Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
85
Einzelbild herunterladen
 

I

§ 15. Heinrich von Veldeke

85

den Bischöfen der lothringischen und rheinischen Kirchenprovinzen, unddie ganze Kaisergeschichte des II. Teils dient dazu zu rühmen, in welchhohen Ehren er bei den höchsten weltlichen Herrschern stand. Aber freilich,diese Lokalinteressen nehmen auch kleinliche Formen an, sie zeigen einenängstlichen Eifer um das Kirchengut, wenn die wundertätige Kraft desGottesmannes zum abschreckenden Beispiel gegen Eingriffe in kirchlichenBesitz benutzt wird.

Auch im S., wie überhaupt in der Legendendichtung, besteht die Masseder Mirakel zum wenigsten in eigener Erfindung der Verfasser. Es sindherkömmliche, oft gebrauchte Motive. 1 Aber einige Wundererscheinungenverleihen hier doch dem Gesamtbild eine gewisse feierliche Schönheit:Lichterscheinungen umstrahlen den Heiligen mit himmlischem Glänze (1, 1624.1828 ff. 2206 ff. 3140 ff. II, 300ff. 1462 ff. 1516 ff.); Natur.und Kreatur greifennach dem Willen Gottes hilfreich im Menschenleben ein (der Windadler1, 18911943; das Quellwunder zur Erfrischung des Heiligen I, 203385;die Erde schmückt sich im Winter mit Blumen und Gras zum Lager desErmüdeten I, 29653044 und seine Grabstätte bleibt im Winter vom Schneebefreit II, 372406). Der Lyriker Veldeke aber fühlt in solchen Natur-stimmungen seiner Vorlage verwandte Klänge angeschlagen und fügt einigeTöne hinzu im Stile seiner Lieder (die Sommerfreude 1, 303337. II, 940 ff.;der Winterverdruß I, 302832. II, 386 ff.).»

Servatius gehört zum Typus der heiligen Kirchenfürsten, von Gott in seinAmt eines Heidenbekehrers eingesetzt ist er ein gewaltiger Prediger (1, 166.651, predikäre 1, 195. 787. 2009. II, 2903 u. ö; mehrfach wörtliche Predigtenim Text), mitten im politischen Leben stehend ein Herr bei den Menschen,aber ein demütiger Diener Gottes. Großes erreichte er, aber dem höchstenZiele, der Menschheit den Frieden zu bringen, mußte er entsagen.

Der Dichter versichert, seine Quelle wahrheitsgetreu wiedergegeben zuhaben. 3 Wenn er auch nichts Wesentliches verschwiegen und nichts dazugelogen hat (II, 292437), so hat er doch den Rahmen der Überlieferungstellenweise erweitert und sich stilistisch frei bewegt, wobei er leicht in einegewisse Breite und Weitschweifigkeit verfiel.

In Sprache, Stil und Metrik des Servatius befolgt Veldeke schon dieGrundsätze, die in der Eneide herrschen, er hat sie aber noch nicht indem gleichen Maße zur Übung gebracht.

Veldekes Servatius, um 1170 verfaßt, ist das erste deutsche Gedicht in derneueren, regelrechteren Form. Aber Einfluß auf die Entwicklung der deut-schen Literatur hat es nicht gehabt. Eine spätere Nachricht läßt schließen, daßes immerhin nicht ganz unbeachtet blieb: 4 der Bibliophile Jacob Püterich

1 Vgl. Goswin Frenken, Wunder u. Tatend. Heiligen.

2 Zu 388 vgl. Walther v. d. Vogel weide 76,1 f.* Solche auch sonst in Prologen od. Epilogen

gebrauchte Beteuerungen sind nicht wörtlichzu nehmen.4 Üb. den obd. Serv. s. Wilhelm aaO.