es jedoch ein besonderes Mißverhältnis zu geben zwischen dem Ausmaß der heimischen Literaturproduktion und der offensichtlichen Abhängigkeit der deutschen Wissenschaft von ausländischer Literatur. Bei einer Befragung haben wissenschaftliche Benutzer die Heranziehung englischsprachiger Literatur „mit dem Fehlen vergleichbarer deutscher Literatur bzw. Fehlen von Übersetzungen [und] der Unumgänglichkeit infolge der Situation in einem bestimmten Fachbereich" begründet. 16 Dabei spielte das bessere wissenschaftliche Niveau nicht die erste Rolle, sondern die bessere Form der Darbietung des Gegenstandes. Handbücher, Lehrbücher und Nachschlagewerke in englischer Sprache werden bevorzugt herangezogen. Damit verschlechtert sich das Bild noch weiter. Nicht nur wird zuviel Literatur im Vergleich zur Benutzung produziert: offenbar herrscht noch ein besonderer Mangel im Überfluß. Es fehlt, wie die Befragung deutlich zeigt, an brauchbarer wissenschaftlicher Literatur. Zumindest teilweise wird also auch die falsche Literatur für den wissenschaftlichen Markt produziert. Daß gute Handbücher im deutschen Wissenschaftsbetrieb oft vermißt werden, ist nicht neu. 17 Aber augenscheinlich geht der Bedarf darüber hinaus. wiäsJä m m BBBH& m TbshJ Das Problem kann hier nur angedeutet werden; es bedarf einer genaueren Untersuchung. Die Forschungsförderung und das Verlagswesen werden davon berührt, und in besonderer Weise betrifft es die Bibliotheken. Denn die Theorie, daß die deutsche wissenschaftliche Literatur zum Grundbestand einer Bibliothek gehören müsse, scheint wenigstens streckenweise revisionsbedürftig. m ,' >.■■■' . ■■■■■-:■■ : : :-' '-'■ ' - ■ .-■: :- '■' 3. Dominanz der Tradition Glaubt man in deutschen Universitätskreisen, dass durch eine derartige Behandlung des Dissertations-, beziehungsweise Doktoratswesens das Ansehen dieser Institutionen im In- und Ausland sich heben werde? ,,x.x."(1890) I Wie es in der Wissenschaft nationale Forschungstraditionen gibt, so gibt es im wissenschaftlichen Schrifttum nationale Publikationstraditionen. Sie erstrecken sich auf alle Aspekte des Publikationsprozesses und wirken auch in den Tiefenschichten des jeweiligen Wissenschaftsbetriebs. Sie treten in den Kriterien für die Publikationswürdigkeit einer wissenschaftlichen Arbeit hervor, aber auch in den Maßstäben für die Publikationsreife eines Manuskripts, in der Institutionalisierung der Mechanismen für die Beförderung oder Verhinderung von Veröffentlichungen und in der Distribution der Verantwortlichkeit für das Endprodukt. Die deutsche Tradition weist im internationalen Vergleich eine Reihe von Eigentümlichkeiten auf. Ihr besonderes Kennzeichen, auf das ich hier die Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die intensive Pflege eines Typs von Monographie, der anderwärts überhaupt nicht oder nur mit großen Einschränkungen als geeignet für die Publikation empfunden wird: die zur Erlangung des Doktorgrades angefertigte Dissertation. i I '1 Diese Besonderheit (die sich auch in einigen anderen durch die deutsche Wissenschaftstradition beeinflußten Ländern findet) stellt aus zwei Gründen ein Problem dar. Sie übt einen ungünstigen Einfluß auf die Struktur des nationalen Publikationswesens aus, da sie den überwiegenden Teil jenes Literaturüberschusses ausmacht, der die Bibliotheken und die Kanäle der wissenschaftlichen Kom- 249 munikation überlastet. Und sie ist dafür verantwortlich, daß das nationale Niveau in der Darbietung von Forschungsergebnissen im Durchschnitt niedriger liegt als es von der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit her liegen müßte. II Als Publikationsform hat die Dissertation ihren Ursprung im siebzehnten Jahrhundert. 1 Sie behauptet seither einen festen Platz im deutschen akademischen Schrifttum. 2 In der äußeren Form wie in der Art der Verbreitung sind selbstverständlich im Laufe der Zeit Veränderungen eingetreten, aber dadurch hat sich der Charakter der Dissertation nicht grundlegend gewandelt. 3 Die Dissertation dient dem Erwerb eines akademischen Grades, so daß ihre primäre Aufgabe nicht in der Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern im Nachweis einer wissenschaftlichen Qualifikation besteht. Sie ist ein specimen eruditionis und soll daher, wie jede Prüfungsarbeit, den Kandidaten in einem möglichst günstigen Licht zeigen. Sie zielt notwendiger Weise weniger auf eine Gegenstandsvermittlung als auf eine intellektuelle Selbstdarstellung ab. Die Dissertation hat solange ein unbestreitbares Daseinsrecht, wie ihre Veröffentlichgung nicht erwartet oder gar gefördert wird. In den Anfängen des Dissertationswesens wurden für eine interne Verbreitung nur einige Exemplare als Privatdruck hergestellt. Die Situation ändert sich jedoch, wenn die Dissertation ungeachtet ihres Ursprungs und Zwecks wie eine normale Monographie in den Kreislauf der wissenschaftlichen Kommunikation eingeschleust wird. § 1 Ül! Seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts besteht in Deutschland eine Verpflichtung zur Veröffentlichung von Dissertationen, die ohne Rücksicht auf die dabei auftretenden Schwierigkeiten immer wieder erneuert worden ist. 4 Bis auf den heutigen Tag ist die Dissertation die einzige wissenschaftliche Arbeit, deren Autor zur Publikation gezwungen wird. Dieser Zwang besteht unabhängig , ' , :p;j|tii;j;.;.;|!!pp|j!;!|)!!! l !;!!n™^ ^^^^m^^^^^ 250 li'i'ii lii vom wissenschaftlichen Wert der Publikation. Seit der Einführung des Druckzwanges stellen die Dissertationen ein bibliothekarisches Problem dar. 5 Der Dissertationsdruck auf Kosten des Promovenden und die damit verbundene Pflichtablieferung sollten der Idee nach eine Selbstversorgung der wissenschaftlichen Institutionen mit Hochschulschriften bewirken. Den Universitätsbibliotheken wurde daher der Dissertationstausch zur Auflage gemacht. Das Verfahren mag in Einzelfällen zu Einsparungen geführt haben, doch sein Nutzen ist insgesamt fraglich. Noch ein halbes Jahrhundert nach seiner Einführung stellte der akademische Schriftentausch, so Georg Leyh, „den verworrensten Geschäftszweig an den Universitätsbibliotheken dar". 6 i J i: i I If II Der reine Dissertationsdruck ist inzwischen zurückgegangen. Dafür ist die Dissertation zum Verlagsobjekt geworden - eine Entwicklung, die lange vor dem Zweiten Weltkrieg begann und nur durch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kriegsjahre und der unmittelbaren Nachkriegszeit unterbrochen wurde. Neben der Aufnahme von Dissertationen in Zeitschriften (teilweise in gekürzter Form) spielen dabei vor allem Monographienreihen eine Rolle. Manche Reihen sind ,echte' Monographien-Reihen, die nur gelegentlich eine besonders gute Dissertation aufnehmen. Viele sind jedoch reine Dissertationsreihen, bei denen die einzelnen Beiträge nicht mehr als Dissertation erkennbar sind. Dieses Eindringen der Dissertation in den Bereich der ,echten" Monographie hat bibliographisch und bibliothekarisch bedenkliche Folgen. Die bloße Tatsache der Annahme einer Dissertation wird als Hochschulpublikation registriert. Ihre Veröffentlichung in einer Reihe führt zur nochmaligen Aufnahme in der Nationalbibliographie. Die Dissertation ist also bibliographisch überrepräsentiert. Häufig kompliziert sich diese Situation noch durch Titeländerungen. 7 I lii ;,::■:•; I Für die Bibliotheken kommt zur bibliographischen Belastung eine Etatbelastung. Die gültigen Pflichtexemplarregelungen sehen vor, daß bei einer Verlagsveröffentlichung nur wenige Stücke abzuliefern sind. Damit wird die Dissertation notwendig zum Kauf- ______ Tf™"'"™"'™™ 251 objekt und tritt auch finanziell in Konkurrenz zur ,echten' Monographie. Während der Dissertationsdruck die Kosten einseitig dem Promovenden auferlegte, wird nun auch die Bibliothek finanziell in Anspruch genommen. Wird der Druckkostenzuschuß, ohne den kaum eine Dissertation erscheint, nicht vom Promovenden, sondern aus öffentlichen Mitteln aufgebracht, tritt durch Subvention und Bibliothekskauf eine Doppelbelastung der öffentlichen Haushalte auf. 8 Die Zahl der Schriftenreihen, in denen Dissertationen veröffentlicht werden, ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Ihre Gründung entspringt nur selten einer wissenschaftlichen Notwendigkeit. In der Regel verbindet sich mit diesen häufig als „Forum für junge Autoren" apostrophierten Serien eine Spekulation auf den bibliothekarischen horror vacui, der Lücken in Reihenwerken möglichst vermeidet. 9 So vergrößert sich der Bibliotheksmarkt für Dissertationen ständig. Zunehmend erscheinen auch ausländische Dissertationen, die keinen anderen Verleger zu finden scheinen, in entsprechenden deutschen Reihen. Die typische Reihendissertation der letzten Zeit präsentiert sich fast ausschließlich als Buch-Surrogat. Sie ist ein im Offset-Verfahren vervielfältigtes Typoskript, dessen billige Broschur es als Bibliotheksbuch ungeeignet macht. Die zur Erneuerung des Einbandes für die Bibliotheken auftretenden Folgekosten sind dem nicht eben niedrigen Anschaffungspreis hinzuzurechnen, wenn der Gesamtaufwand für Dissertationen veranschlagt werden soll. liiii Die Neuanschaffungslisten der wissenschaftlichen Bibliotheken in der Bundesrepublik weisen ,verlegte' Dissertationen in einer Zahl auf, die den westdeutschen akademischen Buchmarkt zu wesentlichen Teilen als einen Buchmarkt von Erstlingswerken erscheinen läßt. Die Dissertation steht beherrschend im Vordergrund, und sie breitet sich so rapide aus, daß sie sich als Standardform der Monographie etablieren dürfte. mmm 252 III Daß eine Dissertation nur in seltenen Fällen der Forderung entspricht, ein wissenschaftliches Buch solle nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ein Buch sein (Ortega y Gasset), ist hinreichend bekannt. Es fehlt dem Erstautor notwendig an Erfahrung, und es geht ihm auch jene Versiertheit in der Darstellung ab, auf die die Geisteswissenschaften in besonderem Maße angewiesen sind. Es ist daher angemessen, daß die Dissertation die Fähigkeit zur eigenen wissenschaftlichen Arbeit erweisen soll, aber es kann nicht erwartet werden, daß der Promovend bereits über die Fertigkeit verfügt, ein wissenschaftliches Buch zu schreiben. Unter dem Publikationszwang leidet die Wissenschaft oder der Autor - wenn nicht beide. Mit einer ,normalen' Dissertation wird der Wissenschaft kaum ein Dienst erwiesen. Sie stellt selten eine vollgültige Behandlung des bearbeiteten Themas dar. Schlimmstenfalls blockiert sie die Wissenschaft, statt sie zu fördern. Ihre Veröffentlichung unter dem Deckmantel der Monographie bringt daher für den Prozeß der Forschung nur Komplikationen mit sich, besonders in einem Zeitalter der Überproduktion von wissenschaftlicher Literatur. Die gute - oder vermeintlich gute - Dissertation ist für den Autor gefährlich. Mit dem Druckzwang wird die Publikation gefördert, ohne daß zureichende Kontrollmechanismen dem Erstautor seine Schwächen vor Augen führen. Die wissenschaftliche Betreuung seiner Arbeit bildet sein Qualitätsbewußtsein als Wissenschaftler aus, in der Regel jedoch nicht sein Qualitätsbewußtsein als Autor. Dazu ist eine unnachgiebige Publikationsmaschinerie als Sachwalter des Lesers erforderlich. Und eben daran fehlt es im deutschen System. Ilivi Auch heute noch gibt es die schon vor fünfzig Jahren gerügten Fälle, daß Dissertationen zunächst als Dissertation und gleich darauf in leicht abgewandelter Form nochmals als Monographie veröffentlicht werden. 10 Ein solches Entgegenkommen gegenüber dem Erstautor führt fast zwangsläufig zu einer Überschätzung der eigenen Leistung und der eigenen Qualität zu einem Zeitpunkt, da 253 dies unangebracht ist. Die im deutschen akademischen Schrifttum weitverbreitete Nichtachtung des Lesers durch demonstrative ,Wis- senschaftlichkeit' in Ausdruck und formaler Gestaltung dürfte eine ihrer stärksten Wurzeln in der fehlenden Disziplinierung des beginnenden Autors haben. B ? ■ :j : - i 1 n m *i* iisiig nnH»!' "'■-' ■■'■■"■'■■ V ' 4. Das Dilemma der Verlage I Wie in den Publikationstraditionen unterscheiden sich einzelne Länder auch in der Struktur ihres wissenschaftlichen Verlagswesens. Vergleichende Untersuchungen, die über Oberflächlichkeiten hinausgehen, fehlen völlig, und es gibt auch keine Darstellung der historischen Entwicklungen, die zu den heutigen Gegebenheiten geführt haben. : IM Der deutsche wissenschaftliche Verlag ist traditionell ein selbständiges Wirtschaftsunternehmen. Auch wenn er sich als Universitätsverlag bezeichnet, ist er an die wissenschaftliche Institution nicht in einer Weise gebunden, daß die verlegerischen Entscheidungen davon beeinflußt würden. Alternativen zum privatwirtschaftlichen Verlag existieren in Deutschland nicht - auch wenn im Dissertationsdruck und im Institutionssonderdruck gelegentlich eine Selbstversorgung der Wissenschaft mit gewissen Literaturkategorien stattfindet. Anders im Ausland. Von Ländern mit einer Staatsverlagsstruktur abgesehen, ist das wissenschaftliche Publikationswesen meist stärker gegliedert. In allen westlichen Ländern gibt es natürlich wissenschaftliche Privatverlage, daneben aber auch andere Verlagsformen, die der Physiognomie des Verlags- und Publikationssystems einen besonderen Ausdruck geben. So kann in Frankreich die wissenschaftliche Institution als Verleger auftreten, und der Staat wirkt insgesamt stark und direkt in das wissenschaftliche Verlagswesen hinein. 1 In England und in den Vereinigten Staaten haben sich die Universitäten zum Teil schon von alters her wissenschaftliche Verlage angegliedert, deren institutionelle Strukturen vielfach komplex sind. 2 II Die Auswirkungen der verschiedenen Systeme auf den Publikationsprozeß und auf das wissenschaftliche Werk als Endprodukt 255 sind mannigfaltig. Der wichtigste Punkt, auf den sich die Aufmerksamkeit bei einer Beurteilung der Situation der wissenschaftlichen Literatur in der Bundesrepublik richten muß, ist die vergleichsweise schwache Position des deutschen Verlages im wissenschaftlichen Bereich. Hier besteht ein Unterschied vor allem zu den Verhältnissen in England und in den Vereinigten Staaten, wie sie dort vornehmlich an den Universitätsverlagen als den dominierenden wissenschaftlichen Verlagen hervortreten. Traditionell wird vom wissenschaftlichen Verlag in Deutschland nicht mehr erwartet, als daß er ein Werk publiziert. Er wird als Verbreiter eines Manuskripts angesehen, jedoch nicht als eine Instanz, die auch als Mittler zwischen Autor und Leser fungiert und die Interessen beider gegeneinander ausgleicht. Das Interesse des wissenschaftlichen Autors besteht zuvörderst in der Veröffentlichung seines Manuskripts. Er ist von dessen Qualität überzeugt und in der Regel gegenüber den technischen Problemen der Produktion und der Präsentation weitgehend gleichgültig. Es genügt ihm, wenn das, was er geschrieben hat, in einer ihn befriedigenden Form veröffentlicht wird. Dem Leser hingegen ist an einem qualitativ hochwertigen und überdies gut aufnehmbaren Buch gelegen. Sein Interesse ist daher nicht notwendig mit dem des Autors identisch, und es ist Sache des Verlages, die Erwartungen und Bedürfnisse des Leser in angemessener Form bei der Veröffentlichung zur Geltung zu bringen. Im anglo-amerikanischen System tritt der Verlag von vornherein dezidiert als Sachwalter des Lesers auf. 3 Alle Universitätsverlage und viele kommerzielle Verlage unterwerfen die bei ihnen eingehenden Manuskripte ungeachtet ihres Ursprungs zunächst einer unabhängigen Qualitätskontrolle durch eigene Gutachter. Nach der Annahme eines Manuskriptes vertritt der Verlag auch weiterhin den Standpunkt des Rezipienten. Ein traditionell starkes und in vielen Fällen fachlich hochqualifiziertes Lektorat nimmt bis in Feinheiten des Textes und der Anmerkungen hinein Einfluß auf die Gestaltung des Buches. Das Ergebnis ist in der Regel eine exakte funktionelle Anpassung der Publikation an die Erfordernisse der wissenschaftlichen Kommunikation und überdies in vielen Fällen auch ein m 1 "■"■. M H :«:•::,:,::,:,:,.. • :^' -:- ■;■■-:.■■ ■■,. 256 I 1 : I ■:■:■: I ü ! ästhetisch befriedigendes Buch. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Wirkungsmöglichkeiten des deutschen Verlages stark eingeschränkt. Es steht ihm natürlich frei, ein angebotenes Manuskript anzunehmen oder abzulehnen, und er kann auch, wie alle Verlage, selbst wissenschaftliche Werke anregen. Aber sein Einfluß auf die endgültige Gestalt, in der ein Werk an die Öffentlichkeit kommt, stellt sich als weitaus geringer dar als der des englischen oder amerikanischen Verlages. Es scheint dafür zwei Gründe zu geben. Einmal entbehrt der deutsche Verlag als selbständiges Unternehmen den Rückhalt, den die wissenschaftliche Institution einem typischen Universitätsverlag gibt. Zwar werden auch diese Verlage in der Mehrzahl als kommerzielle Unternehmen geführt, aber unabhängig von der vorgängigen fachlichen Begutachtung trifft in der Regel ein aus Wissenschaftlern bestehender Verlagsausschuß die letzte Entscheidung über die Annahme eines Manuskripts zur Veröffentlichung. Zum anderen befindet sich die wissenschaftliche Institution gegenüber dem deutschen Verlag in einer Position der Autorität. Sie bürgt mit ihrem Renommee für die wissenschaftliche Qualität des Manuskripts, und dem Verlag fällt nur noch die Rolle eines ausführenden Organs bei der Veröffentlichung zu. Dafür gibt es genügend historische Belege, und das beste Beispiel aus der Gegenwartspraxis ist die Habilitationsschrift, die als Monographie eine zentrale Rolle spielt. Ihre Annahme durch eine Fakultät gilt in der Regel als zureichendes Gütesiegel für eine weitgehend automatische Subventionierung und Veröffentlichung. Das bedeutet nicht, daß es in westdeutschen wissenschaftlichen Verlagen keine Lektorate gäbe und daß jedes Manuskript ungeprüft gedruckt würde. Es bedeutet auch nicht, daß es keine unabhängigen Herausgeber von Zeitschriften oder Reihen als Sachwalter wissenschaftlicher Qualität gebe. Es bedeutet lediglich, daß im deutschen System, historisch bedingt, die Stellung des Autors überraschend stark ist. Er kann in der Regel die Veröffentlichung eines Manuskripts auch dann erreichen, wenn vom Standpunkt einer reibungslosen' wissenschaftlichen Kommunikation erhebliche Vor- lij!;:! 257 behalte gemacht werden müssen. Das deutsche wissenschaftliche Buch ist - rühmliche Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel - eine fast ungebrochene Präsentation der voluntas auctoris. Aufgrund der Rolle, die ihm in einer langen Entwicklung zugewachsen ist, hat der Verlag, so sehr er das wünschen mag, kaum eine Möglichkeit, Unzulänglichkeiten von sich aus abzustellen. Die Skala solcher Unzulänglichkeiten reicht von bloßen Redundanzen bis zur kontrapunktischen Führung eines Arguments in Text und Fußnoten. Mit der Krise des wissenschaftlichen Schrifttums scheint sich die Situation zu verschärfen. Die Einsparungen, zu denen die Verlage gezwungen sind, wirken sich auch und in vieler Hinsicht vorrangig bei den Lektoraten aus. Das bedeutet eine weitere Verschiebung der Gewichte zwischen Autor und Verlag und damit auch einen Rückgang der Kontrollfunktion, die der Verlag für den potentiellen Leser ausüben sollte. Das wissenschaftliche Publikationssystem der Bundesrepublik erlegt dem Verleger nicht alle Risiken auf, die sich aus dieser Konstellation ergeben. Die Subvention von Publikationen spielt eine große Rolle, und eine Vielzahl von speziellen Monographien wird durch mehr oder weniger hohe Druckkostenzuschüsse unterstützt. Das heißt nicht, daß der westdeutsche wissenschaftliche Verlag in der Regel subventioniert wird. Im Gegenteil, eine Reihe von Verlagen arbeitet bewußt ohne Subventionen und ist deswegen auch gezwungen, im Hinblick auf Qualität und Absatzmöglichkeiten eine scharfe Auswahl unter möglichen Verlagsobjekten zu treffen. Doch für bestimmte Kategorien von Publikationen ist ein Zuschuß üblich, und im Hinblick auf den sich reduzierenden Markt im In- und Ausland stellt er auch eine Notwendigkeit dar. 4 Für den Verlag bedeutet die Subventionierung nicht nur eine wirtschaftliche Sicherung gegenüber den Bedingungen des Marktes, auf dem er seine Absatzchancen finden muß, sondern auch gegenüber der Präponderanz eines Autors, der in einer nicht mehr durchgängig konkurrenzfähigen Wissenschaftstradition produziert. Daß diese Sicherung auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben ÜB ÜH wm % •r7«lö % Jlll , flaÜÜ 1 m :■■ m ■ ■■ '■ 1 m ..... \ m iWRiüB i üKW ü ra II ■Üii ■ I il •vi! 258 ■ kann, wird in letzter Zeit zunehmend deutlich. Als Institution (nicht als einzelnes Unternehmen) scheint der Verlag gegenüber einem subventionierten Autor noch nachgiebiger zu werden, als er es bereits war. III Die Produktionsbedingungen der deutschen geisteswissenschaftlichen Literatur erzeugen einen hochaktiven Binnenmarkt. Sie scheinen gleichzeitig deren Verbreitung im Ausland, die durch den Rückgang der Kenntnis des Deutschen ohnehin behindert ist, noch weiter einzuschränken. Die anglo-amerikanische Forschung verdankt ihre Vorrangstellung nicht zuletzt dem hohen formalen Niveau ihrer wissenschaftlichen Literatur. Dieses Niveau ist das Ergebnis des Drucks, den ein konsequent auf Rezipierbarkeit dringendes Publikationssystem ausübt. ;. ,,;,.;> VII. Möglichkeiten für die Zukunft 1. Das Ende des Buches? Wenn es alle die elektronischen Medien schon gäbe, nicht aber das Buch, dann müßte es schleunigst erfunden werden. Karl Steinbuch (1981) I Die Probleme der wissenschaftlichen Literatur sind, wie die der Literaturversorgung, über einen langen Zeitraum gewachsen, und auch für sie gibt es keine einfache Lösung. Weder ist die Überproduktion von Literatur ohne weiteres einzuschränken, noch sind Verbreitung und Aufnahme von Literatur direkt zu beeinflussen. Die Situation hat teils nationale, teils internationale Komponenten, und die Faktoren, die in ihr zusammenwirken, sind wissenschaftlicher, technischer und kommerzieller Natur. Vor nicht allzu langer Zeit wurde eine radikale Lösung aller Probleme in Aussicht gestellt: eine ,papierlose' Zukunft ohne Zeitschrift und ohne Buch, in der alle Texte, elektronisch gespeichert, momentan auffindbar und mit großer Schnelligkeit auf einem Bildschirm reproduzierbar sein würden. Die Bibliotheken sollten entbehrlich werden, und das Buch sich, durch den Fortschritt der Technik überflüssig gemacht, in ein museales Relikt der Ära Gutenbergs verwandeln. 1 ^^^^^^^^n 260 I I I Inzwischen hat sich nicht nur die elektronische Textversorgung als schwieriger realisierbar und weniger einfach finanzierbar herausgestellt als angenommen wurde. Auch der gedruckte Text hat sich als erstaunlich resistent erwiesen. Von einem Rückgang der Produktion von Büchern und Zeitschriften, der auf den Einbruch der elektronischen Medien zurückzuführen wäre, kann nicht die Rede sein. Die Produktionszahlen steigen weiter an, wenn auch nicht überall in gleicher Weise. 2 Fundierte Prognosen sagen denn auch neuerdings eher eine .multimediale' Zukunft voraus als eine völlige Ablösung von Buch und Zeitschrift durch elektronische Speicherund Vermittlungsverfahren für Texte. 3 Der entscheidende Grund für die Resistenz des Buches ist technischer Natur. Das Buch ist ein Informationsträger' von solcher Leichtigkeit der Handhabung, daß es in dieser Hinsicht bislang von keiner anderen Erfindung übertroffen worden ist. Letzthin sind mehrfach Beschreibungen des Buches „aus elektronischer Sicht" gegeben worden. 4 Weit davon entfernt, bloße Gedankenspielereien zu sein, stellen sie die Vorteile des Buches mit einer Deutlichkeit heraus, wie sie früher nicht wahrgenommen wurden. Daniel J. Boorstin, Librarian of Congress, spricht etwa von einem "Anytime, Do-it-yourself, Energy-Free Communication Device" und gesteht dem Buch „mystische Einfachheit" zu. 5 Gleichwohl ist es richtig, wenn vom Ende des Buches gesprochen wird. Das Zeitalter Gutenbergs ist vorbei, wenn man darunter eine Ära versteht, in der das Buch (und Druckerzeugnisse allgemein) in einem bestimmten technischen Verfahren hergestellt wurden. Der traditionelle Satz und Druck wird von neuen Herstellungsverfahren abgelöst, und diese bewirken eine Umstrukturierung des gesamten graphischen Bereichs. Das Zeitalter Gutenbergs ist nicht, wie Marshall McLuhan prognostizierte, durch das Zeitalter Marconis abgelöst worden. Aber Gutenbergs Buch ist durch ein neues Produkt ersetzt worden, das zwar wiederum Buchform hat, aber ansonsten nur noch wenige Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgänger aufweist. Insofern stehen wir am Ende und am Anfang des Buches, und die Folgen dieser revolutionierenden Veränderung sind für die wissenschaftliche Literatur zu durchdenken. ji;,;];!.....i;i;r ;i;i' ; : ;r; ; 261 II In den Geisteswissenschaften gibt es in der voraussehbaren Zukunft keine Alternative zum Buch als Publikationsform. Abgesehen davon, daß historische Literatur aus konservatorischen Gründen über andere Informationsträger vermittelt werden muß, wird neue Literatur - mit Einschränkungen, über die noch zu sprechen ist - weiterhin in Buchform veröffentlicht werden müssen. Mögliche Lösungen von Publikationsproblemen liegen daher nicht im Verzicht auf das Buch, sondern im Verzicht auf das, was sich in verschiedenen Formen als Alternative zum Buch anzubieten scheint. Die geisteswissenschaftliche Erkenntnis ist infolge ihrer spezifischen Struktur nur in einem Medium zu vermitteln, das einen detaillierten Diskurs aufzunehmen vermag. 6 Große Textmengen können heute von verschiedenen Informationsträgern gespeichert werden, und manche von ihnen sind in ihrer Aufnahmekapazität dem Buch weit überlegen. Der Vorteil des Buches liegt indessen nicht auf der Seite der Aufnahme des Informationsgehalts, sondern auf der Seite der Wiedergabe, und alle Schwierigkeiten in der Herstellung des Buches als ,Textträgers' werden durch seine eminent leichte und vielseitige Benutzbarkeit mehr als ausgeglichen. Bei der in den Geisteswissenschaften natürlicherweise hohen Literaturaufnahme spielt diese Einfachheit des Buches die entscheidende Rolle. Die geisteswissenschaftliche Forschung ist weitgehend Individualforschung, und sie wird dies wohl auch in Zukunft bleiben. Ausgedehnte Lektüre findet noch immer, vielleicht auch wieder zunehmend häufiger, in privater Umgebung statt. Unter diesen Voraussetzungen steht der Aufwand für die elektronische Speicherung und Übermittlung von Texten, die auch in Buchform verbreitet werden können, zumindest für den Augenblick in keinem Verhältnis zu einem möglichen Nutzen. Für alle öffentlich benutzten Bibliotheken wäre eine apparative Ausstattung erforderlich, die für absehbare Zeit jenseits der Beschaffungsmöglichkeiten liegt. Und im privaten Bereich ist eine entsprechende Ausstattung wenigstens zur Zeit noch unerschwinglich. Hl i I Ri I I i ÜiÜ! 1 iiiiii 262 Die bisherigen Planungen zur elektronischen Publikation (verstanden als Primärspeicherung von wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Datenbanken) lassen die Geisteswissenschaften außer acht oder berücksichtigen sie nur am Rande. Sie orientieren sich verständlicherweise in erster Linie an den Bedürfnissen des naturwissenschaftlich-technischen und des medizinischen Bereichs, in denen eine andersartige Publikationsstruktur und ein andersartiger Literaturbedarf bestehen. Die Orientierung an dieser Art Literatur hat über die offensichtlichen kommerziellen und informationstheoretischen Gründe hinaus auch technische Gründe. Die bislang verfügbare Technologie scheint optimal für einen Textbereich geeignet, der sich von der Einzelseite bis zum relativ kurzen Zeitschriftenaufsatz erstreckt. Entsprechend sehen die Prognosen vornehmlich eine Speicherung und Vermittlung von Primärdokumenten im Bereich aktueller Information begrenzten Umfangs vor. Es kommt hinzu, daß mit einer verbreiteten Antipathie gegen die Bildschirmlektüre gerechnet werden muß. Sie hat nicht nur physiologische Gründe, sondern auch andere, die fast anthropologisch zu nennen sind. Die Konditionierung der geistigen Aufnahmefähigkeit und Aufnahmebereitschaft durch typographische Konventionen hat inzwischen eine jahrhundertlange Tradition, und die Verhaltensweisen des gelehrten Lesers haben eine solche habituelle Verfestigung erfahren, daß ein Verzicht auf das Buch, wenn überhaupt, nur bei bestimmten Quellenmaterialien in Kauf genommen wird. III So erhaltenswert das Buch aus wissenschaftlichen Gründen sein mag, seine Existenz ist aus wirtschaftlichen Gründen bedroht, weil es nicht mehr finanzierbar ist. Das gilt in jedem Fall für das traditionelle' Buch, es gilt streckenweise aber auch für das ,neue' Buch. Man wird gut daran tun, diese Existenzbedrohung des Buches nicht als vorübergehendes Problem anzusehen, sondern als ein Dauerproblem, das keine generellen Lösungen zuläßt. 