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Volk, Volksthum.
dasRecht; sodann muß die Erziehung und Ausbildung des Volksthumes, wie die desEinzelnen, gelenkt werden , nicht erzwungen — das fordert die Vernunft; die Ver-nunft, weil in der menschlichen Natur Gut und Böse aufs Innigste verschmolzen ist, sodaß man kein Laster ausrotten kann, ohne zugleich eine Tugend zu bedrohen. Jean Paul's ILekre: daß man böse Neigungen der Kinder nur unschädlich machen sollte durch Stärkung !der ihnen entgegengesetzten Tugenden — ist eben so wahr für die Erziehung der Völker, >So wen'g die Mäßigkeitsvereine den Branntwein verbannen werden, ehe sie der Armuth jein gleich wohlfeiles Erquickungsmittel reichen, eben so wenig wird es gelingen, von unse- iren öffentlichen Vergnügungen Völlerei und Unzucht durch Strafpredigten und Polizei zuverbannen; nur Erweckung und Empfänglichkeit für reinere Genüsse, in freier Bespre-chung öffentlicher Angelegenheiten, in Sängervereinen und Turnübungen wird zu diesemZiele führen. Eben so giebt es gegen die Scheinheiligkeit der Frömmler wie gegen hohleFreigeisterei kein sichreres Mittel, als wenn die Kirche sich frei und wahr mitten ins Lebenstellt, des Volkes Feste mitseiert, wie sie seine Lasten mitträgt; nur wo sie ihm vorangeht,wird es gern folgen, aufhallen läßt es sich nicht von ihr. Wie freudig nahm unserVolk das Christenthum auf! Sein Naturglaube fand darin nur Aufklärung, nur Be-ruhigung, nichts ihm Fremdes! Daß Allvater seinen Sohn vom Himmel geschickthabe, zu verkünden: alle Menschen seien seine Kinder und unter sich Brüder—-Dasmußte der alte Deutsche ganz in der Ordnung finden, und daß zu seiner Welt voll El-fen und Kobolden noch ein Himmel voll Heiligen kam, war eine Bereicherung, die ersich gern gefallen lassen konnte. Er glaubte, aber er glaubte, weil er überzeugt war, unddarum nie unbedingt. Die geistesfrischesten aller deutschen Völker, die Gothen, wurdenArianer, die Inquisition drang nicht über den Rhein vor*), und aus dem Herzen Deutsch-lands verbreitete sich das Licht der Glaubensfreiheit über alle germanischen Völker. Selbstder Katholicismus ist in Deutschland ein anderer als in den Ländern romanischer Art; dieKirche kann Hermes verleugnen, aber kein Deutscher betet anders als in seinem Geiste. '
So gern und innig das deutsche Volksthum die christliche Religion aufnahm, soheilig es sie in ihrer ursprünglichen Reinheit zu erhalten weiß, so kräftig sträubte es sichgegen die Einführung fremdartiger Gesetze und Rechtsanstalten. Nur Schritt vor Schrittund nicht ohne vielfache Zugeständnisse wich das deutsche Recht dem römischen, das öffent-liche Verfahren dem geheimen, und kaum erwachte nach Jahrhunderte langem Schlum-mer das Selbstbewußtsein unsres Volkes wieder, so rief es laut und einmüthig nach Wie-derherstellung jener uralten Einrichtungen.
Was die Bewohner des linken Rheinufers mit der ihnen nie lieb gewordenen Herr-schaft des großen Despoten aussöhnte, was sie noch jetzt dankbar gegen sein Andenken undgegen Frankreich macht, was war es Anderes als die —leider so kümmerliche— Wie-derherstellung jener uralten Einrichtungen und eines geordneten einfachen Rechtszustandeswährend der Franzosenherrschast ? Man folge dem Beispiele diesseits des Rheins, und derletzte Grund zur Angst vor Franzosenliebe wird verschwinden! — Weiter: Zugleich miteinem deutscheren Rechtsleben brachten die Franzosen auch eine Gesetzgebung über die Ehemit, welche so undeutsch als möglich war; sie ist eben so wenig in das Volksleben überge-gangen wie vor Jahrhunderten die römische!
Hauptzüge unseres Volksthumes sind Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe. Sie sindaber auch die Wurzeln von Fehlern, die besonders im öffentlichen Leben wirksam undnachtheilig werden. Oder ist eS nicht übertriebene Liebe zur Wahrheit, was den Deut- ^schm verführt, sie blos um ihrer selbst willen zu suchen und darüber ihre Anwendung aufsLeben zu vernachlässigen? Ist es nicht übertriebene Gerechtigkeit, was ihn blindmacht gegen eigene Vorzüge, schüchtern in Behauptung eigenen Rechtes, aus Be-sorgniß, fremdes zu verletzen ? Soll man deswegen Wahrheit und Gerechtigkeit verfolgenoder gehässig machen? Gewiß nicht! Man soll aber, um jener Verirrung der Wahrheits-liebe entgegenzuwirken, thätigen Gemeinsinn wecken, der die Denker und Forscher aus
*) Ein Erzbischof Siegfried von Mainz war es, der wahre Schlangentödter, welchersie fern hielt.