Druckschrift 
12 (1848) [Schl - Zwe]
Entstehung
Seite
742
Einzelbild herunterladen
 

742 Vereinigte Niederlande.

streng aristokratischen Staatsformen die Demokratie ihr Reich gegründet hatte. DurchHandel und Industrie frühzeitig reich, durch Reichthum unabhängig geworden, bildetenbesonders die flandrischen Städte eine Macht, in der alle guten und bösen Eigenschaftender Volksherrschaft Wurzel geschlagen und Früchte getrieben hatten. Neben der Pflegeeiner die benachbarten Länder weit hinter sich lassenden Industrie, eines Handels, der denNorden Europas mit dem Süden und dem Orient vermittelte und unter den damaligenVerhältnissen der Völker ein Welthandel genannt werden muß, neben einer regen Thätig-keit für Kunst und Wissenschaft, neben großer bürgerlicher Freiheit und verständigen Ver-waltungsformen zeigte sich in diesen Städten die Demokratie auch in ihrer schlimmerenGestalt. Uebermuth, stolze Verwegenheit, Trotz, ungeregeltes Streben nach Unabhängig-keit erfüllten die Bewohner; locale Interessen, der Stadt Glanz, Macht, Reichthum,auf Kosten der Nachbarn, war das Ziel aller Thätigkeit, die Idee des Landes, ein Unter-ordnen städtischer Interessen unter nationalen in Niemandes Sinn. Als die burgundi-schen Fürsten jene Aufgabe sich vorgesteckt und mit Kraft, Einsicht, großer politischerKlugheit an ihrer Verwirklichung arbeiteten, mußten sie nothwendig in Kampf mit denTendenzen der Städte gerathen. Die Souveränetät der Eommunen war unverträglichmit der Ausbildung der politischen Nationalität des Landes, mit der Errichtung einerCentralgewalt, wie sie sich um diese Zeit und früher schon in Frankreich entwickelt hatteund wie die burgundischen Fürsten sie zur Erreichung ihres Zweckes bedurften. Die Für-sten begannen den Kampfund führten ihn fort mit dem Glücke, das bis auf Karl denKühnen ihre Unternehmungen begleitet. Die politische Einigung des Landes zu einerNation, die Grundlagen einer geregelten und starken Regierungsgewalt, die Anfänge undPrincipe aller der Verwaltunqsinstitutionen, aus denen im Laufe der Jahrhunderte dermoderne Staat sich herausgebildet hat, gehören für die Niederlande der Epoche an, inwelcher jene Dynastie über sie herrschte. Das Unterliegen K a rl's des Kühnen, die dro-hende Zerstückelung seiner Herrschaft schienen die Fortführung des Begonnenen in Fragezu stellen, aber sein großer Nachkomme KarlV. nahm das unterbrochene Werk wiederauf und führte es zu einem ersten Abschlüsse. Durch die Heirath der Erbin Karl's desKühnen mit Maximilian waren die Niederlande an Oesterreich gekommen und amAnfänge des 16. Jahrhunderts unter dem Namen des burgundischen Kreises dem Reicheeinverleibt. Als nun noch Franz I. von Frankreich, im Madrider Vertrage 1526, dasKönigreich Burgund und alle Lehensrechte der Krone Frankreich auf Flandern an KarlV.abtrat, war die alte Streitfrage über das Uebergewicht Deutschlands oder Frankreichs inden Niederlanden zu Gunsten des ersteren entschieden. Wäre Frankreichs Stellung sogeblieben, wie sie damals war, hätte besonders das Familieninteresse des Hauses Oester-reich später nicht den Sieg davongetragen über das politische Interesse des deutschen Rei-ches, so würde eine engere Verschmelzung dieser Provinzen mit Deutschland möglich ge-worden und ihre definitive Vereinigung mit demselben durch die Macht der Zeit und dieGewalt der Umstände herbeigeführt worden sein. Der Gang der Ereignisse seit dem 16.Jahrhunderte wäre dann ein durchaus anderer gewesen, die Suprematie auf dem Conti-nente gehörte Deutschland für lange Jahrhunderte an, die vielen Erniedrigungen, welcheseine Schwäche auf dem wichtigsten und bedrohtesten Punkte seiner Gränzen und seine in-nere Zerrissenheit ihm während des 17. und 18. Jahrhunderts bereiteten, konnten dannabgewendet werden.

Als K ar l V. der Krone entsagte, gab er die Niederlande an seinen Sohn Phi-lipp, in dessen Nachkommenschaft sie nach dem Rechte der Erstgeburt auf immer mitSpanien vereinigt bleiben sollten. Mit der spanischen Herrschaft beginnt für sie einelange Reihe der allerwichtigsten Ereignisse, die ihnen eben so viel Unglück als Größebrachten. Kaum ist der erste Angriff Frankreichs auf die Provinzen zurückgewjesen, kaumhaben sie durch den Vertrag von Obstes» Osmbresis (1559) einen vorläufigen Friedengewonnen, so bricht in ihrem Innern jener unselige Zwiespalt zwischen Regierung undVolk aus, der nach langem, aufreibendem Kampfe einem Theile der Provinzen die Frei-heit giebt, während er in den anderen die spanische Herrschaft aus lange hin befestigt, undIn welchen die wesentlichsten Interessen deS Landes, seine geistigen wie die materiellen, hin-