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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 22. Artussage und Artusroman

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Der eigentliche Begründer des Artusromans ist Chrestien de Troyes.Ob es schon vor ihm Artusromane gegeben hat, ist eine umstrittene Frage. 1Er hat nach mündlichen Quellen gearbeitet (Chr.s Erec 19 ff.), gewiß aberhat er auch schriftliche Vorlagen benutzt. Seine dichterische Begabung wirdvon den neueren Gelehrten verschieden beurteilt. In Betracht zu ziehen ist,daß er schon Glanzstücke der höf. Epik vorgefunden hat, die Romane vonTroja und von Eneas (s. oben). Jedenfalls aber hat er, der Meister der afrz.Erzählungskunst, den für die Folgezeit gültigen Typus des Artusromansgeschaffen: er hat den Stoff mit gewandter Technik künstlerisch geformtund ihm den echt höfischen Geist und eine tragende Idee eingegossen.Damit hat er eine weitreichende Bedeutung für die Entwicklung der mittelalterl.Literatur gewonnen und wurde auch von seinen Zeitgenossen und Nach-folgern als unerreichter Meister anerkannt.

Über Chrestiens Lebensverhältnisse ist wenig bekannt, wie viel er auchin der afrz. Literatur genannt und gerühmt wird. Er lebte an franz. Höfen,seinen Lancelot dichtete er für die Gräfin Marie v. Champagne (1164 Ge-mahlin Heinrichs I. v. Champ.), 2 den Perceval für den Grafen Philipp v.Flandern. Zur Matiere de Bretagne gehören seine Hauptwerke, die zwischen

1 Die wälschen (wallisischen) Prosaerzäh-lungen, Mabinogion (Si.Mabinogi), die sichin dem sog. Roten Buch von Hergest, einergroßen Sammelhandschrift um 1400 (engl.Uebersetzung: Lady Guest, The Mabinogion,3 Bde., London 183849; deutsch: SanMarte, Die Arthur-Sage u. d. Mährchen d.rothen Buchs v. Hergest, Quedlinbg. u. Leipz.1842), befinden, enthalten von Artusgeschich-ten die oben genannten Owen (= Yvain),Gereint (= Erec), Peredur (= Perceval). Fürdie Herkunft der Artusromane ist das Ver-hältnis der Mabinogion zu Chrestien entschei-dend. Eine Einigkeit ist darüber noch nichterzielt. Man nahm bis vor kurzem fast all-gemein an, die Mab. seien Uebersetzungenaus franz. Quellen, bes. aus Chrestien (FOER-ster, bes. in seinen Ausgaben; G.Paris setzteals Ursprung anglonormannische, in Englandverfaßte franz. Romane an, aus denen sowohlChrest. als die Mab. entstanden seien). Neuer-dings wird wieder die Ansicht verfochten, daßdie Mab. alte, einheimische, cymrische Sagenseien und nicht erst aus den franz. Dichtungengeflossen (Windisch), oder auf cymrischeProsaerzählungen gingen sowohl die Mab. alsChr. zurück. Das Bestehen älterer Artusromanevor Chrestien: Zarncke, Beitr.3,304ff.; Zim-mer, Kelt. Stud. 2 (1884), 200 f., dazu Martin,Anz. 10, 420; Wechssler, Sage v. Gral S.53.156 f.; bes.: Rud. Zenker, Zur Mabinogion-frage, Forsch, z. Artusepik I; Ders., Ivain-studien, Beihefte z. ZfromPh. 70, 1921, dazuH.Schneider, Anz.42, 114 ff., Entgegnung v.Zenker, ZfdA. 62, 4966, dazu Schneiderebda S. 112; s. auch Zenker, Zur Mabinogion-kritik, 1912, Weiteres zur Mab.frage, ZffrzSpr.

45, I, 47 ff. 48 H. 1/3, Zu Parceval-Peredur,GRM.ll, 240-54 (vgl. Mühlhausen, ebda10, 367); Rich. Edens, Erec-Geraint, Rostock.Preisschr. 1910; ferner :Brugger, ZffrzSpr. 44,13ff.; BROWN.RomanicRev.IlI(1912), 143ff.;W.Gaede, Die Bearbeitungen von ChrestiensErec u. d.Mabinogionfrage, Münst.Diss. 1914;W. Greiner, Owein-Ivain, Leipz. Diss. 1917;Kool, Le Probleme Erec-Graint, Neophilol. 3(1918), 16774; E. Vettermann, Die Baien-Dichtungen u. ihre Quelle, Beih. z. ZfromPh.H. 60, Halle 1918. J. LOTH, Des nouvelles theo-ries sur l'origine des romans arthuriens, Rev.celt.l3H.4; Singer, AufsätzeS. 154ff.; Ders.,Literis aaO.; Schurr aaO. S. 103 ff.; Bruce 2,45 ff. 5458. 5974. Ob die lat., demRob. v.Torigny zugeschriebenen Prosa-Artus-romane De ortu Walwanii u. Historia Meriadocivor od. nach Chrestien fallen, ist umstritten(ed. J. Douglas Bruce, Hesperia, Ergänzungs-reihe 2. H., 1915; Zenker, Mab.frage S. 106,Ivainstud. S. IX Anm. 3; SPARNAAY.Verschmel-zung legendär, u. weltl. Motive, Groningen1922, S.13.35), doch setzen sie jedenfalls einenfranz.Gawainroman voraus.

" Von dieser hatte Chr. den Stoff (matiere)und die Idee (sen) zum Lanc. erhalten. DieComitissa Campaniae" ist eine der vorneh-men Damen, die in dem Liebesbuch des Ka-plan Andreas(ed.TROJEL S. 150 ff. 273-93) dieRegeln für das Minnewesen aufstelll.Dieneuntedieser Minnefragen (Trojel S.280L) lautet:ob die Liebesleidenschaft größer sei zwischenLiebenden od. Ehegatten (inter amantes aninter coniugatos). Chr.s Lancelot gibt ein poe-tisches Bild dieser an dem Hofe der Gräfin u. a.erörterten Liebesfrage.