263 Unter den üblichen Produktionsbedingungen stehen bekanntlich bei einer Buchveröffentlichung Preis und Auflage im reziproken Verhältnis. Wenn der Preis niedrig sein soll, muß eine hohe Zahl von Exemplaren abgesetzt werden. In den letzten Jahren sind die Absatzzahlen laufend gesunken. Wo früher, etwa im englischen Verlagswesen mit einem weltweiten Markt, 2.000 Exemplare verkauft wurden, lassen sich heute nur 1.000 oder noch weniger absetzen. Die Verkaufszahlen für deutsche Monographien liegen weitaus niedriger. Sie werden häufig mit 150 bis 250 angesetzt, und dies bei Auflagen, die ein Mehrfaches davon betragen. Daß hierbei hohe Subventionen erforderlich sind, liegt auf der Hand. 7 Für den nachlassenden Absatz wird meist die Etatnot der Bibliotheken verantwortlich gemacht. Bis zu einem gewissen Punkt ist dies berechtigt. Es muß jedoch bezweifelt werden, daß bloße Etaterhöhungen oder eine Rückkehr zu den Expansionsverhältnissen der sechziger und frühen siebziger Jahre die Verkaufszahlen für die einzelne Monographie so steigern würden, daß man von der Wiederherstellung ,normaler' Distributionsbedingungen sprechen könnte. Die Gründe für die Schrumpfung des Markts für die einzelne Monographie liegen nicht im verlegerischen Bereich, sondern im wissenschaftlichen. Sie sind wissenschaftsimmanenter Natur. Forschung ist immer Spezialforschung, und jede Spezialisierung führt fast immer zu neuer Spezialisierung. Wissenschaftshistorisch gesehen, schreitet die Spezialisierung in Wellen voran. Der großzügige Ausbau der Forschungseinrichtungen in den letzten zwanzig Jahren hat eine solche Welle ausgelöst, und diese hat nicht nur einen neuen Zuwachs an wissenschaftlicher Erkenntnis gebracht, sondern zugleich auch die Situation der wissenschaftlichen Literatur tiefgreifend beeinflußt. 1 I m I II I ! !!! I i II Hl Da Wissenschaft eine Gruppenaktivität ist, reduziert sich bei zunehmender Spezialisierung die Zahl der auf einem Fachgebiet arbeitenden Forscher, obwohl die Zahl der in der Forschung insgesamt Tätigen steigt. Durch Spezialisierung wird die Forschung zur Angelegenheit immer kleinerer Gruppen, gleichviel ob dies wünschenswert ist oder nicht. Diese Gruppen sind gleicherweise % iijii ■■HHHM 264 I II Produzenten und Rezipienten der auf ihrem Gebiet sich ergebenden Erkenntnisse, so daß man zumindest annäherungsweise von geschlossenen Kommunikationssystemen sprechen kann. Eine generelle Verbreitung der Ergebnisse von Spezialforschungen wäre theoretisch möglich, findet aber in Wirklichkeit nicht statt. Man hat es also in Zukunft mit einer veränderten Situation zu tun, die durch die augenblicklichen Etatverhältnisse der Bibliotheken zum Teil verdeckt wird. Die an sich schon hohe Intensität der wissenschaftlichen Kommunikation wird sich weiter steigern. Der Bedarf an Publikationsmöglichkeiten wie an wissenschaftlicher Literatur wird insgesamt noch zunehmen, da sich die Zahl der potentiellen Autoren vergrößert hat. Zumindest wird die Wachstumsrate erreicht werden, die trotz der allgemeinen Rezession noch möglich ist. Gleichzeitig dürften die Absatzzahlen für Monographien auf dem gegenwärtigen niedrigen Niveau bleiben oder nur wenig darüber ansteigen. Auch bei wieder erhöhten Etats werden die Bibliotheken in ihrer Anschaffungspolitik zu hoher Selektivität gezwungen sein, da sie sich den konkurrierenden Literaturwünschen einer wachsenden Zahl von wissenschaftlichen Kleingruppen gegenübersehen. Von wenigen Großbibliotheken abgesehen, werden die sogenannten wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken auch aus dem Grunde nicht mehr die wichtige Literatur kaufen können, weil das Kriterium der Wichtigkeit innerhalb von Fachgebieten und Forschungsrichtungen zu einem relativen Kriterium geworden ist. Der Bibliotheksmarkt für die normale geisteswissenschaftliche Monographie wird sich also progressiv verkleinern. Um das Buch als die in den Geisteswissenschaften unentbehrliche Literaturform erhalten zu können, wird man in der Herstellung und im Vertrieb neue, der Monographie in Klein- und Kleinstauflagen angemessene Wege beschreiten müssen. 8 Wenn die damit verbundenen Probleme nicht gelöst werden, ist mit gravierenden Folgen für Forschung, Verlag und Bibliothek zu rechnen. 265 IV Üblicherweise wird die wissenschaftliche Publikation als Beitrag zu jenem ,öffentlichen Wissen' betrachtet, das in seiner Gesamtheit die wissenschaftliche Erkenntnis darstellt. Dieser Gesichtspunkt ist der primäre, und er muß bei jedem Urteil über Wert, Qualität und Bedeutung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung Vorrang haben. Angesichts der offensichtlichen Überproduktion an wissenschaftlicher Literatur stellt sich in vielen Zusammenhängen die Frage, ob nicht auf einen erheblichen Teil der Veröffentlichungen verzichtet werden kann, ohne daß die Wissenschaft Schaden nimmt. Immer wieder wird darauf hingewiesen, daß es in fast allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen ein Zuviel an Forschung gibt, daß zahlreiche Gegenstände als übererforscht gelten müssen und daß die Flut der Publikationen die Erkenntnis eher hemmt als fördert. Schätzungen zufolge kann der Wissenschaftler kaum mehr als fünf Prozent der auf seinem Gebiet erscheinenden Literatur zur Kenntnis nehmen. 9 !•:■ Hl Alle Feststellungen und Überlegungen dieser Art setzen voraus, daß es für Erforschung eines einzelnen Gegenstandes oder Gebietes eine optimale Literaturmenge gebe. So berechtigt und akzeptabel eine solche Annahme auch ist, sie läßt sich schwer quantifizieren. Wenn 2.500 Abhandlungen über Goethe zwischen 1955 und 1964 und 3.270 Publikationen im Shakespeare-Jahr 1964 zuviel sind, 10 wieviel sollten es sein? Wie niedrig die Zahl auch angesetzt wird, die Grenze der individuellen Aufnahmefähigkeit wird sicher überschritten. Ich möchte hier nur die Aufmerksamkeit darauf richten, daß man bei allem Bemühen um die Eindämmung der Publikationsflut einen gewissen Überschuß an wissenschaftlichem Schrifttum zur Sicherung der Forschungsqualität in Kauf nehmen muß. Die Qualifikation eines Wissenschaftlers wird in der Regel nach seinen Publikationen beurteilt. Eine bessere Methode gibt es bislang nicht, und es dürfte auch schwierig sein, sie zu ersetzen." Wenn die Veröffentlichung als Befähigungsnachweis dient, muß dem ein- ■ 11 II II iii i MfflMHBUflWWyiftf 266 1 zelnen Wissenschaftler nicht nur in seinem Interesse, sondern auch im Interesse seines Faches oder seiner Disziplin die Möglichkeit zugestanden werden, seine Leistungsfähigkeit nach eigenem Ermessen zu beweisen. Idealerweise ist jeder Qualifikationsnachweis auch ein gehaltvoller Beitrag zum öffentlichen Wissen'. Gefordert werden kann dies nicht, da die Wahl von Gegenstand und Methode in der Forschung weitgehend eine Sache der individuellen Entscheidung ist. Wiederholte Fehlgriffe disqualifizieren einen Forscher in der Regel, aber es gibt andererseits Beispiele dafür, daß sich Befähigungen auch an entbehrlichen' Forschungsprojekten erweisen. Die Zukunftsperspektiven für die geisteswissenschaftliche Forschungsliteratur sind also über weite Strecken durch Paradoxien gekennzeichnet. Einerseits ist das Buch unentbehrlich, andererseits stößt seine Fortführung als Kommunikationsmedium auf Schwierigkeiten. Die künftige Wissenschaftsentwicklung wird dadurch gekennzeichnet sein, daß - pointiert gesagt - von immer mehr Büchern immer weniger Exemplare benötigt werden. Es gibt nach allgemeiner Auffassung zuviel Literatur, aber kein brauchbares Maß für die richtige Menge. Die Produktion sollte reduziert werden, aber zugleich muß eine gewissen Redundanz zur Erhaltung und Hebung des Niveaus zugelassen werden. Wie die Probleme sich aus der Kombination verschiedener Faktoren ergeben, so scheinen auch die möglichen Lösungen darin zu liegen, daß die wissenschaftlichen, technischen und kommerziellen Elemente, die sich in der wissenschaftlichen Publikation vereinigen, neu aufeinander bezogen werden. 2. Neuordnung von Publikationsformen Ich jubilire lieber, als ich klage, aber ich bin doch der festen Ueberzeugung, daß der wissenschaftliche Betrieb nicht mehr lange so wie bisher fortdauern kann. Friedrich Perthes (1842) I I Die Überproduktion von Literatur stellt ein wissenschaftspraktisches und ein ökonomisches Problem dar. Das wissenschaftspraktische besteht in der Konfrontation des einzelnen Wissenschaftlers mit einer unstrukturierten Masse von Literatur - eine Situation, die in praktisch allen Wissenschaftsbereichen wie auch im literarischen und geistigen Leben allgemein gegeben ist. Nachweisinstrumente, deren Aufgabe es ist, bibliographische Ordnung in eine von sich aus amorphe Produktion zu bringen, versagen natürlicherweise. Sie gliedern nur horizontal, während eine vertikale Stufung mit dem Ergebnis der Auswahl und Aussonderung erforderlich wäre. 1 Das ökonomische Problem ergibt sich daraus, daß sich ein hochentwickeltes wissenschaftliches Publikationssystem in einer Zeit beschränkter finanzieller Mittel als nicht mehr voll finanzierbar erweist. In der Folge muß entweder das gesamte Produktionsniveau gesenkt werden, oder es muß eine strenge Auswahl unter der zu publizierenden Literatur getroffen werden. Beides bringt erhebliche Schwierigkeiten mit sich. m I I 1 I f! II Verbesserungen scheinen nur möglich, wenn der Versuch gemacht wird, bereits im Entstehungs- und Verbreitungsbereich Differenzierungen vorzunehmen. Für eine solche Differenzierung käme als Kriterium neben der Qualität der einzelnen Arbeit vor allem ihre Zugehörigkeit zu bestimmten, generell zu definierenden Kategorien des wissenschaftlichen Schrifttums in Betracht. Eine solche ,Vor- sortierung' könnte einerseits zu einer besseren Unterstützung des ili s® SHSäÖ&ffiJ 268 I II ig I 1 gesamten Kommunikationssystems führen und andererseits dem Rezipienten die Sichtung der Literatur eines Gebietes erleichtern. In der amerikanischen Enquete zu den Kommunikationsproblemen im Wissenschaftsbereich {Scholarly Communication) ist der Vorschlag gemacht worden, für die Zukunft ein mehrgleisiges Publikationssystem in Betracht zu ziehen ("multiple-track Publishing"). 2 Er beruht auf einer Empfehlung von August Fruge, ein Zweischichten-System einzuführen. 3 In Fruges System wird nur ein Teil der Literatur im herkömmlichen Sinne publiziert, der andere wird deponiert. Deponierung ist indessen keine bloße ,Ablage', sondern eine Bereitstellung für den Eventual-Gebrauch unter Einbeziehung der entsprechenden Werke in bibliographische Nachweissysteme. 4 In der Bundesrepublik sind diese Vorschläge nicht ohne weiteres anwendbar. Sie können jedoch als Ausgangspunkt für Erwägungen zu einer besseren Strukturierung der Literaturproduktion dienen. Solche Überlegungen sollten sich auf den Gesamtbereich der wissenschaftlichen Literatur beziehen und besonders die wissenschaftliche Monographie berücksichtigen. Auf der technischen Seite sollten Verfahren einbezogen werden, die die Speicherung und Verbreitung von Publikationen in anderer Form als der des herkömmlichen Buches und der herkömmlichen Zeitschrift ermöglichen. II Grob und überschlägig können geisteswissenschaftliche /Texte' 5 in zwei Kategorien eingeteilt werden: solche, die zeitweilig von Bedeutung sind, aber kein Dauerinteresse beanspruchen können oder wollen; und solche, die langzeitig oder bleibend wichtig sind. Die Grenzen zwischen beiden Kategorien sind natürlich fließend, aber in ihrem Kernbereich sind beide Gruppen hinreichend distinkt, um diese Einteilung zu rechtfertigen. ,Zeitweilig bedeutsame' Texte sind Texte, deren Informations- und damit Gebrauchswert sich nach einer gewissen Zeit erschöpft. Sie 269 sind den nach bereits berechneten Abständen „verfallenden" naturwissenschaftlichen Zeitschriftenaufsätzen nicht unähnlich, enthalten aber, im Gegensatz zu diesen, keine eigentlichen Forschungsergebnisse. Sie stellen vielmehr in verschiedener Form und für unterschiedliche Zwecke berechnete ,forschungsbegleitende Literatur' dar. Der Prozeßcharakter der modernen Forschung bringt es mit sich, daß in fast in allen Wissenschaftsbereichen mit vorläufigen Erkenntnissen gearbeitet werden muß. Unter diesen Umständen gibt es unvermeidlich ein gewisses Maß an Informations-Literatur, deren einziger Zweck es ist, Zwischenstadien zu fixieren. Ob es für diese Art Literatur ein Normalmaß geben kann, muß bezweifelt werden, aber in einem gesunden Wissenschaftsbetrieb scheint sie sich in engen Grenzen zu halten. National und international hat sich die Sphäre des ,Vorläufigen' in den letzten Jahrzehnten stark ausgeweitet. Die Begleitliteratur der Forschung ist zu einem eigenen Subsystem der wissenschaftlichen Kommunikation geworden. Tagungsprotokolle, Kongreßakten, „Materialien", preprints u.a.m. sind neue oder neu stilisierte Kleinformen des wissenschaftlichen Schrifttums, denen eine spezifische wissenschaftliche Mentalität entspricht. Im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich bestehen viele Beiträge zu dieser Literatur aus "statements", „Problemaufrissen", „Thesenpapieren" und ähnlichen Präliminarien. Ihr Hauptzweck besteht darin, „eine Auffassung zu äußern" oder „etwas zur Diskussion zu stellen". Die Vorläufigkeit der wissenschaftlichen Mitteilung reduziert sich damit zur Unverbindlichkeit des akademischen Gesprächs, so daß der potentielle Nutzen dieser Literatur eng begrenzt ist. Moderne Vervielfältigungsmethoden begünstigen die Schnellpublikation dieser Literatur. Für ihre Offset-Faksimilierung ist nur ein reproduktionsfähiges Schreibmaschinenmanuskript erforderlich. In Anpassung an den Charakter einer solchen Veröffentlichung lassen es viele Autoren an stilistischer und formaler Sorgfalt fehlen - offenbar in der Meinung, daß es sich mehr um ein Tagungs- I 1 1 ^M HH ■'.'■■'•■■':■ ''"'■ ' ■'■'''•*'' '■■'".* ■■■■■'■ ! ; ■ ^3MTJf-3r£its JlIKWFi ^¥*äS^iS*iP3K2aJw 270 I :i:i I I Souvenir handele als um eine ernstzunehmende Arbeitsunterlage. 6 Veröffentlichungen dieser Art sind im Handel erhältlich, werden in die Nationalbibliographie aufgenommen, von Bibliotheken erworben und, entsprechend katalogisiert, in den Bestand einer wissenschaftlichen Bibliothek integriert. Ihre Titel erscheinen in Fachbibliographien und in Zukunft wohl auch in Datenbanken. Daß hier ein Mißstand vorliegt, ist offenkundig. Im Interesse der Forschungsförderung wie der Forschungsproduktivität muß der Raum, der dieser Literaturkategorie physisch und intellektuell zugestanden wird, reduziert werden. Dreierlei könnte dazu beitragen : Erstens, eine rigorose Qualitätskontrolle. Begleitliteratur entsteht vielfach im Zusammenhang mit Tagungen und Kongressen. Für sich genommen, sind diese der Anregung und dem Gedankenaustausch unter Wissenschaftlern dienenden Veranstaltungen förderlich und unentbehrlich. Aber nicht alles, was auf einer Tagung gesagt wird, muß gedruckt werden. Tagungen sind Teil des Wissenschaftsprozesses, und nur die letzten Ergebnisse dieses Prozesses gehören vor die Öffentlichkeit. Daß es andererseits Tagungen und Kongresse gibt, auf denen Endresultate vorgetragen werden, versteht sich von selbst. Hier ist eine Publikation gerechtfertigt und erforderlich. Damit sie auch unter Finanziell schwierigen Bedingungen in angemessener Form erfolgen kann, muß die Präliminar- Literatur auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben. Die Frage stellt sich, ob nicht die informelle Kommunikation unter Wissenschaftlern zur Entlastung des öffentlichen Kommunikationsnetzes ermutigt werden sollte. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben. Die moderne Kopiertechnik gestattet in hohem Maße eine self-service -Publikation. Die in den Bibliotheken berüchtigte „Graue Literatur" ist großenteils das Ergebnis dieser potentiellen Privatisierung der Veröffentlichung. Wissenschaftliche Nachrichten, bibliographische Informationen u.a.m. werden bereits über halb oder ganz intern zirkulierende Mitteilungsblätter verbreitet. 7 In einer Phase hoher Spezialisierung ist dies fast eine natürliche und selbstverständliche Entwicklung, die sich unter neuen Prämissen als 271 Rückkehr zu dem früher üblichen privaten Austausch unter Gelehrten betrachten läßt. m Zweitens, eine eingeschränkte' Publikation. Wenn forschungsbe- gleitende Literatur überhaupt veröffentlicht wird, sollte dies auf eine das Kommunikationssystem wenig belastende Weise geschehen. Die beste Methode wäre die Verteilung von einer zentralen Stelle. Die Deponierung reproduzierbarer Originale dürfte in den meisten Fällen ausreichen. Papier- oder Filmkopien können von diesem zentral aufbewahrten Original leicht als on-demand -Publikation geliefert werden. Möglicherweise könnte die Deutsche Bibliothek oder eine der großen Universalbibliotheken einen solchen Forschungsdienst übernehmen. 8 Drittens, eine ,temporäre' Publikation. Aufgrund ihrer begrenzten Wertbeständigkeit sollte forschungsbegleitende Literatur nach einer gewissen Zeit aus dem Kommunikationssystem herausgenommen und an zentraler Stelle abgelagert werden. In einer Situation des Literaturüberflusses wird sich ein solches Verfahren auf die Dauer als notwendige Technik des information management erweisen. Mit der ihm eigenen Sensibilität gegenüber Massenphänomenen bemerkte Ortega y Gasset bereits 1935, daß die Aufgabe des Bibliothekars „künftighin nicht nur in der Verwaltung der Bücher bestehen [wird], sondern auch in der Regelung, der mise au point des Lebensvorganges, der sich Buch nennt." 9 Als „Informationsvermittler" werden sich die Bibliotheken in Zukunft auch um den „Publikationsstatus" von Literatur kümmern müssen, und an der elektronischen Zeitschrift der Naturwissenschaften werden sich die Modellvorstellungen auszubilden haben. I II : I I I HI III Als Literatur von permanentem Interesse ist in den Geisteswissenschaften die eigentliche Forschungsliteratur anzusehen. Da der Fortschritt' in den Geisteswissenschaften eher im Wechsel von Methode und Betrachtungsweise als in der Entdeckung von ,Neuem' liegt, veraltet diese Forschungsliteratur, wenn überhaupt, dann langsamer als in den Naturwissenschaften. Der ,Textträger' sollte i^ni-Jnpnf!pn-Tnnr|ür?üTir!;!] ■■■■■■■■■ ijijiji 272 daher dauerhaft sein, und auch unter diesem Gesichtspunkt besteht eine Affinität zwischen Geisteswissenschaften und Buch. 1 I Das Erscheinungsbild der modernen wissenschaftlichen Monographie ist ambivalent. Auf der einen Seite bietet sie sich dem ,Rezipienten' als Überflußphänomen dar: als Bestandteil der ihn bedrängenden Literaturfülle; auf der anderen, der Produktionsseite, als Phänomen des Mangels: als ein infolge geringer Aufnahme prekäres Verlagsobjekt. Es besteht daher Veranlassung, die wichtige Monographie herauszustellen, und wie überall kann eine solche Kennzeichnung nur dadurch erfolgen, daß anderes in den Hintergrund tritt. Eine vordringlich notwendige und seit langem überfällige Korrektur ist die Aufhebung des Sonderstatus der Dissertation im deutschen wissenschaftlichen Publikationssystem. Der westdeutsche akademische Buchmarkt wird, wie angedeutet, in beträchtlichem Maße durch Dissertationsveröffentlichungen geprägt. Der Aufwand, den sie bibliographisch und im Bibliotheksprozeß verursachen, erscheint zu hoch im Vergleich zu der Bedeutung, die sie für Forschung und Lehre haben. 10 Der Vorschlag, Dissertationen zu verfilmen, wurde bereits nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht. Inzwischen besteht aufgrund eines Beschlusses der Kultusministerkonferenz die Möglichkeit, Dissertationen in Mikroform zu veröffentlichen. 11 In bescheidenem Umfang wird davon Gebrauch gemacht, aber die vorgeschriebenen Verfahrensweisen sind zu kompliziert, als daß eine befriedigende Regelung zu erreichen wäre. 12 Die Lösung des Dissertationsproblems kann nur darin bestehen, daß zunächst alle Dissertationen in Mikrofiche-Form verfilmt werden; daß die master copies dieser Filme nicht bei den Hochschulbibliotheken, sondern an zentraler Stelle archiviert werden; und daß ein zentraler abstract -Dienst als Informationsinstrument für diese Literaturkategorie zur Verfügung steht. Die zentrale Stelle kann nur die Deutsche Bibliothek als Gegenwartsarchiv des deutschen Schrifttums sein. Dort ist bereits 1977 auf Bitten der Arbeitsgemeinschaft der Hochschulbibliotheken ein abstract- 273 Dienst als Teil der Bibliographie der Hochschulschriften eingerichtet worden. Allerdings ist er infolge des Desinteresses und der mangelnden Kooperationsbereitschaft der Hochschulen nicht über Ansätze hinausgekommen. Es ergäben sich mehrere Vorteile. Für den Benutzer wäre eine spezielle Literaturkategorie klar gekennzeichnet. In den Bibliotheken könnten mehr Dissertationen unter Einsparung von Etatmitteln und Stellfläche zur Verfügung gestellt werden. 13 In Mi- krofiche-Form könnten Dissertationen sogar dem einzelnen Wissenschaftler privat überlassen werden. Auch der Doktorand und die Hochschule könnten Vorteile haben. Wie in den Vereinigten Staaten könnte das Mikro-Archiv der Dissertationen als Reservoir dienen, dem verantwortungsbewußte Verlage hervorragende Arbeiten für eine spätere Buchveröffentlichung entnehmen. Dabei wäre die Dissertation jedoch nicht, wie bisher üblich, als fertige Veröffentlichung anzusehen, sondern nur als ,Rohstoff, aus dem eine lesbare Monographie gemacht werden kann. 14 Die als vollgültige Monographie veröffentlichte Dissertation wäre - in höherem Maße als bisher - eine Auszeichnung für den jungen Autor und damit Instrument einer Nachwuchsförderung, deren Notwendigkeit immer stärker empfunden wird. 15 Die Hochschulen könnten das zentral publizierte abstract noch einmal in ihren Forschungsberichten vorlegen. Eine solche Veröffentlichung wäre nicht nur eine unter anderen Möglichkeiten, die den Universitäten auferlegten Forschungsberichte von dem Odium zu befreien, ebenso aufwendige wie wissenschaftlich nutzlose Produkte einer antiquierten Transparenzideologie zu sein. 16 Sie wäre auch eine neue Form des Effizienznachweises, und für die Bewertung von Hochschulen ließe sich daraus einer jener Maßstäbe ableiten, die neuerdings dringend gesucht werden. IV Wir befinden uns einem neo-alexandrinischen Zeitalter, und es gehört zu den Kennzeichen des Wissenschaftsbetriebs, daß al- | V II 1 I w II ! ill!. il tBBL i I mm IIA I i lenthalben umfassende Sammlungen angelegt werden. Die Erschließung, Aufbereitung und Vermittlung großer Mengen von Quellenmaterial wird als eine der vornehmsten Aufgaben der Geisteswissenschaften empfunden. Hand in Hand mit der Materialsammlung geht die Ausbildung immer feinerer Methoden der Gegenstandsbearbeitung, so daß Textkorpora nicht nur von großem Umfang, sondern auch von erheblicher Differenziertheit der Darbietung entstehen. Die Ausbildung neuer Publikationsformen wird auch in diesen Forschungszusammenhängen unvermeidlich. In der deutschen geisteswissenschaftlichen Forschung hat diese Entwicklung dazu geführt, daß viele Großprojekte nur sehr langsam vorankommen oder sogar unter dem Gewicht der selbst auferlegten Ansprüche im Hinblick auf Vollständigkeit oder Erschließungstiefe zusammenbrechen. Wieder und wieder erweist sich hier in der Mammutdimension, was auch an der einzelnen Monographie abzulesen ist: daß die Materialfülle nicht mehr bewältigt und ihre Präsentation nicht mehr finanziert werden kann. Ein charakteristisches Beispiel ist die Textedition deutscher Autoren, deren Problematik sich in der Forschungskritik so darstellt: Sie wurde und wird mit bedeutenden personellen und institutionellen Mitteln gefördert, setzt modernste technische Möglichkeiten ein, entwickelt eine bisher unbekannte Subtilität gegenüber dem Überlieferungsbefund und kann mit der Höhe der methodischen Reflexion heute als ein eigener, mit besonderer Ausbildung und Fähigkeit ausgestatteter Wissenschaftszweig angesprochen werden. Doch steht nicht selten die starke Theoretisierung dem eigentlichen Ziel, der brauchbaren Präsentation eines zuverlässigen Textes, im Wege. Eine stattliche Reihe jeweils vielbändiger historisch-kritischer Editionen ist begonnen (Eichendorff, Brentano, F. H. Jacobi, Klopstock, Heine, Hoffmannsthal u.v.a.). Bei vielen stellt sich heute die Frage, ob sie im 21. Jahrhundert ihren Abschluß oder vorher noch ihren Abbruch erleben werden; denn die zur Wissenschaft gewordene Editorik erlebt an sich das Schicksal raschen Methodenwandels, und ihre Monumente veralten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Hier werden bei knapper werdendem Geld bald grundsätzliche Überlegungen angestellt werden müssen; denn ob die Handvoll Philologen, die für eine bestimmte Fragestellung ihren literarischen Text oder ihr Textstück in einem vollständigen und vollständig interpretierten Überlieferungs- und Wirkungsbefund benötigen, ihn künftig in der ,Ewigkeitsform' der gedruckten Historisch-Kritischen Ausgabe erhalten müssen, erscheint des Nachdenkens wert. Vorstellbar ist, daß die editorischen Materialien samt ihrer (begrenzten?) Bearbeitung einmal zentral aufbewahrt und zu bequemem Abruf aufbereitet werden. 17 275 Es wird also eine Form der Deponierung oder des on-demand Publishing in Aussicht genommen, deren genaue Umrisse noch nicht feststehen, deren Notwendigkeit sich aber deutlich abzeichnet. In ähnlicher Weise ist von englischer Seite vorgeschlagen worden, umfängliche Korrespondenzen, die für die Forschung interessant sind, aber eine Edition wegen des Arbeits- und Kostenaufwandes nicht erlauben, in einer Mikroverfilmung der Originale zusammenzustellen und durch entsprechende Regesten oder Indices zu erschließen. 