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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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187
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§ 28. Gregorius 187

Verlust seines Herrn, der tiefe Spuren in sein Inneres gegraben, eine Zeitinnerer religiöser Einkehr erlebte und in dieser Stimmung würden seine beidengeistlich gerichteten Gedichte auch ihre seelische Begründung finden. IhreAbfassung wird also, mit dem Tod des Dienstherrn und dem Kreuzzugzusammenhängend, in die Jahre um und nach 1195 fallen.

Die Gregoriuslegende. In Deutschland fand H.s Gedicht verschiedeneBearbeitungen. Bald nach seinem Erscheinen übertrug es Arnold, der Abtdes Johannesklosters zu Lübeck, ins Lateinische (Gesta Gregorii peccatorisad penitenciam conversi et ad papatum promoti) im Auftrag des HerzogsWilhelm v. Lüneburg, des Sohnes Heinrichs d. Löwen, (f 12. Dez. 1213). 1In der Widmung an den Herzog hebt er hervor, daß ihm die Arbeit, dasWerk de teutonico transferre in latinum, sauer gefallen sei, weil er nichtgewohnt war, solches zu lesen und ihm vor der ungewohnten Ausdrucks-weise grauste. 2 Er übersetzte, wie er selbst sagt, nicht Wort für Wort, sonderndem Gang der Erzählung folgend zur Erbauung der Hörer (den Frommenzu einer Erbauung, den Lasterhaften ein Antrieb zur Buße V. 1242 ff.). Erahmt die vierhebigen Reimpaare H.s nach (H.s Name ist nicht genannt),was ihm anfangs weniger, später besser gelingt. Die Verse sind also meistvierfüßige Jamben bzw. dreifüßige Trochäen mit überklingender Silbe, da-zwischen, bes. am Anfang, längere und kürzere Zeilen, auch leoninische Hexa-meter. Die 4210 Verse sind in vier Bücher geteilt. Die Übersetzung ist frei,zuweilen erweiternd (anschauliche, aus dem Leben gegriffene Bilder), bes.später auch kürzend. Der geistliche Ton ist gegenüber dem höfischen verstärkt.

Noch ein zweites lat. Gedicht, in 453 dem Ovid nachgeahmten Hexa-metern, das in einer Münchner Hs. des 14. Jh.s enthalten ist, beruht aufH.s Erzählung. 3 Es ist eine freie, kürzende Wiedergabe, vom Wortlaut H.svöllig unabhängig. Die 17 einleitenden Verse ergeben in einem Akrostichonden Titel Gregorius Peccator. Der Stil ist stark verkünstelt und enthält An-spielungen auf die Bibel und die klassische Mythologie.

1 Arnoldi Lubecensis Gregorius Peccator,hgb. v. Gust. v. Buchwald, Kiel 1886, dazuMartin, DLz. 1886,440; Paul, Lbl. 1886,355,Cbl. 1886,227, Steinmeyer, Anz. 12,20005,Seelisch, ZfdPh. 19, 12128; J. Mey, ZurKritik Arnolds v. Lüb., Leipz. Diss. 1912, bes.S. 81100, dazu DLz. 34,562 f., Chr.Reuter,Zs. d. Ver. f. Lüb. Gesch. u. Altertumsk. 15,173 ff.; E. Schuppe, Zur Textkrit. d. «Greg.Pecc." Arnolds v. Lüb., Leipz. Diss. 1914;Strobl aaO., Lippold S. 16, Seegers S. 328, Zwierzina, ZfdA. 37, 130. 15255.Vollst. Hs. im Kloster Bödeken in Paderborn,15. Jh.; Berl. Bruchst., verloren, 36 V. (= H.91447), abgedr. Leo, Bl. f. literar. Unterhalt.,Leipz. 1837 S. 1432 f., u. J. Grimm, Lat. Ged.d. X. u. XI. Jh.s S. XLVf., Lippold aaO.Arnold v. Lübeck, ein klassisch geschulterGeistlicher, in Braunschweig zur Zeit Hein-richs d. Löwen gebildet (Epilog S. 127), ist

bekannt als Fortsetzer der WendenchronikHelmolds (Chronica Slavorum), die er bis1209 führte. Erstarb 1212. An seiner Greg.-Übersetzung arbeitete er also zwischen 1209u. 1212.

2 Die obd. höfische Dichtersprache war alsofür einen Niederdeutschen um 1200 etwasFremdes, ein für die sprachlich-literarischenBeziehungen zwischen Nieder- und Ober-deutschland bedeutsames Geständnis. Aberder gelehrte geistliche Herr mochte wohl dasdeutsche Gedicht schon an sich als ein bar-barisches Machwerk gering schätzen. Be-ziehungen zwischen dem BraunschweigerHofe und den Zähringern (Hartmann): Schrö-der, ZfdA. 51,108.

3 Hgb. von Schmeller, ZfdA. 2, 486-500;Lippold S.63; Seelisch, ZfdPh. 19,12128,dazu ebda 19, 405 u. A. 1.