Vereinigte Niederlande. 743
eingezogen werden. Alle Elemente der religiösen und politischen Opposition, die dadurcheine wahrhaft nationale wurde, vereinigen sich zu gemeinschaftlichem Kampfe, der, vonbeiden Seiten mit den ungeheuersten Anstrengungen, den erschöpfendsten Opfern und mitabwechselndem Glücke geführt, als endliches Resultat herausstellt, daß fünf der nördlichenProvinzen, Holland, Seeland, Geldern, Utrecht und Friesland (Union vo«r Utrecht1579), denen Over-Vssel 1580, Groningen 1594 beitreten, sich zur Republik der ver-einigten Niederlande auf immer freimachen. Unter der Leitung einer Familie, der esvergönnt wurde, mehrere Generationen hindurch der neuen Freiheit Führer und Verthei-diger zu geben, die, im Rathe und im Felde gleich überlegen, den größten Staatsmännernjener Zeiten beigezahlt werden, erstarkt die junge Republik und setzt den Kampf gegenSpanien noch bis weit in das 17. Jahrhundert hinein fort. Erst 1609 stand Spanien,durch eben so große als fruchtlose Anstrengungen erschöpft, von dem langen Kampfe ab.Ein zwölfjähriger Waffenstillstandsvertrag brachte der Republik der nördlichen Provinzenvorläufige Anerkennung von Seiten ihres früheren Gebieters, den südlichen definitivesVerbleiben unter der Herrschaft desselben. Die Trennung der beiden, unter der burgun-dischen Herrschaft vereinigten Elemente der Niederlande, Hollands und Belgiens, ist jetztfür mehr als 2 Jahrhunderte vollendet. Eine Menge verschiedener, in hohem Grade gün-stiger Umstände, der Unternehmungsgeist der Bewohner, die Freiheit der Institutionen,der Aufschwung, der sich überall zeigt, wo eine kräftige Nation lange getragenen Druck vonsich wirst, eine Thätigkeit und ein auf dem Continent unübertroffenes Handelsgenie rufenbald in der Republik der vereinigten Niederlande ein frisches, kräftig und reich sich ent-wickelndes Leben hervor. Der neue Staat gründet seine Herrschaft besonders auf See-macht und Handel, welche beide durch die Betriebsamkeit der Bürger und das Zusammen-treffen mehrerer günstigen Verhältnisse aus eine nie erreichte Höhe steigen. In der zweitenHälfte des 17. Jahrhunderts hat Holland das Monopol des orientalischen und die ergie-bigsten Zweige des südeuropaischen Handels an sich gebracht, es gebietet auf dem Meeredurch die Menge seiner Kriegsschiffe und die Kühnheit und Tüchtigkeit seiner Seehelden,der ganze oceanische Handel der Binnenländer Europas geht durch seine Hände, unge-heure Schätze häufen sich in diesem, dem Meere mit Mühe abgewonnenen Winkel desEontinents auf, besonders als die ostindische Gesellschaft, 1602 gegründet, in Asien In-seln und Königreiche eroberte und dem Mutterlande ausgedehnte Colonieen gewann.
Die Republik, nachdem sie den dreißigjährigen Krieg mit durchgekämpft, sah imwestphalischen Frieden ihre politische Existenz von allen europäischen Mächten anerkanntund wußte fast ein Jahrhundert lang sich unter den Staaten ersten Ranges, was Machtund politischen Einfluß betraf, zu behaupten. Es gelang ibr, den Angriffen zu widerste-hen, denen zuerst Englands Eifersucht, später Ludwig's XIV. Eroberungssucht sie aus-setzten. Aber die zahlreichen Kriege, in welche sie verwickelt wurde, kosteten ihr auchOpfer, die um so schwerer auf den Staat drückten, als innere Zerwürfnisse dessen That-kraft schwächten und se ne Wirksamkeit nach Außen hemmten. Die Regierungsgewalt inder Republik war in den Generalstaalen concentrirt, die eigentlichen Elemente derselbenaber waren die städtischen Gemeinden. In allen Provinzen besaßen die städtischen Be-hörden das Recht, die Deputieren zu den Provinzialständen zu ernennen; diese Prvvin-zialstände bildeten die oberste Regierungsbehörde für die Provinz, welche in allen rein pro-vinziellen Angelegenheiten unabhängig und souverän war. Als die 7 Provinzen zur Re-publik der vereinigten Niederlande zusammengetreten waren, behielt eine jede derselben füralles sie allOn Betreffende die vollkommenste Selbstständigkeit; die Leitung der Gesammt-interessen, der die Republik im Allgemeinen betreffenden Geschäfte wurde einer Art vonNationalcongresse, der aus der Vereinigung sämmtlicher Provinzialstände sich bildete,übergeben. Im Anfänge nahmen fast alle Mitglieder dieser Stände daran Theil; dieGeneralstaaten waren daher zahlreich und bestanden oft aus mehr als 800 Deputirten.Wahrend der Zeit, wo sie nicht versammelt waren, wurden sie durch eine Art Staatsrathvertreten, der für die Vollziehung der von ihnen angeordneten Gesetze und Maßregelnsorgte. Aus mehreren Ursachen geschah es, daß die Genecalstaaten nur selten so vollstän-dig, wie sie es mußten, um Beschlüsse zu fassen, zusammentreten konnten; um nun den