B. Die Literaturdenkmäler. 2. Prosadenkmäler. § 54. Allgemeines. 279
Das Übersetzungsprinzip ist in allen Teilen das gleiche. Die Spracheist nicht frei, sondern stark an die Vorlage gebunden, möglichst dem latei-nischen Text angeschlossen (auffallend besonders in Kap. 77.78) 1 ), undeutscheWendungen wie Partizipialkonstruktionen werden pedantisch nachgeahmt, dielateinische Wortstellung ist mechanisch beibehalten. Der primitive Standpunktder Interlinearversionen ist also noch nicht aufgegeben. Fehlerhafte Über-tragungen und Mißverständnisse sind nicht gerade häufig. 2 ) Manchmal tretenstabreimende Formeln aus der Umgebung heraus, aber gerade diese Anklängean die epische Erzählungskunst in einer solchen ganz unselbständigen Arbeitzeigen, wie leicht sich einem althochdeutschen Übersetzer gleichanlautendeSatzglieder darboten.
Die Übersetzung des Isidor und die des Tatian sind Zeugen fürdie geistigen Interessen ihrer Entstehungszeit. Der althochdeutsche Isidor mitseinem schwierigen theologischen Thema und der fein getroffenen Spracheist der echte Ausdruck der hohen wissenschaftlichen Bestrebungen Karls desGroßen und seines Unterrichtsministers Alcuin. Sein Sohn Ludwig hatte nichtden großzügigen Sinn für Kunst und Wissenschaft, ihm lag lediglich diepraktische Glaubensbildung des Volkes am Herzen und auf einer niedererenStufe ist auch Hrabanus Maurus, der praeceptor Germaniae, stehen geblieben,nicht erreichend die abstrakt dialektische Kunst seines Lehrers Alcuin. DeralthochdeutscheTatian ist ein Beispiel für den wissenschaftlichen Betrieb dieserZeit und dieser Schule. Es handelt sich nicht um Begründung der Heils-wahrheiten wie im Isidor, gelehrt werden nur die historischen Tatsachen. Dasgeschieht an der Hand der biblischen Geschichte des Tatian in unserer deutschenÜbersetzung und ebenso durch den von Ludwig dem Frommen veranlaßtenHeliand; jener ist in seiner schulmäßigen Behandlung bestimmt für denUnterricht in der Klosterschule, das altsächsische Gedicht ist ein Volksbuch.Und in ähnlichem Geiste wie die Tatianübersetzung ist die dritte zusammen-fassende Bearbeitung der Evangelien geschrieben, Otfrids Werk, das wie derTatian aus Hrabanus' Schule hervorging und ihr bedeutendstes, der Methodedes Meisters am nächsten kommendes althochdeutsches Erzeugnis ist.
c) Katechetische und homiletische Denkmäler.
§ 54. Allgemeines. Auf keinem Gebiet der althochdeutschen Literaturtritt die Wirksamkeit Karls des Großen gleich unmittelbar zutage wie aufdiesen dem praktischen kirchlichen Leben dienenden liturgischen Stücken.Der größte Teil derselben ist durch seine kirchliche Gesetzgebung hervor-gerufen worden, die Kapitularien gaben den Anstoß dazu.
Wie alle Gedanken und Einrichtungen der Kirche auf Tradition beruhen,so waren auch jene Gesetze größtenteils keine völligen Neuschöpfungen desKaisers und seiner geistlichen Räte, sondern eine Aufnahme und Weiterbildung
») Steinmeyer, Z. f. d. Phil. 4,475; SieversAusgabe 2 S. LXXH; vgl. ferner Hillscher S. 12und Köhler S. 10.
2 ) E. Arens, Studien zum Tatian I. Fehlerund Mißverständnisse im Tatian, Z. f. d. Phil.29, 63—73.