24 Schulen, Mittelschulen.
namentlich im Gebiete der Philosophie, sind mit den Spuren des Studiums der Altenbezeichnet. In den folgenden Zeiten hat aber die deutsche Nationalliteratur, um vonItalien, England und Spanien Nichts zu sagen, durch das Studium des klassischenAlterthums ebenfalls nur gewonnen, wie z. B. die Perioden von Lessing, Herder,Schiller und Goethe beweisen; oder hat, wie Reh b erg» richtig fragt, Goetheetwa gewartet, bis Campe und Trapp den Weg frei gemacht ? Eben so beruht diesicherste Stütze des schwankenden Geschmacks in einer fortwährend unterhaltenen Bekannt-schaft mit der alten Literatur, und die Frage, „was aus unserer Literatur ge-worden wäre, wenn sie den Einfluß der klassischen nicht gefühlthätte", ist für die Vergangenheit jedenfalls historisch beantwortet und, auf die Zukunftübergetragen, ohne Zweifel nach der Analogie der Vergangenheit sicher zu beantworten.„Wer der Jugend, unter welchen Vorwänden es sei, die Werk« der Alten aus den Hän-den bringt, er kann den Schaden mit Nichts ersetzen." Herder.
5) Der Einfluß der klassischen Studien, die bisher die Grundlage der allgemei-nen wissenschaftlichen Bildung ausmachten, äußert sich eben deshalb, weil dieganze Generation dadurch berührt wird, mittelbar auch auf diejenigen Individuen derGesellschaft, welche zwar diese Studien nicht selbst machen, aber mit derartig gebildetenMenschen in geistigen Lebensverkehc und Berührung des Unterrichts kommen. Odersollte z. B. die technische und industrielle Bildung unserer Zeit und so vieler Menschen inunserer Zeit nach Intensiv» nicht auch, wenigstens zum Theil, ein Product desje-nigen wissenschaftlichen Geistes sein, welcher, aus den bisher festgehaltenen Elementenentsprossen und groß geworden, das Reich der Geister mächtig durchwaltet? — Die Ver-edlung des Volksunterrichts, wie sie Deutschland vor allen Ländern Europas zur schönstenZierde gereicht, ist in ihrer wahren Wurzel nicht von dem jetzt allerdings gut gebildetenStande der Schullehrer ausgegangen, die nur die Verbreitungscanäle sind, sondern vonMännern streng wissenschaftlicher Bildung, die ebenfalls durch die Schule der Alten gin-gen, hervorgerufen und bis auf diese Stunde in Bewegung gehalten worden. Wenn esauch einzelne (gewiß nur wenige!) in Kunst und Wissenschaft ausgezeichnete Män-ner gegeben hat, die keine oder fast keine klassische Bildung hatten, so gehören auch dieseFälle hierher; und dieser Umstand spricht nebstdem gegen unsere klassischen Studien ebensowenig, als man, wenn Einzelne ohne besonder» Fleiß blos durch die Kraft des Ta-lents geistig bedeutend wurden, daraus folgern dürste, der Unfleiß müsse überall demFleiße vorgezogen werden.
6) Wir unterscheiden uns vom Alterthum, wie Rehb erg a. a. O. würdig andeu-tet, am Auffallendsten durch die Herrschaft einer dogmatischen Religion, welche uns,höchst wahrscheinlich nicht nach dem Sinne ihres göttlichen Stifters,die Sittlichkeit mehr auf andere Gründe als auf die Erkenntniß der menschlichen Naturbauen lehrt, und zwar mit dem Erfolge, daß die theologische Moral allgemein, inKöpfen wie in Schriften, bei Weitem die Oberhand ausübt, in dieser Herrschaft vonschwachen und schlechten Philosophen nur zu sehr und allzu häufig unterstützt. Unseremoralischen Schriftsteller stehen daher, fast ohne es zu fühlen, bedeutend hinter den altenPhilosophen, z. B. einem Aristoteles, zurück. Die Letzteren leiten nehmlich ihre ganzeSittenlehre aus der menschlichen Natur und aus einer nur durch sich selbst und eigeneunabhängige Vernunft zu beschränkenden Freiheit ab, und eben in diesen ihren allgemei-nen Quellen sittlicher Wahrheiten liegen dann zugleich die stärksten Beweggründe; un-sere praktische Philosophie dagegen fürchtet, diese so entschieden zu gebrauchen, um nichtetwa mit der Theologie zu disharmoniren, die, wie die Vorfälle der Gegenwart am Bestenlehren, bei jeder vermeintlichen Beeinträchtigung ihrer Domäne Himmel und Hölle inBewegung setzt.
Ueberhaupt darf man bei genauer Unterscheidung zwischen ächtem, ursprünglichemChristenthum auf der einen Seite und schlackenhaftem theologischen Ehristenthume aufder andern Seite ohne Bedenken behaupten, daß, zum Zwecke der Rückkehr vom Letzterenzum Elfteren und der Wiederherstellung eines sittlich-geistigen Gleichgewichts in den Köpfenunserer Zeit, nur das Studium der Alten, insbesondere der ächten antiken Philosophie,