336 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG
Aus dem Wormser Druck lernte Hans Sachs den Prosaroman kennen unddichtete nach ihm fünf Meisterlieder 1551, dann eine Tragedia 1553.*
Als der Romantik sich die Wunder der mittelalterl. Welt erschlossen, dafeierte G.s unsterbliches Liebeslied seine Auferstehung. Es waren wohl nichtallein „die zauberlichen Wunder und Gesichte", die A.W.Schlegel zu G.sWerk hinzogen, es war ein geheimes Band zwischen den beiden, das wardie Macht der schönen Formen. 2
Seine eigene zwiespältige Individualität hat Immermann auch in seinenTristan hineingetragen, er, der Romantiker und zugleich moderne Zeitmensch,schwerfällig im dichterischen Ausdruck und genial in der Idee. Darum istIronie die innere Form eines großen Teils seines Tristan; wie Ariost erhebter sich launig über die mittelalterliche Romantik, um dann wieder dasseelische Leid und die ewige Tragik der vom Schicksal dem Untergang Ge-weihten in grandios schönen Versen zu besingen.
Der Idee der Tristandichtung hat Richard Wagner die vollendete Gestaltgegeben. Er hat die von G. als leitendes Stimmungsmotiv sich durchziehendeTodeserotik, das in der Vereinigung des Todes gestillte Liebessehnen, zueinem Ewigkeitssymbol erhoben, zum Aufgehen der erlösten Menschheit inder versöhnten All-Einheit, zum beseligenden Glücksgefühl des göttlich ewigenUrvergessens.
1 Golther S. 254—58; Ranke S. 255—62.275. — Die Tristandichtungen der Neuzeit:R. Bechstein, Tr. u. Is. in deutschen Dich-tungen der Neuzeit, 1876; Golther, Bühneu. Welt 1 (1899), 921-29, Lit. Echo 4 (1901),162—67, Ges. Aufs. S. 111 ff. 143 ff., u. bes.
Tristanb. S. 259-407; Block, Die neuerenSprachen 16 (1908), 65 ff. usw.
» Nur der I. Gesang von Schlegels Umdich-tung, 91 Stanzen, wurde vollendet, a. 1800,gedruckt zuerst 1811.