Schulen, Mittelschulen. 23
1) Wir bewundern mit gerechtem Stolze die Fortschritte und großartigen Erfolge derNeuzeit im Gebiete der Industrie, Mechanik, Baukunst, der Chemie und der übrigenNaturwissenschaften. Dennoch wäre es ein großes Unglück für das Menschengeschlecht,wenn wir uns und unser eigentliches geistiges Sein einseitig entweder ganz oder auch nurgrößtenkheils in diesen materiellen Interessen, diewir dabei keineswegs her-absetzen wollen, verlieren würden. Ein äußerst heilsames Gegengewicht undvortreffliches Schutzmittel gegen diese Gefahr solch' zerstörender Einseitigkeit bietet dieunausgesetzte Pflege des idealen Elements der alten Literatur, wenn diese als allge-meines Bildungsmittel der höheren Stände festgehalten wird. Die Herrschaft derAlten in diesem Sinne wird keine fremde Tyrannei, sie wird ein Rath der Bes-seren zum Besten sein.
2) Wie das hochgebildete Individuum, eben so muß die ganze Generation, wennsie würdig auf der Höhe ihrer Zeit stehen soll, nicht in der beschränkten Ansicht der Gegen-wart befangen sein. Wir bedürfen also besonders in unseren staatlichen Bestrebungendurchaus der gründlichen historischen Erkeuntniß; nur dieser Gegensatz führt zum Selbst-verstandniß unser.r eigenen Zeit. Einen in politischer Beziehung höchst wichtigen Theilder Weltgeschichte bilden unstreitig die Schicksale und Entwickelungsperioden der freienGriechen und Römer. Diese aber können wir ohne das ernsteste Studium ihrer Litera-tur, in der die Quellen fließen, platterdings nur mangelhaft erkennen. Ueberdies leistet,wie Rehberg bemerkt, dem Strome der stets in verschiedenen Richtungen schwankendenZeit Nichts einen so heilsam berichtigenden Widerstand als das ganz Alte, weil es ingar keiner unmittelbaren Beziehung zu dem Interesse des Augenblicks steht, keine Stö-rungen desselben geradezu berührt und keine Empfindungen des Parteigeistes und derPersönlichkeit reizt, dagegen das Gewicht eines tief gegründeten Vorurtheils hat, welcheskeinen Widerspruch und kaum einen Zweifel aufkommen läßt.
Die alte Literatur ist also, wie die Studien der größten engli-schen Staatsmänner beweisen, eine ausgezeichnete Schule der theoreti-schen und praktischen Politik: die Philosophen, Historiker, Redner und selbst die Dichterder Griechen und Römer bereichern den Staatsmann mit Ansichten, Grundsätzen undErfahrungen, die für sein gesammtes Wirken von der größten Bedeutung sind, die aberNiemand für ihn excerpiren und zum gelegentlichen Gebrauch verarbeiten kann, die ervielmehr selbst in ihrem lebendigen Zusammenhangs aus den Originalschriften entnehmenmuß, damit ihr Geist ihn nicht blos anwehe, sondern auch durchdringe ^). Damit ist abernicht Dasselbe gemeint, was den Philologen als solchen macht. Ein solches, immerhinnoch beschranktes Studium der klassischen Literatur darf nicht verwechselt werden mit derspeciellen und unbeschränkten Wissenschaft der Philologie, als wissenschaftliche Erkennt-niß und Erforschung des gesammten griechischen und römischen Alterthums. Eine solcheirrige Verwechselung käme nehmlich völlig derjenigen gleich, welche der Magistrat einerStadt in der preußischen Niederlausitz beging, welcher auf Antrag des Unterrichtsministe-riums, einen Lehrer für die Mathematik am städtischen Gymnasium des Orts anzustellen,erwiderte: man wolle auf dieser Schule keine Feldmesser bilden ^").
3) Die alte Literatur, von allen gebildeten oder zur Bildung hinanstrebenden Völ-kern (selbst außerhalb Europas) cultivirt, entwickelt sich zu einem rein geistigen Bandedieser sonst auch noch so sehr verschiedenen und getrennten großen Familien der Menschheit.
4) Zn dem Maße als das Studium der idealen Schöpfungen des klassischenAlterthums lebendig und kräftig in den höheren Schulen und höheren Sphären des Vol-kes Geltung fand und herrschte, hat auch, so lehrt die Geschichte, das Licht derWissenschaft und Erkenntniß hell geleuchtet. Die wissenschaftliche Erkeuntniß der neuernZeit fing mit dem wiedererwachenden Studium der Alten an und hat sich nach verschie-denen Störungen immer wieder durch das Studium der Alten erneuert, gestärkt und ent-wickelt. Selbst die wenigen Lichtpunkte in der Bildungsgeschichte des Mittelalters,
20) Kdthe, „Christliche Volksbildung" S. 729.
21) Drobisch, „lieber Philologie und Mathematik" u. s. w. (Leipzig 1832), S. 60.