Druckschrift 
Teil 1 (1918) Die althochdeutsche Literatur
Entstehung
Seite
449
Einzelbild herunterladen
 

B. Die Literaturdenkmäler. § 82. Notker in. von St. Gallen. 449

eine streng und einseitig kirchliche, durch den cluniacensischen Rigoris-mus. Auch in der Wissenschaft tritt die neue Richtung der alten feindlichentgegen. Im Studium der sieben freien Künste war die Dialektik (Logik)zu der führenden Wissenschaft erhoben worden, sie war die Grundlagewissenschaftlichen Denkens, die Dogmen und einfachen Glaubenswahrheitentraten zurück hinter der Beschäftigung mit der Spekulation. Man trieb zuvieldas Trivium, zu wenig das Studium der heiligen Schrift. Die Gelehrtenwaren Dialektiker, der Rationalismus herrschte. Die cluniacensische Reformaber änderte auch diesen Geist der Wissenschaft, der Glaube wurde dasalleinige Ziel, die Theologie trat die Alleinherrschaft an. Notker war derletzte Vertreter der alten Trivialschule, nach seinem Tode erstarb das wissen-schaftliche Leben in St. Gallen unter dem strengen Mönchsgeist derPop-ponen". Alle großen Pläne zur Hebung des geistigen Lebens in der Schulegingen mit ihm zu Grabe. Sein Lebenswerk war mit seinem Leben ver-nichtet, vernichtet die Idee einer christlichen durch klassischen Geist be-fruchteten Bildung und die Nationalisierung dieser Bildung durch die An-wendung des Deutschen in der Schule. Ihm selbst aber war die Tragikerspart, sein Lebenswerk zerrinnen zu sehen. Ihm war das Glück beschieden,im Bewußtsein einer hohen Aufgabe bis an sein Ende wirken zu könnenund noch sein letztes und größtes Werk zu vollenden. Als er die Federaus der Hand legte, verschied er, treu seinem Beruf als Lehrer und Geist-licher, treu in der Arbeit für die Schule und in der Sorge um Linderungmenschlichen Leidens.

Deutsche Literaturgeschichte. I.

29