Druckschrift 
Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung : zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

v;v .';:::.;:;'

I fflüU HUttBfflB

76

I

|

-ii"

die Verbreitung beeinträchtigen, zählen nur Qualität und Aktualität.Jenseits des Selbstverständlichen fällt damit die Entscheidung überGrundbedarf und Spitzenbedarf nurmehr in der konkreten For-schungssituation. Je spezieller die Forschung wird - und jedeForschung ist Spezialforschung - desto eher verwandelt sich dervermeintliche Spitzenbedarf in einen unvorhersehbaren Grund-bedarf, der über den auswärtigen Leihverkehr beschafft werdenmuß. Aus dieser prinzipiellen Nichtabgrenzbarkeit dürfte sichumgekehrt auch die überraschend hohe Nachfrage nach deutschenPublikationen im Leihverkehr erklären. 19

Zur Internationalität kommt die Interdisziplinarität. Die selbstän-dige Disziplin als intellektuelle und organisatorische Grundeinheitder Forschung war ein Ergebnis der Professionalisierung undSpezialisierung der Wissenschaft im neunzehnten Jahrhundert. DieAbgrenzung überschaubarer Teilgebiete bedeutete eine klare Kom-petenzzuweisung, so daß die Rahmenbedingungen der Forschungvorgegeben waren. Innerhalb der Disziplinen waren die Litera-turbedürfnisse homogen, und der Literaturbedarf der Forschungsetzte sich aus einem Aggregat von klar definierbaren Einzel-bedürfnissen zusammen. Die ursprüngliche Einrichtung von Sam-melschwerpunkten trug dieser Situation Rechnung. 20

iiiij

II

Moderne Fragestellungen greifen fast immer über die herkömm-lichen Disziplinen hinaus, und zahlreiche Arbeitsgebiete, von derLiteraturpsychologie bis zur Sozialgeschichte, implizieren in mehr-facher Hinsicht Grenzüberschreitungen. Auch bei einem Fortbe-stehen von traditionellen Organisationsformen verlieren damit dieDemarkationslinien des neunzehnten Jahrhunderts ihre Eintei-lungskraft. Die Literaturbedürfnisse in der heutigen Forschungs-situation können nur durch die Anlage genügend großflächigerReservoire mit zureichender Schnelligkeit gedeckt werden.

m

Die Geisteswissenschaften sind schließlich, wie bereits angedeutet,auf ein Literaturkontinuum angewiesen, in dem sich historischeBestände und moderne Sekundärliteratur zu einer Einheit ver-binden. Daraus resultiert ein spezifischer Bedarf an ,älterer' Li-teratur. Stichproben zufolge macht zur Zeit der Anteil der vor 1945erschienenen Literatur mehr als 38 Prozent des Leihverkehrsauf-