18 m i Obwohl sich hier erst Tendenzen zeigen, die noch keine sicheren Voraussagen zulassen, dürfte generell gelten, daß nicht nur für den ephemeren und hochspeziellen wissenschaftlichen Text, sondern auch für die umfangreiche Quellensammlung oder die komplex aufbereitete Quellenedition eine neue Form der Publikation gesucht, erprobt und etabliert werden muß. V Wenn auf diese Weise eine Differenzierung von Publikationsformen versucht wird, sollte es möglich sein, für die Monographie jenen zentralen Bereich zurückzugewinnen, der ihr gebührt. Es geht nicht darum, daß die Buchform für Werke mit einer höheren oder hohen Auflage reserviert bleiben soll oder muß. Wenn sich ein wissenschaftlicher Autor an ein breiteres Publikum wendet, gelten hier allemal andere Publikationsbedingungen. Auch das Lehrbuch hat seine eigenen Gesetze. Es geht darum, daß der wissenschaftlichen Monographie, mit der sich ein Autor an ein Fachpublikum wendet (das Publikum des wissenschaftlichen Autors ist immer ein kleines und spezielles Publikum), die notwendige Unterstützung zuteil werden muß. Die finanzielle Unterstützung der Spezialmonographie wird sich in Zukunft nicht mehr ausschließlich auf die Veröffentlichung in deutscher Sprache beschränken können. Die Förderung der geisteswissenschaftlichen Forschung wird zu bedenken haben, daß in ll I 1 Hl :■ ■35:1 276 1 vielen Fällen die Übersetzung in eine Fremdsprache, vornehmlich das Englische, als Teil des intellektuellen Publikationsprozesses angesehen werden sollte. Damit dafür auch unter erschwerten finanziellen Bedingungen Möglichkeiten offenstehen, besteht der einzig gangbare Weg in der wissenschaftlichen und finanziellen Konzentration auf das Wichtige und Wesentliche. I ais ssfeSfflffaMi m 3. Publikation mit neuen Techniken I Kl I Sil W Die Erhaltung des Buches als Kommunikationsmedium der geisteswissenschaftlichen Forschung ist in erster Linie ein wirtschaftliches Problem. Kleinauflagen von Monographien zwischen 200 und 600 Exemplaren, wie sie bereits jetzt üblich sind und künftig die Regel sein dürften, lassen sich unter konventionellen Verlagsbedingungen nur zu einem Preis auf den Markt bringen, der die Bibliotheken in ihrer Anschaffungspolitik zu rigoroser Auswahl zwingt und den privaten Käufer weitgehend oder sogar völlig ausschaltet. Eine solche Einschränkung des potentiellen Abnehmerkreises liegt indessen weder im wissenschaftlichen noch im wirtschaftlichen Interesse. Für die voraussehbare Zukunft ist eine erhebliche Erhöhung der einheimischen Bibliotheksetats und damit eine Zunahme des Inlandsverkaufs nicht zu erwarten. Auch der Export ins deutschsprachige und nicht-deutschsprachige Ausland wird sich nicht steigern lassen. Andererseits werden Druckkostenzuschüsse kaum mehr in dem früheren oder jetzigen Umfang zur Verfügung stehen. Die allenthalben zu beobachtende Restriktion der Wissenschaftsförderung deutet darauf hin, daß sich die bisherigen Rahmenbedingungen für die Produktion von wissenschaftlicher Literatur eher verschlechtern als verbessern werden. inj! I Hl II .■!■;■ Hl 11 II j I Wenn gleichwohl das Produktionsniveau zumindest so weit gehalten werden soll, daß unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten keine ernsthaften Ausfallserscheinungen auftreten, muß eine Veränderung der Binnenbedingungen in Betracht gezogen werden. Die Produktion des einzelnen Buches müßte so gestaltet werden, daß es auch bei geringer Subvention zu einem Preis auf den Markt kommen kann, der einen maximalen Absatz und damit eine weite Verbreitung ermöglicht. I I .■■■■. ..v-;;-. ßBWSK ^^M^^^V ■n 278 II ii 1 Unter herkömmlichen Bedingungen wird der verlegerische Gesamtaufwand in zwei Positionen aufgeteilt: 1 die sogenannten Gemeinkosten des Verlags, das heißt: „fixe Kosten, langfristige Entwicklungs- und Planungskosten, Kosten der Betriebsbereitschaft, überwiegend aufzubringen vor der Fertigstellung der Produktion und nur in ganz geringem Maße umsatzabhängig"; und die beim einzelnen Verlagswerk auftretenden Kosten für Honorare und technische Herstellung. Die Gemeinkosten werden, grob und überschlägig, mit etwa 45 Prozent des Umsatzes, die ad hoc auftretenden Kosten mit 54 Prozent veranschlagt; dazu kommt noch 1 Prozent „unversteuertes betriebswirtschaftliches Ergebnis". Die Marktchancen eines Buches in Kleinauflage hängen vom Preis ab, und sie lassen sich nur durch eine Senkung des Preises verbessern. Eine für den Käufer interessante Preisgestaltung ist indessen nur zu erreichen, wenn es gelingt, in einer der beiden Positionen (oder in beiden) die Kosten zu drücken oder sie so zu verlagern, daß sie in der realen Kalkulation nicht mehr auftreten. Das Modell für die Reduktion der Gemeinkosten ist der Selbstverlag, für den es in Geschichte und Gegenwart zahlreiche Beispiele gibt. Der Verfasser ist sein eigener Verleger, bringt die Kosten für die Vervielfältigung und Verbreitung auf und trägt überdies das Absatzrisiko. Kleinauflagen, bei denen eine normale Herstellung und ein normaler Vertrieb als unzweckmäßig angesehen werden, gelten traditionell als Motivation für Selbstverlagsbestrebungen, besonders im Bereich der wissenschaftlichen Literatur. Die mit dem Grad der Spezialisierung in der Forschung anwachsende „graue Literatur", meist Zeitschriften oder monographische Werke geringeren Umfangs, zeigen die Richtung an, in der sich der wissenschaftliche Selbstverlag in Zukunft entwickeln dürfte. Vereinfachte Kopier- und Vervielfältigungsmethoden und ein in wissenschaftlichen Institutionen meist vorhandener Büroapparat ermöglichen heute eine Selbstverlagstätigkeit, wie sie noch vor etwa zwei Jahrzehnten nicht realisierbar war. Ein „Paradigma" für den Bereich des Geisteswissenschaften ist in den Vereinigten Staaten HHNBBHHMHBHHHflSHBHi 279 ■ Hl und in Kanada bereits entworfen worden. 2 Der Selbstverlag von Monographien dürfte sich indessen kaum als Normalform der Publikation etablieren. Die in der Bundesrepublik vorgegebenen Verhältnisse machen es unwahrscheinlich, daß er in der Zukunft eine große Bedeutung gewinnt. Der Verzicht auf eine etablierte Verlagsmaschinerie bringt besonders unter schwierigen Absatzbedingungen finanzielle Probleme mit sich, und er ist auch unter verschiedenen Gesichtspunkten, nicht zuletzt dem der Qualitätssicherung, nicht wünschenswert. !;(;! I iif* Für die Kostenreduktion im Bereich von Honorierung und technischer Herstellung gibt es kein etabliertes Modell. Ein einfacher Verzicht wie der des Autors auf den Verlag ist hier nicht möglich. Wohl aber kann der Autor auf bestimmte Ansprüche verzichten und damit zu einer Kostenminderung beitragen. Wenn eine Publikation in einem Verlag erscheinen soll und damit die Gemeinkosten als fixe Größe akzeptiert werden müssen, ist eine solche ,Belastung' des Autors der erste Weg, der beschritten werden kann und seitens der Verlage auch beschritten wird. Der Autor erhält kein Honorar - bei subventionierten oder nicht subventionierten Spezialmonographien heute wohl der Regelfall. Sollen die Einsparungen über den Honoraranteil hinausgehen, müssen die Kosten für die technische Herstellung des Druckwerks gesenkt werden. Sie machen in fast allen Fällen den größten Einzelposten in der Kalkulation aus. Die Bemühungen um Kostensenkungen haben sich daher in den letzten Jahren auf diesen Bereich konzentriert. Hier treten in der Folge auch einschneidende Veränderungen auf - Veränderungen, die selbst bei konservativer Einschätzung der künftigen Entwicklungen einen Wandel in den Publikationsstrukturen bedeuten dürften. III ■ ; ; I -. r I 1 vi! I I I ÜB 1 Die Herstellung eines Druckwerks ist durch eine technische Redundanz gekennzeichnet. Sie tritt in dem Maße hervor, wie man sich von der Urform des Prozesses entfernt: der ,Umsetzung' einer ! :|i; jjijil I 280 handschriftlichen Vorlage in beliebig oft reproduzierbare Lettern. Der heute übliche Arbeitsablauf impliziert eine doppelte Umsetzung. Vom gewöhnlich handschriftlichen Text des Autors wird - meist nach mehrfacher Revision - eine maschinenschriftliche Satzvorlage hergestellt, und von diesem Typoskript wird unter Benutzung einer Setzmaschine gesetzt. Schreibmaschine und Setzmaschine erfordern, unabhängig von ihrer technischen Ausführung, zunächst die manuelle Eingabe des jeweiligen Textes über weitgehend identische Tastaturen. Alle neueren Entwicklungen haben in verschiedener Weise die Reduktion dieser personal- und damit kostenintensiven Redundanz zum Ziel. Bisher bieten sich grundsätzlich drei Wege an: Erstens, die Herstellung eines unmittelbar reproduzierbaren Ty- poskripts. Dieses ahmt die gedruckte Seite so weit wie möglich nach und dient als Vorlage für die Anfertigung der Druckplatte. a Es ist die billigste Methode, denn der gesamte Satzvorgang wird eingespart; zugleich ist dies die unbefriedigendste Methode, denn die Schreibmaschinenseite kann allemal der Druckseite nur unvollkommen entsprechen. Trotz der möglichen Einsparungen führt dieses in den letzten Jahre vielfach verwendete Verfahren in eine Sackgasse. Der meist schlecht broschierte Offsetdruck ist bestenfalls ein buchähnliches Produkt, gegen das es unter dem Gesichtspunkt der Lesbarkeit und der Haltbarkeit gravierende Einwände gibt. Eine Fortentwicklung dieser Methode ist der sogenannte Com- posersatz, ein Schreibsatz mit Proportionalschrift und Randausgleich, bei dem sich der Abstand zur Buchseite erheblich verringert. a Das bei allen hier aufgeführten Möglichkeiten verwendete Druckverfahren ist der Offsetdruck, ein spezielles Flachdruckverfahren. Dabei besteht die Druckform aus einem beschichteten dünnen Blech, das in der Rotationsdruckmaschine um einen Zylinder gespannt wird. Das Auftragen des Druckbildes auf das Blech erfolgt in einem photochemigraphischen Prozeß. Beim Druck wird nicht direkt von der Druckform auf das Papier gedruckt, sondern das Druckbild zunächst auf ein ebenfalls über einen Zylinder gespanntes Gummituch „abgesetzt". Vom Gummituch erfolgt der Druck auf das wiederum über einen Zylinder laufende Papier. rafflsiiMfiBjSita '■':'•'..■ 281 WS. Die hierfür verwendeten Schreibsetzmaschinen erlauben (in entsprechend teueren Ausführungen mit elektronischem Arbeitsspeicher) eine Satzherstellung auf beachtlichem Niveau. In der Regel erfolgt der Composersatz nach einem bereits vorliegenden Ty- poskript, so daß die Kosteneinsparung hier mehr im billigen und flexiblen Gerät als in der Ausschaltung der technischen Redundanz liegt. iliiiliL I Zweitens, die Herstellung eines maschinenlesbaren Typoskripts. Bei diesem Verfahren wird der Weg vom Manuskript zum Druck durch die Zwischenschaltung einer Lesemaschine verkürzt, die den von ihr aufgenommenen Text für die automatische Herstellung der Druckform speichert. Konventionelle Lesemaschinen verlangen ein Manuskript in Sonderschriften, die unter der Bezeichnung OCR-Schrif- ten (optical character recognition ) bekannt sind. Kugelkopf-Schreibmaschinen können damit ausgerüstet werden. Modernere Geräte, so vor allem die Kurzweil Omni-font Lesemachine, sind „lernfähig" und erkennen in einem weiten Schriftgrößenbereich alle Schriften, und damit auch normale Schreibmaschinenschriften. 3 Ein einwandfreies Typoskript kann also maschinell weiterverarbeitet werden. Die Investionskosten für Lesemaschinen sind indessen relativ hoch. Drittens, die Herstellung eines elektronischen Manuskripts' mit Hilfe eines Kleincomputers. Bei dieser Methode wird der Text auf Seiten des Autors sofort in einer Weise aufbereitet und gespeichert, daß jede neue Satzeingabe entfällt und die Herstellung der Druckform automatisch erfolgen kann. Der Kleincomputer übernimmt dabei die Funktion sowohl der Schreibmaschine (Ausgabe eines weiterverwendbaren Typoskripts über einen angeschlossenen Druk- ker) wie die der Setzmaschine (Digitalaufzeichnung als Grundlage für den späteren Lichtsatz). Das Besondere bei diesem Verfahren besteht also darin, daß Manuskriptherstellung (in Form des Typoskripts) und Satzherstellung zusammenfallen. Die computergestützte Weiterverarbeitung des elektronischen Manuskripts' läßt überdies satztechnische Raffinessen zu, die sonst nur bei Monotype- Satz möglich sind. I I J I 1 Die Textverarbeitung( Word processing) mit ensprechend ausgerüsteten Kleincomputern ist eine relativ neue Technologie, für die I 1 i 282 sich binnen kurzer Zeit von der Bürokommunikation bis zum Journalismus 4 ein breiter Anwendungsbereich gefunden hat. Geräte werden von zahlreichen Herstellern angeboten, und Textverarbeitungsprogramme existieren bereits in größerer Zahl. Wie im gesamten Computerwesen ergibt sich eine Schwierigkeit daraus, daß die Systeme verschiedener Hersteller häufig nicht kompatibel sind. Dadurch kann die Weiterverarbeitung des auf einem Kleincomputer ,gesetzen' Textes erschwert werden, zumal der ,Umbruch' des Satzes auf einer größeren Rechenanlage erfolgen muß. IV Bei allen drei Verfahren tritt durch die Ausschaltung einer separaten, manuell bewerkstelligten Satzherstellung eine Kostensenkung auf. Was dies im internen Kontext des graphischen Gewerbes im einzelnen bedeutet, ist hier nicht zu betrachten. Hier kann es nur um die Auswirkungen gehen, die diese Verfahren auf den wissenschaftlichen Autor und auf die Produktionsbedingungen der wissenschaftlichen Literatur - speziell der Monographie - haben. Auch die einfachste Beschreibung der Verfahren macht deutlich, daß die Einsparungen im Herstellungsbereich großenteils zu Lasten des Autors gehen. Das Verlagsgesetz verpflichtet den Verfasser lediglich, „dem Verleger das Werk in einem für die Vervielfältigung geeigneten Zustand abzuliefern". 5 Diese Bestimmung läßt ein weites Spektrum von Satzvorlagen zu: von der eigentlichen Handschrift über ein handschriftlich korrigiertes Typoskript bis zu einer bereits mit gewissen Satzanweisungen versehenen typographischen Reinschrift. Das gemeinsame Kennzeichen dieser Satzvorlagen ist der für ihre Herstellung minimale technische Aufwand. Wenn der Autor jedoch eine reproduktionsfähige Vorlage abzuliefern hat, die nur noch fotografiert zu werden braucht (camera- ready copy), erfordert dies einen technischen Aufwand, der ihm unter ,normalen' Verlagsbedingungen nicht abverlangt wird. Er benötigt eine besondere Schreibmaschine, und er muß in der Regel fremde Dienstleistungen in Anspruch nehmen, damit die Schreibmaschinenseite möglichst buchseitenähnlich wird. Auch beim zwei- 283 |i;j ten und besonders beim dritten Verfahren ist erkennbar, daß die Einsparungen nur zustande kommen können, wenn der Autor in den Herstellungsprozeß einbezogen wird. Ein vom Verlag kommerziell veranlaßter computergestützter Lichtsatz eines normalen vom Autor abgelieferten Manuskripts trägt nur unwesentlich, wenn überhaupt, zur Verringerung der Herstellungskosten bei. Eine einfache und folgenlose Kostensenkung ist also im Bereich von Honorierung und technischer Herstellung ebenso wenig möglich wie bei den Gemeinkkosten. Die Produktion wissenschaftlicher Literatur ist in jeder Phase personalintensiv. Wenn die Kosten für die Herstellung von Kleinauflagen jenseits eines begrenzten Rationalisierungsspielraumes reduziert werden sollen, kann dies nur durch eine Verlagerung von Belastungen geschehen. Der Punkt, auf den sich die Aufmerksamkeit richten muß, ist indessen nicht der individuelle Autor. Sein Beitrag zur Minderung der Herstellungskosten ist jenseits des Honorarverzichts und vielleicht der privaten Finanzierung einer Manuskriptherstellung potentiell gering. Aber der Autor arbeitet in der Regel innerhalb einer wissenschaftlichen Institution. Und diese Insitution verfügt über eine Grundausstattung, die für Forschungszwecke genutzt werden kann und soll. Damit stellt sich bereits jetzt und, noch dringender, unter künftig verschlechterten Bedingungen die Frage nach einer anderen Aufteilung der Kostenstruktur unter Berücksichtigung der Tatsache, daß der Autor von einer wissenschaftlichen Institution getragen wird. Es handelt sich nicht um ein neues Prinzip der Forschungsförderung. Bislang ist bereits die Vorbereitung einer Veröffentlichung und in der Regel auch die Herstellung des Manuskripts von der wissenschaftlichen Institution getragen worden. Technisches Gerät (Schreibmaschine) und Dienstleistungen (Sekretariatspersonal) werden dabei als Grundausstattung seitens des Unterhaltsträgers zur Verfügung gestellt. Auf dieser Grundlage hat sich großenteils die Veröffentlichungsform der reproduzierten Schreibmaschinenseite herausgebildet. Mit der Ausbreitung der Computertechnologie wird eine Ausdehnung dieses Prinzips der Institutionsträgerschaft möglich, ohne daß auf seiten des Unterhaltsträgers hohe Investitionen ■ 1 1 1 i | wsm ■■■Mi 284 erforderlich sind. i '::!: Bei der Übernahme wesentlicher Phasen des Herstellungsvorganges durch die wissenschaftliche Institution würde sich im variablen Teil des verlegerischen Gesamtaufwandes eine erhebliche Kostenminderung ergeben. Wie groß sie ist, hängt davon ab, wo die Übergangsstelle von der institutionellen zur verlegerischen Beteiligung festgelegt wird. Die modernen Technologien lassen dafür mehrere Möglichkeiten offen, und es ist durchaus denkbar, daß die Institution den Prozeß bis in eine späte Phase trägt. Da es sich um eine Kostenverlagerung handelt, sind auf seiten der Institution vorrangig solche Technologien in Betracht zu ziehen, bei denen das erforderliche Gerät bereits verfügbar ist oder in absehbarer Zeit verfügbar sein wird. Zugleich sollte dieses Gerät möglichst vielseitig verwendbar sein. Unter diesen Prämissen erweist sich die Verwendung des Composers, die für einige Zeit als beste und billigste Lösung der Publikationsprobleme angesehen wurde, als weniger geeignet. Obwohl variabel und dezentral einsetzbar, ist der Composer ein Spezialgerät. Weitaus vorteilhafter ist die Satzvorbereitung durch Einlesen des Manuskripts in eine Lesemaschine und die Verwendung von Kleincomputern. Kugelkopf-Schreibmaschinen und Datensichtgeräte mit Diskettenlaufwerken gehören bereits zur Standardausrüstung von Instituten oder sind zumindest in zentralen Einrichtungen vorhanden. Die Beteiligung der wissenschaftlichen Institution an der Herstellung des Druckwerks bedeutet in jedem Falle eine technische Belastung des Autors. Je nach dem Verfahren ist diese Belastung unterschiedlich, aber wie gering sie auch sein mag, sie wird nur eine schrittweise Umstellung erlauben, wobei allerdings die Verknappung der für die Druckkostenzuschüsse zur Verfügung stehenden Mittel eine beschleunigende Wirkung ausüben dürfte. Es empfiehlt sich, die Benutzung von Lesemaschinen und die Benutzung von Kleincomputern für die Herstellung elektronischer 285 Manuskripte' nicht als zwei äquivalente Verfahren zu betrachten, zwischen denen eine Wahl getroffen werden muß. Sie haben unterschiedliche Anwendungsbereiche und differieren überdies in den technischen Anforderungen, die sie an den Autor und sein Hilfspersonal stellen. Die Lesemaschine ermöglicht ein bestimmtes Verfahren und setzt bei der Herstellung des Manuskripts nur die leicht modifizierte Benutzung einer normalen Schreibmaschine voraus. Der Kleincomputer ist dagegen ein neuartiges Arbeitsinstrument, das gewissermaßen als Nebenprodukt einen stufenweise weiterverarbeitbaren elektronischen Text' bietet. In beiden Fällen spielt jedoch die Kombination von peripheren Kleingeräten mit einem zentralen Großgerät eine wichtige Rolle, so daß von der Planung her beide Verfahren ein ähnliches Vorgehen erfordern. Sogenannte „Pilotprogramme" würden sich erübrigen, denn die Technologien sind voll ausgereift, wenn vielleicht auch noch nicht auf dem letztmöglichen Entwicklungsstand angelangt. Das Einlesen von Texten unter Verwendung spezieller Schriften ist seit Jahren üblich, so daß nur auf einer breiteren Basis Erfahrungen über die möglichen Einsparungen in dem hier vorgesehenen Anwendungsbereich gesammelt zu werden brauchten. Zumindest an einer westdeutschen Universität steht bereits eine Lesemaschine für OCR-Schrift zur Verfügung, mit der vielleicht in begrenztem Umfang gearbeitet werden könnte. Unerläßlich wäre die Schaffung einer zentralen Stelle, die die Beratung von Interessenten und gegenbenenfalls auch die Betreuung von Benutzern des Verfahrens übernehmen könnte. Es wäre auch zu prüfen, ob nicht über die vorliegenden Anleitungen hinaus für den nicht oder noch nicht sachkundigen Interessenten eine kurze handbuchartige Darstellung in Auftrag gegeben werden könnte. Zur Verwendung von Kleincomputern für die Textverarbeitung liegen ebenfalls im universitären Bereich bereits Erfahrungen vor, die sich auf die Herstellung sowohl von einfachen Monographien als auch von satztechnisch aufwendigen Texteditionen beziehen. 5 Programme für die Lichtsatzvorbereitung sind in den Datenverarbeitungszentren von mindestens zwei westdeutschen Universitäten so weit entwickelt und für unterschiedliche Zwecke erprobt worden, daß jederzeit darauf zurückgegriffen werden kann. Das in 1 ü:l iliiili Hü ■ramm 286 der Programmierung erreichte Niveau entspricht mindestens dem augenblicklichen internationalen Standard. 6 Wenn das Verfahren in größerem Umfang angewendet werden soll, müssen die bereits bestehenden institutionellen Voraussetzungen wahrscheinlich verbreitert werden. Die dafür notwendigen Investitionen würden indessen die vorhandenen Rechenanlagen insgesamt verbessern oder erweitern, wären also nicht als einseitig zweckgerichtete Investitionen aufzufassen. In jedem Fall sollte jedoch mit der Herrichtung der Großrechenanlagen begonnen werden, und der einzuschlagende Weg sollte vom Zentrum zur Peripherie führen, nicht umgekehrt. Eine rationelle Anwendung der Textverarbeitungstechniken ist nur gewährleistet, wenn nicht überall inkompatible Kleinsysteme in Betrieb genommen werden. 7 Die negativen Erfahrungen im Bibliotheksbereich sollten hier genutzt werden. iiiüi Es würde sich empfehlen, zunächst an zwei oder drei Universitäten die Geräteausstattung der zentralen Datenverarbeitungseinrichtungen auf künftige Anforderungen abzustellen. Was dazu im einzelnen erforderlich ist, braucht hier nicht erörtert zu werden. Zweierlei müßte jedoch sichergestellt werden: (1) daß genügend personelle und apparative Kapazität für die laufende Abwicklung der anfallenden Arbeiten vorhanden ist; die Beratung und Betreuung des Benutzers ist hier besonders wichtig; und (2) daß die zwei oder drei zentralen Einrichtungen in ihrer Ausstattung insgesamt einem breiten Spektrum von technischen Anforderungen entsprechen können. Das gilt insbesondere im Hinblick auf unterschiedliche Systeme. Die Peripherie wird auf die Dauer vielgestaltig aussehen, da Kleincomputer nicht nur zur Textverarbeitung benutzt werden. Einzelne amerikanische Universitäten haben ihre Institute und darüber hinaus auch ihr wissenschaftliches Personal bereits systematisch mit Kleincomputern ausgerüstet. In der Bundesrepublik wird für die Zukunft eher damit zu rechnen sein, daß Kleincomputer, wenn sie nicht zur Standardausstattung von Instituten gehören, an zentralen Stellen zur Verfügung stehen. Dabei stellt sich die Frage, ob hier nicht auch den zentralen Universitätsbibliotheken 287 eine weitere Aufgabe zuwächst. Traditionell Stätten für die .Aufnahme' wissenschaftlicher Literatur, könnten und sollten sie auch zu Stätten für die .Produktion' wissenschaftlicher Literatur werden. In jedem Falle wäre es auf sehen der Bibliotheken sinnvoller, das .elektronische Manuskript' zu fördern, statt auf das elektronische Buch' zu warten. .'.!■■' I IL 1 I ff M i 4. Neugliederung des Publikationsprozesses I Die Auswirkungen neuer Technologien auf das Verlagswesen werden in jüngster Zeit mit zunehmender Intensität erörtert. 1 Allenthalben setzt sich dabei die Auffassung durch, daß die traditionelle Gliederung des Publikationsprozesses - Autor, Verlag, Buchhandel oder Bibliothek, Leser - nicht in der gewohnten Form fortdauern wird. Die bisher klare Segmentierung wird ihre Eindeutigkeit verlieren, und zwischen den vermutlich ruhenden Polen von Autor und Leser werden sich zahlreiche Veränderungen und Funktionsverschiebungen ergeben. Die Funktionsverschiebungen zwischen Autor und Verlag, um die es hier geht, dürften zu den gravierendsten Veränderungen gehören, die sich in dem gesamten Zusammenhang auf die Dauer vollziehen werden. Sie sind weniger augenfällig und öffentlichkeitswirksam als etwa die elektronische Kommunikation' zwischen Autor und Leser, über die meist nur Spekulatives zu sagen ist, aber ungleich bedeutsamer und auch charakteristischer für die Einschnitte, die die neuen Technologien bewirken. II Traditionell gilt die Herstellung des Buches als Aufgabe des Verlags. Die Verbindung zwischen Verlag und Druckerei wird entsprechend als eng angesehen, und die Einheit von Verlag und Druckerei pflegt etwas Selbstverständliches an sich zu haben. Obwohl nicht der einzige Bereich der Verlagstätigkeit, wird die Herstellung, und damit die Technik der Buchproduktion, doch als Kernbereich dieser Tätigkeit angesehen. Bis zum Beginn der graphischen Revolution' war der Autor aus der technischen Sphäre so gut wie ausgeschlossen. Natürlicherweise: er verfügte in der Regel nicht über die in diesem Bereich erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten, und er war meist auch an der Technik der Buchherstellung desinteressiert. Nur an einem Punkt wurde er in 289 den Herstellungsprozeß einbezogen: beim Korrekturlesen, für das nach gesetzlicher Regelung der Verlag aufzukommen hat, das aber vielfach dem Autor über die ihm zustehende Kontrollfunktion hinaus zur Entlastung des Verlags übertragen wird. 2 Die Einbeziehung des Autors in die Herstellung begann mit der Offset-Faksimilierung von Typoskripten, die das Ende des herkömmlichen Buches und seiner Herstellungweise signalisierte. Damit wurden - aus welchen Gründen auch immer - erstmals genuine Verlagsfunktionen auf den Autor übertragen. Oft gegen seine Absicht und Neigung wurde er bis in kleinste Details hinein mit der Technik der Herstellung befaßt. Damit wurde der Autor (verstanden als Element des Publikationsprozesses) schrittweise technisch konditioniert. Trotz der damit verbundenen Belastung wurde diese Konditionierung nicht nur negativ empfunden. Sie öffnete dem Autor auch die Augen für die Möglichkeiten seiner Einwirkung auf die Gestaltung und Verbreitung des von ihm geschriebenen Textes. Die von wissenschaftlichen Autoren und Institutionen in der Folge bereitwillig aufgegriffene Idee des eigenen Composersatzes muß in diesem Zusammenhang gesehen werden. Mit der Textverarbeitung im Kleincomputer 3 hat die Einbeziehung des Autors in den Herstellungsprozeß oder, anders gewendet, die Möglichkeit seiner Einflußnahme darauf eine neue Dimension gewonnen und vielleicht auch ihren natürlichen Endpunkt erreicht. Es ist schwer vorstellbar, daß eine Vervollkommnung dieser Technologie oder eine andere Technologie noch weiter in diese Richtung führen könnten. Die Satzherstellung liegt nunmehr potentiell ganz in Händen des Autors, und die in der Computertechnologie zu beobachtende Tendenz zur Bedienungsvereinfachung dürfte ihn in Zukunft weitgehend unabhängig von der technischen Hilfe machen, deren er im Augenblick noch in erheblichem Umfang bedarf. Die neue Situation, die man ebenso als Ergebnis wirtschaftlicher Zwänge wie einer vom Verlag (als Institution) eingeleiteten Be- fassung des Autors mit der Technik der Herstellung betrachten sollte, hat einen doppelten Aspekt. Einmal bedeutet die Auslieferung des Autors an den Computer eine in der Geschichte der I l! jjjiiij.l I INI II II I Ü ! JSfln lü 290 Autorschaft bislang unbekannte technische Disziplinierung. Bei der Ausarbeitung seines Manuskripts muß der Autor nicht nur inhaltliche, sondern auch herstellerische Gesichtspunkte unter konstanter Einhaltung eines hohen Standards an Präzision beachten. Auch bei Inanspruchnahme technischer Hilfe fällt ihm damit eine Verantwortung zu, die bislang zwischen Autor und Verlag auf eine den Autor entlastende Weise geteilt war. I I ü Zum anderen stellt der word processor, wie sich bereits in einer breiten Benutzererfahrung bestätigt, eine Arbeitshilfe für den Autor dar, wie sie in der Vergangenheit gewünscht wurde, aber nicht erreichbar schien. Wissenschaftliche Texte durchlaufen in der Regel einen langen Revisionsprozeß, bis sie ihre endgültige Form finden. Die seitens des Verlags gefürchteten Autorkorrekturen in der Druckvorlage und im Korrekturengang sind das bekannteste Symptom dafür. Dieser Revisionsprozeß vereinfacht sich durch den word processor auf eine so revolutionäre Weise, daß dadurch alle Nachteile der Bindung an den Computer weitgehend oder sogar ganz ausgeglichen werden. 