Gewalt und Zwang beim Thier. 243
nerlich völlig verschieden. Wenn der Sturm den Baumentwurzelt, oder das Meer die Damme durchbricht, so voll-zieht sich darin nur das Causalitätsgeselz; wenn aber daseine Thier das andere überwindet, es tödtet oder verzehrt,so thut es das um eines Zweckes willen, der Vorgang fälltnicht unter das Causalitäts-, sondern das Zweckgesetz.Der Zweck aber, dem die Gewalt beim Thiere dient, istderselbe, wie in der Menschenwelt: Erhaltung und Be-hauptung des eigenen Lebens. Diesen Zweck behält sie beibeim Thier, beim Menschen, beim Staat. Der Erfolg derGewalt ist bedingt durch das Uebergewicht der Macht — inder ganzen Schöpfung lebt der Stärkere auf Kosten desSchwächeren. Aber nicht schlechthin, sondern nur da, woihre beiderseitigen Lebensbedingungen miteinander colli-diren, und wo der Schwächere es nicht vorzieht, die seini-gen denen des Mächtigeren unterzuordnen. Das führt unsauf den Zwang.
Der psychologische Zwang. Gegenüber der Ge-walt bezeichnet er einen ganz immensen Fortschritt. Derleblose schwächere Körper kann dem Stoss des stärkerenKörpers nicht ausweichen, aber das schwächere Thier kanndem stärkeren durch die Flucht entrinnen und dadurch,dass es dem Gegner die Bahn, die derselbe ihm streitigmacht, offen lässt, sein eigenes Leben behaupten. Ein Thier,ein Mensch, ein Volk, welches dem mächtigeren ausweicht,stellt damit zwischen sich und dem andern einen modus
vivendi her, indem es seine Lebensbedingungen den frem-
16*