Druckschrift 
1 (1877)
Entstehung
Seite
55
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Kategorischer Imperativ von Kant. 55

Für ihn ist diese Thatsache um nichts weniger wunder-bar, als wenn plötzlich das Wasser den Berg hinansteigenwürde. Ein neuerer Philosoph*) erklärt das Mitleiden füreine mysteriöse Thatsache was aber ist das Mitleiden,das blosse Fühlen und Empfinden mit dem Andern gegen-über der praktischen Selbstverleugnung, dem Handeln fürAndere auf Kosten unserer selbst?

Aber nicht alle Philosophen haben die Sache so an-gesehen. Für einen der grössten Philosophen aller Zeiten,für Kant hat sie nicht die mindeste Schwierigkeil. SeinPflichtbegriff enthält das Postulat der absoluten Selbstenl-äusserung; der Mensch soll die Pflicht erfüllen ohne alleund jede Beziehung auf sich selbst. Kant's kategorischerImperativ, auf dem seine ganze Sittenlehre ruht,**) rich-tet an den Willen die Zumuthung sich ohne alles Interessein Bewegung zu setzen, lediglich veranlasst »durch dasformelle Princip des Wollens überhaupt, ohne auf diedaraus erwartete Wirkung Bücksicht zu nehmen« (S. 20).

*) Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik, Aufl.2. Leipzig. 1860 S. 209, 229. Es ist »etwas, wovon die Vernunftkeine unmittelbare Rechenschaft geben kann, und dessen Gründe aufdem Wege der Erfahrung nicht auszumitteln sind. « Es ist »das grosseMysterium der Ethik, ihr ürphänomen und der Gränzstein, überwelchen hinaus nur noch die metaphysische Speculation einen Schrittwagen kann.« Diesen Versuch der metaphysischen Erklärung machter S. 260275. Ich glaube demnächst auf einfacherem Wege zu dem-selben Resultat gelangen zu können.

**) Siehe dessen »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« und»Die Kritik der praktischen Vernunft.« Die Citate im Text beziehensich auf die Ausgabe von Kant's sämmllichen Werken von RosenkranzBand VIII.