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Taktik und Strategie.
Bestandtheil aufzunehmen. Dies gilt von keinem Land^mehr als von Deutschland, wos die militärische Liebhaberei nicht sehr verbreitet, wo sich die Einzelnen einem sp ecie llenFache so gern ausschließlich und oft bis zur Einseitigkeit hingeben, wo den Leuten Das,was sie als Staatsbürger zu thun haben, stets erst durch eine gründliche Vorbildungzum ausdrücklichen Berufe gemacht sein muß. Leiden doch die Deutschen eben sooft am Mangel als die Franzosen am Ueberflusse von Zuversicht; und wird man dochl regelmäßig in einem französischen Bataillon dreimal mehr Unterofficiere als in einem
? deutschen finden, die sich etwa das Bataillon selbst zu befehligen getrauen. Wenn irgend
sonst wo, ist es also in Deutschland nöthig, daß die militärischen Neigungen zeitig geweckt,daß die speciellen militärischen Fähigkeiten zeitig an's Licht gezogen, daß wenigstens denbesonders Qualificirten der Feldherrnstab zeitig in die Patrontasche gesteckt werde. Turnenund Fechten; Exerciren und Märsche; Schießübungen mit Armbrüsten und dann mitFeuergewehr, so daß den besseren Schützen Gelegenheit gegeben würde, sich tüchtig aus-zubilden; Knaben-Artillerieübungen an kleineren Geschützen, für solche, die dafür be-sondere Neigung und Fähigkeit haben, und —wo es irgend sein kann— auch vorberei-tende Knaben-Reitschulen; sodann Uebungen der Sinne in Schätzung der Distanzen undAuffassung gegebener Terrainverhältnisse — dies Alles würde sich mit dem Volks-unterrichte in Knabenschulen nicht blos ohne großen Aufwand verbinden, sondern dieKosten des Militärwesens im Ganzen würden sich dann noch beträchtlich vermindernlassen. Neben einem durchgebildeten und gebührend besoldeten Führerstand, der sich demKriegswesen ausschließlich widmet, würde man dann füglich die eigentliche Präsenz-undDienstzeit der Militärpflichtigen, wenigstens für das gesammte Fußvolk, auf Masse-übungen während weniger Monate beschränken können; und — was eine Hauptsache ist— das Soldatenwesen würde nicht mehr eine L ast, sondern eine Lust, die militärischeArbeit würde in Wahrheit auch ein Genuß geworden sein. Nie und nimmermehrk läßt sich aber die versäumte militärische Erziehung in der Jugend durch die verspätetemilitärische Abrichtung im oft schon versteiften männlichen Alter ersetzen, und nurweil wir uns bisher nicht darauf verstanden haben, menschlich-soldatisch zu bilden,haben wir uns darauf deschränken müssen, thierisch - soldatisch zu dressiren. AlleOrganisationen von Landwehr und Landsturm, wie groß ihre Vorzüge vor den blosstehenden Soldatenheeren sein mögen, bleiben also ohne die Basis einer solchen Jugend-bildung doch nur Halbheiten oder Luftschlösser, von denen aus für die Vertheidigung desVaterlands nicht allzu viel erwartet werden darf.
Die Einsicht in die Principien der Taktik und Strategie läßt bald erkennen,daß sie nicht blos im Kampfe von Heer gegen Heer, sondern im verjüngten Maßstabe auchin der Führung aller kleineren militärischen Abtheilungen zur Anwendung kommen. Istdoch selbst das Einzelngefecht von Mann gegen Mann ein Bild des Kriegs im Kleinen,und handelt es sich doch auch in den einzelnen Momenten eines solchen Gefechtes um rela-tive Stärke gegen relative Schwäche, um Scheinangriffe und Umgehen, um Durch-brechen und dergl. Außer den allgemeinen militärischen Tugenden des Muths, der Ent-schlossenheit und Geistesgegenwart ist für alle Zweige einer tüchtigen militärischen Führungdie schnelle Auffassung und Benutzung der Terrainverhältnisse von besonderer Wichtigkeit.Um die Ofsiciere daran zu gewöhnen, sollten die praktischen Uebungen im schnellen mili-tärischen Aufnehmen allgemeiner werden, als bis jetzt der Fall war; und Dies kann leicht^ geschehen, wenn nicht auf das minutiös zierliche Abconterfeien einzelner Gegenstände desTerrains, auf diese Kamaschenknöpferei des Situationszeichnens, allzu großes Gewichtgelegt wird. Die militärische Würdigung der Bodenverhältnisse setzt indessen die weitereKenntniß einer Wirksamkeit der verschiedenen Waffengattungen voraus. Für dieOfsiciere de« Generalstabs, welche die Bewegungen zusammen gesetzter Corps zuleiten haben, ist gewöhnlich vorgeschrieben, daß sie mit dem Dienste der Infanterie,' Cavallerie uno Artillerie praktisch sich bekannt machen müssen. Das wesentlich Entschei-^ dende im Kriege, wie anderswo, bleibt aber immer, daß die rechten Männer an der rechtenStelle wirken; und es sind nicht immer die polytechnischen Schulen, Cadettenhäuser undsonstigen Militäranstalten, welche dem Generalstab die fähigsten Ofsiciere liefern. AuchStaats - Lexikon. XU. 35