748 Vereinigte Niederlande.
revolutionirt, die neuen französischen Institutionen mit unglaublicher Schnelligkeit überalleingeführt, die Schelde geöffnet und am 30. September 1797 durch ein Decret des Natio-nalconvents die gänzliche Einverleibung Belgiens in Frankreich ausgesprochen. Die Ge-schichte liefert wenig Beispiele einer in so kurzer Zeit vollendeten und so vollständigen Um-wandlung aller socialen Verhältnisse einer Nation. Von diesem Augenblicke an bis zumJahre 1814 haben die belgischen Provinzen ununterbrochen einen integrirenden Theil desfranzösischen Reichs gebildet.
In der Republik der vereinigten Niederlande hatte unterdessen die anlioranische Par-tei mit großem Eifer, obgleich ganz im Stillen, an dem Umstürze der bestellenden Ordnungder Dinge gearbeitet. Als nach der Eroberung Belgiens die französischen Truppen sich den ^Gränzen Hollands näherten, erhoben sich überall die Anhänger dieser Partei und erleichter- iten denselben die Eroberung des Landes inmitten des strengsten Winters, den das Jahr-hundert sah und der die natürlichen Bollwerke Hollands, seine zahlreichen Flüsse, Canäle iund Sümpfe, dem Feind zugänglich machte. Der Erbstadibouder floh vor den siegreichen !Republikanern mit seiner Familie nach England, und am 16. Mai 1795 wurden die altenvereinigten Provinzen, mit Aufhebung aller provinziellen Unterschiede, als batavische Re-publik constituirt. In die Kriege Frankreichs meist wider ihren Willen hineingezogen, er-litt die batavische Republik ungeheure Verluste durch England, das ihre Flotte vom Meereverdrängte, ihre Colonieen in Besitz nahm, ihren Welthandel zerstörte und ihr, die vorEngland auf dem Oceane geherrscht, Nichts als eine armselige Küstenschifffahrt übrig ließ.Obgleich in ihrer Selbstständigkeit anerkannt, hing sie doch ganz und gar von Frankreichab; und so ist es zu erklären, daß die batavische Republik dem Anschein nach freiwillig, imGrunde unter der Herrschaft eines moralischen Zwanges, dem Bruder Napoleon's, LouisNapoleon, die Regierung in ihr mit der Souveränetät über sie antrug. Das Ganze warvom Kaiser eingeleitet und seinem Willen zu widerstehen unmöglich. Der höchst achtbareCharakter des neuen Herrschers, der Eifer und die Thätigkeit, mit der er sich dem Wöhle rseiner Unterthanen widmete, ließen einen Augenblick die Hoffnung besserer Zeiten für das ^erschöpfte Land aufsteigen, leider aber war die Ungunst der Verhältnisse stärker als derWille und die Anstrengungen des Königs. Holland, in materieller Beziehung, in Allem,was Handel, Industrie u. s. w. betraf, auf das Strengste von Frankreich geschieden, alsein fremdes und, wegen des trotz aller Wachsamkeit doch sehr thätig mit England betriebe-nen Schleichhandels, als ein verdächtiges Land betrachtet, war doch der politischeAlliirte desKaiserreichs und wurde als solcher in alle Kriege desselben verwickelt. Sein Handel verfielganz und war zuletzt nur noch Schleichhandel, eine zwar ausgedehnte und Gewinn brin-gende, aber das Volk ganz und gar demoralisirende Schmuggelei; ungeheure Abgabenlasteten auf dem Lande, die Staatsschuld stieg auf 1200Millionen Gulden. Neue Opferöffneten zwar dem holländischen Handel die französischen Märkte (lO. März 1810), aberdie Mishelligkeiten der beidenBrüder nahmen immer mehr zu und stiegen endlich auf einenGrad, der dem Könige von Holland hie Ueberzeugung geben mußte, daß unter den obwal-tenden Umständen seine Regierung dem Lande nur den allergrößten Schaden bringenkönne. Um denselben, so viel in seinen Kräften stand, abzuwenden, legte er die Kronenieder (1. Juli 1810), und schon am 9. desselben Monats Unterzeichnete Napoleon, ohneauf die Bestimmungen seines Bruders Rücksicht zu nehmen, der zu Gunsten seines Soh-nes entsagt hatte, das Decret, welches Holland dem französischen Reiche einverleibte.Französische Truppen besetzten das Land, und die Umformung aller Institutionen nach cdem Model der des Kaiserreichs wurde in kürzester Zeit vollendet. Dieser Umschwung derDinge, das rasche tyrannische Verfahren des Kaisers, verletzte in einem hohen Grade dasNationalgefühl der Holländer, und die französische Herrschaft wurde vom Augenblicke ihrerEinsetzung an der Gegenstand des gemeinschaftlichen und glühenden Hasses aller Parteien.
So geschah es, daß die Ereignisse von 1812 und 1813 mit Freude von der Nation begrüßtwurden, welche darin die Möglichkeit auch ihrer Befreiung von dem französischen Jochesah. Der Prinz von Oranien, der Ende November 1813 aus England im Haag einge- etroffen war, wurde zum souveränen Fürsten der Niederlande ausgerufen und als solchervon den alliirten Mächten anerkannt. Die Notabeln aus den früher» 7 vereinigten Pro-