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Taktik und Strategie.
Aber noch jetzt herrscht die deutsche Weile in der Eile sichtlich vor, wie sich dies im ver-gleichenden Hinblicke auf den raschen Fortgang der Befestigung von Paris deutlich genugzeigt. Faßt man die Lage von Landau, Germersheim und Rastalt ins Auge; diejenigevon Rastatt und die Beziehungen der beiden Orte zum Rheinthale, Donauthale und demzwischen beiden laufenden Neckarthale mit der würtemdergischen Hauptstadt,—so laßt sichdie strategische Wichtigkeit einer Befestigung jener Städte nicht in Abrede stellen. DieseWichtigkeit würde durch die Herstellung einer directen Verbindung von Rastatt und Ulmvermittelst einer Eisenbahn bedeutend gesteigert werden. Damit indessen die beiden Waffen-platze ihre Bestimmung erfüllen, muß für geräumige befestigte Lager zur Aufnahme b e-deutender Streitkcäste so wie dafür gesorgt werden, daß diese Streitkräfte schnellgenug bei der Hand seien. Dies wird immer schwierig bleiben, so lange gerade die süd-westlichen Bundesstaaten nur über ihr stehendes Militär, nicht auch über eine Landwehrdisponiren können, die zahlreich und waffenfectig genug wäre, um unter dem Schutzeder befestigten Stellungen selbst einem starken feindlichen Stoße zu widerstehen. Mußman doch von Frankreich aus, das zumal in Stcaßburg einen so mächtigen Waffenplatzbesitzt und geographisch gerade gegen Süddeutschland so weit vordringt, das also leicht einesehr ansehnliche Militärmasse schnell über den Oberrhein werfen kann, bis zueinem gewissen Grade stets eines militärischen UeberfallS sich versehen. Wären aber imKriegsfälle die neu anzulegenden Bundesfestungen noch unvollendet und wäre nicht zu-gleich für die schnelle Vereinigung der unter ihrem Schutz operirenden größeren Corpsgesorgt, so könnten wohl die neuen Werke mehr für Franzosen als Deutsche angelegt sein.Käme gar noch hinzu, daß auch nur eine einzige Souveränität mit dem Verluste ihrerHauptstadt zugleich Herz und Kopf verlöre, so könnte es nur allzu leicht geschehen, daßdurch die von Frankreich militärisch gebrochenen Schranken des deutschen Zollvereins diegeträumte deutsche Einheit und Einigkeit auspassirten, um eben so zollfrei die Verwirrungund Zwietracht nochmals einpassiren zu lassen. Hui vivru verrs!
Alles Wissen der Kriegsführung läßt sich für die Strategie in der Regel zusammen-fassen: gehe so stark als möglich gegen die Verbindung des Feindes und behalte selbst eingutes Subject im Rücken; für die Taktik: gehe mit deiner Stärke gegen die Schwäche desFeindes. Um so mehr aberthut esNoth, sich die einfachen Principien der Kriegs Wis-senschaft völlig klar zu machen, als die Kriegskunst eine durch die Beschaffenheitdes Bodens und dadurch bedingte Waffenwirkung, durch die Zusammensetzung des Heeresnach seinen verschiedenen Waffengattungen, durch die Nationalität, die Verhältnisse derWitterung, der Zeit u. s. w. unendlich complicirte ist. Eine solche deutliche Einsicht indas Wesen des Kriegs gewährt zum Wenigsten den Vortheil, daß man im Gedränge vonEinzelheiten, die unsere Beachtung in Anspruch nehmen, den Begriff des Ganzen nichtverliert, daß vor Bäumen der Wald nicht übersehen wird *).
Was ist nun die Aufgabe des Staats für Taktik und Strategie? Vor Allem mußhier ins Auge gefaßt werden, daß in neuerer Zeit das Heer dem Volke entwachsen, daß esFleisch von seinem Fleische, Geist von seinem Geiste ist. Dieser unauflösliche Zusammen-hang zwischen Beiden, wonach die ganze militärische Bildung durch die nationale bedingtbleibt, macht es dem Staate zur besonderen Pflicht, eine leiblich und geistig kräftigendemilitärischeJugenderziehung in das System der allgemeinen Volksbildung als wesentlichen
*) Eine sehr gedrängte, gemeinfaßliche und alles überflüssig Verwirrende vermeidende Dar-stellung giebt der „Curs der Taktik und Strategie und Plan zur Bertheidigung der Schweizgegen Frankreich. Aus dem schriftlichen Nachlasse von Bruno Uebel" (Zürich und Win-terthur, Literarisches Comptoir, 1842). Dieser „Curs" ist hauptsächlich gegründet auf diekriegswissenschaftlichen Lehren eines v. Klausewitz und Willisen; doch konnten freilichdas erst 1842 erschienene Lehrbuch des Letzteren: „Die Theorie des großen Kriegs" so wiedie theilweise gegen diese Theorie gerichteten „Militärischen Briefe eines Verstorbenen" re.dabei noch nicht benutzt werden. Ein umfassendes Verzeichniß der sehr zahlreichen Militär-literatur aller europäischen Staaten seit 1830 enthält die mit gewissenhaftem Fleiße bearbei-tete „Systematische Uebersicht der Militärliteratur und ihrerHilfswiffensch. von F. C. Scholl"(Darmstadt, C. W. Leske 1842), worin auch aller politisch - militärischen Schriftengedacht ist.