4 Es gilt als ausgemacht, daß der word processor auf längere Sicht die elektrische Schreibmaschine ebenso ablösen wird wie die mechanische Schreibmaschine durch die elektrische ersetzt worden ist. 5 Damit wird sich die Textverarbeitung in Kombination mit der Möglichkeit einer auf Weiterverarbeitung angelegten Textspeiche- rung auch im wissenschaftlichen Bereich als das Standardverfahren etablieren, als das sie in weiten Bereichen der Bürokommunikation bereits heute eingeführt ist. Mit der Etablierung des Verfahrens dürfte sich Zug um Zug die Einstellung des Autors zu der ihm übertragenen (oder von ihm übernommenen) Aufgabe der Herstellung ändern. An erster Stelle wird für ihn die Möglichkeit der Arbeit an seinem Text stehen und, damit verbunden, die Möglichkeit der uneingeschränkten Kontrolle über den Text bis zum Augenblick der tatsächlichen Veröffentlichung. Daß darin vermöge der digitalen Textspeicherung auch die Herstellung als technisches Verfahren impliziert ist, wird in den Hintergrund treten, und das ,Setzen' des Textes wird sich als inzidentelles Ergebnis der Arbeit am Manuskript darstellen. In? jimziii 291 III Es ist im Augenblick noch nicht abzusehen, wie die künftige Arbeitsteilung zwischen Autor und Verlag aussehen wird oder aussehen könnte. In jedem Fall wird jedoch der Autor einen weitaus höheren Anteil am Herstellungsprozeß haben als bisher. Verschiedene Varianten sind denkbar und werden sich auch herausbilden, sobald die Verlage sich auf die neuen Techniken umgestellt haben. Zumindest sechs lassen sich unterscheiden: (1) Der Autor übergibt dem Verlag ein ,koventionelles' Manuskript (Typoskript), und der Verlag übernimmt die gesamte Herstellung. Das entspräche der traditionellen Aufgliederung des Publikationsprozesses. (2) Der Autor übergibt dem Verlag ein für die Lesemaschine codiertes Manuskript. Hier wäre der Autoranteil an der technischen Herstellung noch relativ gering. Der automatische Satz und Umbruch würde auf Veranlassung und unter Kontrolle des Verlags ausgeführt. (3) Der Autor übergibt dem Verlag ein ,elektronisches Manuskript', das noch nicht umbrochen ist. Der Umbruch, der die kostenintensive Benutzung einer größeren Rechenanlage erfordert, wird seitens des Verlags veranlaßt. (4) Der Autor übergibt dem Verlag ein elektronisches Manuskript', das auf einer zur wissenschaftlichen Institution gehörenden Rechenanlage bereits umbrochen wurde. Hier ist seitens des Verlags nur noch die Herstellung der Folien für den Druck und der Druck selbst zu veranlassen. (5) Der Autor übergibt dem Verlag die nach dem Umbruch hergestellten Folien für den Offset-Druck, so daß nur noch der eigentliche Druck auf Veranlassung des Verlags auszuführen ist. (6) Der Autor übergibt dem Verlag das fertige Buch. So verwirrend die Vielfalt der Möglichkeiten auf den ersten Blick erscheinen mag, so klar abgrenzbar erweisen sich die relativen Anteile von Autor und Verlag bei näherem Zusehen. Jeder Variante entspricht eine spezifische Kostenstruktur, und die für wissenschaftliche Monographien in Kleinauflage erforderliche Kostenreduktion läßt sich nach der vom Autor oder der ihn tragenden m 1 Hill r$© I ■ J -J.*!i'-W' ,;,! -' SMS 292 1 wissenschaftlichen Institution erbrachten Leistung abstufen. Zwei Vorteile ergeben sich für den Verlag bei den Varianten (2) bis (5). Der Autor kann kein Manuskript mehr abliefern, das noch der Bearbeitung bedarf; und er kann während der Weiterverarbeitung seinen Text nicht mehr verändern. Die für den Verlag aufwendige Vorbereitung des Manuskripts für den Satz entfällt ebenso wie jede Autorkorrektur während des Korrekturenganges. In der letzten Variante bietet sich eine Möglichkeit dar, die im Augenblick noch absurd anmuten kann. Gleichwohl dient sie nicht nur der Komplettierung der Skala. Die nächste Phase in der Entwicklung neuer Technologien dürfte durch „intelligente Kopiergeräte" repräsentiert werden, das heißt: durch Kopiergeräte, die nicht nur wie die bisherigen einen bereits existierenden Text reproduzieren, sondern durch entsprechende Steuerung auch variable Texte auszudrucken vermögen. 6 Damit wird eine gänzlich neue Form des on-demandPublishing möglich, die sich gerade unter der Voraussetzung des elektronischen Manuskripts' für Klein- und Kleinstauflagen anbietet. Es muß in Betracht gezogen werden, daß die wissenschaftliche Institution künftig über solche Vervielfältigungseinrichtungen verfügt, wie sie bereits heute Laserdrucker u.a. einsetzt. Ob der Verlag unter diesen Bedingungen noch die Stelle bleiben kann, an der in letzter Instanz über die Einzelheiten der Satzeinrichtung entschieden wird, muß zumindest als offene Frage gelten. Natürlich ist eine Absprache zwischen Autor und Verlag erforderlich, aber sie wird möglicherweise in Zukunft vor Beginn der Niederschrift stattfinden und bereits zu diesem Zeitpunkt die technischen Details einschließen müssen. Die Entwicklung von Lichtsatzprogrammen, die den Anforderungen des wissenschaftlichen Buches genügen, ist aufwendig, und schon aus diesem Grund wird die Rolle der wissenschaftlichen Institution stärker als bisher ins Gewicht fallen. 7 Die wahrscheinliche Entwicklung wird zu einer Situation führen, in der für die ,Grundtypen' der wissenschaftlichen Monographie Standardprogramme zur Verfügung stehen. Je bereitwilliger man sich, auch von Verlagsseite, zu einer solchen Lösung entschließt, umso eher wird die Literaturproduktion wieder :j;j;j 293 zu einem Niveau zurückkehren können, das den besten Traditionen ebenbürtig ist. IV Die Neugliederung des Publikationsprozesses bedeutet nicht den Ausschluß des Verlags, wohl aber eine Akzentverschiebung in seinen Aufgaben. Wenn sich die Funktion des Verlags im Bereich der Herstellung einschränkt, sollte sie sich in anderen Bereichen erweitern. Diese Bereiche lassen sich, grob und vorläufig, als Beratung und Kontrolle des Autors kennzeichnen. Die Grundfunktion, die der Verlag im wissenschaftlichen Kommunikationssystem erfüllt, ist die der Verbreitung von neu gewonnenen Erkenntnissen. Das heißt nicht, daß ein Verlag alles an die Öffentlichkeit bringen sollte, was von Autoren produziert wird. Traditionell zeichnet sich der qualifizierte wissenschaftliche Verlag ebenso durch das aus, was er verlegt wie durch das, was er nicht verlegt. Die Verbreitungsfunktion ist historisch und von der Sache her mit einer Filterfunktion gekoppelt. Hierauf wird sich die Aufmerksamkeit mit der für den Autor zunehmenden Möglichkeit der Veröffentlichung im Selbstbedienungsverfahren wieder verstärkt richten müssen. Je informeller die wissenschaftliche Publikationstätigkeit prinzipiell werden kann, umso wichtiger ist die Rolle des Verlags als einer Institution, die eine Formalisierung der wissenschaftlichen Mitteilung bewirkt und damit auch eine Qualitätsgarantie übernimmt. Zur Sicherung oder auch zur Wiedergewinnung der internationalen Konkurrenzfähigkeit bedarf der geisteswissenschaftliche Autor in der Bundesrepublik, besonders in der Frühphase seiner Autorschaft, einer Beratung durch den Verlag, die ihm bislang nicht in ausreichendem Maße zuteil wird. Wie dies im einzelnen auszusehen hat, braucht hier nicht erörtert zu werden. Was not tut, ist eine generelle Verbesserung der deutschen geisteswissenschaftlichen Publikation im Hinblick auf ihre Rezipierbarkeit. Hier liegt die große Aufgabe des Verlags. Das Niveau der technischen Herstellung läßt sich durch die Verwendung der neuen Technologien ll Ü II i 294 wieder so anheben, wie dies in der noch nicht überwundenen Phase des vervielfältigten Typoskripts undenkbar erschien. Diesem technischen Niveau sollte ein neues formales Niveau entsprechen, und dies kann nur der Verlag als Sachwalter des Lesers bewirken. Es ist verschiedentlich die Befürchtung geäußert worden, daß sich die Anwendung neuer Techniken in einer Qualitätsminderung der Veröffentlichungen auswirken würde. 8 Diese Gefahr besteht nur solange, wie die Aufgabe des Verlags in der Vervielfältigung und Verbreitung von „kamerafertigen Manuskripten" gesehen wird. Das hier benutzte Verfahren ist für den Autor so arbeitsintensiv, daß er versuchen wird, jede nur irgend vermeidbare Änderung seines Textes zu umgehen. Für das elektronische Manuskript' trifft dies nicht mehr zu. Die Erleichterung der Revision muß im Gegenteil als Hauptvorteil der Benutzung von Kleincomputern angesehen werden. Hier liegt eine Möglichkeit zur Qualitätsverbesserung des Textes, die nicht nur vom Autor begrüßt werden dürfte, sondern die auch vom Verlag konsequent genutzt werden sollte. Im Interesse einer hochwertigen Publikation sollte die Aufgabe des Verlags ohne Zögern als Kontrolle des Autors bezeichnet werden. Diese Kontrollfunktion setzt nicht mehr, wie bisher, erst nach Abschluß des Manuskripts ein, sondern sie kann und sollte dessen Entstehung begleiten. Auf seiten des Verlags ist die Voraussetzung dafür allerdings ein hochqualifiziertes Lektorat. Die Zusammenarbeit von Autor und Verlag wird sich also in zahlreichen Details ändern, aber insgesamt wird sie voraussichtlich enger werden, als sie es bisher war. Diese Vermutung ist auch im anglo-amerikanischen Bereich geäußert worden, wo die Entwicklung zum Teil schon weiter vorangeschritten ist: "The new Information technology, as it multiplies mechanisms for scientific communication, will make the mediating role played by the publisher even more important. The classical division of intellectual labour may shift, but the relationship will be enhanced rather than weakened." 9 litt Im anglo-amerikanischen Bereich ist die intensive Beschäftigung mit den Auswirkungen der neuen Technologien auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem auch bereits als eine Aufgabe 295 der Forschungsförderung erkannt worden. In den Vereinigten Staaten enthält die vom American Council of Learned Societies getragene Enquete Scholarly Communication: The Report of the National Enquiry die Empfehlung: "We recommend the estab- lishment of an office of scholarly communication within the National Endowment for the Humanities for the continuing study and monitoring of the System of scholarly communication in the humanities and social sciences." 10 In England ist unter den Auspizien des Research and Development Department der British Library an der Universität Leicester ein "office for humanities communication" eingerichtet worden. Seine Funktion wird als "a focus for the acquisition, assessment, and dissemination of information relating to all aspects of communication in the humanities" umschrieben." Auch in Frankreich werden entsprechende Probleme intensiv erörtert, wie etwa an den Bemühungen der Maison des Sciences de l'Homme deutlich wird. 12 Es würde sich empfehlen, auch in der Bundesrepublik die Institutionalisierung eines Forums, das sich diesen Fragen widmet, als Aufgabe für die Forschungsförderung zu sehen. Was im Bereich der wissenschaftlichen Kommunikation als momentane Krise erscheint, ist bereits ein Symptom für permanente Veränderungen. Auch hier vollzieht sich eine jener vielberufenen Strukturwandlungen, die man nicht sich selbst überlassen sollte. ^H mm ■■■■ Übersicht über die Vorschläge und Empfehlungen Die in der Studie unterbreiteten Vorschläge und Empfehlungen sind in der folgenden Zusammenstellung stichwortartig zusammengefaßt. Sie werden jeweils unter den Kapitelüberschriften aufgeführt, damit deutlich ist, in welchen Zusammenhang sie gehören. Es sind nur die Kapitel IV.2-8 und VII.2-4 berücksichtigt. I IV.2 Erschließung und Erhaltung historischer Bestände (1) Aufbau von Spezialmagazinen („Reserven") für seltene und wertvolle Bücher in Bibliotheken mit entsprechenden Beständen. (2) Erschließung der historischen Bestände durch ein Handbuch der historischen Buchbestände in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin. (3) Institutionalisierung eines sachverständigen Gremiums mit der Aufgabe, generelle Richtlinien für die Altbestandserhaltung zu formulieren. IV.3 Archivierung der Nationalliteratur (1) Übertragung besonderer Sammelaufträge an die Bayerische Staatsbibliothek, die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, die Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, und die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt mit dem Ziel der Anlegung eines chronologisch segmentierten historischen Nationalarchivs gedruckter Texte. 297 IV.4 Entdogmatisierung des Leihverkehrs (1) Einschränkung des Leihverkehrs durch bessere Ausnutzung der lokalen Ressourcen, besonders für die Zwecke des akademischen Studiums. (2) Umfassende Information potentieller Benutzer des Leihverkehrs über die Probleme der Literaturversorgung mit dem Ziel, ,unnötige' Leihverkehrsbestellungen zu vermeiden. (3) Systematische Auffindung aller Möglichkeiten, den Informationsgehalt des Buches durch moderne technische Mittel von seiner physischen Form zu trennen mit dem Ziel, den physischen Transport von Literatur soweit wie möglich einzuschränken. IV.5 Modernisierung des Versorgungssystems (1) Einsatz von bestandsschonenden Kopiergeräten; Erprobung neuer Modelle; gegebenenfalls Vergabe eines Entwicklungsauftrages für ein solches Gerät. (2) Verwendung des Mikroplanfilms (Mikrofiche) für die Erledigung von Leihverkehrsbestellungen für Literatur, die nicht dem Copyright unterliegt. (3) Ausrüstung zunächst der großen, durch den Leihverkehr besonders belasteten Universalbibliotheken, später auch weiterer Bibliotheken, mit leistungsfähigen Fotostellen zur schnellen Herstellung von Mikrofiches. (4) Anlage und zentrale Führung eines Verzeichnisses mikrover- filmter Werke nach dem Vorbild des amerikanischen National Register of Microform Masters. (5) Erprobung neuer Geräte zur Digitalisierung von Texten mit dem Ziel, die Möglichkeiten der Fernübertragung von Texten weiterzuentwickeln. (6) Erprobung der Technik der Optischen Speicherplatten mit dem Ziel der Speicherung und dezentralen Verwendung von umfangreichen Textkorpora. (7) Erprobung neuentwickelter Archiv-Systeme unter Verwendung Optischer Speicherplatten. SfrKilS |:$l |:::i 298 IV. 6 Verbesserung des Informationssystems (1) Schaffung eines auf die speziellen Bedürfnisse des geisteswissenschaftlichen Benutzers abgestellten Bibliothekshandbuches. (2) Schaffung von Bibliotheksführern zu den großen Universalbibliotheken. (3) Zusammenstellung aller Bibliographien, Kataloge und Verzeichnisse, in denen Bestände westdeutscher Bibliotheken nachgewiesen werden, in Form einer systematisch geordneten Übersicht über westdeutsche Bibliotheksbestände. (4) Schaffung eines speziell auf geisteswissenschaftliche Bedürfnisse abgestellten Leitfadens zur Literaturbeschaffung. (5) Verbesserung und mögliche Erweiterung von geisteswissenschaftlichen Literaturdiensten auf der Grundlage einer Studie über die Informationsbedürfnisse der Geisteswissenschaften. (6) Revision des bestehenden Planes zur Regionalisierung des elektronischen Literaturnachweises in Bibliotheken mit dem Ziel der Schaffung nationaler, dem Benutzer uneingeschränkt zugänglicher Nachweisinstrumente. IV.7 Hierarchisierung und Spezialisierung im wissenschaftlichen Bibliothekswesen (1) Schaffung eines Verbundes von Forschungsbibliotheken (identisch mit den ,Archiv'-Bibliotheken in IV.3) nach dem Vorbild der amerikanischen Research Libraries Group. (2) Schaffung der Voraussetzungen für eine weitgehende Präsenthaltung von Beständen in den Forschungsbibliotheken, gegebenenfalls durch Beschränkung von Leihfristen und durch Duplizierung von forschungsrelevanter Literatur (besonders Sondersam- melgebiets-Literatur). (3) Möglichst weitgehende Umstellung der Literaturversorgung der geisteswissenschaftlichen Forschung von einer Versorgung über den Leihverkehr zu einer Versorgung über Präsenzbestände. (4) Überprüfung der bisherigen Praxis der Gewährung von Rei- L 299 semitteln für Bibliotheksreisen mit dem Ziel, die Forschungstätigkeit unter Ausnutzung von Präsenzbeständen effizienter zu gestalten. IV.8 Bibliotheken als Forschungsstätten (1) Rückgewinnung der Forschungskapazität der zentralen Universitätsbibliotheken durch eine möglichst weitgehende Trennung der Literaturversorgung des akademischen Studiums von der Literaturversorgung der Forschung. (2) Ausrüstung der Forschungsbibliotheken (vgl. IV.7) und der zentralen Universitätsbibliotheken zu Bibliotheken, in denen auch literaturintensive und langfristige Arbeitsvorhaben ausgeführt werden können. (3) Bevorzugter Ausbau der zentralen Universitätsbibliotheken als Informationszentren im Hinblick auf den konventionellen und elektronischen Literaturnachweis. (4) Ausarbeitung von Konzepten für die Freihandaufstellung von Literatur unter Berücksichtigung nicht nur der Literaturbedürfnisse des Studiums, sondern auch der der Forschung. (5) Integration länger- oder langfristiger geisteswissenschaftlicher Forschungsprojekte in die zentralen Universitätsbibliotheken anstelle der Errichtung von Klein- und Kleinstinstituten. (6) Förderung bibliothekarischer Forschungstätigkeit mit dem Ziel einer möglichst weitgehenden Erschließung der von den Bibliotheken bewahrten kulturellen Tradition. II VII. 2 Neuordnung von Publikationsformen (1) Möglichst weitgehende Reduktion der Publikation von ,for- schungsbegleitender' Informationsliteratur. (2) Eingeschränkte' Publikation von ,forschungsbegleitender Literatur' durch zentrale Deponierung, zentralen Nachweis und HraHBUNraEHl 300 Verteilung von zentraler Stelle. (3) Erstveröffentlichung von Dissertationen grundsätzlich nur in Mikroform (Mikrofiche); Publikation der besten Dissertationen eines Fachgebiets nach gründlicher Umarbeitung als vollgültige Monographien. (4) Ausnutzung von modernen Speicherungs- und Verbreitungsverfahren für hochspezialisierte Literatur und umfangreiche Textkorpora. (5) Konzentration der vorhandenen finanziellen Ressourcen auf die Publikation qualitativ hochstehender monographischer Literatur mit dem Ziel, diese durch geeignete Maßnahmen auch im Ausland umfassend zu verbreiten. VII. 3 Publikation mit neuen Techniken r m m Sit i lli $;• (1) Verbilligung von wissenschaftlichen Veröffentlichungen durch gänzliche oder teilweise Verlegung der Herstellung in die den wissenschaftlichen Autor tragende Institution. (2) Verwendung von Lesemaschinen für den Satz wissenschaftlicher Werke. (3) Anwendung der Methoden computergesteuerter Textverarbeitung zur Herstellung von wissenschaftlichen Werken. (4) Ausbau von zwei oder drei Zentren für Datenverarbeitung an Universitäten der Bundesrepublik zu leistungsfähigen Institutionen für die Vorbereitung des computergestützten Lichtsatzes. (5) Bereitstellung von Kleincomputern für die Zwecke der Textverarbeitung nicht nur in Instituten, sondern in den zentralen Universitätsbibliotheken, die damit eine neue Aufgabe als ,Zentren' für die Produktion wissenschaftlicher Literatur übernehmen würden. VII.4 Neugliederung des Publikationsprozesses (1) Ausbildung von Standardformen und -verfahren für die Publikation wissenschaftlicher Literatur unter weitgehender Über- ■DDUHiHHi 301 tragung von Herstellungsarbeiten auf den Autor. (2) Verstärkung der Verlagsfunktionen in den Bereichen Beratung und Kontrolle des wissenschaftlichen Autors. (3) Institutionalisierung eines Gremiums von Sachverständigen zur Behandlung der Probleme, die sich durch die Anwendung neuer Techniken für den wissenschaftlichen Autor und den wissenschaftlichen Verlag ergeben. Anmerkungen Die Anmerkungen verfolgen nicht die Absicht, einen vollständigen Literaturüberblick zu jedem Detail zu geben. Sofern sie nicht dem unmittelbaren Nachweis dienen, bieten sie nur gelegentliche Hinweise auf besonders relevant oder interessant erscheinende Veröffentlichungen. Einleitung (13-19) I P 1 Üiü! m I 1 Empfehlungen, Teil II (Bonn, 1964), S. 17. 2 Bibliotheksneubauten in der Bundesrepublik Deutschland hrsg. von Gerhard Liebers unter Mitarbeit von Franz-Heinrich Philipp und Gerhard Schlitt, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 9 (Frankfurt, 1968). 3 Wolfgang Hübener, „Staatsbibliothek nur bedingt einsatzbereit", Der Tagesspiegel, 23. Dezember 1979. Dazu Ekkehart Vesper, „Alle Wunden sind noch nicht verheilt: Zur Situation der Staatsbibliothek heute", ebda, 17. Februar 1980. 4 In der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel, fand am 21. und 22. Januar 1980 ein Arbeitsgespräch über „Probleme der Bearbeitung unerschlossener Bibliotheken" statt. 5 Vgl. Monika Pilz, Bibliotheken in der Kritik: Erfahrungen ausländischer Gastwissenschaftler in der Bundesrepublik Deutschland: Ergebnis einer Umfrage der Alexander von Humboldt-Stiftung (Bonn, 1978). Dazu Richard Landwehrmeyer, „Bibliotheken in der Kritik", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 26 (1979), 267-279. 6 Vgl. dazu vor allem die Kritik des Wissenschafts-Journalisten Dieter E. Zimmer, „Wo man Bücher verfluchen lernt: Ein Lamento aus dem bedrängten Blickwinkel eines Bibliotheksbenutzers", Die Zeit, 7. Dezember 1979. Replik von Wilhelm Totok, „Wo man Bücher verfluchen lernt", Bibliotheksdienst, 1980, S. 45-47. 7 So Günther Pflug, „Engpässe in der Literaturversorgung: Die Situation der Bibliotheken erfordert Verbesserungen" 1980. 303 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. März 8 Antonius Jammers, „Das ,Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation' und seine Auswirkungen auf die Literaturversorgung", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 22 (1975), 373-386, und Günter Gattermann, „Das ,Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation': Überlegungen zu seinen infrastrukturellen Plänen", ebda, 22 (1975), 451-463. Replik von Ernst Lut- terbeck, „Das IuD-Programm der Bundesregierung - eine Antwort auf zwei bibliothekarische Stellungnahmen: Zugleich ein Beitrag zum Verhältnis zwischen Bibliotheks- und Dokumentationswesen", ebda, 23 (1976), 223-236. 9 So etwa in den Vorschlägen zu einer Deutschen Fernleihbibliothek; vgl. unten Kapitel IV. 1, Absatz ii. 10 Überregionale Literaturversorgung von Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik Deutschland (Boppard, 1975), Kapitel 2,1 und 7,1. 11 Vgl. etwa die Äußerungen von Günther Pflug und Wilhelm Totok (Anm. 7 und 6). I. Die Bibliothek als institutionelle Bedingung der geisteswissenschaftlichen Forschung (23-36) 1 Vgl. dazu auch „Literaturbedarf und Literaturversorgung der geisteswissenschaftlichen Forschung", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 27 (1980), 83-106. 2 Für die Musikwissenschaft und die Kunstwissenschaft gelten etwas andere Bedingungen. 3 So Georg Matthiae in seinem für Göttingen bestimmten „Project, wie eine öffentliche Bibliothec in die bequemste gemeinnützige Ordnung zu bringen", Hannoversche Anzeigen von allerhand Sachen, deren Bekanntmachung dem gemeinen Wesen nöthig und nützlich, 1 (1755), 785-864. Ähnliche Formulierungen finden sich natürlich schon bei Leibniz. 4 Vgl. J. M. Ziman, Public Knowledge: An Essay Concerning the Social Dimension of Science (Cambridge, 1974), Chapter6. 5 Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883) in Gesammelte Schriften (Stuttgart- Göttingen, 1966), 1,24. 6 Ziman (Anm. 4), p. 103. 7 „Ansprache bei der Übernahme der Generalverwaltung der Königlichen Bibliothek", in Aus der Werkstatt des Vollendeten (Giessen, 1930), S. 4. I i § 304 liiliiii 8 So etwa Karl Popper, besonders in 77ie Logic of Scientific Discovery (1959). Mir ist bekannt, daß diese Auffassung nicht nur mit Zustimmung diskutiert worden ist. Für den augenblicklichen Zweck scheint mir jedoch eine ausführliche Analyse der verschiedenen möglichen Positionen entbehrlich. 9 So Ilya Prigogine und Isabelle Stengers, Dialog mit der Natur: Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens (München, 1980). 10 Vgl. hierzu die interessanten Bemerkungen von Rudolf L. Mössbauer, „Forschung und Wirtschaftlichkeit", in Wissenschaft, Forschung und Rechnungshöfe: Wirtschaftlichkeit und ihre Kontrolle, hrsg. von Franz Letzelter und Heinrich Reinermann (Berlin, 1981), S. 116-124. 11 Vgl. Gerhard Frey, „Hermeneutische und hypothetisch-deduktive Methode", Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie, 1 (1970), 24-40. "The Humanistic Scholar and the Library", Library Quarterly, 50 (1980), 29-31. Anhang zu Objective Knowledge: An Evolutionary Approach (Oxford, 1972). Vgl. dazu etwa Bernice T. Eiduson, Scientists: Their Psychological World (New York, 1962), und Ziman (Anm. 4). 12 13 14 15 „Humanisierung der Forscherwelt" gemeinschaft, Nr. 2-3 (1976), S. 8. Mitteilungen der Deutschen Forschungs- 16 Hrsg. von Rudolf Hübner (ed. Darmstadt, 1967), S. 33-34. 17 Vgl. dazu etwa Bernward Joerges, „Wissenschaftliche Kreativität: Empirische und wissenschaftspraktische Hinweise", Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie ,8 (1977), 383-404. 18 London, 1968. 19 New York, 1962. 20 Vgl. zum Beispiel Richard D. Altick, The Scholar Adventurers (New York, 1950; 1966). 21 B. S. Page, "Research in a University Library", Library Association Conference Papers (London, 1948), p. 86. Vgl. hierzu auch die Ausführungen von Albert Howard Carter, "The Humanist in the Library" in The Reference Function of the Library, ed. Pierce Butler and Louis R. Wilson (Chicago, 1943), pp. 202-217. 22 G. Jefferson, Libraries and Society (Cambridge und London, 1969), p. 72. Vgl. auch Carl H. Kraeling, "The Humanities: Characteristics of the Literature, Problems of Use, and Bibliographie Organization in the Field", in Bibliographie Organization, ed. Jesse H. Shera and Margaret E. Egan (Chicago, 1950), pp. 109-126. 23 Bern, 1948. 24 Europäische Literatur, S. 387. 25 "Research in the Humanities: Ideals and Idols", in Ideals and Idols: Essays on Values in History and in Art (London, 1979), p. 119. (Ursprünglich in Daedalus: ;.■.■.•::;:;•»;■;*;■;■.■,•;■;■;:;■,■:•;*>;:;•;■;.:.;• 305 Journal ofthe American Academy ofArts and Sciences, 102, 1973). 26 Geprägt von Horace Walpole. Vgl. Brief an Horace Mann, 28. Januar 1754 (Correspondence , XX, 1960, p. 407-408). 27 So etwa D. J. Urquhart, "National Lending/Reference Libraries or Libraries of First Resort", BLL Review, 4 (1976), 7-10. 28 Vgl. dazu Herman H. Fussler und Julian L. Simon, Patterns in the Use of Books in Large Research Libraries (Chicago and London, 1961), Chapter 7. 29 "The ideal library, from the scholar's Standpoint, is distinguished by three qualities - convenience, adequacy, and suggestiveness." Douglas Waples, "Belgian Scholars and Their Libraries", Library Quarterly, 10 (1940), 235. 30 J. E. Vickery, "A Note in Defence of Browsing", BLL Review, 5 (1977), 110. Vgl. auch eine ähnliche Stellungnahme eines Mediziners: E. D. Whittle, "On Browsing", ibid., 32-33. Vgl. dazu auch John E. Burchard, "How Humanists Use a Library", in INTREX: Report of a Planning Conference on Information Transfer Experiments ed. Carl F. J. Overhage and R. Joyce Harman (Cambridge, Mass. and London, 1965), pp. 219-223. II. Das historische Erbe: Wissenschaftspolitik und Bibliotheksentwicklung seit 1880 (37-55) 1 Der folgende Aufriß ist keine Bibliotheksgeschichte, sondern eine Problemgeschichte der Literaturversorgung, die mit den vorliegenden bibliotheksgeschichtlichen Darstellungen nicht immer übereinstimmt. Eine kritische Perspektive bietet Ladislaus Buzas, Deutsche Bibliotheksgeschichte der neuesten Zeit (1800-1945), Elemente des Buch- und Bibliothekswesens, 3 (Wiesbaden, 1978). Vgl. hier besonders die Kapitel 2 und 3. 2 Vgl. Karl Julius Hartmann und Hans Füchsel, Geschichte der Göttinger Universitätsbibliothek (Göttingen, 1937) und „Die Göttinger Universitätsbibliothek im achtzehnten Jahrhundert", Göttiger Jahrbuch , 28 (1980), 109-123. 