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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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254 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG

Die Auffassung von der Gralhandlung ist bei Chrestien und Wolfram nichtsymbolisch, nicht eine mystische Ausdeutung des heiligen Abendmahls, son-dern im Vordergrund stehen Vorgänge poetischer Wirklichkeit ohne religiösgeistige Beziehungen. Doch schimmern religiöse Elemente besonders beiW., noch stark durch. Der Stoff wurde durch Chrestien ins Ritterlich - Höfischestilisiert, die Gralgemeinde ist jetzt eine ritterliche Gesellschaft, ein geist-licher Ritterstaat, und Wolfram (nicht Chrestien) nennt die Glieder un-mittelbar nach dem Templerorden Templeisen 444, 23. 468, 28. 792, 21.793,21. Es ist eine riterltchiu bruoderschaft 470, 19, ein werdiu bruoder-schaft 473, 5 ff. In dieser hat Wolfram die höchste Form des Rittertums, denchristlichen Ritter, gezeichnet und zwar einen mehr mönchischen Typus,der dem doch in der Welt und nicht nach einer Regel lebenden Gottes-streiter des Rolandslieds und des Willehalm in der religiösen Stufenfolge nochübergeordnet ist.

In dieser Verweltlichung des Legendenhaften wurde die Liturgie zum höfi-schen Zeremoniell, die Christgemeinde zum Abbild eines geistlichen Ritter-ordens, ja die ursprünglich liturgische Prozession wurde von Knappen undvon Frauen vollzogen, und der Ehrendienst, das heilige Gefäß, das nun dieBedeutung als Reliquie, als Abendmahlskelch verloren hatte, zu tragen, wurdeeiner hohen Dame zuteil. Die Umstellung des legendarischen Gralaufzugsin eine höfische Gesellschaftsform ging doch nicht ohne merkliche Ein-griffe vonstatten. Jetzt ist die Meßprozession zu einem Festgelage geworden,das Abendmahl zu einem leckeren Herrenessen, in dessen Nachtisch Chrestiengeradezu schwelgt. Die rätselhafte Gestalt des vornehmen Fischers ist einLegendenrest, aber ohne Spur von der altchristlichen Symbolik des i%&veChristus. Ein Legendensplitter ist auch der alte Mann im Nebengemach,Titurel. Im Zusammenspiel der Stoffteile hat diese Person keine selbständigeBedeutung mehr, sie dient hauptsächlich, um das Staunen von der Wunder-kraft des Gral zu verstärken. Er ist der erste Gralsherr und entspricht alsoin dieser Hinsicht dem Joseph v. Arimathia; er ist der Vater des reichenFischers, ihm dient man bei Chr. 6371 ff. mit dem Gral. Noch weniger trittsein nur bei Wolfram vorkommender Sohn Frimutel hervor, der Vater desAnfortas; sein Rittertum ist im Gegensatz zu Anfortas' Amourschaft als Bei-spiel ehelicher Minne aufgestellt 474, 11 ff. 478, 1.

In der ursprünglichen Legende hat der Erbe des Gralshütertums keinenNamen, auch bei Robert v. Boron ist er nurder Sohn des Sohnes" vonBron. In einigen franz. Prosaromanen heißt der Gralfinder 1 Galaad, in derKrone ist es Gawein. 2& Das Fragemotiv ist in der Märchenpoesie zwiefach gewendet, positivals Gebot, der Held soll fragen, negativ als Verbot (Gess), er soll nicht

1 Hertz S. 435; Wechssler S.130f.; Spar-naay S. 101 ff.; Bruce 2, Reg. S. 428 unterGalaad; Golther, Gralb. S. 167f. u. Reg. unt.Galahad.

2 Heinrichs v. d. Türlin Krone gewährt viel-fach Aufschluß über volkstümlichere Vorstel-lungen vom Gral; Golther, Gralb. S. 215231.