22 Schulen, Mittelschulen.
Grund derjenigen formellen Bildung, welch« in hohem Grade durch das grammati-sche Erlernen dieser Sprachen erzielt wird, worauf wir jedoch, wenn dieser Grund alleinstände, nicht einmal irgend ein Gewicht legen wollten; das grammatische Stu-dium, dessen Werth, wie Hegel, der Philosoph, bekennt, überhaupt nicht hochgenug angeschlagen werden kann, macht den Anfang der logischen Bildung aus.Die Grammatik hat nehmlich die Kategorieen, die eigenthümlichen Erzeugnisse und Be-stimmungen des Verstandes, zu ihrem Inhalte; in ihr fängt also der Verstand selbst angelernt zu werden. Diese geistigen Wesenheiten, mit denen sie uns zuerst bekanntmacht, sind etwas höchst Faßliches für die Zugend, und wohl Nichts geistig faßlicher alssie. Sie sind gleichsam die einzelnen Buchstaben, und zwar die Vocale des Geistigen,mit denen wir ansangen, um es buchstabiren und dann lesen zu lernen. Das strengegrammatische Erlernen einer fremden, besonders aber einer fremden altenSprache hat überdies zugleich den Vortheil, daß es anhaltende und unausgesetzt« Ur-theilsthätigkeit sein muß; indem z B- hier nicht, wie bei der Muttersprache, die unre-flectirte Gewohnheit die richtige Wortfügung herbeiführt, sondern es nothwendig ist, dendurch den Verstand bestimmten Werth der Redetheile vor Augen zu nehmen und die Regelnzu ihrer Verbindung zu Hilfe zu rufen. Grammatik ist also elementare Philosophie, undeine Sprache, insbesondere eine fremde alte Sprache gründlich lernen, beinahesovielals: denken lernen. Was aber der Mensch am Meisten bedarf, dasist: dieGedanken Anderer zu verstehen und selbst zu denken. Das Studium der einzigen Mut-tersprache erscheint, wie selbst die größten Forscher im Gebiet der unsrigen bekennen, indieser geistbildenden Hinsicht entnervend, und, wie Goethe sagt, „wer fremdeSprachen nicht kennt, weiß Nichts von seiner eigenen". Rousseau,den Niemand zu den Stabilen im Unterrichtswesen rechnet, sagt im Emile: „6'estpeude ciiose d'spprendre les lanj-ues pour vlles-meme«; leur »sage n'est pss «i impor-tant <p?on croit: msis I'etude des IsnAue» mens s teils de In grsmmairs generale. IIisnt appreadre le I^stin pour savoir le kranhsis; il laut etndier et cowparer I'uneü I'sutre, paar entendre le« regle« de I'nrt de parier."
4) Bedingung der theoretischen Bildung ist für den menschlichen Geist dieSelbstentfremdung in einem Nichtunmittelbaren. Wenn aber insbesondere den jugend-lichen Geist das Fremdartige, das Ferne so angenehm und lehrreich beschäftigt, so ist esauch von diesem Gesichtspunkte aus sehr vortheilhaft, daß wir uns die Welt des Al-tert hu ms zur geistigen Verarbeitung erwerben, die durch die klassischen Spra-chen nicht blos von uns getrennt, sondern zugleich mit uns verknüpft ist.
5) Das Betreiben der Berufswissenschaft, theoretisch wie praktisch, trägt den Cha-rakter der Einseitigkeit und abgerissener Vereinzelung in einer Weise in sich, die dem Geistean und für sich keineswegs vortheilhaft sein kann. Um so wichtiger ist es, weil wir Men-schen, weil wir vernünftige, auf den Grund des Unendlichen und Idealen erbaute Wesensind, in uns von früher Jugend an die Vorstellung und den Begriff eines vollständigenLebens zu erschaffen und zu erhalten. Eine solche vertrauliche Vorstellung des menschli-chen Ganzen geben uns die elastischen Studien und befähigen ihreVerehrer, sich dieGrund-vorstellungen eines idealen ganzen Lebens fortdauernd gegenwärtig zu erhalten und sichim Innern einen schöner» Ort zu sichern, in den man aus der Vereinzelung des wirklichenLebens gern zurückkehren mag und wo man reichen Stoff einer die Wogen des Lebensbesänftigenden Zufriedenheit findet.
Wenn demnach so wichtige Gründe die klassischen Studien als unerläßliches allge-meines Bildungsmittel des künftigen wissenschaftlichen Mannes in realer und formalerBeziehung erweisen, so giebt es außer diesen Momenten, die sich zunächst ledig-lich auf das Individuum beziehen, noch andere, wenigstens eben sobedeutende und ernste, die das ganz« Geschlecht, seine Bildung und Interes-sen ernstlich berühren, aber von den Gegnern unserer Gelehrtenschulen, wie es scheint,kaum geahnet werden. Nur wer gegen die heiligsten Güter und Hebel der Gesellschaftund des Staates gleichgültig ist, wird folgenden Punkten seine Aufmerksamkeit versagenund ihr Gewicht in Abrede stellen.