3 Die Göttinger Bibliothek war eine Präsenzbibliothek besonderer Art. Sie lieh zwar Bücher aus (teilweise sogar nach auswärts), wurde aber in Göttingen selbst als eine Institution angesehen, die mit den teilweise beträchtlichen Privatbibliotheken der Professoren ein einziges, am Ort momentan verfügbares Literaturreservoir bildete. Vgl. „Göttingen als Forschungsbibliothek im achtzehnten Jahrhundert: Plädoyer für eine neue Bibliotheksgeschichte", Wolfen- bütteler Forschungen,! (1977), 209-239. 4 Christian Gottlob Heyne in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen, 1810, II, 852. 5 Ueber öffentliche Bibliotheken, besonders deutsche Universitätsbibliotheken, und Vorschläge zu einer zweckmäßigen Einrichtung derselben (Freyberg, 1811), S. 19. s iil MWUUUUyiMHHHH| 306 i ; f : i i 6 Vgl. Karl Geiger, „Robert von Mohl als Vorstand der Tübinger Universitäts- Bibliothek", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 17 (1900), 161-191, und vor allem Peter Michael Ehrle, Robert von Mohl als Leiter der Tübinger Universitätsbibliothek (1836-1844), Contubernium, 10 (Tübingen, 1975). 7 Vgl. Paul Ruf, Säkularisation und Bayerische Staatsbibliothek (Wiesbaden, 1962). 8 Georg Leyh, Die deutschen Bibliotheken von der Aufklärung bis zur Gegenwart (Wiesbaden, 1956), S. 294. Leyhs Darstellung bietet mit zahlreichen illustrativen Details die beste Übersicht über diesen Zeitraum. 9 Entwicklung und gegenwärtiger Stand der wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung Preussens (Leipzig, 1893), S. 22. 10 Vgl. Günther Franz, „Historikerbibliotheken" in Das Werck der Bucher: Von der Wirksamkeit des Buches in Vergangenheit und Gegenwart: Eine Festschrift für Horst Kliemann , ed. Fritz Hodeige (Freiburg, 1956), S. 271-283. 1 1 Ferdinand Grassauer, „Ziele und Aufgaben des modernen Bibliothekswesens", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 13 (1896), 240. 12 Vgl. dazu eine Stellungnahme von Ernst Foerstemann in Serapeum (1845), no. 15 und 16. 13 Vgl. Ian Willison, "The Political and Cultural Context of Panizzi's Reform of the British Museum Department of Printed Books as a National Research Library", in Bibliotheken im gesellschaftlichen und kulturellen Wandel des 19. Jahrhunderts , hrsg. von Gerhard Liebers und Peter Vodosek, Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, 8 (Hamburg, 1982), S. 53-73. 14 Vgl. "Report from the Select Committee on British Museum, 1836", Reports from Committees , vol. 10, p. 395; und Edward Miller, Prince of Librarians: Tlie Life and Times of Antonio Panizzi ofthe British Museum (London, 1967). 15 Arundell Esdaile, The British Museum Library: A Short History and Survey (London, 1948), p. 119. 16 Vgl. Barbara McCrimmon, Power, Politics and Print: The Publication ofthe British Museum Catalogue, 1881-1900 (Hamden,Conn.-London, 1981). 17 Vgl. T. Mortreuil, La Bibliotheque Nationale, son origine et ses accroissement juisqu'ä nousjours (Paris, 1878) und David C. Mearns, The Story up to Now: The Library ofCongress, 1800-1946 (Washington, 1947). 18 Entwicklung und gegenwärtiger Stand (Anm. 9), S. 22. 19 Vgl. Wieland Schmidt, „Von der Kurfürstlichen Bibliothek zur Preußischen Staatsbibliothek: Geschichtlicher Überblick von 1661 bis 1945" in Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz: Festgabe zur Eröffnung des Neubaus in Berlin , ed. Ekkehart Vesper (Wiesbaden, 1978), S. 1-94. 20 „Über die Königliche Bibliothek" in: Reden und Aufsätze (Berlin, 1905), S. 215-227. Vgl. auch O. Hartwig, „Zu den Verhandlungen des Hauses der Abgeordneten über das Preussische Bibliothekswesen", Zentralblatt für Biblio- mmä 307 thekswesen, 1 (1884), 173-182. 21 Bisher unveröffentlicht in der Heidelberger Universitätsbibliothek. In Auszügen zitiert von Leyh (Anm. 8), S. 340-342. 22 In der Beurteilung Friedrich Althoffs weiche ich von der üblichen positiven Einschätzung ab. Die neueste Gesamtdarstellung des Wirkens von Althoff kommt zu günstigeren Ergebnissen; vgl. Bernhard vom Brocke, „Hochschul- und Wissenschaftspolitik in Preußen und im Deutschen Kaiserreich 1882-1907: das ,System Althoff' in Bildungspolitik in Preußen zur Zeit des Kaiserreichs , hrsg. von Peter Baumgart, Preußen in der Geschichte, Band 1 (Stuttgart, 1980), S. 9-118 (60-62); dort auch die frühere Literatur. 23 So H. Paalzow, „Einheitliche Katalogisierung und Zetteldruck", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 22 (1905), 408. 24 53 (1884), 473-492. Zitate nach dem Separatdruck (Berlin, 1884). 25 Werner von Siemens, 1886. Vgl. dazu Paul Kennedy, The Rise of Anglo-German Antagonism, 1860-1940 (London, 1980) und auch Peter Alter, Wissenschaft, Staat, Mäzene: Anfänge moderner Wissenschaftspolitik in Großbritannien, 1850- 1920, Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London (Stuttgart, 1982). 26 Veröffentlicht in Zentralblatt für Bibliothekswesen ,3 (1886), 108-111. 27 „Ansprache bei der Übernahme der Generalverwaltung der Königlichen Bibliothek" in Aus der Werkstatt des Vollendeten , ed. Axel von Harnack (Gießen, 1930), S. 1-6. 28 „Deutsche Nationalbibliothek und Königliche Bibliothek", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 29 (1912), 536-542. Vgl. auch Schwenke, „Die Bibliothek als Ganzes" in Fünfzehn Jahre Königliche und Staatsbibliothek: Dem scheidenden Generaldirektor Exz. Adolf von Harnack überreicht (Berlin, 1921), S. 1-10. 29 Die Entstehung war bekanntlich mit Kontroversen verbunden, die hier nicht nachgezeichnet werden können. Vgl. Heinrich Uhlendahl, Vorgeschichte und erste Entwicklung der Deutschen Bücherei (Leipzig, 1957). 30 Treitschke, Die Königliche Bibliothek (Anm. 24), S. 3. Bülow, „Auswärtige Politik" in Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. , hrsg. von S. Körte u.a. (Berlin, 1914), I, 11. 31 Vgl. E. Reyer, „Zur Bibliotheksstatistik", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 10 (1893), 180-189. 32 Vgl. etwa die kritische (und charakteristischerweise nur mit ,,-ck-" abgezeichnete) Übersicht „Die Leistungen Preußens für seine Bibliotheken und die Bedürfnisse derselben", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 14 (1897), 437-453. 33 Zur Sammeltradition vgl. Schmidt (Anm. 19), S. 35-37. 34 John Y. Cole, For Congress and the Nation: A Chronological History of the Library of Congress (Washington, 1979), pp. 62-63. S!88U^^Bfl9Hfl9H88888H9BHUH m 308 :iü i I 35 Denkschrift betreffend die Kataloge der Preussischen Bibliotheken und ihre Reform durch den Druck des Gesamtkatalogs, hrsg. von Fritz Milkau (Leipzig, 1925). 36 So etwa Karl Dziatzko, „Die Centralisation der Kataloge deutscher Bibliotheken", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 1 (1884), 261-267. 37 Die grundlegende Darlegung dazu stammt von Fritz Milkau: Centralkataloge und Titeldrucke: Geschichtliche Erörterungen und praktische Vorschläge im Hinblick auf die Herstellung eines Gesamtkatalogs der preussischen wissenschaftlichen Bibliotheken, Centralblatt für Bibliothekswesen, Beiheft 20 (Leipzig, 1898). 38 Vgl. Christoph Weber, „Der Gesamtkatalog der preußischen wissenschaftlichen Bibliotheken", in Fünfzehn Jahre Königliche und Staatsbibliothek (Anm. 28), S. 259-272. 39 Insgesamt vierzehn Bände. Band XV wurde nachträglich aus den Fahnen ediert (1979). 40 Aus den Akten zitiert von Weber (Anm. 38), S. 262, 265. 41 Einzelheiten bei Leyh (Anm. 8). Vgl. auch Hanns Michael Crass, Bibliotheksbauten des 19. Jahrhunderts in Deutschland: Kunsthistorische und architektonische Gesichtspunkte und Materialien (München, 1976). 42 Martin Bollert, „Statistik der preußischen Universitätsbibliotheken in den Jahren 1894-1900", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 19 (1902), 44-63. 43 Zitiert nach Walter Koschorreck, Geschichte des „Deutschen Leihverkehrs" (Wiesbaden, 1958), S. 114. 44 Vgl. Koschorreck, Geschichte, Kapitel II. 45 Vgl. Richard Fick, „Das Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken" in Fünfzehn Jahre Königliche und Staatsbibliothek (Anm. 28), S. 272-277. 46 Die frühen Bedarfsanalysen, als „Notruf erhoben", stammen von Adalbert Roquette: Die Finanzlage der deutschen Bibliotheken (Leipzig, 1902). 47 Vgl. F. Segner, Soll und Haben der Univ.-Bibliotheken vor und nach Einführung der Bibliotheksgebühr (Würzburg, 1910). 48 So Adolf von Harnack, Die Benutzung der Königlichen Bibliothek und die deutsche Nationalbibliothek (Berlin, 1912), abgedruckt in Aus der Friedens- und Kriegsarbeit (Gießen, 1916); vgl. hier S. 232-239. 49 Ebda, S. 239. 50 Frühformen der Seminare finden sich an den Universitäten Göttingen und Erlangen. 51 Vgl. Joachim Krueger, „Zu den Beziehungen zwischen der Universitätsbibliothek und den Institutsbibliotheken zur Zeit Althoffs: Aktenstudien zum Erlaß vom 15. Oktober 1891", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 81 (1967), 513-530. 309 52 Vgl. Arnold Sachse, Friedrich Althoff und sein Werk (Berlin, 1928), S. 285. 53 Vgl. dazu Karl Julius Hartmann, „Das Problem der Institutsbibliotheken", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 56 (1939), 25. 54 „Die Benutzung der Königlichen Bibliothek" (Anm. 48), S. 245. 55 „Was leistet die Königliche Bibliothek zu Berlin dem deutschen Volk und der Wissenschaft?" [Korrekturabzug in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz]. 56 „Die Königliche Bibliothek" (Anm. 24), S. 22. 57 (Halle, 1906), S. viii-ix. 58 „Die Königliche Bibliothek zu Berlin" in Aus Wissenschaft und Leben (Giessen, 1911), 1,135-136. 59 Ebda, und Treitschke, „Die Königliche Bibliothek" (Anm. 24), S. 15-17. 60 -ck-, „Die Leistungen Preußens für seine Bibliotheken", (Anm. 32), S. 435. 61 „Die Königliche Bibliothek" (Anm. 24), S. 25. 62 So etwa Treitschke: „Die Wohnungsnoth der Bibliothek, die Finsterniß ihrer zum Brechen gefüllten Säle ist leider sprichwörtlich geworden. Schon im Jahre 1853 erhielt Pertz den Auftrag, sich nach einer Baustelle umzusehen, und seitdem schleppt sich der leidige Handel durch ein volles Menschenalter unentschieden dahin, obgleich jeder Berliner mit Fingern auf den passenden Bauplatz weist" (ebda.). Bereits Schinkel wurde 1833 mit dem Entwurf für einen Neubau beauftragt; vgl. Wieland Schmidt, „Von der Kurfürstlichen Bibliothek zur Preußischen Staatsbibliothek" (Anm. 19), S. 32. 63 Zitiert nach dem Auszug bei Koschorreck, Geschichte des Deutschen Leihverkehrs (Anm. 43), S. 28. 64 Lebenserinnerungen: Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes (Stuttgart, 1960), S. 236. Bereits 1905 schrieb der Bibliothekar Wolfstieg nach einer amerikanischen Bibliotheksreise: „Es ist trotz der fortwährenden Projizierung aller wissenschaftlichen Arbeit auf die Praxis doch ein reges wissenschaftiches Leben auf den Universitäten drüben, das das auf unseren veralteten Hochschulen bereits weit hinter sich läßt" {Zentralblatt für Bibliothekswesen , 22, 1905, 459). 65 „Antwort an Harnack, 3. Juli 1890", Reden und Aufsätze (Anm. 20), S. 209. 66 Von Chr. Ruepprecht, dem Direktor der Münchener Universitätsbibliothek; vgl. „Zwei Vorschläge für unsre deutschen Bibliotheken", Deutsche Revue: Eine Monatsschrift, 34 (1909), 373. 67 Paul Gehring, „Zur Beschaffung' ausländischer Literatur", Zentralblatt für Bibliothekswesen ,39 (1922), 139-145. 68 Vgl. Friedrich Schmidt-Ott, „Der Bibliotheksausschuß der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 62 (1948), 145-157. WM I I : 310 69 Kurt Zierold, Forschungsförderung in drei Epochen: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Geschichte, Arbeitsweise, Kommentar (Wiesbaden, 1968), S. 96. 70 Zierold, S. 146. 71 „Kulturabbau und wissenschaftliche Bibliotheken", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 49 (1932), 396-398. 72 Vgl. Walter Koschorreck, Geschichte des „Deutschen Leihverkehrs" , (Anm. 43), Kap. III. 73 Wilhelm Martin Luther, „Der deutsche Leiverkehr seit 1931", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 3 (1956), 272. 74 Luther, S. 274. 75 Vgl. Luther, S. 274. 76 Naetebus, „Ueber die Bibliotheken der Preußischen Universitätsinstitute", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 23 (1906), 357. 77 „Stellung und Aufgabe der wissenschaftlichen Bibliothek in der Zeit", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 53 (1936), 477. Vgl. auch die Stellungnahme des Göttinger Bibliotheksdirektors Karl Julius Hartmann, „Das Problem der Institutsbibliotheken", (Anm. 53), 17-37. 78 Instituts- und Hochschulbibliotheken: Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Bad Godesberg, 1955), S. 7. 79 Hermann Tiemann, „Das Problem der Universalbibliothek heute" (1953) in Essays, Vorträge und Aufsätze aus vier Jahrzehnten , hrsg. von Christian Voigt (Hamburg, 1976), S. 236. 80 Germain Calmette, „Bibliotheques universitaires et Bibliotheques d'Instituts" in Les problemes de la documentation dans les Bibliotheques universitaires, Bi- bliotheca Universitatis Leodiensis: Melanges de bibliotheconomie et de bi- bliographie, no 2 (Liege, 1950), p. 77. 81 Vgl. die Darstellung bei Gisela von Busse, Struktur und Organisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik Deutschland: Entwicklungen 1945 bis 1975 (Wiesbaden, 1977), Kapitel 4.11. 82 Aufgrund der Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Struktur und Verwaltungsorganisation der Universitäten (Bonn, 1968). Zuerst wurden entsprechende Vorschläge unterbreitet von Gerhard Reincke in seinem im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft verfaßten Gutachten über die Lage der Institutsbibliotheken und ihr Verhältnis zu den Universitäts- und Hochschulbibliotheken (Bad Godesberg, 1953). 83 Denkschrift (Anm. 78), S. 24. 84 Bibliotheksausschuß der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Bonn-Bad Godesberg, 1970). 85 Vgl. Gerhard Liebers, „Die zentrale Forschungsbibliothek der Hochschule - ,:;;•:• """"""mnniiiWM ■wHuyuiidKBn 311 auch ein Modell", in Die Hochschulbibliothek: Beiträge und Berichte, hrsg. von Klaus-Dieter Lehmann und Hildegard Hüttermann (Frankfurt, 1978), 138-153, und die Ausführungen von Max Pauer, „Die Bedeutung der universitären Bibliothekssysteme für Entwicklung und Fortschritt des Bibliothekswesens in der Bundesrepublik Deutschland", in Bibliothekswelt und Kulturgeschichte. Eine internationale Festgabe für Joachim Wieder zum 65. Geburtstag, hrsg. von Peter Schweigler (München, 1977), S. 260-267. III. 1 Prämissen des Wiederaufbaus nach 1945 (56-62) 1 Den besten Gesamtüberblick über den Zeitraum bietet Gisela von Busse, Struktur und Organisation des wissenschaftlichen Bibliothekwesens in der Bundesrepublik Deutschland: Entwicklungen 1945 bis 1975 (Wiesbaden, 1977), Kap. 1. 2 Vgl. dazu Georg Leyh, Die Lage der deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken (Tübingen, 1947). 3 Vgl. dazu die Zusammenfassung eines Berichts von Martin Cremer in Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken , 2 (1948), 86-87, und [Martin Cremer], Westdeutsche Bibliothek: Aufbau und Entwicklung, 1946-1949 (Marburg, 1950). 4 Hans Halm, Die Schicksale der Bayerischen Staatsbibliothek während des Zweiten Weltkriegs (München, 1949). 5 von Busse, Struktur und Organisation (Anm. 1), S. 6. 6 Hanns W. Eppelsheimer, „Das Treffen zu Frankfurt", Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken , 1 (1948), 33-35. 7 Heinrich Middendorf, „Die Tagung der Kommission für eine zentrale Bibliothek", Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken, 2 (1949), 83-89. Tie- manns Referat, das selbst nicht veröffentlicht wurde, ist hier ausführlich zusammengefaßt. 8 Veröffentlicht in Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken, 3 (1950), 83-85. 9 Ursprünglich wurde das Gebiet „Germanische Philologie und ,Kulturkreis'" auf die Bibliotheken in Frankfurt, Kiel, Hamburg, Münster, Freiburg und Göttingen aufgeteilt. Die Sammlung des Schrifttums zur „Romanischen Philologie und .Kulturkreis'" wurde den Bibliotheken in Bonn, Köln, Hamburg und München übertragen. Daß in der gesamten Konzeption der Gesichtspunkt der Bibliothekssystematik dominant war, zeigt sich bei Hermann Tiemann, „Zur Problematik der Sondersammelgebiete", in Fünfzehn Jahre Bibliotheksarbeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1949-1964, hrsg. von Wieland Schmidt und Dieter Oertel, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 4 (Frankfurt, 1966), S. 27-45. Welche Rolle der Farmington Plan, der eine Aufteilung der Beschaffung unter amerikanischen Bibliotheken vorsah, bei der Ausbildung des Sondersammelgebietssystems in der Bundesrepublik gespielt hat, V. ■M ■■■■■■■ 312 :|!;ü I®: ist hier nicht zu untersuchen. Er wurde 1972 als nicht praktikabel endgültig aufgegeben. 10 Vgl. Middendorf (Anm. 7), S. 87. 11 Der Bibliotheksausschuß der Notgemeinschaft wurde erst nach der Entscheidung eingesetzt. 12 Eppelsheimer (Anm. 6). 13 Vgl. dazu Friedrich Adolf Schmidt-Künsemüller, der die zentrale Rolle Tie- manns bei der Organisation des Bibliothekswesens nach 1945 herausgestellt hat: „Hermann Tiemann und das deutsche Bibliothekswesen der Gegenwart" in Libris et littehs: Festschrift für Hermann Tiemann zum sechzigsten Geburtstag am 9. Juli 1959 (Hamburg, 1959), S. 11-22. 14 Unveröffentlicht. Zitate mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zur Vorgeschichte des Gutachtens vgl. Schmidt-Künsemüller (Anm. 13), S. 19-20. 15 Das Gutachten läßt an dieser Stelle einen Umschlagspunkt erkennen, an dem sich eine Situation des Mangels in eine Situation des Überflusses verwandelte. Vgl. dazu auch Martin Cremer, „Zentrale Fachbibliotheken", in Fünfzehn Jahre Bibliotheksarbeit (Anm. 9), S. 71-72. 16 Nachrichten (Anm. 7), S. 85-86. 17 von Busse, Struktur und Organisation (Anm. 1), S. 353. Dieser Abschnitt basiert auf den dortigen Ausführungen. 18 Vgl. zu diesem hier nicht auszuführenden Thema neben Cremer (Anm. 15) Dieter Oertel, „Der Aufbau der zentralen Fachbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 13 (1966), 322-330, und von Busse, Struktur und Organisation (Anm. 1), Kapitel 6.2. 19 Die erste Revision erfolgte Mitte der sechziger Jahre; vgl. Gisela von Busse, „Memorandum über Grundgedanken und Fortführung des Sondersammelge- bietsplanes", in Fünfzehn Jahre Bibliotheksarbeit (Anm. 9), pp. 46-64. Die zweite Revision dürfte 1983 abgeschlossen werden. 20 Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ermöglicht neuerdings, daß im Rahmen der Sondersammelgebiete unter bestimmten Bedingungen auch ältere Literatur angeschafft werden kann. II III.2 Ein unzureichend erschlossenes Literaturreservoir (63-72) 1 Nach der Betriebsstatistik 1980 (Berlin, 1981), Abschnitt A O und Deutsche Bibliotheksstatistik 1980 (Berlin, 1981), Tabelle 01. I 313 2 Vgl. oben Kapitel II. 3 Der publizierte Teil des alten Gesamtkatalogs läßt dies an zahlreichen Stellen erkennen. 4 So Hermann Tiemann, „Eindrücke von englischen Bibliotheken", Zentralblatt für Bibliothekswesen, dl (1948), 194. 5 Vgl. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 26 (1979), 444. 6 Zu den nach der Einführung von RAK auftretenden Problemen vgl. etwa Richard Landwehrmeyer, „Die Einführung der RAK aus der Sicht der alten Universitätsbibliotheken", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 21 (1974), 353-360, und Peter Schweigler, „Katalogabbruch - Umstellung auf RAK: Zum gegenwärtigen Stand der Einführung des neuen Regelwerks für die Alphabetische Katalogisierung in der Bundesrepublik Deutschland", in: Bestände in wissenschaftlichen Bibliotheken , hrsg. von Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 34 (Frankfurt, 1981), S. 95-115. 7 Vgl. Helmut Allischewski, „Neues Programm für den Nachweis des Altbestandes", Mitteilungen der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, 13 (1981), 3-16. 8 „Einige praktische Bemerkungen und Wünsche über die öffentlichen Bibliotheken in Preussen", Serapeum, no. 26, 31. August 1842, S. 245. 9 Demgegenüber ist etwa auf die Mikroverfilmung der Kataloge der Österreichischen Staatsbibliothek, Wien, der Universitätsbibliothek Wien und der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen zu verweisen. 10 Die beste Übersicht über die Katalogisierung historischer Bestände zum augenblicklichen Zeitpunkt gibt Jochen Briegleb, „Die Katalogisierung alter Drucke in der Bundesrepublik Deutschland", in Gemeinsame Probleme von Staats- und Hochschulbibliotheken in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, DBI-Materialien 10 (Berlin, 1981), S. 79-95. 11 Vgl. Dieter Oertel, „Katalogisierung von Handschriften und alten Drucken" ebda, S. 61-69, mit „Übersicht über die in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 erschienenen Kataloge abendländischer Hanschriften" (S. 69-76). 12 Vgl. Elmar Hertrich, „Die Inkunabelkatalogisierung in den Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 93 (1979), 445-449. 13 Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des XVI. Jahrhunderts (Stuttgart, 1983 ff.). Beschrieben werden rund 90.000 Drucke, mehr als drei Fünftel der geschätzten Gesamtzahl. 14 Verzeichnis medizinischer und naturwissenschaftlicher Drucke, 1472-1831, bearbeitet von Ursula Zachert (München, 1976 ff.). Martin Bircher, Deutsche Drucke des Barock, 1600-1720, in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (München, 1977 ff.). UHBRMHH ■ i, ...■■■-.-' •■■■ 314 I I : i ! f 15 Vgl. Wolfgang Seuberlich, „Die Ostasienabteilung der Staatsbibliothek", Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, 9 (1971), 181-202, und Bayerische Staatsbibliothek: Katalog der Ostasien-Sammlung (Wiesbaden, 1983 ff.). 16 Vgl. dazu Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 24 (1977), 491-492, und Briegleb (Anm. 10). 17 Übersicht bei Briegleb (Anm. 10), S. 89-91. 18 Briegleb (Anm. 10), S. 87. 19 Zur Entstehung und augenblicklichen Situation der Zentralkataloge vgl. Werner Kratsch, Vereinheitlichung der Regionalen Zentralkataloge, DBI-Materialien, 5 (Berlin, 1981). 20 Nur die Zentralkataloge in Berlin und Göttingen sind frei zugänglich. 21 Eine Übersicht über alle Kataloge existiert meines Wissens nicht. 22 Vgl. dazu unten, Kapitel IV,6. 23 Über den in Arbeit befindlichen Verbundkatalog der neueren Universitätsbibliotheken vgl. unten Kapitel IV,6. 24 14 Bände und ein nachträglich publizierter Band. 25 Dazu Max Pauer, „Literaturversorgung: Grundlagen, Leistungen, Weiterentwicklungen", in Überregionale Literaturversorgung und Kostenrechnung in Bibliotheken, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 24 (Frankfurt, 1977), S. 21-37. 26 Der Beginn variiert von Bibliothek zu Bibliothek. 27 Vgl. die Übersicht bei Kratsch (Anm. 19), S. 9-15. 28 Vgl. Kratsch (Anm. 19). 29 Ebda, S. 8. 30 Jobst Tehnzen und Wilhelm Jacob, Die regionalen Zentralkataloge, die „Negativstelle" und das GAZS, Bibliotheksdienst Beiheft 116/117 (Berlin, 1978), 2. Aufl. 31 Deutscher Gesamtkatalog und Verbundkatalog: Zwei Projektstudien : Reinhard Oberschelp, Der Deutsche Gesamtkatalog: Bestandsverzeichnis deutsch- und fremdsprachiger Literatur in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin (West); Paul Niewalda, Der Verbundkatalog aus maschinenlesbaren Katalogdaten der neueren Universitätsbibliotheken, Bibliotheksdienst Beiheft 131 (Berlin, 1978). 32 „Verfilmung regionaler Zentralkataloge: Überlegungen und Vorschläge der Arbeitsgruppe Retrospektiver Nachweis von Monographien" (unveröffentlicht), S. 42 und 44. 33 Vgl. Jürgen Eyssen, „Ein Projekt von nationaler Bedeutung: Neuer Impuls für einen Gesamtkatalog der deutschen Bibliotheken", Frankfurter Allgemeine 315 Zeitung, 20. Februar 1978. 34 „Vorhaben ,Deutscher Gesamtkatalog': Entscheidung des Vorstandes des DBV", Bibliotheksdienst, 1978, 662-664. Vgl. dazu Max Pauer, „Brauchen wir einen Deutschen Gesamtkatalog?" in Bibliotheken im Verbund, Arbeitsplätze und neue Techniken, hrsg. von Hermann Havekost, Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 32 (Frankfurt, 1981), S. 50-56. 35 Vgl. British Library, Eighth Annual Report, 1980-81. 36 Zentralblatt für Bibliothekswesen, 4\ (1924), 534. III. 3 Ein überlastetes Versorgungsnetz (73-79) 1 Die neueste Fassung enthält der Bibliotheksplan '73 des Deutschen Bibliotheksverbandes. Sie ist schärfer konturiert als andere Fassungen der Theorie und bisher, soweit mir bekannt ist, nicht revoziert worden. 2 Vgl. Betriebsstatistik 1975 und Betriebsstatistik 1980 (Berlin, 1976 und 1981), Abschnitt C 1. 3 Rechnet man die Technische Informationsbibliothek, Hannover, und die Zentralbibliothek der Medizin, Köln, nicht mit, beträgt die Steigerungsrate sogar 38 Prozent. Regional liegt sie zum Teil erheblich höher. 4 Das gilt nach Ausweis der Betriebsstatistik für fast alle Universitätsbibliotheken; nur in den besonders belasteten Universitäten treten höhere Zuwachsraten auf. 5 Walter Koschorreck, Geschichte des „Deutschen Leihverkehrs", Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 7 (Wiesbaden, 1958), S. 112. 6 Vgl. Jobst Tehnzen, „Zur Effizienz des Leihverkehrs der deutschen Bibliotheken", Bibliotheksdienst (1976), 301. Die Zeitschrift Uni, herausgegeben von der Bundesanstalt für Arbeit und an Studenten gerichtet, informierte ihre Leser: „Im Fernleihverkehr rechnet man mit Wartezeiten von 3-6 Wochen und mehr, also zeitig einplanen oder gar nicht erst anfordern" (6. Januar 1982, S. 23). Nach meinen eigenen Erfahrungen betragen die Laufzeiten für Zeitschriftenliteratur der letzten zehn Jahre zwischen drei Wochen und drei Monaten. 7 Tehnzen (Anm. 6), S. 302. 8 Die gleiche Berechnung hat Tehnzen bereits für 1974 ausgeführt, als 42 Prozent nur 550.000 Fernleihbestellungen ausmachten; vgl. Anm. 6. 9 Das gilt nach meiner (nicht singulären) Erfahrung sowohl für ältere wie für neuere und neueste Literatur. 10 Vgl. Hartwig Lohse, ^Verlorengegangene' Fernleihbestellungen", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie ,21 (1974), 36-41. Ii : iv IWB lll lilijj!; M l:i;i;:| 316 11 Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen: Teil II: Wissenschaftliche Bibliotheken (Bonn, 1964), S. 58. 12 Die umfangreiche, hier nicht im einzelnen zu besprechende Literatur zum Leihverkehr ist zusammengestellt bei Bernhard Sinogowitz, Leihverkehrs-Fibel: Kurzgefaßte Anleitung zur Praxis des Leihverkehrs der deutschen Bibliotheken, Bibliothekspraxis 24 (München, 1980). 13 Vgl. etwa Otwin Vinzent, „Organisationsmodell für den Leihverkehr in wissenschaftlichen Universalbibliotheken, dargelegt am Beispiel der Universitätsbibliothek Saarbrücken", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 23 (1976), 87-93, und Jobst Tehnzen und Wilhelm Jacob, Die regionalen Zentralkataloge, die .Negativstelle' und das GAZS, Bibliotheksdienst Beiheft 116/117 (Berlin, 1978), und Klaus-Dieter Lehmann, „Maßnahmen und Modellversuche zur Verbesserung des Leihverkehrs", in Bibliothek als Informationsvermittler: Probleme und Modelle, hrsg. von Paul Kaegbein, Hans Joachim Kuhlmann und Helmut Sontag, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 28 (Frankfurt, 1979), S. 99-104. Die Veröffentlichungen enthalten detaillierte technische Reformvorschläge. 14 Die für den Benutzer hilfreichste Verbesserung ist die Möglichkeit von Direktbestellungen. 15 Vgl. etwa Sinogowitz, Leihverkehrs-Fibel (Anm. 12), S. 17. 16 So die Denkschrift der Deutschen Forschungsgemeinschaft Überregionale Literaturversorgung von Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik Deutschland (Boppard, 1975), S. 69. 17 Vgl. die Feststellungen Adolf von Harnacks (oben, Kapitel II). 18 Ein Beispiel aus der Medizin, zu dem sich zahlreiche Parallelen in den Geisteswissenschaften finden ließen, bieten Ramon Velez und Donald L. Patrick, "Citation of Foreign Literature in U.S. and U.K. Journals", New England Journal oj Mediane , 307 (1982), 1155. 