28 Schulen, Mittelschulen.
sie keine Homere und Cicerone bilden (dazu gehörte noch sehr Viel); ihre armenGefangenen haben den Cicero und Hom er selbst nie gesehen, ja sich an ihnen verekelt,um sie ewig nicht sehen zu wollen. Motten haben sie also gebildet, den Homer undCicero etwa in Phrases zu zernagen, und mitten unter Schönheiten der Alten wirddurch sie gerade das Gefühl für die Schönheit verhärtet und der Geschmack mit Gewaltgezwungen, daß er sich verwahrlose und nach kindischen, unsinnigen Zwecken laufe" ^Das rein grammatikalische Element darf also ja nicht so behandelt, werden, daß dadurchdem Fortschreiten in der Lesung Abbruch geschieht; denn der jugendliche Geist soll klarund frei werden, nicht dumpf und gedrückt, belehr, nicht getödtet; der Jugendmuth sollnicht an der Grammatik zerschellen, das heitere Selbstbewußtsein nicht durch die philolo-gische Kritik ersticken; die Gymnasien sind keine philologischen Seminare, und zum Ver-standniß der Alten gehört noch etwas mehr als Grammatik und Wortverstand "). Fernbleibe deshalb der etymologische und synonymische Magister Spintisax. Selbst einer derstrengsten Wortkritiker, I. Casp. v. Orelli, warnt vor diesen Abwegen und erinnert sehrpassend an die heilsame Methode der Schulen des 16. Jahrhunderts, z. B. Melanch-thon's und Sturm's, in welchen, wie zum Theil jetzt noch in England, völlige Sprach-gewandtheit vornehmlich durch praktische Uebung ^") und vielfältige kerngesunde Lectüreder Alten erzielt wurde. Der Geist des Alterthums selbst sammt der Tüchtigkeit des Al-terthums trat dann durch eben diese Gewandtheit ins praktische und wissenschaftliche Le-ben ein^'). Wenn übrigens die realistischen Gegner der classischen Studien manche Bei-spiele pedantischer und mikrologischer Uebertreibung der Philologie in Schulen aufzufüh-ren im Stande sind, so mögen sie bedenken, daß in allen menschlichen Dingen und na-mentlich in allen Zweigen der Wissenschaften und des Unterrichtes zu allen Zeiten Man-gel und Verkehrtheiten Vorkommen, und daß Fehler der Personen der an sich würdigenund edeln Sache nicht zur Last fallen können. Es ist also Gervinus' Wort ein gar zuhartes Wort und gegen sehr viele achtbare Männer ungerecht, wenn ec (in seinen KleinenSchriften) sagt: „Wir wollen trotz unserer großen Verehrung der alten Sprachen sienicht zum Zweck gemacht wissen als Sprachen. Je mehr unsere Philologen engherzig dasMittel zum höchsten Ziel alles Unterrichtes machen, weil sie eben aller eigentlichen päda-gogischen Bildung ermangeln, desto entschiedener weissagen wir ihnen und ihren Spra-chen den Anwachs der Gegner, die durch diese verkehrte Behandlung der Sacke ein Rechtbekommen, und wir müssen bekennen, daß wir, obgleich wir mit bitterer Wehmuth diealtclassische Bildung aus unserer Nation würden schwinden sehen, doch gegen das Ueber-handnehmen dieser unfruchtbaren Sprachcultur am Ende mit Partei nehmen würden."Das Bestehen eines eigenen philologischen Lehrstandes in den deutschen, besonders denpreußischen Gymnasien, um den uns manche fremde Nation ^) zu beneiden Ursache hat,geht chronologisch noch nicht so weit zurück, daß man überall Vollkommenheit zu erwarten
28) Uebcr diesen Misstand enthalten die Deutschen Jahrbücher 1k42 Nr. 163vortreffliche Worte von Adolf Stahr in einem interessanten Aufsätze, betitelt: Das hel-lenische Alterthum und seine Mission.
29) Käthe a. a. O. S. 732. Greverus a. a. O- S. 67 ff.
30) In unseren Zeiten muß der Composikion in der Muttersprache vor der in der la-teinischen der Vorzug gegeben und überhaupt das Schreiben und Sprechen der alten Spra-chen, worin die Kenntniß des Alterthums nicht liegt, bedeutend ermäßigt werden.
31) Vergl. Vittorino von Feltre, oder die Annäherung zur idealen Pädagogikdes IS. Jahrhunderts von I. C. v. Orelli, Zürich 1812, wo auch von den MethodenGuarino's und Filelfo's die Rede ist.
32) Vergl. Kr dg er: Bericht Cousin's über den Zustand des öffentlichen Unterrichtesin einigen Ländern Deutschlands und besonders in Preußen (Altona 1832). Theobald,Statistische Uebersicht sämmtlicher deutschen Gymnasien (Cassel 1839). Linde, Uebcrsichtdes gesummten Unterrichtswesens im Großherzogthume Hessen (Gießen 1839). Almanachder rein wissenschaftlichen und technischen Anstalten in Bayern (1837). Ueber die Gymna-sien, besonders in Sachsen, von Zimmer (in Bülau's Neuen Jahrb. der Geschichte undStatistik 1838). Hezel, Würtembergs Schulgesetze, übersichtlich zusammcngestcllt (Ra-vensburg 1827). Wunderlich, Die ehemaligen Klosterschulen und die jetzigen niederenevangelischen Seminarien Würtembergs (Stuttgart 1833).