Zeitschriften, Zeitungen. 837
Sie dienten seit diesen großartigen Freiheitskämpfer, der Entwickelung der Freiheit wieder Vertheidigung der Regierung und überhaupt den verschiedenen politischen Bestrebun-gen. Wo daher am Meisten politische und praktische Bildung und freie politische Be-strebung ist, da sind auch die meisten politischen Zeitungen. S§ hat jetzt Englandzwischen 300 bis 400 politische Zeitungen, und blos von den in London erscheinendenwerden jährlich gegen 25,000,000 Abdrücke verkauft. Wir sagten praktische Bil-dung, denn wenn man englisches Leben, englische Bildung und englisches Staats-und Völkerleben mit dem deutschen vergleicht, so mag man über manche Eigenschaftenund Vorzüge streiten — Eines aber ist unbestreitbar, Das nehmlich, daß die Engländer inAllem praktisch, das praktischeste Volk der Erde, die Deutschen leider ent-setzlich unpraktisch sind. Die Zeitungen dienen übrigens natürlich bei Unter-drückung der Freiheit, ähnlich dem napolevnischen Moniteur, auch den despotischenRegierungen. So dienten insbesondere auch die Zeitschriften und Zeitungen zur Zeit desRheinbundes der schmachvollsten Fremdherrschaft wie dem von ihr geförderten Despo-tismus. Nicht minder suchte man auch seit dem Carls b ader Congresse durch Cen-sur der Zeitungen und Zeitschriften, durch Concessionsverweigerungen und Verwilligun-gen, durch Redactionsunterdrückungen und Erkaufungen für den Despotismus des göttli-chen Rechts zu wirken. Und in der Thal, die öffentliche Wahrheit und deren Mitlheilungwurden auf solche Weise dermalen verfälscht und unterdrückt, daß man wenigstens fürviele deutsche Länder hätte wünschen dürfen, daß lieber alle Zeitungsmittheilungen ver-nichtet, als daß nur die verfälschten verbreitet würden. Denn es ist eine tägliche Wahr-heitsverfälschung allerdings höchst einflußreich und verderblich, zumal wenn sie verbundenist nicht blos mit der Unterdrückung aller freien Mittheilung, sondern auch mit den zumBedürfnisse der Bürger gewordenen Neuigkeiten. In dieser anziehenden Gesellschaftund als fortdauernde Verfälschung der ganzen Zeitgeschichte wirken das Zeitungsmonopolder Regierungen und die Censur um so verderblicher, da, wie es die Erfahrung zeigt, die-ses System auch unabsichtlich die Männlichkeit und Geradheit unterdrückt und alle öffent-liche Nichtswürdigkeit beschützt. Daß man bei diesem Systeme, so wie in Deutschland,die Zeitungen möglichst zu vermindern und, wie in China, auf die Hofzeitungen zu be-schränken sucht, namentlich auch durch Misbcauch der Posteinrichtung, ist natürlich.Der sehr vorzügliche erste Artikel der De utschen Vierteljahrsschrift vom Jahre1840 weist es vortrefflich nach, wie die despotische Censur und Wahrheitsunterdrückungnicht etwa blos die Freiheit der deutschen Nation, die edlere und höhere Bildung des deut-schen Volks gelähmt hat, sondern wie sie auch den unbegreiflichen Mangel an praktischerBildung und Tüchtigkeit der Deutschen, ihren Mangel an Nationalstnn, an Einheitund Kraft, ihre jammervolle Spießbürgerlichkeit, ihre Hinneigung zu Frankreich und ihrefranzösischen Richtungen verschuldet. Täglich hören, lesen, bewundern deutsche Aei-tungsleser die französischen Kämpfe. Von deutschen Verhältnissen dürfen die deutschenZeitungen nicht wahrheitgemäß, nicht vollständig, offen und interessant handeln. Mitfranzösischen Zeitungsartikeln füllen sie ihre Spalten. Vor dem Untergange des deutschenReichs sind durch ähnliche Ursachen die Deutschen der Gewalt der Fremden anheimgefal-len. Ja sie haben sich selbst ihnen überliefert, nur sie und ihre Einrichtungen und Sit-ten bewundert und ihr eigenes Vaterland verachtet und vergessen. Ja sogar regierungs-feindliche, unmonarchische, radicale Gesinnungen und Richtungen von Hunderttausendendeutscher Jünglinge und Männer hat die Unterdrückung der constitutionellen Freiheitenund Grundsätze und ihrer freien Entwickelung und Mitlheilung verschuldet. Die unver-meidlichen traurigen Wirkungen unseres unglücklichen deutschen Zeitungssystems werdenzu spät dessen Urheber und Vertheidiger belehren und der ganzen Welt offenbar werden.
Dennoch fordert es die Wahrheit, der deutschen Nation das Zeugniß zu geben, daß,wenn sie auch unfrei, unpolitisch, spießbürgerlich und unkräftig durch jenes Systemwurde, sie dennoch sich wenigstens großentheils von solcher Niederträchtigkeit frei hielt,daß irgend viele Zeitungen für das servile System oder viele Leser für die servilen Zeitun-gen zu finden wären. Vielmehr gingen die wenigen servilen Zeitungen, so wie das B e r -liner politische Wochenblatt, selbst trotz der hohen Unterstützungen durch den