19 Vgl. dazu die Denkschrift (Anm. 16), S. 64-67. 20 Es gehört m. E. zu den Fehleinschätzungen der Nachkriegszeit, daß diese Situation auch als Grundsituation für das Jahr 1950 angesetzt wurde. Die aufgrund des dezentralisierten Konzepts festgelegten Sondersammelgebiete wurden primär nach dem „fachlichen Prinzip" bestimmt. „Ausschlaggebend sollte die Tradition der Bibliothek auf den jeweiligen Gebieten, die Tradition der Universität und der Lehrstühle des Fachgebietes sein." Der damals zum Ausgleich zwischen dem fachlichen und dem regionalen Prinzip eingeführte Begriff „Kulturkreis" hob das Dilemma nicht auf. Zitate aus H. Tiemann, „Aus der Arbeit des Bibliotheksausschusses der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft", Nachrichten für wissenschaftliche Bibliotheken ,3(1950), 1 03. 21 Nach einer von Werner Kratsch ausgeführten Untersuchung zur Struktur des Leihverkehrs der Deutschen Bibliotheken , dbi-Materialien, 27 (Berlin, 1983). 22 Vgl. dazu auch Jobst Tehnzen und Wilhelm Jacob, „Probleme der Literatur- :■:■:■: 317 Versorgung: Überlegungen nach einem Besuch der National Lending Library, Boston Spa, England", Nachrichten für Dokumentation , 24(1973), 167-178. 23 Die Steigerungsraten betrugen in drei herausgegriffenen Fällen rund 75, 155 und 2.360 Prozent. Dem standen in zwei anderen Fällen Rückgänge um rund 7 und 36 Prozent gegenüber. Die Steigerungsraten an ,alten' stark belasteten Universitätsbibliotheken betrugen in drei Fällen 21, 46 und 60 Prozent. Berechnungen nach den Betriebsstatistiken von 1975 und 1980. 24 Vgl. dazu die Darstellung von Koschorreck (Anm. 5). 25 Bibliotheksplan 1973: Entwurf eines umfassenden Bibliotheksnetzes für die Bundesrepublik Deutschland (Berlin, 1973), S. 9-10. 26 Nach Betriebsstatistik 1980 (Berlin, 1981). III.4 Der Rückzug in die Region (80-86) 1 Vgl. dazu das „Gesetz zur Errichtung einer Stiftung ,Preußischer Kulturbesitz'..." vom 25. Juli 1957 in Jahrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1962, 113-118. 2 So im „Königsteiner Abkommen" von 1949, im Verwaltungsabkommen 1957 und in der Rahmenvereinbarung von 1975. 3 Vgl. oben Kapitel 111,1. 4 Vgl. Erik Wilkens, „Die Bibliotheksregion: Gemeinsame Aufgabe der Volksbüchereien und der wissenschaftlichen Bibliotheken", Mitteilungsblatt des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, N.F. 5 (1955), 41-49. Die beste Übersicht bietet das Kapitel „Regionale Bibliotheksstruktur" bei Gisela von Busse, Struktur und Organisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik Deutschland: Entwicklungen 1945 bis 1975 (Wiesbaden, 1977). 5 Das vielleicht interessanteste Beispiel für eine sich wandelnde Einstellung zum Gesamtkatalog bieten verschiedene Äußerungen von Georg Leyh. 6 Vgl. etwa S. 12: „Bei der Konzeption des Bibliotheksplanes sind die Kategorien der Raumordnung angewandt, um den Gesamtkomplex Bibliothekswesen' in die Raumordnungsprogramme des Bundes und der Länder einzubringen." Vgl. auch „Bibliotheksplanung in den Bundesländern", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 20 (1973), 84-102. 7 Vgl. Regionalbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland , hrsg. von Wilhelm Totok und Karl-Heinz Weimann, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 11 (Frankfurt, 1971); und Paul Raabe, Alten Bibliotheken eine Zukunft (Fulda, 1978); auch in Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 25 (1978), 353-369. 8 Vgl. etwa Günther Pflug, Die Bibliotheken und die wissenschaftliche Literatur (Stuttgart, 1979), S. 17-18. üs n 31 J8m n '.-'' - : ■'■'■- ] ..'-' : "■■' " ■ ■■■■ I .'-.'■■ . im II ■■■'■■■;', ■■v , ' i '--r .;/ ■' HHmH BEE W i- 318 9 „Von guter preußischer Tradition : Ansprache zur Eröffnung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz" in Reden und Interviews, 5 (Bonn, 1979), S. 160-164. 10 Günther Pflug, „Hardware-Ausstattung der deutschen Bibliotheken", in Die Zukunft automatisierter Bibliotheksnetze in der Bundesrepublik Deutschland: Möglichkeiten und Grenzen aus technischer und bibliothekarischer Sicht, hrsg. von der Arbeitsstelle für Bibliothekstechnik bei der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (München, 1977), S. 17 und 13. 11 „Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme und zur Einrichtung Regionaler Bibliothekszentren" Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 27 (1980), 189-204. 12 Jochen Briegleb, „Der Stand der Bibliotheksautomatisierung in Deutschland: Bestandsaufnahme und Tendenzen", in Die Zukunft automatisierter Bibliotheksnetze (Anm. 10), S. 25. 13 „Empfehlungen" (Anm. 11) S. 200. III. 5 Defizitäre Voraussetzungen - defizitäre Forschung? (87-96) 1.11 ! l: - 1 Ich nenne hier nur drei Arbeiten, die Tendenzen und Probleme in diesem Bereich sichtbar machen: Hans Jürgen Sonnenberger, „Forschung als Befund? Über die Meßbarkeit wissenschaftlicher Forschung" und Christian Flämig, „Effizienzkontrolle der Hochschulforschung?" beide in Bilanz einer Reform: Denkschrift zum 400jährigen Bestehen der Philipps-Universität zu Marburg, hrsg. vom Hochschulverband in Zusammenarbeit mit Hans-Bernd Härder und Ekkehard Kaufmann (Bonn, 1977); sowie Thomas Finkenstaedt, „Zur Forschungsmessung in den Geisteswissenschaften: Das Beispiel Anglistik", Ad acta, 3 (1978), 110-164. 2 In den Naturwissenschaften ist das Problembewußtsein natürlich stärker ausgeprägt. Vgl. dazu etwa einige Bemerkungen von Heinz Maier-Leibnitz, „Doppelt soviel Spitzenforschung an den deutschen Hochschulen?" in Zwischen Wissenschaft und Politik: Ausgewählte Reden und Ausätze 1974-1979 (Boppard, 1979), 126-137. 3 So etwa neuerdings in Frankreich und in Schweden. 4 Ein Beispiel dafür bietet die Cambridge Bibliography (1940), die zweifellos dazu beigetragen hat, daß Periodisierungsprobleme in der englischen Literarhistorie eine völlig untergeordnete Rolle spielen. 5 Ich wähle diese Metapher in Anlehnung an die Konzeption der „Kulturkreise", die bei der Etablierung des Sondersammelgebietssystems eine Rolle spielte; vgl. Hermann Tiemann, „Zur Problematik der Sondersammelgebiete" in Fünfzehn Jahre Bibliotheksarbeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1949-1964: Er- 1 BffnHHm^^^^^^^miBBBi^BH^^^^H 319 gebnisse und Probleme, hrsg. von Wieland Schmidt und Dieter Oertel, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 4 (Frankfurt, 1966), S. 37-39. 6 In Deutschland ist der Kreuzkatalog ungebräuchlich, findet aber neuerdings Beachtung; vgl. Hans Popst, „Der Kreuzkatalog im Trend neuer Entwicklungen" in Bestände in wissenschaftlichen Bibliotheken: Erschließung und Erhaltung, hrsg. von Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 34 (Frankfurt, 1982), S. 180-189. 7 Die generelle Kritik ist zu bekannt, als daß hier einzelne Beispiele genannt werden müßten oder dürften. 8 In der Reihe „Hanser Anthropologie" (München, 1977). 9 Welche Rolle fehlende Informationsmöglichkeiten gespielt haben können, ist hier nicht zu entscheiden. Es ist jedoch aufschlußreich, daß Walther Gebhardt in seinen Spezialbeständen in deutschen Bibliotheken (Berlin, 1977) nur zwei Hinweise auf eisenbahngeschichtliche Literatur gibt: die Bibliothek der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (als Dauerleihgabe in der Universitätsbibliothek in Dortmund) und den Präsenzbestand im Verkehrsmuseum in Nürnberg. Ein dritter Bestand, der wahrscheinlich wegen des Kontextes, in dem er sich befindet, besonders ergiebig ist, läßt sich über die gängigen Hilfsmittel nicht auffinden: der in der Bayerischen Staatsbibliothek. Mir sind nur zwei Hinweise darauf bekannt: im Bibliotheksführer der Staatsbibliothek (München, 1967; S. 53, ohne Eintrag im Register) und in Clemens Köttelweschs Übersicht über Das wissenschaftliche Bibliothekswesen in der Bundesrepublik Deutschland (Frankfurt, 1980) 2. Aufl., I, 63. 10 Ich bitte um Verständnis dafür, daß dieser und die folgenden Abschnitte allgemein gehalten sind. Es scheint mir nicht statthaft, auf einzelne Bücher besonders hinzuweisen. Außerdem entstammen einige meiner Informationen privaten Gesprächen. 11 Gerhard Schutt, „Direktbestellungen und Leihverkehr", Zeitschrift für Bibliothekwesen und Bibliographie , 23 (1976), 19. 12 Bibliographie der deutschen Universitäten: Systematisch geordnetes Verzeichnis der bis Ende 1899 gedruckten Bücher und Aufsätze über das deutsche Universitätswesen (Leipzig und Berlin, 1904), 3 Bände. 13 Erman, I, xi-xii. 14 Private briefliche Mitteilung. 15 Vgl. Beiträge zur bibliographischen Lage in der germanistischen Literaturwissenschaft, hrsg. von Hans-Henrik Krummacher (Boppard, 1981). 16 Ein einziges Beispiel. Von der deutschen Übersetzung von Humphrey Dittons Discourse concerning the Resurrection of Jesus Christ (1712) gibt es zwischen 1732 und 1764 fünf Auflagen. Die erste ist in Göttingen einzusehen, die zweite in Bonn, die dritte in Überlingen, die vierte in Düsseldorf und die fünfte in Stuttgart. mmMmz 320 17 Denkschrift betreffend die Kataloge der Preußischen Bibliotheken und ihrer Reform durch den Druck des Gesamtkatalogs (Leipzig, 1925), S. 29-30. IV. 1 Utopien und Realitäten von morgen (97-110) 1 Iji 1 ."iß Ü ! Üi 1 Die folgende Einteilung in Anlehnung an Maurice B. Line, 'National In- terlending Systems: Existing Systems and Possible Models', Interlending Review, 1 (1979), 42-46, weiter ausgeführt in einer internen UNESCO-Studie von Maurice B. Line et al. unter dem gleichen Titel (Paris, 1980). 2 Vgl. oben, Kapitel II. 3 Vgl. oben, Kapitel 111,1. 4 So von Jobst Tehnzen und Wilhelm Jacob, „Probleme der Literatur-Versorgung: Überlegungen nach einem Besuch der National Lending Library, Boston Spa, England", Nachrichten für Dokumentation , 24 (1973), 167-178; und vor allem von Franz-Heinrich Philipp, „Die überregionale Literaturversorgung auf der Basis Zentraler Fachbibliotheken" in Überregionale Literaturversorgung und Kostenrechnung in Bibliotheken, hrsg. von Helmut Sontag und Wilhelm Totok, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 24 (Frankfurt, 1977), S. 38-49, und Die Deutsche Fernleihbibliothek (DFB): Ein Modellentwurffür die überregionale Literaturversorgung (Marburg, 1978). 5 Vgl. dazu Stefan Gergely, „Ergebnisse einer Untersuchung über die Effizienz verschiedener Fernleihsysteme", Fakten, Daten, Zitate (1981), Heft 4, 4-6. 6 Vgl. oben, Kapitel 111,3 zu den Anteilen ,älterer' Literatur an den Fernleihbestellungen. 7 Vgl. dazu In Celebration: The National Union Catalog, Pre-1956 Imprints, ed. John Y. Cole (Washington, 1981), besonders die Beiträge von Gordon R. Williams, Nicolas Barker und William B. Todd. 8 In einem Brief an R. Gradmann vom 18. Mai 1908, zitiert von Gradmann in „Zentralisation und freie Entwicklung", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 42 (1925), 155. 9 Vgl. oben, Kapitel 111,2. 10 „Verfilmung regionaler Zentralkataloge: Überlegungen und Vorschläge der Arbeitsgruppe Retrospektiver Nachweis von Monographien" (unveröffentlicht), S. 46. ^^m™™™™ 321 SR IV.2 Erschließung und Erhaltung historischer Buchbestände (111-121) 1 Vgl. dazu Charles B. Osburn, Academic Research and Library Resources: Changing Patterns in America, New Directions in Librarianship, 3 (Westport, Conn. and London, 1979), Kap. 3. 2 Ein Einzelbeispiel ist Peter Fryer, Private Case - Public Scandal (London, 1966) - über die "private case collection" der British Library. Allgemeine Entwicklungen sind skizziert in D. W. Krummel (ed.), "Trends in the Scholarly Use of Library Resources", Library Trends, 25, no. 4 (1977). 3 Vgl. Dorothy Anderson, Universal Bibliographie Control (München, 1974) und Klaus-Dieter Lehmann, „Leihverkehr und das UAP-Programm von IFLA und UNESCO", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 30(1983), 103-109. 4 Vgl. Ian R. Willison, "The Relevance of Universal Availability of Publications to Rare and Precious Books", IFLA Journal, 4 (1978), 158-164. 5 Vgl. Biblioteca Vaticana, Studi e testi, 276 (Roma, 1976). 6 Karl Dachs, „Bibliothekarische Probleme der Benutzung und Konservierung von Altbeständen" in Gemeinsame Probleme von Staats- und Hochschulbibliotheken in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, dbi-Materialien, 10 (Berlin, 1981), S. 113. 7 Karl Dachs, „Eine .Reserve seltener Drucke' für die Bayerische Staatsbibliothek", Bibliotheksforum Bayern, 4 (1976), 184. 8 Vgl. Dachs (Anm. 6 und 7) und Peter Jörg Becker, Tilo Brandis und Lutz Sonnenburg, „Rara-Separierung aus dem Altbestand", Mitteilungen der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, 15 (1983), 94-106. 9 Die beste Kurzdarstellung ist Roderick Cave, Rare Book Librarianship (London, 1982), Second edition. 10 Eine Übersicht gibt Severin Corsten, „Gemeinschaftsunternehmen zur Erschließung alter Buchbestände in der Bundesrepublik Deutschland" (IFLA 1982; bisher unveröffentlicht). 11 Walther Gebhardt, Spezialbestände in deutschen Bibliotheken: Bundesrepublik Deutschland einschl. Berlin (West) (Berlin und New York, 1977) ist bisher das einzige Hilfsmittel, mit dem sich einige historische Bestände ermitteln lassen. Es handelt sich jedoch um Spezialbestände, während das hier vorgeschlagene Handbuch ein anderes Ziel verfolgt. 12 Eine gute Auswahl aus der umfangreichen Literatur bietet Paul N. Banks, A Selective Bibliograph}' on the Conservation of Research Library Materials (Chicago, 1981). 13 Vgl. Clemens Köttelwesch, „Restaurierung wertvoller Altbestände in wis- '•:'.;■ K -.-.,■ SM H HBHH : :,•■. 322 senschaftlichen Bibliotheken - ein Programm der Stiftung Volkswagenwerk" in Etatkürzungen und Öffentlichkeitsarbeit, hrsg. von Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 38 (Frankfurt, 1983), S. 39-47. 14 Jeanne Veyrin-Forrer, «Le Concept de : L'experience de la Bi- bliotheque Nationale», im Rahmen der „Celebrazioni in onore di Antonio Panizzi", Rom 1979 (maschinenschriftlich), und Nicolas Barker, "Conservation and Preservation: A Problem of Library Management: A British Library View", Libri,3,\ (1981), 193-197. 15 Die letzten Beiträge finden sich in Bestände in wissenschaftlichen Bibliotheken, hrsg. von Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 34 (Frankfurt, 1982). Vgl. auch Das historische und wertvolle Buchgut in der Bibliotheksverwaltung , hrsg von Otto Mazal und Eva Irblich, Biblos-Schriften, 104 (Wien, 1980). 16 Vgl. Arbeitsbericht 1978-1981 (Berlin, 1982), S. 97. 17 Ein Verfilmungsprogramm wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft initiiert. 18 Vgl. die entsprechenden Eintragungen im Arbeitsbericht 1978-1981 (Anm. 16). 19 Bisher ist „Schutzverfilmung" ein Konzept, das fast ausschließlich im Bereich der Handschriften Gültigkeit hat. 20 So liegen etwa in der British Library auf jedem Arbeitsplatz "Conservation notices" aus, abgebildet in Cave (Anm. 9), vor p. 65. 21 Vgl. auch Paul Raabe, „Gelehrte Tradition und preußisches Erbe: Zur Ortsbestimmung des deutschen Bibliothekswesens" (Vortrag auf dem Bibliothekartag 1983). ig! II liil m''tt IV.3 Archivierung der Nationalliteratur (123-146) 1 „Freiheit als Dienst an der Wahrheit: Rede zum 250. Geburtstag Gotthold Ephraim Lessings", Reden und Interviews 5 (1979), 192. 2 Vgl. Systematisches Verzeichniß der Lessing-Litteratur in der Herzog!. Bibliothek zu Wolfenbüttel mit Ausschluß der Handschriften (Wolfenbüttel, 1889). 3 Vgl. dazu Paul Raabe und Georg Ruppelt, Quellenrepertorium zur neueren deutschen Literaturgeschichte (Stuttgart, 1981), 3. Aufl. 4 Werke, Hamburger Ausgabe (München, 1981), XII, 239-244. 5 Eine knappe historische Übersicht bietet Hildebert Kirchner, Bibliotheks- und Dokumentationsrecht (Wiesbaden, 1981), S. 178 ff. Dort auch das folgende Zitat. rSii luLÜuüdliuLjüÜÜL;! iluUü^U^- ■ 323 6 Vgl. oben, Kapitel II. 7 Max Stois, „Das Recht der Pflichtexemplare mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Rechts", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 42 (1925), 139. Vgl. auch Karl Preisendanz, „Für das einheitliche deutsche Pflichtexemplar", ebda 51 (1934), 405-417, der ebenfalls beklagt, daß „das von jeher brennende Problem einer pflicht- und gesetzmäßigen Abgabe von Belegen... bis heute in Deutschland noch keine juristisch oder bibliothekstechnisch befriedigende Lösung, vor allem keine einheitliche Regelung gefunden" hat (S. 405). 8 So das Gesetz vom 31. März 1969. Vgl. Die deutsche Bibliothek, hrsg. von Rolf-Dieter Saevecke, Ämter und Organisationen der Bundesrepublik Deutschland (Düsseldorf, 1980). 9 Vgl. dazu Ralph Lansky, „Die Pflichtexemplar- und Amtsdrucksachenberech- tigten Bibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin (West)", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 22 (1975), 136-142, 464. 10 Vgl. dazu Werner Krieg, Landesbibliotheksaufgaben in Nordrhein-Westfalen, Kulturförderung in Nordrhein-Westfalen, 2 (Köln, 1979). 11 Vgl. dazu Reinhard Oberschelp, „Regionalbibliographien als Aufgabe der Regionalbibliotheken", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 19 (1972), 75-88, und (ebenfalls mit grundsätzlichen Überlegungen und einer neueren bibliographischen Übersicht) Bertram Haller, „Die nordrhein-west- fälische Bibliographie: Überlegungen zur Möglichkeit einer Regionalbibliographie für das Land Nordrhein-Westfalen", Mitteilungsblatt des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen , N.F. 32 (1982), 107-147. 12 Vgl. Josef A. Kruse, „Das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf und seine Archivbestände", Der Archivar, 31 (1978), 476-480, und Raabe-Ruppelt, Quel- lenrepertorium (Anm. 3), S. 45 (zu anderen Sammlungen). 13 Vgl. Raabe-Ruppelt, ebda, S. 35. 14 „Archive der Literatur in ihrer Bedeutung für das Studium der Geschichte der Philosophie" (1889) in Gesammelte Schriften (ed. Stuttgart und Göttingen, 1968), IV, 555-575. 15 Vgl. Deutsches Literaturarchiv - Schiller-Nationalmuseum: Die Institute der Deutschen Schillergesellschaft vorgestellt von den Mitarbeitern (Marbach, 1982). 16 Bernhard Zeller, „Literaturarchive" in Geisteswissenschaft als Aufgabe: Kulturpolitische Perspektiven und Aspekte, hrsg. von Hellmut Flash AR u. a. (Berlin, 1978), S. 78. Vgl. auch Zeller, „Archive für Literatur", Akademie der Wissenschaften und der Literatur [Mainz]: Abhandlungen der Klasse der Literatur, 1973/74 (Wiesbaden, 1974). 17 Vgl. Fritz Adler, Freies Deutsches Hochstift: Seine Geschichte: Erster Teil, 1859-1885 (Frankfurt, 1959). 18 Zeller, „Literaturarchive" (Anm. 16), S. 78. § I m im B Ü II HitTjtMnjtrciwwjnnn JBjHWflMBflBoKBHBfiffflB II I 324 19 Vgl. dazu auch Nigel Lewis, Paperchase: Mozart, Beethoven, Bach: The Searchfor Their Lost Music (London, 1981). 20 Mir liegt eine maschinenschriftliche Fassung vor, datiert 27. Oktober 1976. Zitate S. 1, 2-3. Ergänzend dazu: Bibiotheksverband der Deutschen Demokratischen Republik, „Die Verantwortung der Bibliotheken bei der Wahrung, Pflege und Verbreitung des kulturellen Erbes, Materialen der Fachtagung Berlin, Hauptstadt der DDR, 7.-9. Januar 1981" (Berlin, 1981), ebenfalls maschinenschriftlich. Vgl. auch Karl-Robert Mandelkow, „Die literarische und kulturpolitische Bedeutung des Erbes" in Die Literatur der DDR , hrsg. von Hans-Jürgen Schmitt, Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 11 (München, 1983), S. 78-119. 21 Zu den Spannungen der Erwerbungspolitik vgl. etwa Kurt Dorfmüller, „Preziosen und Paperbacks: Büchersammeln von Staats wegen", und Georg Ramseger, „Erfolge öffentlichen Büchersammelns - Das Beispiel Bayerische Staatsbibliothek", Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Frankfurter Ausgabe), 26. Mai 1978, A173-A178 und A178-A184. 22 Die Cambridge Bibliography of English Literature erschien 1940 und wurde damals auch als ein Dokument der geistigen Geschlossenheit Englands aufgefaßt. Vgl. auch I. R. Willison, "The National Printed Archive: Past, Present, and Future" (bisher unveröffentlichter Vortrag, San Francisco 1981). 23 „Allerhöchster Erlass betreffend das Statut für die Königliche Bibliothek zu Berlin", Zentralblatt für Bibliothekswesen ,31(1 886), 108-111. 24 So etwa die Sammlung Faber du Faur, die auch auf Mikrofilm vorliegt. 25 Gerhard Dünnhaupt, „Vom Wert und Unwert barocker Kostbarkeiten", Börsenblattfür den Deutschen Buchhandel (Frankfurter Ausgabe), 29. Oktober 1982, S. A384. Vgl. auch Klaus Garber, „Kleine Barock-Reise durch die DDR und Polen", Wolfenbütteler Barock-Nachrichten , 7 (1980), 2-10, 50-62, und Leonard Forster, her Bohemicum: A Report on German Baroque Literature in Cze- choslovak libraries, Daphnis, 9 (Amsterdam, 1980). 26 Alfred Estermann, Die deutschen Literatur-Zeitschriften, 1810-1850: Bibliographien, Programme, Autoren (Nendeln, 1977-1981), 10 Bände. 27 Vgl. dazu „Die Funktion der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz" in Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz: Festgabe zur Eröffnung des Neubaus in Berlin, hrsg. von Ekkehart Vesper (Wiesbaden, 1978), Abdruck in Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 26 (1979), 1-12. 28 P. Hirsch, [Bericht über die Fünfte Bibliothekarversammlung], Zentralblatt für Bibliothekswesen, 21 (1904), 357. 29 Georg Leyh, „Kulturabbau und wissenschaftliche Bibliotheken", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 49 (1932), 401. 30 Richard Landwehrmeyer, „Die Etat-Situation der wissenschaftlichen Bibliotheken 1982", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 29 (1982), 265. 31 „Kulturgut ohne Schutz?", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juni 1982. :•: ■.■.•..■,,:■..■:■:•..:•:■:.:.:.;.:. *;■:•-■ 325 IV.4 Entdogmatisierung des Leihverkehrs (147-162) 1 Überregionale Literaturversorgung von Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik Deutschland (Boppard, 1975), S. 69. 2 Ebda. 3 Vgl. oben, Kapitel 111,3. 4 Die Situation stellt sich in den einzelnen Leihverkehrsregionen unterschiedlich dar. Eine Übersicht über Details scheint an dieser Stelle entbehrlich. 5 Vgl. oben, Kapitel 111,4 und unten, Kapitel IV,6. 6 Vgl. Jürgen Heydrich, Einsatz von Fernschreibern im Leihverkehr (DATEX- Projekt): Abschlußbericht Herbst 1975 (Köln, 1975). 7 So etwa Jobst Tehnzen und Wilhelm Jacob, „Probleme der Literatur-Versorgung: Überlegungen nach einem Besuch der National Lending Library, Boston Spa, England", Nachrichten für Dokumentation ,24 (1973), 167-178. 8 Überregionale Literaturversorgung (Anm. 1), S. 32-33. 9 Zitiert nach Walter Koschorreck, Geschichte des „Deutschen Leihverkehrs", Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 7 (Wiesbaden, 1958), S. 114. Vgl. im übrigen oben, Kapitel II. 10 Zitiert nach Koschorreck (Anm. 9), S. 115 (Brief an Althoff, 16. Mai 1889). 11 Vgl. oben, Kapitel II. 12 Karl Diesch, „Der deutsche Leihverkehr", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 38 (1921), 164, 163. 13 R. Fick, Bibliothek und Schule (Langensalza, 1924), p. 18. 14 Gustav Abb, „Vom Deutschen Leihverkehr", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 44 (1927), 449. 15 Diesch, „Der deutsche Leihverkehr" (Anm. 12), S. 169. 16 Vgl. Wieland Schmidt, „Von der Kurfürstlichen Bibliothek zur Preußischen Staatsbibliothek: Geschichtlicher Überblick von 1661 bis 1945", in Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz: Festgabe zur Eröffnung des Neubaus in Berlin, hrsg. von Ekkehart Vesper (Wiesbaden, 1978), S. 59-61. 17 Walther Schulze, „Der auswärtige Leihverkehr der preussischen Bibliotheken", Deutsche Geschichtsblätter, 2 (1901), 173, 171. 18 Ernst Kuhnert, „Die Ziele der Deutschen Leihverkehrsordnung", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 44 (1927), 338. II II Sil Kl Hl PI 11 ;.■■:;.;;;;;;:::!■";-"; 326 19 Vgl. Koschorreck, Geschichte (Anm. 9), S. 11. 20 Georg Leyh, „Richard Pietschmann zum Gedächtnis", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 43, (1926), 225. 21 Zentralblatt für Bibliothekswesen , 49 (1932), 401. 22 Vgl. Anm. 17, S. 168. 23 Bernhard Sinogowitz, Leihverkehrs-Fibel: Kurzgefaßte Anleitung zur Praxis des Leihverkehrs der deutschen Bibliotheken , Bibliothekspraxis, 24 (München, 1980), S.9. 24 Koschorreck, Geschichte (Anm. 9), S. 112. 25 In der bibliothekarischen Fachliteratur finden sich verschiedentlich Rangzuweisungen für Bibliotheken nach der Zahl der Leihvorgänge im gebenden Leihverkehr. 26 Hans Limburg, „Vergessene Präliminarien? Zur überregionalen Literaturversorgung", Mitteilungen des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein- Westfalen, 26 (19"/'6), 313. 27 Gisela von Busse, Struktur und Organisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik Deutschland: Entwicklungen 1945 bis 1975 (Wiesbaden, 1977), S. 741. 28 Verschiedentlich scheinen interne Erhebungen angestellt worden zu sein. Es wäre erwünscht, wenn besonders der Anteil der Studenten und Doktoranden am auswärtigen Leihverkehr festgestellt werden könnte. Möglicherweise würde sich ergeben, daß der Anteil der .fortgeschrittenen' Forschung am Leihverkehr geringer ist, als in der Regel angenommen wird. 29 Robert Schweitzer, „Schüler der Reformierten Oberstufe in der wissenschaftlichen Bibliothek: Punktuelle Beratung durch den Auskunftsdienst oder offensive Benutzerschulung?" in Etatkürzungen und Öffentlichkeitsarbeit: Bibliotheken im Umbruch? hrsg. von Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 38 (Frankfurt, 1983), 153- 163. 30 Vgl. dazu bereits Wilhelm Martin Luther, „Der deutsche Leihverkehr seit 1931", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 3 (1956), 286. 31 Zitiert nach Sinogowitz, Leihverkehrs-Fibel (Anm. 23), S. 113. 32 Das Problem der Beteiligung aller Öffentlichen Bibliotheken am Leihverkehr wurde bereits in den fünfziger Jahren diskutiert. Vgl. Gisela von Busse, Struktur und Organisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens (Anm. 27), S. 607-609. 33 Vgl. E. J. Kenney, 77ie Classical Text: Aspects of Editing in the Age ofthe Printed Book (Berkeley und Los Angeles, 1974). 327 ■ IV.5 Modernisierung des Versorgungssystems (163-178) 1 Jahresbericht der Preußischen Staatsbibliothek (Berlin, 1938), S. 37. Vgl. auch Wilhelm Martin Luther, „Der deutsche Leihverkehr seit 1931", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 3 (1956), 271-289. 2 Das beste Beispiel ist die Gesamtverfilmung der englischen Buchproduktion für die Zeiträume von 1475 bis 1640 und von 1640 bis 1700. 3 Vgl. etwa Karl Dachs, „Die Schutzverfilmung" und Tilo Brandis, „Die Sicherheitsverfilmung" in Zur Praxis des Handschriftenbibliothekars , hrsg. vom Deutschen Bibliotheksinstitut, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 30 (Frankfurt, 1980), S. 49-62. 4 Ein entsprechendes Programm wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Weiterhin ist etwa auf solche Einrichtungen wie das historische Pressearchiv an der Bibliothek der Universität Bremen zu verweisen. 5 Aus der einschlägigen Literatur ist dies bekannt, so daß ich hier auf Nachweise verzichten kann. 6 Paragraph 25 der Leihverkehrsordnung von 1979. 7 Gisela von Busse, Struktur und Organisation des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in der Bundesrepublik Deutschland: Entwicklungen 1945 bis 1975 (Wiesbaden, 1977), S. 611. 8 Vgl. die Bibliotheksstatistiken der letzten Jahre. 9 Erläuterungen zu Paragraph 25 der Leihverkehrsordnung von 1979. 10 Mündliche Auskunft. 11 Manfred Kleiss und Norbert Hörn, „Das neue Kopiergerät Varioprint W 1001: Ein Erfahrungsbericht", ABI-Technik: Zeitschrift für Automation, Bau und Technik im Archiv-, Bibliotheks- und Informationswesen , 2 (1982),225-227. 12 Zuerst vorgestellt im Rahmen der Ausstellung "The British Library and Information Technology", November und Dezember 1982. Reproduktion der schematischen Darstellung mit freundlicher Genehmigung der British Library. 