608 Ultra, Ultraliberale, Ultrarot) allsten, Ultramontane»
leiblichen und als abhängig davon ihres geistigen Gedeihens und Wohlbefinden- sei. Aberauch die für Gewerbe und Ackerbau bestimmte Jugend verfällt nur allzu früh einer ein-seitigen Entwicklung einzelner Glieder und Kräfte auf Kosten der übrigen, sie wird nurallzu früh gewöhnt, körperliche Anstrengung als erzwungene Pflicht, folglich mit Wider-willen zu üben und das Glück im Ausruhen, im Faullenzen zu suchen. Tucnerei amSchluß des täglichen Unterrichts, an Sonn- und Festtagen öffentliches Schau - und Wett-turnen, würde Beidem entgegenwirken, würde nicht bloS die Jugend von rohen und un-sittlichen Vergnügungen abhalten, sie würde auch — zumal in Verbindung mit Gesangs-übungen, die Sonntagsfreuden der Alten erhöhen und veredeln.
In Handelsstädten kann vielleicht nur durch Turnübungen auch der reiferen Jugenddem übechandnehmenden Sittenverderbniß gesteuert werden, und auf unfern Hochschulenwird der Biercomment mit seinen Unfläthereien und das in seiner jetzigen Gestalt wahrhaftalberne Duellwesen so lange dauern, bis in gehörig geordneten Turnübungen der jugend-liche Uebermuth und die Kampflust sich austoben kann.
Am Wohlthätigsten aber wird das Turnwesen, allgemein eingeführt und richtig ge-leitet, auf das vaterländische Kriegswesen einwirken. Wer vom 8. Lebensjahre an geübtwurde, nicht blos alle seine Glieder frei zu gebrauchen, sondern auch in Mühe auszudauernund Gefahren fest entgegenzutreten, wer von Kindheit an gewöhnt wurde, nach Ruf undWink des Vorturners sich zu bewegen, Der wird im 18. Jahre schnell und mit Leichtigkeitdie Waffe handhaben, ein Roß bändigen, sich in Reihe und Glied sicher und frei bewegenlernen, Der wird wohlgemuth sich den Beschwerden des Marsches und Lagers und den Ge-fahren des Kampfes unterziehen.
Wenn so die ganze Jugend wehrhaft und kampfbereit ist, wie viel Zeit und Kräftekönnen dann dem Ackerbau und Gewerbe zu gut kommen, die jetzt auf dem Exercirplatzeund im Kriegszahlamt vergeudet werden!
Wenn aber die Turnerei solche Früchte tragen soll, dann gönne man ihr auch einfreies und freudiges Wachsthum! Unter der Scheere gehalten, halb geduldet, halbunterdrückt, wird sie auch nur spärliche und verkrüppelte Früchte bringen. Allgemein,in allen Schulen, auf dem Lande wie in den Städten, muß geturnt werden und von allenSchülern ohne Ausnahme *). Auch wer die Schule verlassen hat, muß bestimmt werden,an öffentlichen Turnübungen Theil zu nehmen. Zweckmäßige öffentliche Turnplätze, einefreisinnige Verordnung über deren Benutzung, Ermunterung dazu von Oben her, Preis-verleihungen u. s. w. würden leicht dazu führen. Uebergriffe der Turner in Staatsange-legenheiten wird jetzt im Ernste Niemand mehr fürchten.
Wirklich sehen wir die Regierungen vieler Staaten Deutschlands ernstlich bedacht,dies wichtige Mittel der Volkserziehung wieder hervorzusuchen und zu benutzen; und VaterJahn scheint den Tag noch begrüßen zu sollen, wo das Senfkorn, das er ausgesäet hat,seine Zweige schattend und blüthebeladen über das ganze Vaterland ausbreitet.
Uebec den Stand des Turnwesens im Jahr 1842 giebt Auskunft Klump in derDeutschen Vierteljahcschrift von 1842 II. Seite 219—273, über die Sache selbst dieW-rke von Jahn, Gutsmuths, Eiselen, Masmann, Elias, Werner,Vögeli u. A. Eigene Zeitschriften sind der Entwicklung des Turnwesens gewidmet.
H. K. Hofmann.
U.
Ueberzugsgeld, s. Abfahrt.
Ultra, Ultraliberale, Ultraroyalisten, Ultramontane. — Ultra heißtwörtlich jenseits. Es bezeichnet also in den beiden ersten angeführten zusammengesetz-ten Worten, daß die bestimmte Bestrebung oder Theorie jenseits der richtigen Linie oder
*) Sehr zweckmäßige Vorschläge dafür siehe in Spieß, Gedanken über Einordnung desTurnwesens in das Ganze der Volkserziehung. Basel, 1842.