787
Volk, Nolksthum.
! thun, eben so wenig ist ein Volk jede Menschenmenge, die Abstammung, Sprach«, Sit-l ten und dergleichen gemein hat. EinVolk wird sie erst dann, wenn sie anderen Men-j schen gegenüber sich als Einheit und als abgeschlossenes Ganzes fühlt und erkennt.
I Der Inbegriff Dessen, worauf dies Gefühl und Bewußtsein der ausschließlichen Ein-
! heit beruht, heißt Volksthum und ist von dem Begriffe eines Volkes eben so un-I trennbar, wie von dem einzelnen Menschen seine Eigenthümlichkeit.
! Hiernach beantwortet sich sehr leicht und einfach eine Frage, welche so oft den Ver-
s tretern der öffentlichen Meinung als vermeintliches Medusenschild entgegengehalten wird,die Frage: Wer ist denn das Volk? Das Volk sind, je nach der Richtung der Frage,1) Diejenigen, in welchen sich die in der Geschichte offenbarte Volkseigenthümlichkeit ab-spiegelt, und 2) Diejenigen, in welchen das Bewußtsein und das Gefühl der Volkseinheitlebendig geworden ist. Das Volk sind also die höheren Stande nur insofern, als sie nochnicht in europäischer Wellbildung ihre Volkseigenthümlichkeit verscherzt haben; als Volkerscheint der große Haufe nie, wo er blos dem thierischen Triebe der Selbstsucht folgt.Damit löst sich auch die Frage: was Volksdichtung, was Volksgesang sei u. s. w.
Es löst jene Begriffsbestimmung auch die mehr in den Kreis dieses Werkes fallendenFragen: was Volkswille sei, welche Bedeutung er habe und wie weit recht und zweckmäßigsei auf ihn einzuwirken?
Daß des Volkes Wille nicht sei, was ein aufgeregter wilder Haufe verlangt — isteine Wahrheit, die oft genug gemisbraucht worden ist, um Aeußerungen der öffentlichenMeinung vornehm zurückzuweisen. Eben so gewiß ist aber auch des Volkes Wille nicht,was Solche dafür ausgeben, die zwar nach geschriebenem Rechte es vor der Staatsgewalt! vertreten, die aber nicht durch freie und um Gemeinwohls willen vollzogene Wahl dazu be-
j rufen worden sind. Volkswille ist eben so wenig, was eine unter den Ketten der Censur
keuchende Presse zu lispeln und zu betteln wagt, denn nur der ganze Wille ist ein wahrer.Deswegen muß zugegeben werden, daß überall, wo — (wie leider in Deutschland) dieVolksvertretung auf juristische Fictionen gebaut ist, und wo endlich— (wie ebenfalls inDeutschland) — auch die Aeußerung der öffentlichen Meinung in freien Volksversamm-lungen verschlossen ist — der Volkswille sich nicht in seiner wahren Gestalt äußern kann,und daß er also da erlauscht und errathen werden muß. Vernichtet ist er aber damit keines-wegs; er lebt und wirkt, wie der Mensch im Kerker und in Fesseln, immer fort und bleibtauch erkennbar Dem, welcher, mit der Geschichte und Eigenthümlichkeit seines Volkes ver-traut, gleichsam am eigenen Pulse fühlt, welchen Eindruck jede äußere Erscheinung aufdas Volksthum und somit auf das Volk machen muß.
Dies zu wissen, ist von höchster Bedeutung für Jeden, der im Volke leben undfür und durch es wirken will, es ist dies Wissen um so wichtiger, je weiter er sich den Kreisseines Wirkens zieht. Denn er muß den Boden kennen, in den er pflanzen, und denPflug, mit dem er ackern will: sonst wird seine Mühe unendlich und gleichwohl ihr Er-folg eben so dürftig als vergänglich sein. Ein geistreicher Volksvertreter hat irgendwo ge-äußert: die Vvlkssouveränetät sei nicht blos ein Grundsatz, sie sei auch eine Thatsache.Ich möchte sagen, sie sei blos das Letzte.
Denn Alles, was im öffentlichen Leben gelingen und dauern soll, muß auf dem Wil-len der Gesammtheit beruhen. Auch ein Chosrew-Pascha bemüht sich um die Gunst derMenge, gewiß nicht aus Achtung vor ihr, sondern weil sie es ist, durch deren Kräfte re-' giert wird. Ja die bitterste Verhöhnung des Volkswillens, die Beschränkung der Preß-freiheit, ist nichts Anderes als das Bekenntniß, daß die höchste Gewalt die Billigung desVolkes für sich haben müsse, denn nur deswegen sucht man den Tadel fern zu halten.
Ob dies zweckmäßig, ob dies ein Mittel sei, das Volk zu veredeln und zu beglücken?— Schwerlich! — Auch der chinesische Schuh und der russische Schnürleib geben demKörper die Gestalt, welche man ihm gegeben sehen will- Nur gesunder und kräftiger ma-^ chen sie ihn sicher nicht! Wohl muß das Volk, wie der einzelne Mensch, erzogen werden;wohl muß das Volksthum, wie die Seele des Einzelnen, gebildet und gelenkt werden.Aber erstlich muß Dies um seiner selbst willen geschehen, denn das Volk ist, wie der ein-zelne Mensch, sich selbst Zweck, kann nie Mittel für Zwecke Anderer werden — das heischt
50 *