13 Vgl. auch Wilhelm Jacob, „Mikroformen als Leihverkehrsmedium", in Bestände in wissenschaftlichen Bibliotheken: Erschließung und Erhaltung, hrsg. von Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 34 (Frankfurt, 1982), 216-220; hier geht es zunächst noch um Mikrofilm und Filmstrips. Hinweise auch bei Jörg Fligge, „Zur Integration der Daten-, Text- und Faksimile-Kommunikation im Bibliothekswesen", ABI-Technik: Zeitschrift für Automation, Bau und Technik im Archiv-, Bibliotheks- und Informationswesen , 1 (1981), 103-108. Vgl. überdies auch zwei englische Studien, die allerdings von anderen Voraussetzungen ausgehen. Ian R. Willison, "The Relevance of Universal Availability of Publications to Rare and Precious :;;;.;■:;. ;i;i;i I 328 Books", I FLA-Journal, 4 (1978), 158-164, und Maurice B. Line, "The Availability of Old, Rare and Precious Books: Problems and Solutions", Interlending Review, 10(1982), 119-124. 14 Josef Goebel, Schrift, Letter, Mikrokopie (Mainz, 1940). Goebel sah den Mikroplanfilm als „Buchplatte" in Analogie zur Schallplatte. 15 Zu den erheblichen Portoeinsparungen für eine durch den Leihverkehr stark in Anspruch genommene Bibliothek vgl. Jacob (Anm. 13). 16 Technische Einzelheiten der in verschiedenen Ausführungen angebotenen Kameras brauchen hier nicht erörtert zu werden. 17 Schätzungen aus dem Bibliotheksbereich. Angaben ohne Berücksichtigung der Zeiten für Einrichtung zur Aufnahme und Kontrolle des fertigen masterfiche. 18 Diese Experimente wurden bereits vor längerer Zeit in England im Zusammenhang mit fotographischen Aufnahmen für die reprint -Herstellung gemacht. 19 Vgl. oben, Kapitel 111,2. 20 Fremont Rider, The Scholar and the Future ofthe Research Library: A Problem and lts Solution (New York, 1944). 21 Ich lasse hier die Frage größerer Mikrofilmsammlungen mit automatisiertem Zugriff außer Betracht. Vgl. dazu die Übersicht von Alan Horder, Automated Retrieval of Microforms: A Guide and Directory, British Library Research and Development Department, Report No. 5590 (Hertford, 1980). 22 Vorwort zur Ausgabe 1965-1975 (Washington, 1976). 23 Das amerikanische National Register wird von der Library of Congress zusammengestellt. 24 Vgl. Anm. 12. Ich danke Mr. Hugh Wilman von der British Library, London, und den Firmen Syscon und Optronics, Cambridge, für eine Demonstration des Geräts. 25 Vgl. dazu Adrian Norman and Arthur D. Little, Electronic Document Delivery: The ARTEMIS Concept for Document Digitalisation and Teletransmission: A Study Prepared for the Directorate-General Information Market and Innovation, Commission of the European Communities (Oxford and New Jersey, 1981); und Electronic Document Delivery II: Proceedings of a Workshop and Exhibition Organized by the Commission ofthe European Communities, Directorate-General Information Market and Innovation. Luxembourg, 18-19 December 1980, ed. J. U. R. Page (Oxford and New Jersey, 1981). 26 Die besten Übersichten finden sich bei Alan Horder, Video Discs - Their Application to Information Storage and Retrieval (Hatfield, Harts., 1979) und R. Barret, Developments in Optical Disc Technology and the Implications for Information Storage and Retrieval, British Library Research and Development Report No. 5623 (London, 1981). Vgl. auch die entsprechenden Abschnitte in Donald W. King et al., Telecommunications and Libraries (White Plains, N.Y., 1981). SSSBB 329 27 Ich danke Herrn Klaus-Dieter Ludwig von der Firma Philips Data Systems für Auskünfte und eine Demonstration des Geräts. 28 So etwa die Library of Congress, die versuchsweise eine Million Seiten auf Optische Speicherplatten überträgt. Vgl. William R. Nugent, "Applications of Digital Optical Discs in Library Preservation and Reference", AFIPS-Pro- ceedings, 52 (National Computer Conference, 1983), pp. 771-775. IV.6 Verbesserung des Informationssystems (179-197) 1 Bundesministerium für Forschung und Technologie. Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (luD-Programm), 1974-1977 (Bonn, 1975), S. 9. 2 Wegen der Vertraulichkeit des Entwurfes verzichte ich hier auf weitere Ausführungen dazu. 3 Nicht-geisteswissenschaftliche Auswirkungen des Programms bleiben hier außer Betracht. 4 So zum Beispiel die germanistische Dokumentation GERDOK, die 1981 eingestellt werden mußte. 5 Vgl. die Kritik von Norbert A. Sklorz in Rheinischer Merkur , 29. Januar 1982. 6 Eine ins einzelne gehende Darstellung der Situation in der Bundesrepublik erübrigt sich angesichts der Übersicht von Wolfgang von Keitz und Harald H. Zimmermann, DOGE: Dokumentationsstellen Geisteswissenschaften: Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West), Schriftenreihe Fachinformation 1 (Saarbrücken, 1982). „Die Übersicht macht deutlich, wie vielfältig und farbig die IuD-Landschaft in den Geisteswissenschaften in der Bundesrepublik Deutschland ist" (Vorwort). 7 Da es hier nicht um Probleme der Fachbibliographie geht, verzichte ich auf eine detaillierte Analyse von Fachbibliographien. 8 Clemens Köttelwesch, „Die .Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft'", in Beiträge zur bibliographischen Lage in der germanistischen Literaturwissenschaft: Referate eines Kolloquiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ed. Hans-Henrik Krummacher (Boppard, 1981), S. 36. 9 So Michael S. Batts in 77ie Bibliography of German Literature: An Historical and Critical Survey, Kanadische Studien zur deutschen Sprache und Literatur, 19 (Bern und Frankfurt, 1978), S. 122: "Broadly speaking, the current biblio- graphical scene is characterized on the one hand by an avid desire to create more and completer bibliographies and on the other by an almost total lack of initiative in developing new procedures or employing newly developed tech- nological aids." m I I !::;■ i! I 1 11 ik mm ';■. ■■.:;".■■■.■■..-.' • i I i 330 10 Hans-Albrecht Koch und Otto Kühling, Von der Information zum Dokument: Ein Wegweiser zur Literaturbeschaffung durch Bibliotheken (Frankfurt und Berlin, 1981), S. 13. 11 Fritz Meyen, Verzeichnis der Spezialbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland einschließlich West-Berlin (Braunschweig, 1970), 2. Aufl. 12 Es wäre wünschenswert, wenn aus diesem Handbuch Topographien für einzelne Fächer oder Disziplinen herausentwickelt würden, wie es sie in einzelnen Fällen schon gibt; so etwa Gerhard Teich, Topographie der Osteuropa-, Südosteuropa- und DDR-Sammlungen (München, 1978) oder Heidrun Henze, Afrika-bezogene Literatursammlungen in der Bundesrepublik und Berlin (West), (Hamburg, 1972). 13 Vgl. dazu das folgende Kapitel. 14 Irmgard Bezzel, Bayerische Staatsbibliothek München: Bibliotheksführer: Geschichte und Bestände (München, 1967). 15 Dokumentation Westeuropa, 5 (München etc. 1981). Die Reihe wird vom Deutschen Historischen Institut in Paris herausgegeben. Ein Gegenstück dazu ist Peter Claus Hartmann, Pariser Archive, Bibliotheken und Dokumentationszentren zur Geschichte des 19. und 20, Jahrhunderts: Eine Einführung in Benutzungspraxis und Bestände für Historiker, Politologen und Journalisten, Dokumentation Westeuropa, 1 (München etc. 1976). Ein weiterer Band dieser Reihe von Werner Paravicini über das Nationalarchiv in Paris (München etc. 1980) „will dem deutschsprachigen Forscher, der sich mit der Zeit vor 1970 beschäftigt, die Möglichkeit geben, schon an seinem Heimatort die Arbeit im Nationalarchiv vorzubereiten". 16 Studien und Materialien zur Geschichte der Philosophie, 1 (Hildesheim 1965). 17 Stuttgart, 1968, rev. 1971. 18 American Library Resources (Chicago, 1951), Supplement 1972; British Library Resources (Chicago and London, 1973; rev. London, 1981); Australian and New Zealand Library Resources (London, 1979). Ich empfehle Downs als Modell trotz einiger Kritik an British Library Resources ; vgl. Library Association Rare Books Group: Newsletter no. 21 (1983). 19 British Library Resources (1973), p. xv. 20 Vgl. Anm. 10, p. 5. 21 Im einzelnen aufgeführt in Koch-Köhling, Von der Information zum Dokument (Anm. 10). Vgl. auch die systematische Übersicht von Paul Kaegbein, „Literaturerschließung und Informationsmaterialien in zentralen Fachbibliotheken und Sondersammelgebietsbibliotheken", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 23 (1976), 383-396. 22 Dabei wären auch ausländische Arbeiten heranzuziehen, so John Philipp Immroth, "Information Needs for the Humanities" in Information Science: Search for Identity, ed. Anthony Debons (New York, 1974), pp. 249-262; Information Problems in the Humanities: A Report on the British Library Seminar, v:-S;v.-:;v:y«. 331 Research and Development Report No. 5259 (London, 1976); D. A. Kemp, Current Awareness Services (London, 1979) und T. Whitehall, Personal Current Awareness Services: A Handbook of Techniques for Manual SDI, British Library: Research and Development Report No. 5502 (London, 1980). 23 Vgl. Arbeitsbericht 1978-1981: Aufgaben und Tätigkeiten des Deutschen Bibliotheksinstituts (Berlin, 1982), S. 78-79. 24 Da den Benutzer primär Fragen der Katalogisierung interessieren, bleiben hier die anderen Aspekte der Bibliotheksautomatisierung außer Betracht. Daß der Benutzer für jede Beschleunigung der Ausleihe durch Einführung von EDV- Techniken dankbar ist, versteht sich von selbst. 25 Vgl. Günther Pflug, „Die automatisierten Dienstleistungen der Deutschen Bibliothek und ihre Voraussetzungen in den deutschen Bibliotheken", in Bibliotheken als Informationsvermittler: Probleme und Modelle, hrsg. von Paul Kaegbein, Hans Joachim Kuhlmann, Helmut Sontag, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 28 (Frankfurt, 1979), S. 76-87; und Rainer Erzepky, „Bibliotheksautomatisierung: Benutzererwartungen und bibliothekarische Service-Leistungen" in Bibliotheksautomatisierung - Benutzererwartungen und Serviceleistungen, hrsg. vom Deutschen Bibliotheksinstitut Berlin und der Gesamthochschulbibliothek Essen (München, 1980), S. 47-56. 26 Zu der bereits in Kapitel 111,2 erwähnten Entwicklung vgl. Karl-Wilhelm Neubauer, „Entwicklung des GBZS-Zeitschriftenkatalogisierungssystems bis zur ,Zeitschriftenbank'", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 25 (1978), 1-15, und Günter Franzmeier, „Die Zukunft der Zeitschriftendatenbank", Mitteilungsblatt des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein- Westfalen, N.F. 30 (1980), 304-313; neuerdings auch Helga Schwarz, „Überregionale Datenbanken", in EDV in Bibliotheken: Einzelvorhaben und Verbund, dbi- Materialien, 23 (Berlin, 1983), S. 43-66. Die Ausdrucke in Mikroform erscheinen halbjährlich. Der 9. Gesamtausdruck (Wiesbaden, April 1983) umfaßt 309.000 Titelaufnahmen. 27 So etwa für die Vereinigten Staaten vorgeschlagen in Scholarly Communication: The Report ofthe National Enquiry (Baltimore-London, 1979). 28 Vgl. oben, Kapitel III.4. „Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme und zur Einrichtung Regionaler Bibliothekszentren", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 27 (1980), 189-204. 29 Dieser Abschnitt beabsichtigt keine detaillierte Beschreibung der Situation in den einzelnen Bundesländern. Ich danke Herrn Bibliotheksdirektor Klaus-Dieter Lehmann für einige Auskünfte. Vgl. neuerdings auch EDV in Bibliotheken (Anm. 26). 30 Helmut Vogt, „Das Bibliotheksrechenzentrum für Niedersachsen (BRZN)", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie , 30 (1983), 1-7. 31 Fridolin Dressler, „Bibliotheksplanung in Bayern", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 30 (1983), 195-203, und Peter Schweigler, „Landesweiter EDV-Verbund der wissenschaftlichen Bibliotheken in Bayern", ABl I I | l ■M. 1 iiii I! "*!p!i[lTt!t[r;!ftJ?riTirr7Tl!TlTTl!! r^w>v?Pl MBBHHHHMMoBMMKI tWBlUllml ■I 332 Technik: Zeitschrift fiir Automation. Bau und Technik im Archiv-, Bibliotheks- und Informationswesen , 3 (1983), 27-33. 32 Das Ziel ist ein on-line Anschluß der Wissenschaftlichen und großen Öffentlichen Bibliotheken an das Rechenzentrum. 33 Vgl. Bibliotheksverbund in Nordrhein-Westfalen: Planung und Aufbau der Gesamthochschulbibliotheken und des Hochschulbibliothekszentrums 1972-1975 , hrsg. von Klaus Barckow, Walter Barton, Antonius Jammers, Roswitha Schwan- Michels und Gisela Süle, Bibliothekspraxis 19 (München, 1976); und die einzelnen Beiträge unter dem Titel „Gesamthochschulbibliothek und Bibliotheksverbund in Nordrhein-Westfalen" in Bibliotheken im Verbund, Arbeitsplätze und neue Techniken, hrsg. von Hermann Havekost, Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 32 (Frankfurt, 1981), S. 57-101. 34 „Empfehlungen" (Anm. 28), S. 201. 35 Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg ist die einzige ,alte' Bibliothek in diesem Verbund. 36 Vgl. Max Pauer, „Literaturversorgung - Grundlagen, Leistungen, Weiterentwicklungen" in Überregionale Literaturversorgung und Kostenrechnung in Bibliotheken, hrsg. von Helmut Sontag und Wilhelm Totok, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 24 (Frankfurt, 1977), 21-37. 37 Aufgrund einer Studie von Paul Niewalda, Der Verbundkatalog aus maschinenlesbaren Katalogdaten der neueren Universitätsbibliotheken, Bibliotheksdienst, Beiheft 131 (Berlin, 1978). 38 Deutsches Bibliotheksinstitut, Arbeitsbericht 1978-1981 (Berlin, 1982), S. 50-51. 39 Vogt, „Das Bibliotheksrechenzentrum" (Anm. 30), S. 7. 40 Die „Empfehlungen" sind bereits in der bibliothekarischen Fachwelt diskutiert worden, wobei ein nationales oder auch ein überregionales System ins Gespräch gebracht worden ist. Vgl. Karl Wilhelm Neubauer und Volker Tolle, „Katalogisierungsverbundsystem regional oder national? Zu den Empfehlungen' für den Aufbau regionaler Verbundsysteme", Mitteilungsblatt des Verbandes der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, N.F. 30 (1980), 165-197; Replik von Günter Gattermann, ebda, 31 (1981), 141-147. Für den norddeutschen Raum hat Horst Gronemeyer die Frage gestellt, „ob sich bei den heutigen und zukünftigen technischen Möglichkeiten nicht eine umfassendere, eine effektivere Konzeption anbietet". („Verbundplanung in Hamburg und im Bereich des Norddeutschen Zentralkatalogs", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie,IQ, 1983,285-290). 41 Jochen Briegleb, „Funktion und Zusammenarbeit Regionaler Bibliothekszentren im Verbund" in Bibliotheken im Verbund (Anm. 33), S. 25. 42 Frederick G. Kilgour, „Probleme bei der Verkettung interaktiver On-line- Bibliothekssysteme" Vortrag vor der IFLA, Montreal 1982. Ich verdanke den Hinweis auf den Vortrag Herrn Prof. Dr. Günter Gattermann. ifiitiSWäSfSfWitw 333 43 Kurt Zierold, Forschungsförderung in drei Epochen: Deutsche Forschungsgemeinschaft: Geschichte, Arbeitsweise, Kommentar (Wiesbaden, 1968), S. 427. IV.7 Hierarchisierung und Spezialisierung im wissenschaftlichen Bibliothekswesen (198-210) 1 Vgl. oben, Kapitel II und Kapitel IV,1. 2 Vgl. oben, Kapitel IV,3. 3 Douglas W. Bryant, A University Librarian Looks Ahead (Tokyo, 1963; vervielfältigt), pp. 6-7. 4 Den besten Überblick gibt der letzte verfügbare Bericht: The Research Libraries Group, Inc. 1980: The Year in Review (1981). Vgl. in diesem Zusammenhang auch Richard De Gennaro, Research Libraries Enter the Information Age, R. R. Bowker Memorial Lectures, 7 (New York, 1980). 5 "The Research Libraries Group, Inc. (RLG) is a Corporation owned by the nation's major universities and other research institutions. RLG is dedicated to improving the management of the Information resources necessary for the advancement of scholarship. Its goals are (1) to provide research institutions with a structure through which common problems can be addressed, (2) to provide scholars and others with increasingly sophisticated access to bibliographic and other forms of Information, (3) to enable libraries to manage their catalogs in an automated mode and in the context of an automated union file of all member collections, and (4) to promote, develop, and operate cooperative programs in collection development, preservation of library materials, and shared access to research materials." Zitiert nach The Research Libraries Group In Brief (Stanford, CA., 1982). Ich danke Mr. John W. Haeger, Director of Program Coordination, für Auskünfte. 6 Douglas W. Bryant, "Strengthening the Strong: The Cooperative Future of Research Libraries", Harvard Library Bulletin, 24 (1976), 5-16. Vgl. in diesem Zusammenhang auch das Kapitel "The Major Research Libraries: Strengthening a National Heritage" in Research Universities and the National Interest: A Report from Fifteen University Presidents (New York, 1978). Der Bericht wurde von mehreren amerikanischen Stiftungen getragen und von der Ford Foundation veröffentlicht. 7 Vgl. Franz Georg Kaltwasser, „Literaturversorgung in den Geisteswissenschaften", Bibliotheksforum Bayern, 10 (1982), 253-271. Vgl. auch den Jahresbericht 1973 der Bayerischen Staatsbibliothek: „Insgesamt hat die Präsenzhaltung der Bücher drei gewichtige Vorteile: a) Die Bücher stehen dem nächsten Benutzer sehr viel schneller wieder zur Verfügung als bei einer Entleihung außer Hause, b) Der von außerhalb kommende Forscher hat größere Aussichten, die Bücher, die er braucht, auch vorzufinden, c) Die Bücher werden entschieden I § 1 . ■■ ■ VmBSmKtmSmWSßi 99 334 I 1 I mehr geschont. Die Bayerische Staatsbibliothek... wird wegen der genannten Vorteile die Benutzung im Hause gegenüber der außer Haus auch in Zukunft favorisieren." (München, 1974), S. 2. 8 Denkschrift betreffend die Kataloge der Preußischen Bibliotheken und ihre Reform durch den Gesamtkatalog (Leipzig, 1925), S. 29. 9 Unveröffentlicht; S. 18. Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 10 Vgl. oben, Kapitel 111,3. 11 Tätigkeitsbericht 1980 (Bonn, 1981), S. 157. 12 Vgl. Antonius Jammers, „Zum Bedarf an Leseplätzen in Hochschulbibliotheken" in Das Buch und sein Haus [Festschrift Gerhard Liebers], hrsg. von Rolf Fuhlrott und Bertram Haller (Wiesbaden, 1979) II, 163-178. IV.8 Bibliotheken als Forschungsstätten (211-225) 1 So etwa durch die Einrichtung einer Professur für Bibliothekswissenschaft in Göttingen und durch die Empfehlung zur Gründung des Centralblatts für Bibliothekswesen. 2 Vgl. oben, Kapitel II. 3 Vgl. etwa Hermann Tiemann, „Das Problem der Universalbibliothek heute" in Essays, Vorträge und Aufsätze aus vier Jahrzehnten , hrsg. von Christian Voigt (Hamburg, 1976), S. 227-240. 4 Dies zeigen die zahlreichen bibliothekarischen Äußerungen zu den Institutsbibliotheken; vgl. Kapitel II. 5 Vgl. dazu Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftlichen Einrichtungen: Teil II: Wissenschaftliche Bibliotheken (Bonn, 1964), S. 36-37. Die Empfehlungen sprechen sich zwar dafür aus, Lehrbuchliteratur „sowohl in der Hochschulbibliothek als auch in den Institutsbibliotheken bereitzuhalten", aber es ging vorrangig um die Anlage von Lehrbuchsammlungen in den zentralen Bibliotheken. 6 Die bislang einzige Untersuchung zur Literaturversorgung des Studiums ist Hartwig Lohse, „Die Literaturversorgung der Studenten in geisteswissenschaftlichen Fächern: Betrachtungen aus der Sicht einer Massenuniversität mit zweigleisigem Bibliotheks-System", in Die Hochschulbibliothek: Beiträge und Berichte, hrsg. von Klaus-Dieter Lehmann und Hildegard Hüttermann, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 27 (Frankfurt, 1978), S. 119-137. 7 Zum Aufgabenspektrum der Universitätsbibliotheken im außeruniversitären Wissenschaftsbereich vgl. H. Braun u.a., „Außeruniversitäre Aufgaben deutscher 335 Hochschulbibliotheken", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 24 (1977), 157-176, und Wolfgang Kehr, „Außeruniversitäre Funktionen von Hochschulbibliotheken", in Gemeinsame Probleme von Staats- und Hochschulbibliotheken in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland , hrsg. von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dbi-materialien, 10 (Berlin, 1981), S. 137- 163. 8 Um diesen Punkt nicht anhand deutscher Verhältnisse und deutscher Literatur illustrieren zu müssen, verweise ich auf zwei einschlägige amerikanische Veröffentlichungen: R. H. Logsdon, "The Librarian and the Scholar: Eternal Enemies", Library Journal, 95 (1970), 2870-2874, und Mary Biggs, "Sources of Tension and Conflict between Librarians and Faculty", Journal of Higher Education, 52 (1981), 182-201. 9 Die Königliche Bibliothek in Berlin (Berlin, 1884), S. 16. 10 Das gilt nicht für alle Bibliotheken, aber kaum eine Bibliothek bietet Arbeitsplätze, die in jeder Hinsicht dem Leser entgegenkommen. Vgl. dazu auch „Auf der Suche nach der humanen und effizienten Bibliothek" in Bibliotheken im Verbund, Arbeitsplätze und neue Techniken, hrsg. von Hermann Havekost, Jürgen Hering und Eberhard Zwink, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 32 (Frankfurt, 1981), S. 126-138. 11 Gerhard Liebers, „Die zentrale Forschungsbibliothek der Hochschule - auch ein Modell" in Die Hochschulbibliothek (Anm. 6), S. 138-153. 12 Vgl. die programmatische Äußerung von Franz G. Kaltwasser, „Literaturversorgung in den Geisteswissenschaften", Bibliotheksforum Bayern, 10 (1982), 253-271. 13 Vgl. Die Herzog August Bibliothek in den letzten 100 Jahren: Vier Beiträge zur Vergangenheit und Gegenwart der Wolfenbütteler Bibliothek, hrsg. von Paul Raabe (Wolfenbüttel, 1980), und Festakt zur Eröffnung des Wolfenbütteler Bibliotheksquartiers: Ansprachen am 8. Oktober 1981 (Wolfenbüttel, 1982). 14 Vgl. Thelma Freides, "Current Trends in Academic Libraries", in Current Trends in Reference Services, ed. Bernard Varrek, Library Trends 31, no. 3 (1983), 457-474. 15 Vgl. dazu Günter Gattermann, „Die Hochschulbibliothek als Informationszentrum" in Die Hochschulbibliothek (Anm. 6), S. 73-94. 16 Wie undifferenziert die Betrachtungsweise zur Zeit ist, zeigt sich an Dorothea Kanzog, Lesesäle im Wandel: Untersuchung großer Lesesäle nebst Titellisten ausgewählter Fächer, dbi-materialien, 4 (Berlin, 1981). Joachim Stolzenburg, „Thesen und Antithesen zur Freihandaufstellung in großen wissenschaftlichen Bibliotheken", in Die wissenschaftliche Bibliothek 1977: Sacherschließung, Arbeitsplatz, Mitbestimmung, Ausbildung, hrsg. von Alexandra Habermann, Hermann Havekost und Helmut Sontag, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 26 (Frankfurt, 1978), S. 191-200. 17 Vgl. oben, Kapitel IV.7. I II jiiir irrrr'r rc 'i'i'i v i:': - ; . : . ' - ' . ' . msi vgzßmäk wmmm ■i 336 18 „Antwort an Harnack" (1890) in Reden und Aufsätze (Berlin, 1905), S. 209. 19 Daß Universitäten nicht die einzigen geisteswissenschaftlichen Forschungsstätten sind, versteht sich von selbst. Es versteht sich auch, daß für Disziplinen wie die Musikwissenschaft und andere nicht die gleichen Voraussetzungen gelten. Spezielle geisteswissenschaftliche Forschungsbibliotheken (wie etwa die Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte) und spezielle Forschungsinstitute (wie etwa die Historischen Institute) bleiben hier außer Betracht. 20 Vgl. dazu u. a. Otto Pöggeler, „Fragen der Forschungspolitik gegenüber den Geisteswissenschaften", in Fragen der Forschungspolitik , Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge G 242 (Opladen, 1980); ders., „Forschungspolitik und Geisteswissenschaften", in Die politische Herausforderung der Wissenschaft, hrsg. von Kurt Hübner u. a. (Hamburg, 1976), S. 125-138; Hermann Krings, „Wohin mit den Editionen? Zur Lage der langfristigen Forschungsvorhaben im Bereich der Geisteswissenschaften: Hier: Editionen im Bereich der Philosophie", in Geisteswissenschaft als Aufgabe: Kulturpolitische Perspektiven und Aspekte, hrsg. von Hellmut Flashar u. a. (Berlin und New York, 1978), S. 54-61; Dieter Henrich, „Die geisteswissenschaftlichen Werk- Ausgaben und die Entscheidungsstruktur der Akademien der Wissenschaften", Zeitschrift für philosophische Forschung, 32 (1978), 70-77; Hermann Lübbe, „Philosophische Editionen - Kulturpolitisch von hohem Rang, wissenschaftspolitisch ohne Präferenz", Wirtschaft und Wissenschaft, 24 (1976), Heft 2, 1-6. 21 Im folgenden geht es allein um die institutionelle Seite des Problems. 22 Vgl. dazu Adolf Meyer-Abich, „Bibliotheken als Forschungsinstitute für Wissenschaftsgeschichte", in Libris et litteris: Festschrift für Hermann Tiemann zum 60. Geburtstag am 9. Juli 1959 (Hamburg, 1959), S. 77-83. 23 Vgl. etwa I. R. Willison, On the History of Libraries and Scholarship, The Center forthe Book, Viewpoint Series 4 (Washington, 1980). 24 Zwei Plädoyers für den Bibliothekar als Forscher aus jüngster Zeit sind: Paul Raabe, „Das alte und das kostbare Buch - eine bibliothekarische Zukunftsaufgabe", in Erlesenes aus der Welt des Buches [Festschrift Gerhard Liebers], hrsg. von Bertram Haller (Wiesbaden, 1979), I, 164-188; und Otto Mazal, „Bibliothekare als Träger buch- und bibliotheksgeschichtlicher Forschung", in Bibliothekswesen und Forschung: Festgabe für Otto Mazal, Studien zur Bibliotheksgeschichte, 4 (Graz, 1982), 189-197. IS: V. Buch und Zeitschrift als geisteswissenschaftliche Publikationsorgane (229-237) 1 Vgl. dazu J. M. Ziman, Public Knowledge: An Essay Concerning the Social Dimension of Science (Cambridge, 1968). !*!■!' 337 2 Eine zureichende Geschichte der wissenschaftlichen Monographie fehlt. 3 Vgl. dazu David A. Kronick, A History of Scientific and Technikal Periodicals: The Origin and Development ofthe Scientific and Technological Press (New York, 1962; 1976). 4 Eine zureichende Geschichte des gesamten wissenschaftlichen Zeitschriftenwesens fehlt. Bernard Houghton, Scientific Periodicals: Their Historical Development, Characteristics and Control (London, 1975) bietet eine knappe Übersicht. 5 Vgl. u.a. E. N. da C. Andrade, "The Birth and Early Days of the Philosophical Transactions ", Notes and Records ofthe Royal Society of London, 20 (1965), 9-27. 6 Wilhelm Windelband, Geschichte und Naturwissenschaft (Straßburg, 1904), 3. Aufl.,S. 12. 7 Daß Diskursivität und Kürze keine Gegensätze sind, ist hier natürlich vorausgesetzt. 8 Reden und Aufsätze (Berlin, 1905), S. 43. 9 Scholarly Communication: The Report of the National Enquiry (Baltimore and London, 1979), p. 40. 10 Eine Diskussion des hermeneutischen Problems in den Geisteswissenschaften muß an dieser Stelle unterbleiben. 11 Vgl. dazu Alan Singleton, "The Electronic Journal and Its Relatives", Scholarly Publishing, 13 (1981-1982), 3-18. 12 Vgl. Maurice B. Line, "Redesigning Journal Articles for On-Line Viewing", in Trends in Information Transfer, ed. Philip J. Hills (London, 1982), pp. 31-46. 13 Ibid., p. 39. 14 W. L. Saunders, "Humanistic Institution or Information Factory?", Journal of Librarianship, 1 (1969), 209. i;h; i,! VI.l Die Krise des wissenschaftlichen Schrifttums (238-242) 1 Mitteilungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2/1983, S. 34. 2 Vgl. Alan Cooper and Marilyn Hart, Average Prices of British Academic Books, January-June 1982, Claim Report No. 21 (Loughborough, 1982). Vgl. Hans J. Hauser, Literaturproduktion und -preise im Publikationswesen außerhalb der BRD: Eine statistische Sekundäranalyse: Erarbeitet im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Unter Mitarbeit von Inge Stumpf, Bibliothekspraxis, 22 (München, 1978). Entspre- 1 1 7it:(nriprin"T!ü^! HBWI^MBMBwMMlflHBB3BBBHBHI 338 chende Statistiken nur für wissenschaftliche Literatur in der Bundesrepublik scheinen nicht veröffentlicht worden zu sein. Allgemeine Statistiken finden sich in den verschiedenen Ausgaben von Buch und Buchhandel in Zahlen, hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. 3 Zum Wandel der Privatbibliothek vgl. Thomas Ellwein, „Die private Bibliothek als Informationsbasis", Gutenberg Jahrbuch (1981), 46-54. 4 Vgl. Studie zur Situation der wissenschaftlichen Literatur heute, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Literatur (Stuttgart, 1975), Kapitel 1 und 6. 