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Turne«, Turnerei, Turnkunst. i
ihr überall Anerkennung und Eingang verschaffte und ihre hoheBedeutung für die Jugend-bildung und das Volksleben überhaupt außer Zweifel setzte.
Es ist eine höchst einseitige und der wirklichen lebendigen Erfahrung geradezu wider-sprechende Ansicht, daß geregelte Ausbildung der leiblichen Kräfte und Fähigkeiten derJugend nur aus die leibliche Gesundheit und Stärke Einfluß habe und deswegen nurals Schutzmittel gegen di« nachrheiligen Folgen des übertriebenen Stubenlebens der stu-direnden oder gewecblreibenden Jugend auf ihr leibliches Wohlbefinden, in Betrachtkomme. Es ist nicht minder eins.itig, wenn Andere, zum Theil um die Turnkunsthochverdiente Männer sie blos als eine Vorschule für den Krieg auffaffen, als ob nurhier Kraft, Gewandtheit und Ausdauer des Leibes und Muth und Entschlossenheit vonWerth wären!
Soll die Turnkunst in ihrer wahren Bedeutung erkannt und gewürdigt, soll von ihrein wirklicher Vortheil für das gemeine Wesen gewonnen werden, so muß man sie als all-gemeines Erziehungs - und Bildungsmittel nicht blos der Jugend, sondern durch sie desganzen Volkes auffassen und behandeln.
Dies beweist nicht blos ein tieferer Blick in ihr Wesen, sondern es bewährt dies aucheine — leider so vielfach misverstandene — Erfahrung.
Keine Tugend gilt Etwas ohne den Muth, sie immer und allen Hindernissen zumTrotz zu üben; die Wahrheit ist werthlvs, die sich nicht offen und frei an das Tageslichtwagt; alle Kenntniß und Kunst ist lobt, die nicht im Leben sich gellend macht. „OhneMurh ist kein Glück" sagt ein altes Sprüchwort, und es ist wahr, man mag dabei an dasinnere Glück eines reinen Selbstgefühls denken, oder an das äußere, das im Verhaltnißzu Anderen und zur übrigen Schöpfung erscheint.
Der Muth aber, dieser Schildhalter aller Tugend und Wohlfahrt, was ist er An-deres als Vertrauen auf die richtig erkannte eigene Kraft ? Ohne eigene und darum zu-verlässige Kraft ist jedes Unternehmen tollkühn, ohne klares Bewußtsein derselben und ihrer sGränzen vermessen.
Nun ist die Turnkunst nichts Anderes als eine stufenweise, folgerechte Entwick-lung der Anlagen und Kräfte des menschlichen Körpers und eine Uebung der Seele im Be-herrschen derselben. Sie läßt zu keiner Uebung zu, von welcher ihr Schüler nicht weiß,daß er sie aussühren kann, wenn er es ernstlich will. Sie ist ein stetes Ringen des Wil-lens mit den Schranken des leiblichen Vermögens. Sie trägt in sich selbst den Lohn unddarum die Ermunterung zur unablässigen Fortsetzung dieses Kampfes, sie weckt dadurcheben so sehr die Fähigkeiten des Gemüthes wie die des Körpers, weil sie die Macht desWollens empfinden und dadurch den Turner sich selbst achten lehrt.
Dies ist das Höchste und Wichtigste. Nebenbei unterstützt sie dies Selbstgefühlihres Schülers auch nach Außen hin und für die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens.
Die Entwicklung der geistigen Anlagen ist bedingt durch Zufälligkeiten. Wir sind nochsehr weit entfernt und werden es noch lange bleiben von dem schönen Gedankenbild solcherSchuleinrichtungen, die ohne Rücksicht auf Reichthum, Wohnort und andere Zufällig-keiten jedem Kinde die gleichen Mittel zur geistigen Ausbildung gewähren. Aber eine voll-kommene gleiche Entwicklung der leiblichen und Gemüthsanlagen kann die Turnkunst allenKindern des Vaterlandes leicht gewähren, wenn das Vaterland — eben durch allgemeineEinführung der Turnkunst in den Unterricht — sie und was sie leistet, als etwas Werth-und Ehrenvolles anerkennt und darstellt; sie wird dadurch Jedem im Volke ohne Rück- ?sicht auf Stand und Reichthum die Möglichkeit geben, nicht blos vor Gott, sondern auchvor den Menschen sich seinem Nächsten gleich zu fühlen, eben darum diesen aufrichtiger zulieben und zugleich sich selbst höher zu achten. Sie leitet so die Seele auf nahem undsicherem Wege zur christlichen Menschenliebe und zum Gemeingeist, dem Lebensathemjeder Gesellschaft.
Die Turnkunst, indem sie unaufhörlich und fast unerschöpflich von Fortschritt zuFortschritt führt und so die Festigkeit und Schnellkraft des Willens augenblicklich belohnt, .weckt jenen frischen heitern Lebensmuth, welcher die Freude veredelt und die Gemeinheitauch von dem Muthwillen fern hält. Sie weckt zugleich, weil sie nur in Gesellschaft be-