Druckschrift 
Der deutsche Staat : Verfassung, Macht u. Grenzen 919 - 1914
Seite
381
Einzelbild herunterladen
 

Bruder. Er ersetzte das reaktionäre Ministerium durch ein gemischt-konservativ-liberales.Jedenfalls hatte dieNeaktion ihr Ende gefunden.

Er war als Militär erzogen und war seit Friedrich dem Großenwieder der erste ausgesprochen militärische König in Preußen. Wäreer als einfacher Adliger in das preußische Heer eingetreten, so würdevielleicht aus ihm ein tüchtiger Kriegsminister geworden sein. Solda-tisches Pflichtgefühl und disziplinierte Arbeit hoben ihn von seinemgeistvolleren, weicheren, romantischen Bruder ab. Er hat gesagt:„Mein auswärtiger Minister und mein Kriegsminister werde ichselbst sein, das verstehe ich." Nach einigen Jahren verfehlter Politikgab er jenes Amt in die Hände Vismarcks, eines Genies. Der Königerkannte die Grenzen seiner Fähigkeiten, und das ward ihm zum Segen;denn er vermied damit das eigene unsachliche Hineinreden, schränkteden Einfluß unverantwortlicher Natgeber sehr ein, indem er langsamsich die Kunst erwarb, für die einzelnen Nessorts vorzügliche Sach-kenner und charaktervolle Männer zu gewinnen, und diesen sein Ver-trauen bewahrte. Doch er ward nicht von ihnen abhängig, wie ersich nicht einer Partei ergab. Der Entschluß blieb seine Sache. Erfaßte ihn in innerlicher Demut, nach ernstester, ihn tief erschütternderPrüfung, in genauester Erwägung seiner königlichen Pflicht demStaate, dem Volke und Gott dem Herrn gegenüber. Er fühlte sichnicht als Nutznießer einer ererbten Krone, sondern als Pfleger desStaates und seiner Macht. Diese standen ihm höher als die Ne-gierungsform. Darin glich er Vismarck. Er konnte liberalen Ein-flüssen weit nachgeben. Aber beide waren sich einig, daß in Preußenzwar eine konstitutionelle Negierung möglich sei, nicht aber eineparlamentarische. Der göttliche Auftrag, den er auch durch dieKönigskrönung betonte, ergebe, daß die Krone regiere, nicht das Par-lament, und ebenso wollte er der oberste Kriegsherr sein und bleiben.

Parlamentsherrschaft und Heeresreform führten zu heftigenKämpfen zwischen Krone und Landtag. Das Ministerium der „neuenÄra" sah in den Wahlen, die nach wiederholten Auflösungen erfolg-ten, daß die konservative Mehrheit der Zweiten Kammer sich auf eingutes Dutzend Sitze einschränkte, die Linke immer mehr wuchs undsich vor allem die sich von den gemäßigten Liberalen abzweigendeFortschrittspartei so stärkte, daß sie mit dem linken Zentrum die

Z8i