§ 76. Medizinische Literatur. § 77. Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht. 235
(vgl. Genesis, Exodus u. a.) und nun schufen sie auf dieselbe Weise um-fassende Romane, in denen ritterliche Ideale verherrlicht und Musterbilderfür die höfische Gesellschaft aufgestellt wurden: im Alexanderlied desPfaffen Lamprecht ist in der Person des Königs, des mächtigsten Herrschersdes Altertums, ein tapferer und hochherziger Fürst gezeichnet, ein Bild desguten weltlichen Regenten, dessen Größe aber doch nur von dieser Weltist, da er von Ehrgeiz und Ruhmliebe erfüllt als Eroberer nur ein vergäng-liches Weltreich gründet. Ihm gegenüber ist im Rolandslied des PfaffenKonrad in Karl dem Großen, dem erhabensten Herrn der Christenheit, derIdealfürst in kirchlichem Sinne dargestellt, der geistliche Ritter, der in de-mütiger Frömmigkeit das Reich Gottes auf Erden verwirklichen will. Mitder Geschichte Alexanders ist zum erstenmal ein antiker Stoff in deutscherSprache behandelt worden. Hier sind die m.alterl. Anklänge nur hinein-getragen; das Rolandslied, unmittelbar aus dem christlichen Geiste der Zeitentsprungen, ist der echte Ausdruck rein m.alterl. Romantik. Die beidenGedichte bilden in der deutschen Literaturgeschichte einen Markstein, inihnen ist der Schritt gemacht vom kürzeren, frei vorgetragenen Spielmanns-lied zum umfangreicheren Lese- (bezw. Vorlese)epos. 1 ) Zugleich sind es dieersten Werke, die aus dem Französischen übertragen wurden und sie er-öffnen somit den großen Einfluß, den Frankreich wie durch die Scholastik,so auch durch die Dichtkunst auf das deutsche Geistesleben im 12. und13. Jh. ausübte. Beide Gedichte geben herrschende Ideen ihrer Zeit wieder:im Alexanderlied entfaltet sich, wie im Beginn der Kreuzzüge, eine Erweite-rung des Weltbildes vom Abendland auf das Morgenland durch die Zügenach Osten, das Rolandslied vollends ist unmittelbar eine Darstellung desKampfes zwischen Christentum und Heidentum unter der Fahne des Kreuzes,also eines Kreuzzuges.
§ 77. Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht und seine Fortsetzung durcheinen Ungenannten.
Piper, Spielm. D. 2, 116-182, Nachtr. S. 244. 370, Höf. Ep. 3, 713 f. 734; Einleit. zu Ott-manns Übersetzung S. IX— LXVII — Ausg.: Diemer, D. Ged. S. 183—226, Anm. S. 57-65, Einl.XLII—XLIV (Vor. Hs.); Massmann, Denkm. S. 16—75 und D. Ged. 1, 64—144 (Straßbg. Hs);Anfang und Schluß der Straßbg. Hs. bei Graff, Diut. 1, 308—310, Anfang bei Hoffmann,Fundgr. 1, 211; Heinr. Weismann, Alexander, Urtext und Übersetzung ... Übersetzung desPseudo-Kallisthenes u. a., 2 Bde, Frankfurt a. M. 1850; die jetzt gültige kritische Ausg. ist dievon Karl Kinzel, Germ. Handbibl. VI, Halle 1884, dazu Ausfeld, LC. 1884, 1761—1763,Piper, Lit.Bl. 1884, 458—460, Schröder, DLZ. 1885, 784—787, Wilmanns, Gott. gel. Anz.1885, 291—303, Rödiger, Anz. 11, 257—281, Seelisch, ZfdPh. 17, 487—492; RichardMaria Werner, Die Basler Bearbeitung von Lambr. AI., Bibl. d. Lit.-Ver. Bd. CLIV, dazuKinzel, ZfdPh. 14, 379—384. Übersetzung: Rich. Eduard Ottmann, Halle a. S. o. J., VerlagHendel, dazu Seiler, ZfdPh. 31, 509 f., Ausfeld, Lit.Bl. 1899, 369—371. — Holtzmann,Der Dichter des Annoliedes, Germ. 2, 1—48; Pfeiffer, Germ. 3, 494 f. (Sprache); Bech,
') Damit ist erwiesen, daß der Anstoß zur I ausgegangen ist. Eine neue und stärkere Ein-Schaffung des umfangreichen weltlichen Wirkung der franz. weltlichen Epik erfolgtedeutschen Epos, zuerst des von Geistlichen, dann durch die Uebernahme des ritterlich-dann des Spielmannsepos, von Frankreich höfischen Romans.