86 Kap. VI. Die Gesellschaft.
genommen, wieder ausstrahlen muss, so der Mensch dasintellektuelle oder ethische Fluidum, das er in der Gultur-atmosphäre der Gesellschaft einathmet. Leben ist unaus-gesetztes Athmen: Aufnehmen und Zurückgeben von undan die Umgebung; das gilt gleichmassig für das physischewie das geistige Leben. Jedes Verhällniss unseres mensch-lichen Lebens enthalt ein solches »Für einander sein«, diemeisten ein gegenseitiges. Die Frau ist für den Mann da,aber der Mann wiederum für die Frau; die Eltern fürdie Kinder, aber die Kinder auch für die Eltern. Dienst-boten und Herrschaft, Meister und Gesellen, der Arbeiterund der Arbeitgeber, Freund und Freund, die Gemeindeund ihre Mitglieder, der Staat und seine Bürger, die Ge-sellschaft und der Einzelne, Volk und Volk, und das ein-zelne Volk und die Menschheit — wer nennt ein Verhält-niss, in dem nicht der Eine für den Anderen und dieserwiederum für ihn da wäre? Und ganz abgesehen von dendauernden Verhältnissen, welche die stehenden Formenunseres Lebens bilden, was wirkt der Mensch nicht sel-ten durch sein blosses Dasein, durch sein Beispiel, seinePersönlichkeit, selbst durch ein hingeworfenes Wort!Kurz wohin ich meinen Blick auch wende, überall wie-derholt sich dieselbe Erscheinung: Niemand ist für sichallein da, Jeder ist zugleich für Andere, sagen wir: fürdie Welt da. Nur seine Welt und das Maass und dieDauer dieser Einwirkungen ist verschieden. Bei demEinen endet die Welt mit seinem Hause, seinen Kindern,