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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
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ist der Stein der Weisen, den die Künstler zu suchen haben, und welchenwenige finden; nur der versteht die wenigen Worte, der sich diesen Begriffaus sich selbst gemacht hat. Die Linie, die das Schöne beschreibt, ist elliptisch,und in derselben ist das Einfache und eine beständige Veränderung, denn siekann mit keinem Zirkel beschrieben werden und verändert in allen Punktenihre Richtung. Dieses ist leicht gesagt und schwer zu lernen: welche Liniemehr oder weniger elliptisch die verschiedenen Teile zur Schönheit formt,kann die Algebra nicht bestimmen; aber die Alten kannten sie, und wir findensie vom Menschen bis auf ihre Gefäße. So wie nichts Zirkeiförmiges amMenschen ist, so macht auch kein Profil eines alten Gefäßes einen halbenZirkel.

Wenn von mir verlangt würde, sinnliche Begriffe der Schönheit zu be-stimmen, welches sehr schwer ist, so würde ich, in Ermangelung alter voll-kommener Werke oder deren Abgüsse, kein Bedenken tragen, dieselbe nacheinzelnen Teilen von den schönsten Menschen genommen, an dem Orte woich schriebe, zu bilden. Da nun dieses jetzt im Deutschen nicht geschehen kann,so müßte ich, wenn ich lehren wollte, die Begriffe der Schönheit verneinungs-weise mich anzudeuten begnügen, ich müsste mich aber aus Mangel der Zeitauf das Gesicht einschränken.

Die Form der wahren Schönheit hat nicht unterbrochene Teile. Auf diesenSatz gründet sich das Profil der alten jugendlichen Köpfe, welches nichts Lineal-mäßiges, auch nichts Eingebildetes ist; aber es ist selten in der Natur, undscheint sich noch seltener unter einem rauhen als glücklichen Himmel zufinden, es besteht in der sanft gesenkten Linie von der Stirn bis auf die Nase.Diese Linie ist der Schönheit dermaßen eigen, daß ein Gesicht, welches vonvorn gesehen schön scheint, von der Seite erblickt vieles verliert, je mehrdessen Profil von der sanften Linie abweicht.

Die Griechen aber scheinen Schönheiten entworfen zu haben, wie ein Topfgedreht wird, denn fast alle Münzen ihrer freien Staaten zeigen Köpfe, dievollkommener sind von Form, als was wir in der Natur kennen, und dieseSchönheit besteht in der Linie, die das Profil bildet. Sollte es nicht leichtscheinen, den Zug dieser Linie zu finden? Und in allen Münzbüchern ist vonderselben abgewichen. Hätte nicht Raphael, der sich beklagte, zur Galatheekeine würdige Schönheit der Natur zu finden, die Bildung derselben von denbesten syrakusanischen Münzen nehmen können, da die schönsten Statuenaußer dem Laokoon zu seiner Zeit noch nicht entdeckt waren? Weiter alsdiese Münzen kann der menschliche Begriff nicht gehen, und ich hier auchnicht. Ich muß dem Leser wünschen, den Kopf des schönen Genii in der VillaBorghese, die Niobe und ihre Töchter, die Bilder der höchsten Schönheit zusehen, außer Rom müssen ihn die Abgüsse oder die geschnittenen Steine lehren.Wer die besten Werke des Altertums nicht hat kennen lernen, glaube nicht zuwissen, was wahrhaftig schön ist. (Joh. Joach. Winckelmann, Geschichte derKunst des Altertums, 1764.)

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