Druckschrift 
Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung : zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland
Entstehung
Seite
44
Einzelbild herunterladen
 

.,'.:.:..:.:.:,.:

44

der Neuerscheinungen und ein leider sehr grosser Teil der altenLiteratur, der dem Umfang nach vielleicht auf die Hälfte allesExistierenden geschätzt werden muß." 28 Zu diesem Zeitpunkt wardie lange Debatte über die Frage, ob die Königliche Bibliothek eineZentralbibliothek, eine Nationalbibliothek oder gar eine Reichs-bibliothek mit den Aufgaben eines Nationalarchivs gedruckterTexte und eines nationalbibliographischen Zentrums sein sollte, imSinne des Dezentralismus beendet. 1913 wurde die DeutscheBücherei in Leipzig eröffnet. 29

Die Gründe für den unzureichenden Ausbau der Berliner Bibliotheklagen vornehmlich in ihrer Dotierung, die gegenüber anderenAufgaben der Wissenschaftsförderung offenbar nicht als vordring-lich angesehen wurde. Obwohl der preußische Staatshaushalt, soTreitschke 1884,aus dem Vollen" wirtschaftete und obwohlDeutschland, so der Fürst von Bülow 1914, hinter England und vorAmerika die zweitgrößte Handelsmacht war, 30 blieb der Etat weithinter den Aufwendungen Englands und Frankreichs für ihreNationalbibliotheken zurück. 1890 betrug das Budget die Hälfte desBudgets des Britischen Museums und etwa zwei Drittel der Budgetsder Bibliotheque Nationale und der Boston Public Library. 31 Bis1914 wurden Steigerungen erreicht, aber der internationale Ver-gleich fiel noch immer zuungunsten der Berliner Bibliothek aus. 32

Im Zusammenwirken mit einer älteren Sammeltradition führte dieEtatbeschränkung auch zu einem für die Forschung nachteiligenBestandsaufbau. 33 Strenge Auswahl und Konzentration auf Werkevon bleibender Bedeutung' schlössen automatisch alles scheinbarEphemere aus. In England und auch in Amerika wurde ein anderesSammelprinzip vertreten. Anläßlich einer Bitte an die amerika-nischen Auslandsvertretungen um Mithilfe bei der Literatursamm-lung brachte es der Librarian of Congress 1898 auf die Formel: "Inthe process of selection or inquiry, nothing should be deemedtrivial, remembering that what in its day was an apparentlyworthless publication... may hereafter be priceless in its value." 34Der heute immer wieder überraschende Quellenreichtum der großenBibliotheken im anglo-amerikanischen Bereich geht hierauf zurück.