5 Durch billigere broschierte Ausgaben „laufend zu testen, welche private Nachfrage sich unter Umständen neben der Bibliotheksnachfrage herausgebildet hat", empfiehlt Kurt Lubasch deutschen Verlegern. „Sparen am falschen Ende: Die Situation der wissenschaftlichen Bibliotheken aus der Sicht des Verlegers", in Hochschulen und zu wenig Bücher? Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Literatur (Stuttgart, 1982), S. 17. 6 Zur Etatsituation der Bibliotheken gibt es aus jüngster Zeit zahlreiche Äusserungen von bibliothekarischer Seite. Ich verweise hier nur auf die Beiträge von Richard Landwehrmeyer, Elmar Mittler und Brigitte Seiler in Hochschulen und zu wenig Bücher? (Anm. 5) und Richard Landwehrmeyer, „Die Etatsituation der wissenschaftlichen Bibliotheken 1982", Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, 29 (1982), 260-270. Vgl. auch Günter Beyersdorff, „Düstere Zukunft für Bibliotheken? Haushaltskrise - Entwicklung neuer Technologien - Kommerzialisierung der Information", Buch und Bibliothek, 34 (1982), 43-54. 7 Vgl. Kurt Lubasch in Hochschulen und zu wenig Bücher? (Anm. 5), S. 13-14. VI.2 Exponentielles Literaturwachstum (243-247) | i J itfi' 1 1 Fremont Rider, The Scholar and the Future of the Research Library: A Problem and lts Solution (New York, 1944). 2 Vgl. hierzu vor allem Derek J. de Solla Price, Linie Science, Big Science (New York, 1963), pp. 20 ff. über die Möglichkeit des Übergangs der exponentiellen in eine logistische Kurve. Zum Literaturwachstum vgl. auch die auf Price et al. zurückgehende Übersicht von E. Mittler, „Maß und Umfang wissenschaftlicher Publikationen", in Information und Gesellschaft: Bedingungen wissenschaftlicher Publikation, hrsg. von Franz-Heinrich Philipp (Stuttgart und Frankfurt, 1977), S. 51-59. 3 Vgl. u. a. die graphischen Darstellungen bei Price (Anm. 2). 4 Weltgeschichtliche Betrachtungen, ed. Jacob Oeri (ed. München, 1978), S. 12. ^■■■^■^-■o.M: : y^:y^^ ; s->^-' 339 5 Ferdinand Grassauer, „Ziele und Aufgaben des modernen Bibliothekswesens", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 13 (1896), 239. 6 Detaillierte Angaben finden sich in Scholarly Communication: The Report ofthe National Enquiry (Baltimore and London, 1979). 7 Eugen Neuscheler, „Zeitschriftenfragen", Zentralblatt für Bibliothekswesen , 49 (1932), 63. 8 Friedrich Perthes Leben: Nach dessen schriftlichen und mündlichen Mittheilungen aufgezeichnet von Clemens Theodor Perthes (Gotha, 1861), 5. Aufl., III, 472. 9 Vgl. Richard W. Dorn, „Otto Harrassowitz, Buchhandlung - Verlag - Antiquariat: The First Century", Harvard Library Bulletin , 21 (1973), 365-374. 10 Vgl. oben, Kapitelll. 11 Vgl. Forschung in der Bundesrepublik Deutschland: Beispiele, Kritik, Vorschläge, ed. Christoph Schneider (Weinheim, 1983). Hier sind einige der zahlreichen Stimmen zitiert. 12 Vgl. etwa Herbert Lippert, „Rückzug der deutschen Sprache aus der Medizin? Die Sprachen medizinischer Zeitschriftentitel der letzten 100 Jahre", Medizinische Klinik, 73 (1978), 487-496. 13 Beide Angaben nach Buch und Buchhandel in Zahlen: Ausgabe 1981. Hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Frankfurt, 1981), S. 82-83. Diese Zahlen betreffen das Gesamtvolumen, nicht nur die wissenschaftliche Literatur. Zur Situation auf dem wissenschaftlichen Buchmarkt vgl. Klaus G. Säur, „Die Verbreitung deutscher Bücher und Zeitschriften im Ausland aus verlegerischer Sicht", in Bibliothekswelt und Kulturgeschichte: Eine internationale Festgabe für Joachim Wieder zum 65. Geburtstag , hrsg. von Peter Schweigler (München, 1977), S. 291-303. 14 Vgl. Studie zur Situation der wissenschaftlichen Literatur heute: Bericht über eine Repräsentativ-Befragung bei Benutzern und Käufern wissenschaftlicher Literatur, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Literatur (Stuttgart, 1975), S. 75 ff. Bei Naturwissenschaftlern und Medizinern liegen die Prozentsätze niedriger (47 und 40 Prozent). 15 Buch und Buchhandel in Zahlen (Anm. 13), Ausgaben 1977 und 1981, Tabelle 1. Die Zahlen beziehen sich auf die Gesamtproduktion und schließen auch nicht-wissenschaftliche Literatur ein. 16 Studie zur Situation der wissenschaftlichen Literatur (Anm. 14), S. 75-76. 17 Vgl. Heinz Maier-Leibnitz, „Monographien - Handbücher - Lehrbücher: Ein noch (?) nicht verwirklichter Vorschlag", in Zwischen Wissenschaft und Politik: Ausgewählte Reden und Aufsätze, 1974-1979 (Boppard, 1979), S. 65-69. ■•■.•■■.■.••'■ •''■■" ■' IÜ ■■■■ 340 VI.3 Dominanz der Tradition (248-253) I I ii ÜÜ 1 1 Zur Geschichte der Dissertation vgl. Werner Allweiss, „Von der Disputation zur Dissertation: Das Promotionswesen in Deutschland vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert", in Dissertationen in Wissenschaft und Bibliotheken, hrsg. von Rudolf Jung und Paul Kaegbein (München, 1979), S. 13-28. 2 Daß historische Dissertationen von wissenschaftlichem Interesse sind, möchte ich ausdrücklich betonen. Vgl. auch Hans-Joachim Koppitz, „Ungehobene Schätze in unseren Bibliotheken", ebda, S. 29-41. 3 Vgl. dazu "The History of the Thesis Medium" in Donald Davison, Theses and Dissertations as Information Sources (London-Hamden, Ct., 1977). 4 Wolfgang Leisten (in Jung-Kaegbein, Anm. 1) spricht von dem „desolaten deutschen Dissertationswesen" (S. 55). 5 Vgl. Rudolf Jung, „Probleme der bibliographischen Verzeichnung der Dissertationen" in Jung-Kaegbein (Anm. 1), S. 41-53, und Davison (Anm. 3), S. 40-59. Bei beiden Verfassern weiterführende Literatur. 6 „Spannungen und Lösungen im akademischen Schriftentausch", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 58 (1941), 260. Die Klagen über die Mißstände im Dissertationswesen nehmen in der deutschen Bibliotheksliteratur breiten Raum ein. Vgl. dazu etwa H. Geiger, „Ueber Missstände im Dissertationswesen", Zentralblattfür Bibliothekswesen, 24 (1907), 394-417, als einen der frühesten Belege. 7 Vgl. dazu Georg Leyh, „Noch einmal die Mißstände im Dissertationenwesen", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 51 (1940), 167-172. 8 Schon um 1940 wurde darüber Klage geführt, daß „die Bibliotheken die schwerwissenschaftliche Literatur nicht mehr in ausreichendem Maße kaufen können, weil ihnen große Geldmittel entzogen werden für den Ankauf von Anfängerarbeiten". So Georg Leyh („Spannungen", Anm. 6, S. 264). 9 Der „Maskenzug unserer Dissertationen" wurde bereits 1907 von Geiger glossiert („Ueber Missstände", Anm. 6, S. 404). 10 So Georg Leyh, „Dissertationen in Schriften und Reihen", Zentralblatt für Bibliothekswesen, 51 (1934), 423-434. VI.4 Das Dilemma der Verlage (254-258) 1 Vgl. Le Uwe scientifique et le Uwe de vulgarisation scientifique en France (Paris-München, 1980), besonders den Beitrag von Jean-Manuel Bourgois. 341 ;.:;,, !..'« 2 Über die augenblickliche Situation des wissenschaftlichen Verlagswesens im anglo-amerikanischen Bereich unterrichtet am besten die Zeitschrift Scholarfy Publishing. 3 Vgl. hierzu P. H. Mann, Author-Publisher Relationships in Scholarly Publishing, British Library Research and Development Report No. 5416 (London, 1978). 4 Vgl. hierzu Ernst Steinhoff, „Kein Ersatz für wissenschaftliche Literatur", in Hochschulen und zuwenig Bücher? Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftliche Literatur (Stuttgart, 1982), S. 42-47. VII. 1 Das Ende des Buches? (259-266) 1 So etwa der Schweizer McLuHAN-Übersetzer Max Nänny in Am Ende des Buchzeitalters , hrsg. von Werner Adrian (Trier, 1968). Neuerdings fundierter und differenzierter James Thompson, The End of Libraries (London, 1982), besonders Chapter 5, "The Future of the Book". Aus journalistischer Sicht gibt es eine Betrachtung von Gerhard Naeher, Stirbt das gedruckte Wort? Neue Medien, die große Herausforderung (Ulm, 1982). 2 Vgl. A. J. Meadows, "The Future of the Printed Word: Economic and Social Factors" in P. Hills (Anm. 3), pp. 152-153. 3 Die zur Zeit wohl beste Übersicht ist Philip Hills (ed.), The Future ofthe Printed Word: The Impact and the Implications of the New Communications Technology (London, 1980). 4 Vgl. etwa R. J. Heathorn, "Learn with Book" in Hills (Anm. 3), pp. 171-172; ursprünglich in Punch. 5 "A Design for an Anytime, Do-It-Yourself, Energy-Free Communication Device", Harper's Magazine, 248 (1974), 83-86. 6 Vgl. oben, Kapitel V. 7 Vgl. auch oben, Kapitel VI.l und 4. 8 Dem Problem der Monographie in Klein- und Kleinstauflagen war bereits 1979 in Paris eine Zusammenkunft wissenschaftlicher Verleger gewidmet. Vgl. Bulletin de la Fondation Maison des Sciences de l'Homme, no. 32 (Paris, 1980). 9 Vgl. Helmut Arntz, „Die Zukunft des wissenschaftlichen Buches", in Das wissenschaftliche Buch, hrsg. von Peter Meyer-Dohm, Schriften zur Buchmarktforschung, 16 (Hamburg, 1969), S. 147-149. 10 Vgl. Walter Müller-Seidel, „Die Erforschung der deutschen Literatur", in Geisteswissenschaft als Aufgabe: Kulturpolitische Perspektiven und Aspekte, hrsg. von Hellmut Flashar u.a. (Berlin, 1978), S. 145, und The Year's Work in English Studies, 45 (London, 1966), p. 129. I m if . . ... Kmb ' mmSaBB&BEttBBBasBlä ■■ 342 11 Vgl. dazu Scholarly Communication: The Report of the National Enquiry (Baltimore and London, 1979), pp. 46-48; Knut Borchardt, Die wissenschaftliche Literatur - Medium wissenschaftlichen Forschritts (Stuttgart, 1978), S. 22-24, und die kritische Stellungnahme von Kenneth E. Eble, "Scholarly Publishing and Academic Reward", Scholarly Publishing, 6 (1974-75), 19-25. VII.2 Neuordnung von Publikationsformen (267-276) i I :! i w I lliillii I m 1 Vgl. dazu etwa K. E. Rothschuh, „Das ungenutzte Wissen: Die Literaturflut und die medizinische Forschung", Nachrichten für Dokumentation, 6 (1955), 52-56; und K. E. Rothschuh und A. Schäfer, „Quantitative Untersuchungen über die Entwicklungen des physiologischen Fachschrifttums (Periodica) in den letzten 150 Jahren", Centaurus: International Magazine of the History of Science in Medicine, 4 (1955-1956), 63-66. 2 Scholarly Communication: The Report of the National Enquiry (Baltimore and London, 1979), pp. 103-109. 3 August Fruge, "Beyond Publishing: A System of Scholarly Writing and Reading", Scholarly Publishing, 9 (1977-1978), 291-311, und 10 (1978-1979), 17-35. 4 Schon seit längerem gibt es für westdeutsche wissenschaftliche Autoren die Möglichkeit, unveröffentlichte wissenschaftliche Werke in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt zu hinterlegen. 5 Ich benutze diesen neutralen Ausdruck, um nicht von vornherein eine Verbindung zu Buch und Zeitschrift herzustellen. 6 Dies ist kein Zerrbild. Mir liegen Publikationen vor, die sogar Tagungsprogramme mit genauer Angabe der Kaffeepausen reproduzieren. 7 Vgl. "Newsletters: Some Notes and a Checklist", Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen, 216 (1979), 68-80. 8 Für die zentrale Bereitstellung von Kongreßberichten, die gleicherweise die Verfügbarkeit und eine Entlastung des Bibliotheksnetzes bewirkt, kann die fast 170.000 Titel umfassende Sammlung der British Library Lending Division als Muster dienen. Der dort publizierte Index of Conference Proceedings Received (ab 1964) ist zugleich ein Modell für eine ebenso einfache wie effiziente bibliographische Handhabung dieser Literatur. 9 „Die Aufgabe des Bibliothekars", Gesammelte Werke (Stuttgart, 1956), III, 595. 10 Es gibt keine veröffentlichten Statistiken für einzelne Bibliotheken, aus der der Anteil der Dissertationen an der insgesamt angeschafften deutschen Literatur aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften hervorginge. Auch werden, soweit mir bekannt ist, keine gesonderten Statistiken über die Benutzung von Dissertationen geführt. Wo Stichproben gemacht wurden, war der Anteil der :;;.<.V.-.-V ■.■.•.■..,■.■•,■. .V.'L.'.'.-.-; ^HHIHHIH ^iüihiiiiiii 343 Dissertationen an den Entleihungen gering; vgl. Hartwig Lohse, „Die Literaturversorgung der Studenten in geisteswissenschaftlichen Fächern: Betrachtungen aus der Sicht einer Massenuniversität mit zweigleisigem Bibliotheks- System", in Die Hochschulbibliothek: Beiträge und Berichte, hrsg. von Klaus- Dieter Lehmann und Hildegard Hüttermann, Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderheft 27 (Frankfurt, 1978). C. J. Bojer, "The Ph.D. Dissertation: An Analysis of the Doctoral Dissertation as an Information Source", Diss. University of Texas, 1972, hat mir nicht vorgelegen. 11 „Grundsätze für die Veröffentlichung der Dissertationen", Beschluß der Kultusministerkonferenz vom 21./22. November 1974 mit Ergänzung über die Abgabe von Pflichtexemplaren vom 28729. April 1977. Vgl. dazu die umfassende Stellungnahme aus bibliothekarischer Sicht von Wolfang Leisten, .„Grundsätze' im Wandel", in Dissertationen in Wissenschaft und Bibliotheken , hrsg. von Rudolf Jung und Paul Kaegbein, Bibliothekspraxis, 23 (München, 1979), S. 55-80. Vgl. auch Klaus Schnieders, Druckzwang für Dissertationen und Dissertationentausch: Eine Erörterung von Grundfragen anhand der historischen Entwicklung in Deutschland und der gegenwärtigen Situation im Land Berlin (Köln, 1972). 12 Ich verzichte hier auf die Wiedergabe von Einzelheiten. 13 Der Durchschnittspreis für eine verlegte Dissertation liegt bei etwa DM 50. Doppelanschaffungen sind nicht selten, da die „Tarnung" der Dissertation als Verlagsobjekt inzwischen eine hohe Perfektion erreicht hat; vgl. dazu Leisten, .„Grundsätze"' (Anm. 11), S. 80. 14 Die Probleme des wissenschaftlichen Buches sind im deutschen Bereich bislang überhaupt nicht oder nur unzureichend erörtert worden. Die auch hierzulande auffallende Darstellungsgewandtheit im anglo-amerikanischen Schrifttum ist nicht nur das Ergebnis einer anderen Tradition, sondern auch der intensiven Aufmerksamkeit, die auf alle Aspekte der wissenschaftlichen Autorschaft gerichtet wird. Das Buch im Gegensatz zur Dissertation ist jahrelang ein Diskussionsgegenstand in der Zeitschrift Scholarly Publishing gewesen; vgl. 3 (1971-1972), 99-109, 111-116, 231-240, 241-247; 4 (1972-1973), 41-50, 129-131, 235-238; 5 (1973-1974), 339-349; 6 (1974-1975), 40-50, 165-176. Vgl. auch The Thesis and the Book, ed. Eleanor Harman and Ian Montagnes (Toronto, 1982). 15 Vgl. Hartmut Rahn, „Doktorandenförderung - Aufgabe der Zukunft", Studienstiftung: Jahresbericht 1982 (Bonn, 1983), S. 7-36. 16 Zur Kritik der Forschungsberichte vgl. Steffen Richter und Ulrich DÜRR, „Forschungsberichte der Hochschulen", Wirtschaft und Wissenschaft, 24 (1976), Heft 4, 17-21. 17 Hans Fromm, „Germanistische Forschung in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Umschau 1981", in Forschung in der Bundesrepublik Deutschland: Beispiele, Kritik, Vorschläge, hrsg. von Christoph Schneider (Weinheim, 1983), S. 115. 18 Alan Bell, Times Literary Supplement, 25 April 1980, p. 465. Vgl. auch "Microtexts and Humanistic Studies", Proceedings of "Apollo Agonistes: The Humanities in a Computerized World" (New York, 1979), I, 138-146. 1 1 !h I: !i;il;, I I 344 HÜ I i I I I VII.3 Publikation mit neuen Techniken (277-287) 1 Ich folge hier weitgehend C. Michaletz, „Ökonomische Aspekte wissenschaftlicher Publizistik", in Information und Gesellschaft: Bedingungen wissenschaftlicher Publikation, hrsg. von Franz-Heinrich Philipp (Frankfurt, 1977), S. 89-99. Hier sind allgemeine Grundsätze der wissenschaftlichen Verlagspraxis zusammengefaßt. Zitate S. 93 und 90. Vgl. überdies Alexander U. Martens, Sind wissenschaftliche Bücher teuer? Versuch einer Antwort (Stuttgart, 1976), wo sich etwas anders aufgeteilte Berechnungen finden. Harald Bohne, "Why Are Books Prices So High?", Scholarly Publishing, 1 (1975-1976), 135-143, bietet ein amerikanisches Kalkulationsschema für wissenschaftliche Bücher. 2 Vgl. Norman Wagner, "Scholars as Publishers: A New Paradigm", Scholarly Publishing, 7 (1975-1976), 101-112: "The basic thesis of this paper is that it is high time the scholars took over scholarly publications, individually, as university Clusters, as national and international learned societics, and as consortia of societies" (p. 103). 3 Ich danke Herrn Dr. R. Saacke von der Firma Compact Computer Systeme, Hamburg, für eine Demonstration des Geräts. 4 Vgl. dazu Anthony Smith, Goodbye Gutenberg: The Newspaper Revolution of the 1980's (New York, 1980). 5 Vgl. EDV-Fibel für Editoren. Von Wilhelm Ott, Hans Walter Gabler, Paul Sappler im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Philosophische Editionen der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland (Stuttgart und Tübingen, 1982). Weiterhin Wilhelm Ott, "Textual Editing and Publishing in Literary and Linguistic Research", ALLC Bulletin, 10 (1982), no. 2,pp. 35-39. 6 Vgl. zum Beispiel John Strawhorn, "Word Processing and Publishing", Scholarly Publishing, 12 (1980-1981), 109-121; Constance U. Greaser, "Authors, Editors, and Computers", ibid., 123-130; und Anne Gilmour-Bryson, "Text Preparation for Computer Typeseuing", ALLC Bulletin, 10 (1982), 40-47. 7 Vgl. Sandra K. Paul, "Roadblocks in Typesetting from the Word Processor", Scholarly Publishing, 12 (1980-1981), 323-327, und Priscilla Oakeshott und Jack Meadows, The Current Use of Word Processors by British Publishers, British Library: Research and Development Report no. 5598 (London, 1981), besonders p. 15. ..iz-iki^lJü.::;...;.^.!.::;: MIUMIUIHliMMiiiMi» VII.4 Neugliederung des Publikationsprozesses (288-295) 345 1 Vgl. dazu ein von der Kommission der Europäischen Gemeinschaft veran- staltetes Symposion, Die Auswirkungen neuer Technologien auf das Verlagswesen, hrsg. von Marcel Maurice u.a. (München, 1980), und Irving Louis Horowitz und Mary E. Curtis, "The Impact of Technology on Scholarly Publishing", Scholarly Publishing, 13 (1981-1982), 211-228. 2 Verlagsgesetz Paragraph 20. Vgl. dazu Hans Widmann, ,„Die Lektüre unendlicher Korrekturen'", Archiv für Geschichte des Buchwesens , 5 (1964), 777-826. 3 Eine Übersicht bietet John Whitehead, "Word Processing: An Introduction and Appraisal", Journal of Documentation, 36 (1980), 313-341. Die laufende technische Fortentwicklung ist in Zeitschriften wie Electronic Publishing Review (seit 1981) und in Industriezeitschriften wie Textautomation: Zeitschrift für organisierte Textverarbeitung (seit 1978) zu verfolgen. 4 Vgl. dazu „Arbeitserleichterung bei wissenschaftlichen Publikationen", Textautomation , 5 (1982), Heft 2, 26-27. 5 Vgl. dazu Robert Campbell, "Information Technology and the Printed Word", in Trends in Information Transfer, ed. Philip J. Hills (London, 1982), pp. 1-12. 6 Vgl. „Intelligente Kopierer: Neue Drucktechnik für Textverarbeitung", Textautomation , 5 (1982), Heft 2, 18. 7 Eine Darstellung vom Standpunkt des Verlags gibt Manfred Seidel, „Sprachverständigung im Text-Labor: Hilfestellung für elektronische Herstellungs- und Veröffentlichungsformen", Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, 9. August 1983, S. 1672. 8 Vgl. etwa „Vom Manuskript zur Redaktion: Der Standpunkt der Autoren, Herausgeber und Gutachter" in Die Auswirkungen neuer Technologien (Anm. 1), S. 85-90. 9 Horowitz und Curtis, "The Impact of Technology" (Anm. 1), p. 217. 10 (Baltimore and London, 1979), p. 28. 11 Vgl. May Katzen, "An Office for Humanities Communication", Scholarly Publishing, 14 (1982-1983), 181-186. Bereits seit längerem existiert in Leicester ein Primary Communications Research Centre, das eine umfassende Bibliographie der einschlägigen Veröffentlichungen zusammengestellt hat: Margaret Mann, Primary Communications: A Review of the Literature since 1970, British Library Research and Development Report no. 5678 (Leicester, 1981). 12 Vgl. etwa Bulletin de la Fondation Maison des Sciences de l'Homme, no. 32 (1980). ■■■■■■■■■■■■■■■■■ : i Über den Autor Bernhard Fabian, Professor für Englische Philologie an der Universität Münster. Geb. 1930. Studium an der Universität Marburg, an der Lawrence University (USA) und am University College, London. Promotion 1955, Habilitation 1960, ao. Professor 1961, o. Professor 1962. Veröffentlichungen zur englischen Literaturgeschichte, vornehmlich des achtzehnten Jahrhunderts, zu englisch-deutschen Literaturbeziehungen, zur Bibliographie und Buchwissenschaft. Über das Buch Es war der Wunsch der Stiftung Volkswagenwerk und mein eigener Wunsch, daß die Anwendung neuer Techniken nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch praktisch erprobt werden sollte. Das Buch ist daher im computerunterstützten Lichtsatz hergestellt worden, und zwar unter Bedingungen, wie sie für den universitären Wissenschaftsbetrieb als typisch gelten können. Die Textaufnahme ging in einem Institut vor sich, der automatische Umbruch erfolgte im Rechenzentrum einer Universität, und die kommerziell hergestellten Folien wurden, fertig für den Druck, vom Autor dem Verlag übergeben. Für die Unterstützung bei diesem Experiment habe ich vielfältigen Dank abzustatten. Die Stiftung Volkswagenwerk hat einen Mikrocomputer zur Verfügung gestellt. Meine Sekretärin, Frau Adelheid Gähler, hat sich in kürzester Zeit in die Probleme der Texterfassung eingearbeitet. Meine Mitarbeiterin, Frau Dr. Marie- Luise Spieckermann, hat das Projekt in jeder Phase des Arbeitsablaufs betreut und wurde dabei von Herrn Harald Klein unterstützt. Für den Umbruch wurden Programme verwendet, die von Mitarbeitern des Rechenzentrums der Westfälischen Wilhelms-Universität 1973 entwickelt und seither modifiziert wurden. Der Leiter des Rechenzentrums, Herr Dr. Wilhelm Held, hat das Experiment bereitwillig gefördert. Herr Dipl. Math. Wolfgang Kaspar übernahm einen großen Teil der Programmentwicklung und die gesamte Betreuung des Projekts. Die Herren Dipl. Math. Bernd Eickenscheidt, Jürgen Hölters, Dr. Hermann Kamp und Hans-Werner Kisker haben an der technischen Vorbereitung und Durchführung mitgewirkt. Schriftenreihe der Stiftung Volkswagenwerk Claus Müller-Daehn, Zum Problem der Abwanderung deutscher Wissenschaftler. Göttingen 1967, [Bd. 1], 122 S., 6 Übersichten, kart. (vergriffen) Karl Otto Pohl, Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Fortschritts in den USA. Göttingen 1967, [Bd. 2], 219 S., 9 Tab., 11 Schaubilder, kart. DM 15,80. ISBN 3-525-85340-8 Fritz Gebhardt, Promotion und Stipendium. Ergebnisse einer soziologischen Erhebung über das Promotionsstipendium der Stiftung Volkswagenwerk. Göttingen 1967, [Bd. 3], 211 S., 25 Tab., kart. DM 15,80. ISBN 3-525-85337-8 Willi Pöhler, Auslese und Förderung. Das Auswahlsystem und die Zweitstu- dienförderung der Stiftung Volkswagenwerk. Göttingen 1968, [Bd. 4], 202 S., 45 Tab. u. Diagramme, kart. DM 15,80. ISBN 3-525-85341-6 Marie Luise Zarnitz, Molekulare und physikalische Biologie. Bericht zur Situation eines interdisziplinären Forschungsgebietes in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1968, [Bd. 5], 106 S., 16 Tab., kart. DM 9,80. ISBN 3-525-85342-4 Gerd Klasmeier, Biomedizinische Technik. Bericht zur Situation eines interdisziplinären Fachgebietes in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1969, [Bd. 6], 139 S., 6 Diagramme, kart. DM 9,80. ISBN 3-525-85339-4 Christian von Ferber, Fritz Gebhardt, Willi Pöhler, Begabtenförderung oder Elitebildung. Ergebnisse einer soziologischen Erhebung über das Förderungsprogramm der Hochbegabtenförderungswerke. Göttingen 1970, [Bd. 7], 174 S., 40 Tafeln u. Diagramme, kart. DM 15,80. ISBN 3-525-85335-1 Karl Kaiser, Friedensforschung in der Bundesrepublik. Gegenstand und Aufgaben der Friedensforschung, ihre Lage in der Bundesrepublik sowie Möglichkeiten und Probleme ihrer Förderung. Göttingen 1970, [Bd. 8], 271 S., 6 Tab. u. Schaubilder, kart. DM 16,80. ISBN 3-525-85338-6 Erich Zahn, Systemforschung in der Bundesrepublik Deutschland. Bericht zur Situation eines interdisziplinären Forschungsgebietes. Göttingen 1972 [Bd. 9], 139 S., 2 Tab., 14 Schaubilder, kart. DM 11,-. ISBN 3-525-85350-5 Das Informationssystem der Stiftung Volkswagenwerk. Göttingen 1972, [Bd. 10], 147 S., kart. (vergriffen) Hanspeter Bennwitz, Franz Emanuel Weinert (Hrsg.), CIEL - Ein Förderungsprogramm zur Elementarerziehung und seine wissenschaftlichen Voraussetzungen. Göttingen 1973, [Bd. 11], 374 S., 20 Abb., 14 Schaubilder u. Tab., kart. DM 22,-. ISBN 3-525-85352-1 Helen von Bila, Gerontologie. Bestandsaufnahme zur Situation der Alternsfor- schung in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1974, [Bd. 12], 108 S., 1 Tab., 2 Schaubilder, kart. DM 11,-. ISBN 3-525-85354-8 Rainer Büren, Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Gegenstand, Lage und Förderungsmöglickeiten. Göttingen 1974, [Bd. 13], 212 S., 1 Tab., 1 Schaubild, 1 Kartenskizze, kart. DM 22,-. ISBN 3-525-85355-6 Oskar Hartwieg, Rechtstatsachenforschung im Übergang. Bestandsaufnahme zur empirischen Rechtssoziologie in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1975, [Bd. 14], 162 S., kart. DM 17,80. ISBN 3-525-85356-4 WM .. |r : m Wm wm Wm ■;'■■: I SS9S in gl H ü '•• 11 m 1 3 ■'■ RHH I Mi-; ; 5:: : ■■■■'-■■'"■■'"', ■ : . '• . Bernhard Dahm, Die Südostasienwissenschaft in den USA, in Westeuropa und in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Bericht im Auftrag des Instituts für Asienkunde, Hamburg. Göttingen 1975, [Bd. 15], 121 S., 9 Tab., kart. DM 16,80. ISBN 3-525-85357-2 Johannes M. Sauer, Erwachsenenbildung. Stand und Trend der Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1976, [Bd. 16], 132 S., 6 Tab. u. Schaubilder, kart. DM 16,80. ISBN 3-525-85358-0 Alheidis von Rohr, Kulturgut - Erfassen, Erschließen, Erhalten. Bestandsaufnahme zu Archiven, Bibliotheken, Museen, Denkmalpflegeämtern und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1977, Bd. 17, 174 S., kart. ISBN 3-525-85359-9 (vergriffen) Hochschulzugang in den USA und der Bundesrepublik Deutschland. Bericht einer deutsch-amerikanischen Studiengruppe des International Council for Educational Development, herausgegeben von James A. Perkins und Barbara B. Burn. Mit Beiträgen von Wilhelm A. Kewenig und Ulrich Karpen. Statistiken Ladislav Cerych etal. Göttingen 1980, Bd. 18, 272 S., kart. DM 24,-. ISBN 3-525-85360-2 Klaus Lompe, Hans Heinrich Rass, Dieter Rehfeld, Enquete-Kommissionen und Royal Commissions. Beispiele wissenschaftlicher Politikberatung in der Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien. Mit einem Beitrag zur Paritätischen Kommission in Österreich von Dieter Bichlbauer und Anton Pelinka. Göttingen 1981, Bd. 19, 376 S., kart. DM 29,-. ISBN 3-525-85362-9 Alternsforschung. Berichte zu einem Förderungsschwerpunkt. Hrsg. Stiftung Volkswagenwerk. Mit englischsprachiger Einführung und Zusammenfassung. Göttingen 1981, Bd. 20, 212 S., kart. DM 22,-. ISBN 3-525-85361-0 Rolf Kappel, Ingo A. Schwarz, Systemforschung 1970-1980. Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland. Materialien zu einem Förderungsschwerpunkt der Stiftung Volkswagenwerk. Mit einem Beitrag von Anatol Rapoport. Englischsprachige Zusammenfassung. Göttingen 1981, Bd. 21,223 S., kart. DM 25,-. ISBN 3-525-85363-7 Ariane Garlichs, Doris Knab, Franz E. Weinert (Hrsg.), CIEL II - Fallstudie zu einem Förderungsprogramm der Stiftung Volkswagenwerk zur Elementarerziehung. Göttingen 1983, Bd. 22, 406 S., zahlr. Übers., Tab., Diagr., kart. DM 35,-. ISBN 3-525-85364-5 Hermann Körte, Alfred Schmidt, Migration und ihre sozialen Folgen. Förderung der Gastarbeiterforschung durch die Stiftung Volks wagen werk 1974-1981. Göttingen 1983, Bd. 23, 170 S., Tab. u. Schaub., kart. DM 19,80. ISBN 3-525-85366-1 Bernhard Fabian, Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung - Zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1983, Bd. 24, 346 S., kart. DM 26,-. ISBN 3-525-85368-8 VANDENHOECK & RUPRECHT IN GÖTTINGEN UND ZÜRICH lllilllll