820 Würtemberg.
bildet in Würtemberg einen Theil des trüben Gemäldes, worin sich damals der gesammteeuropäische Continent offenbarte. Die Maschine stand still in dem Augenblicke, wo sieihre Thätigkeit beginnen sollte. Der Sprechsaal, den die freie Presse geöffnet hatte,wurde schnell geschlossen, jedes männliche Wort verstummte, die Verfassungen bliebenein leerer Schall, eine ungekannte Größe, von der das Volk Nichts begriff und Nichtslernen konnte, da man es Nichts lehren durste. Eine Erschlaffung befiel die Gemächer,der herbe Contrast gegen die feurige Aufregung zur Zeit der Freiheitskriege und derJahre nachher, und mit jener Gleichgültigkeit, die an aller Rettung verzweifelt, sahman stumpfsinnig auf die Reaction hin, wartend, bis Gott ein Wunder thue- Manerkannte wohl den Sitz des Uebels und hatte nicht vergessen, daß dem Blute der deutschenVölker noch die Sühne fehle und die Altäre leer stehen, wo das Opfer gelobt wurde;aber die Energie des Handelns war gebrochen, man verzehrte seinen Schmerz undverschwendete, selbst gefesselt und in Schranken, alle Liebe zur Freiheit in der Lheil-nahme für ein Volk, das im Osten Europas die barbarischen Ketten von Jahrhun-derten zerbrach.
Das erste Mal nach Gründung der neuen Verfassung traten die würtembergischenKammern zusammen am 15. Januar 1820 und blieben, «ine zweimalige Vertagung ein-gerechnet, bis zum 26- Juni 1821 versammelt. Die Minister fanden nur geringenWiderspruch, und die einzig lebhafte Debatte entspann sich über die beantragte Auswei-sung des Herrn List, des Nationalökonomen, der, ein geborener Würtemberger, da-mals Abgeordneter war und zur Ausbildung der Verfassung eine Petition für Reformsämmtlicher Institutionen der Justiz, der Finanzen und der Verwaltung in die Kammerzu bringen beabsichtigte. Dieselbe befand sich lithographirt unter der Presse, als sievon der Polizei weggenommen wurde und den geheimen Rath veranlaßt«, Herrn List inAnklagestand zu versetzen und auf den Grund einer Anklage der Ehrbeleidigung der Re-gierung und Staatsbehörden dessen Ausschließung aus der Kammer zu verlangen, einAnsinnen, welchem die Majorität der Kammer entsprach!! Es war dieselbe Kammer,welche sich für den Büchernachdruck erklärte.
Der zweite Landtag dauerte vom 1. December 1823 bis zum 9. Juli 1824, undaus ihm wurden zwei und zwanzig Gesetzentwürfe berathen. Ein Antrag, den Finanz-minister Herrn Weckh erlin in Anklagestand zu setzen, siel mit großer Stimmenmehr-heit durch.
Die dritte Session wurde am 1. December 1826 eröffnet und am 5. Juli 1827 ge-schlossen. Das Uebermaß von Gesetzentwürfen machte einen außerordentlichen Landtagvom 15. Januar bis 3. April 1828 nöthig, und die vierte außerordentliche Versammlungfand vom 15. Januar bis 7. April 1830 Statt. Die Charakteristik dieser zehnjährigenPeriode hat ein sachkundiger, gesinnungsreicher Mann also gezeichnet: „Wenn ein solichtscheuer Geist die sogenannten Verfassungswächter beseelte, so braucht man sich überdie Physiognomie des öffentlichen Lebens, welche seit 1820 an die Stelle der patriotischenErhebung der früheren Jahre in Würtemberg trat, nicht zu verwundern. Statt deswarmen Interesses für die vaterländischen Angelegenheiten ein todter Verwaltungsmecha-nismus, statt selbstthätiger Geltendmachung von Volksansichten und Volkswünschen durchfreie Wahlen, die Bezirksbeamten als eine Art Großwähler sich benehmend; im Volkedas Vertrauen zu den Ständen, der Glaube an das Repräsentativsystem tief erschüttert,Männer wie Uhland und Schott durch freiwilligen Austritt diese Ansicht theilend, Listausgeschlossen und bis zur Selbstverbannung verfolgt, die Stände statt sorgfältige Prü-fer des Staatshaushalts gefällige Abgabenverwilliger, statt Censoren-der Minister dienst-beflissene Clienten, statt der ernsten Sprache der Wahrheit ein sentimental höfischer Be-complimentirungston mit den Stichwörtern „Vertrauen und Liebe." Der Ständesaalfast nur noch gesucht als ein abgekürzter Weg zu höheren Ehren des Staatsdienstes, derAusschuß eine einträgliche Sinecure, womit die Machthaber die Ergebenheit belohnenließen; kein Schatten von Opposition, überall Apathie, Stagnation."
Die Sturmglocke der französischen Julirevolution rief 1830 die schlummerndenVölker Europas zu wachem Leben auf. Man weiß, welche gewaltsame Umwälzungen