20 !• Buch. 1. Kap. Die Geheime Ilofkammer und ihre Vorläufer.
gleichzeitig festgesetzt, dafs alle eingehenden Aktenstücke zuerst andas Kabinett des Kurfürsten gelangen, dort erbrochen und dann ver-teilt werden sollten. Wenn nun aber die Vermehrung seiner eigenenMacht für Waldeck der wichtigste Gesichtspunkt der Neuordnung war,so kann nicht Wunder nehmen, dafs ihm an der Herstellung fest ab-gegrenzter Decernate, die auch die Kompetenzen seiner Kollegen er-weitert hätte, nicht allzuviel lag; das aber hiefs nichts anderes, alsdafs der scheinbar gemachte Fortschritt in Wahrheit gar nicht stattfand.
Und als ebenso unzulänglich wie die Reorganisation des GeheimenRates erwies sich auch die der Kammerwaltung. Freilich nicht so-gleich, wie ihr denn mannigfache Vorzüge nicht abzustreiten sind.Für sie war nicht allein ein sachlich abgegrenztes Decernat geschaffen,was sonst nur für Armee-, Post- und Juden-, Lehns-, Münz- undSalzhandlungssachen geschehen war, sondern man hatte dies Departe-ment auch mit vier ordentlichen Mitgliedern, aufser Waldeck nochSchwerin, Blumenthal und Tornow besetzt und es durch die Verleihungdes Titels Staatskammerräte an diese Kommissare quasi aufserhalbdes Kollegiums gerückt. Es war sicherlich der zweckmäfsigste Teilder Geheimeratsreform, und die Kommissare entwickelten denn auchsogleich eine überaus angestrengte Thätigkeit-, in den Konferenzen,die im Dezember 1651 und im Januar 1652 in Kleve, wo der Kur-fürst damals Hof hielt, stattfanden, ist die lange Reihe der Reskripteausgearbeitet worden, durch die man zunächst mit einem Schlage dasmärkische Domänenwesen von Grund aus reformieren wollte.
Je intensiver man aber in dieser km*zen Zeit gearbeitet hatte,desto schneller glaubte man den Gegenstand erledigt zu haben. DieBehörde, die mit soviel Aplomb eingesetzt worden war, die in denersten Tagen ihrer Thätigkeit nicht weniger wie alles in der Kammer-verwaltung ändern, umwerfen und von den untersten Fundamentenaus neu aufbauen wollte, ist wenige Wochen darauf wie vom Erdbodenverschwunden, um nie wieder ein Lebenszeichen von sich zu geben.
Die Ursache dieses schnellen Verfalls war nicht weit zu suchen.Graf Waldeck war ein Mann von der höchsten geistigen Regsamkeit,schnell bereit und intellektuell durchaus befähigt, die weitreichendstenAnregungen zu geben, aber zum Beamten war er nicht geboren: ander zäh festhaltenden Geduld, der ausdauernden Arbeitsamkeit, ohnedie weder persönliche Hindernisse noch materielle Schwierigkeiten ineiner Verwaltung überwunden werden, mangelte es ihm gänzlich, und