§ 22. Artussage und Artusroman 135
umwob diesen düstern Wahn mit poetischen Lustgebilden. Es sind dieFeensagen. Die Feen sind elbische Wesen, Wassergeister, holde Frauen,die in Quellen, Flüssen, auf Inseln im Meere wohnen. Sie ziehen schöneMänner zur Liebe in ihr Reich, in die „andere Welt", die Insel der Seligen,von wo sie niemals wiederkehren. Am deutlichsten hat die irische Sage 1den Mythus von ihrem Wesen und ihrer Wohnung bewahrt, es sind freund-liche Todesgottheiten, die den Sterblichen in den Aufenthalt der Seligenladen. Aber als reines Märchen oder als niederer Volksglaube ohne Bewußt-heit des mythologischen Ursprungs ist der elbische Verlockungszauber eininternationales Erzählungsmotiv. In einfachster Form (1) begegnet es inGoethes Fischer und Erlkönig, in Brentanos und Heines Loreley. — Mitder Rückkehr des Menschen in die Oberwelt (2) z. B. bei Odysseus undKalypso; diese Form mit glücklicher Rückkehr aus dem Totenreich liegtauch dem Märchen von der Frau Holle (eine Wasserfrau, Grimms MärchenNr. 16) und von Hansel und Gretel (Nr. 20; die Hexe ist ein Waldgeist)zugrunde. — In dreifachem Rhythmus (3), indem der Mensch in die Unter-welt gezogen wird, daraus wieder auf die Erde zurückkommt, dann aberzum zweitenmal dem Dämon verfällt: Tannhäuser, Lanval, Graalant, Desire,Iwein, der Meister Heinrich in Gerh. Hauptmanns Versunkener Glocke;Guigemar und Tristan werden zur Heilung ihrer Wunden auf einem ruder-losen Schiff auf das Feeneiland abgeholt wie Arthur. 2 Wenn umgekehrt dasgöttliche Wesen aus Sehnsucht nach Menschenliebe auf die Erdenwelt geht,so kehrt es betrogen in die verlassene Heimat zurück, aber der Menschmuß sterben: Melusine, Undine, die Meerfei im Ritter v. Staufenberg, HansHeiling (Marschner), Lohengrin. In den Artusromanen tritt entsprechend ihrem ■heroischen Charakter und der Verherrlichung des Heldentums ein anderesZaubermotiv in den Vordergrund: durch Kampf mit einem riesischen Wächtererringt der Ritter den Eintritt in das Märchenland (Mabonagrin im Erec, Ascalonim Iwein, auch Morholt im Tristan [s. unten]; es sind im Grunde dieselbenFiguren wie Laurin und wie Sigfrid und die Wormser Helden im Rosengarten). 3
1 GASTONPARis.Romania 17,334f.; ArthurC. L. Brown, Iwain, A Study in the Origins ofArthurian Romance, in: Studies usw. VIII,Boston 1903, dazu Qolther, ZfvglLG. 4(1904), 481—85, Ders., ZffrzSpr. 28 (1905),II, 34ff.; Lucy Allen Paton, Studies in thefairy mythology of Arthurian romance, Boston1903, dazu Golther, Zffrz. Spr. aaO.; Ehris-mann, Märchen im höf. Epos, Beitr.30, 14—54; Panzer, Merlin, Lit.Ver. 227 (1902), mitreicher Lit. S. LXXII—CIX („die gestörteMahrtenehe"); Ders., Sigfrid, Reg. S. 280;Bolte-Polivka 2, 326; V. Junk, Gralsage u.Graldichtung, Wien.SB. 168 (1911) Nr.4. Ver-lockung ins Totenreich s. auch Wackernagel,ZfdA.6, 191 f.; Windisch S. 114. 137. 183.207 f. 278; Güntert, Kalypso, Hei delberg 1919(Lit. bes. S.36ff.); Neckel, Walhall, Dortm.1913; Ders., Die Ueberlieferung vom Gotte
Balder, Dortm. 1922. Zu d. entsprechendenLais der Marie de France: Warnke, Die Laisder M. d. Fr., Halle 1885,2. Aufl. 1900; Hertz,UebersetzungderM.de Fr., S.95—122; Ders.,Spielmannsbuch S.23—44. 323—29; Schrö-der, Anz. 13,119; H. W. Schofield, The laysof Graelent and Lanval, Balt. 1900; Ders., Har-vard Studies V, 236 ff. u. Publ. of the Mod.Lang. Assoc. of America XV, 145 ff.; Erh. Lom-matzsch, Rom. Texte Nr. 6,1922; Ezio Levi,Maria di Francia, Eliduc, Firenze 1924; Singer,Literis aaO.
2 Güntert S. 80 f.; Hertz, Spielmannsb.S.359f.;GoLTHER,Tristanb.S.17f.; Deutsch-bein S. 68 ff. 171 f.; ScHOEPPERLE.bes.S. 194 ff.375 ff.
3 Bei dieser Form scheinen zwei Motive ver-schmolzen zu sein: der Hüter eines märchen-haften Landes, der niemanden einläßt, und die