Türkei. 5Sl
Innen heraus und verschiebt es auf die Zukunft. Daß dieser Augenblick der Zertrüm-merung eintreten muß und daß damit auch die Vorsicht der europäischen Diplomatie ihrEnde erreicht haben wird, kann dem aufmerksamen Beobachter der orientalischen Ereig-nisse während der letzten Jahrzehente nicht verborgen geblieben sein. Seit den Tagen vonNaoarin und Adrianopel hat der Padischah keine Schlacht mehr gegen die Fremden, son-dern nur gegen seine Unterthanen gefochten. Trotz der mannigfachen Reformen, welcheden Verjüngungsproceß der alternden Despotie bewirken sollen, ist unleugbar, daßdas türkische Reich mit immer zunehmender Schnelligkeit auf dem jähen Abhang desVerfalls hinabeilt. Es erfüllt damit sein Schicksal als astatisches Reich, das noth-wendig in der Berührung mit Europa verschwinden muß; es ist keiner innern Entwicke-lung fähig, wie seine vierhundertjährige Geschichte, wie alle astatischen Staaten bewiesenhaben. Lehrreich aber für die europäischen Völker ist jedenfalls das Bestehen der türki-schen Herrschaft gewesen und wird vielleicht noch für eine kürzere oder längere Zukunftdiesem Zwecke in so fern dienen können, als kein anderes Vorbild asiatischer Gewaltherr-schaft der Beobachtung und Prüfung eine so lange Zeit hindurch vorlag und zugleich sonahe gerückt war, daß sich daraus ein lebendiger Wechselverkehr mit den europäischenStaaten bilden konnte. Auch lag darin ein wesentlicher Vorzug für die Belehrung dereuropäischen Völker, die sie aus der Beobachtung der tückischen Regierungsmaximenschöpfen konnten, daß sich hier die Gewaltherrschaft bis auf die Zeit der neuesten Refor-men in ganz natürlicher und unverhülller Gestalt zeigte und darum auch dem blödestenVerstände erkennbar und begreiflich sein mußte. Deshalb ist die ausführliche Kenntnißder tückischen Zustände, von denen hier nur eine gedrängte Uebersicht gegeben werdenkann, vielleicht ersprießlicher und förderlicher für die Belebung des Rechtsgefühls und dieBegründung bürgerlicher Freiheit im Abendlande, als man auf den ersten Blick wohlglauben möchte.
Die Osmanen haben im Laufe des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts dmRaum der Erdoberfläche sich unterworfen, über welchen Jahrhunderte vor ihrem Auskom-men schon das oströmische oder byzantinische Reich zum Theil ausgebreitet lag, dessen letz-ten, schwachen Ueberrest sie vernichteten. Die Nähe der Gefahr, welche gegen Europavon Osten heranzog, wurde erst von dem Augenblicke allgemein und tief empfunden, alsdie Osmanen am 29. Mai 1453 unter ihrem Sultan Muhamed H. Konstantinopel er-stürmt hatten, diese Weltstadt, welche von jeher das Hauptziel der Eroberungslust war.Denn in der Mitte zwischen Europa und Asien gelegen, ist sie sowohl das natürliche Empo-rium, wo die Producte des Ostens und Westens sich begegnen, als die Zwischenstation,wo die inneren Waffercommunicationen Europas, Asiens und Afrikas ihren gemeinschaft-lichen Mittelpunkt finden; während die Wogen des mittelländischen und ägeischen Meeressämmtliche Producte Aegyptens, Lykiens, Italiens und Spaniens s-inem Hafen zuführen,kommen von Norden her, von Donau, Dnjestr, Dnjepr und Don getragen, die Agricul-turreichthümer Ungarns, Deutschlands und Rußlands hier zusammen. Ein unvergleich-licher Hafen, in welchem ein Dreidecker ohne Gefahr den Damm berühren kann, bietetinnerhalb einer tiefen Bai Raum genug, um alle Flotten der Welt zu beherbergen. Vonden Eroberungen, welche die Osmanen aus diesem Mittelpunkte ihrer Herrschaft spätermachten, sind mehrere schon wieder verloren gegangen, andere flehen nur noch dem äuße-ren Scheine nach in einer gewissen Abhängigkeit von der hohen Pforte. Wenn man dieseLänder, wie Griechenland, die afrikanischen Provinzen, die aber nur in einem ganz losenVasallenvecbande zum Padischah stehen, wie Aegypten, Tunis, Tripolis und das Fürsten-thum Moldau, Walachei und Serbien, die als Schutzstaaten der Türkei zu betrachten sind,von der rings um die östliche Halste des mittelländischen Meeres in Europa, Asien undAfrika gelegenen Erdmasse abtrennt, so bleibt das eigentlich türkische Reich übrig, daswieder in jene ungleiche Hälften, die europäische und asiatische, zerfällt. Der sichereBesitz der letzteren aber wird, je weiter man östlich zu dem Stromgebiet des Euphrat undTigris gelangt, immer schwankender. Die geographische Darstellung dieser Ländermassekann hier auf die hauptsächlichsten Momente zusammengezogen werden, da verschiedeneAusführungen dieses Gegenstandes in Bezug auf einzelne Theile sowie auf allgemeine