Schulen, Mittelschulen» 27
Nothwendige verfehlen. Es kann allerdings in den langen Lehrjahren empfänglicher undkräftiger Jünglinge, die schon mit Lust und Liebe eintreten oder doch durch den Unter-richt und durch die geistige Berührung mit Altersgenossen sich dazu erweckt fühlen, auf derGelehrtenschule Viel geleistet, Viel gefördert werden, besonders in unsrer Zeit, da dieunverkennbaren Fortschritte der Wissenschaft, der Sprachkunde und der Methodik dasStudium wesentlich erleichtert, klarer, freier und sichrer, darum auch kräftiger und ergie-biger gemacht haben. Gleichwohl bedarf es auch jetzt einer weisen Beschränkungdes Unterrichtskreises, — vielleicht auch einiger Ermäßigung der Ansprüche,welche man an die Gymnasien zu mach/n angefangen hat, und zugleich einer strengerenFixirung des Nothwendigen und Unerläßlichen, des Wünschenswerthen und Heilsamen."
b>) In allzu großer Abftract hei t, einer Folge des Bestrebens, das Mechanischezu vermeiden und unter dem beliebten Namen: „Gymnastik des Geistes" geist-reich und geistbildend zu erscheinen. Daher nehmlich kommt die so häufige höchst trau-rige Erscheinung, daß nach Verlauf der 8 bis 10 Gymnasialjahre, wie man sie jetzt fastallgemein in Deutschland hat und in denen Latein gelernt wird, dennoch solche Jüng-linge ziemlich selten sind, welche sich in jener Sprache fehlerfrei schriftlich und mündlichauszudrücken vermögen oder lateinische Schriftsteller von mittlerer Schwierigkeit, etwawie einen ernsteren deutschen Schriftsteller, mit Genuß lesen und gu t verstehen- Diedurch diesen jämmerlichen Uebelstand hervorgerufenen, dem Concreten und Empirischensich maßlos hingebenden Lehrweisen von Hamilton^) und Jakotot sind ein anderes Ex-trem , zwischen welchem und der ganz abstrakten rationellen Grammatik das wahre Heildes klassischen Unterrichts in der Mitte liegt. Denn soll dieses klassischen Sprachunter-richts oben geschilderter hoher Zweck wirklich erreicht werden, so ist das Streben des Leh-rers insbesondere in den Vorbereitungsclassen unerläßlich, bei dem Schüler eine schon inden Elementen fest begründete und stufenweise fortschreitende Sprachfertigkeit zu bewir-ken. So wird in ihm das begeisternde Gefühl des unleugbare» Fortschrittes erwachen,die Grundbedingung wahrer Neigung zum fortgesetzten Schul- und Selbststudium desAlterthums in wissenschaftlicher, ästhetischer und sittlicher Hinsicht. Die Gelehrten-schule trennt sich daher am Passendsten in eine niedere und höhere, in Progym-nasium oder unteres Gymnasium und in Obergymnasium oder Ly-ce um^); jenes für die Knaben, welche die alten Sprachen grammatisch erlernen, diesesfür die Jünglinge, welche in das Studium der Elassiker eingeführt werden. Beides ver-langt eine verschiedene Behandlung sowohl in objektiver als auch in subjektiver Hinsicht.
c) In allzu großer philologischer Gründlichkeit, Spitzfindigkeit und Mikro.'ogie beider Schullektüre der römischen und griechischen Elassiker, bei welcher durch Einseitigkeitund Pedanterei der schlimmsten, fast unglaublichen Art gar zu sehr und zu oft nicht nurdie reale Seite des Alterthums unerlautert, sondern auch der Zögling geistig ungebildetbleibt. Die rechtschaffene, nutzbare Lesung der Alten in den höheren Schulen ist eineschwere Aufgabe, die durchaus von Pedantismus frei und immer auf das Wesentliche desAlterthums hingerichtet sein soll, welches ist: gesunder Verstand, gesundes Herz, wahrePhilosophie, edle Richtung des Lebens, Humanität;— Gottheiten, deren Einführungfür uns und unsere Nachkommen ein Weik von fortdauernder, wachsender Wirkung ist.Der Lehrer muß ein Gelehrter sein, der seines Faches Meister ist, aber beim Unterrichtvielfältig in Selbstverleugnung die Gelehrsamkeit zurücktreten lassen. Herder, der,als gelehrter und geschmackvoller Denker, in solchen Dingen Stimme hak, obgleich ihnCreuzer mit Geringschätzung einen Nichtphilologen nennt, sagt in dieser Beziehungsehr schön und wahr: „Das Gemüth der Jugend will gesammelt, will auf den Kern ge-richtet, will fürs Leben gebildet und gestärkt sein. Anderes bewirken aber in ihren Schü-lern die Schulmeister und Phrasesdrechsler bei Cicero und Homer. Nicht blos, daß
26) Tafel in der Vierteljahresschrist 1838. 3. Heft S. 168—206.
27) Wir denken hier natürlich nicht an die baierischen Lyceen, welche philoso-phische und theologische Specialschulcn sind und als solche schon längst von dem einsichts-vollen Theist der deutschen Nation das Veshamnmngsurtheil erhalten haben.