Schulen, Mittelschulen. 33
7) Der Geist unserer Zeit billigt Dinge in den Sitten der Jugend, welche von frü-heren Generationen nur miebilligt wurden, findet Manches anständig, was sonst nichtdafür galt, und verlangt vielleicht aus recht guten Gründen eine Behandlung der jungenStudirenden, die früher Niemand für sie in Anspruch nahm. Kurz, die Begriffe, wasunter Zucht und Schulzucht insbesondere zu verstehen sei, haben sich im Fortgange derZeit und Bildung sehr geändert. Von diesem Gesichtspunkte aus muß also auch die alte,längst abgedroschene Klage beurtheilt werden, die häufig von alteren Personen und krank-haften Repristinatoren geistlichen und weltlichen Standes gemacht wird, daß die Jugend,die sie emporwachsen sehen, ausgelassener sei, als sie selbst ehemals gewesen.
8) Unter Festhaltung dieser Gesichtspunkte unterscheide man also wohl zwischenwahrer, innerer Sittenbildung (und der durch sie bedingten Sittenzucht), die ihresmoralischen Ursprunges wegen ächt menschlichen Werth und höhere Geltung hat, aufder einen Seite, und bloßer Dressur auf der anderen Seite, welche durch Strafen, Ty-rannei und mechanisches Antreiben erzielt wird. Von dieser Unterscheidung muß auch beiden Schulgesetzen, Schulstrafen und Schulbelohnungen ausgegangen werden, derenGrundcharakler ein väterlicher sei, alle körperliche Züchtigung verbiete, jedematerielle Belohnung ausschließe, und die Schüler, je nach dem Grade ihrer fort-geschrittenen Bildung und den Lebensjahren, passend verschieden behandele, alle aber nichtals Sklaven, sondern als Elite der Jugend. Dadurch wird die moralische Bildunggewinnen, ohne welche namentlich auch Alles, was man heut zu Tage mit so großemFeuereifer für kirchliches Leben zu thun sucht, nur äußeres Formelwesen ohne Werth undniederträchtigen Heuchelglauben erzeugt.
9) Kirchliche Zeloten sind es besonders, welche die Gelehrtenschulen mit dem Vor-wurfe des Nichtgedeihens der Erziehung verfolgen. Da aber gerade diese Leute so gern derhimmlischen Natur ihrer positiven Kirche eine unwiderstehliche Kraft der Entwilderungund höchsten menschlichen Veredlung zuschreiben, so fallt mindestens ein Theil ihres Vor-wurfes auf sie zurück, da es, in Deutschland wenigstens, bei diesen Schulen nirgendsweder an Zahl der Religionsstunden noch an sonstiger Ueberschüttung mit kirchlichenAeußerlichkeiten fehlt. Es kommt also solchen Eiferern nicht das Anklagen zu, sondern„klic Kbo6u8, liic sslts !" Eben so wenig dürfen jene Behörden über Verfall der Sittenklagen, welche sich die Anstellung sittlich verwahrloster Lehrer, die alles Ansehens bei derJugend verlustig gingen, zu Schulden kommen lassen und solche Subjecte Decennienhindurch aus ökonomischen Gründen an ihren Stellen belassen.
Um diese eben erwähnten Misverhältnisse, die übrigens zum Theil nur nach dem Ur-theile gewisser Individuen wahre Misverhältnisse sind, zu heben und um die anderenunleugbaren Schwierigkeiten der Verbindung des Unterrichtes mit der Erziehung leichterund sicherer zu überwinden, hat man in früheren Zeiten sehr häufig den Gelehrtenschulendie Einrichtung eines Klosters oder Convicts gegeben, in neueren Zeiten aber mit diesenAnstalten solche Convicte verbunden, ohne gerade allen Zöglingen den Zwang des Ein-trittes aufzulegen; man hat 8eminsria puerorum gestiftet, sogar neue Mönchsklöstergegründet, denen die gelehrte Bildung der Jugend übertragen wurde, und selbst in dendeutschen Staaten, wo man bis jetzt von derlei Einrichtungen noch Nichts besitzt, lassensich, man weiß wohl von welcher Seite, Wünsche und polternd fordernde Stimmen ver-nehmen. Hier hat man nun vor Allem zu unterscheiden, ob das Leben solcher Anstaltenvon der Geistlichkeit, insbesondere von der ehelosen katholischen Geistlichkeit, ausgehenund beherrscht werden solle, oder ob sie in ihrem ganzen Wesen weltliche Institute unterweltlichem Haupteinflusse bilden. Im ersten Falle wird kein Mensch, dem die Tendenzenund Interessen unserer Zeit bekannt und lieb sind, einer Sache das Wort reden, welchedie geistig fortschreitenden und aufgeklärten Mitglieder des geistlichen Standes selbst mis-billigen und verdammen, und die Regierungen sollten solche Anstalten nicht einmal zumZwecke der Heranbildung künftiger Priester existiren lassen. Im zweiten Falle aber läßt
renden in unserer Zeit (Baireuth 1824), und dagegen eines Ungenannten, Aufgefaßte Stich-worte aus Graser's Schrift über die vorgebliche u. s. w. (Lemberg 182L).
Htaats-Lerikou. XII. 3