Schulen, Mittelschulen. 21
anerkannt hat, die "sich der Theologie, der Rechtswissenschaft und der Heilkunde widmen:„Ich leugne nicht, daß eine Literatur denkbar ist, glanzend undlehrreich, anziehend durch die Form und inhaltschwer durch Gedan-ken, die keine Verwandtschaft mit der klassischen hätte. Aber Dasleugne ich, daß eine solche Nationalliteratur im neueren Europabesteht, oder in der großen Völkergemeinde, von der wir einenTheil ausmachen, an deren Leistungen in Literatur und Kunst wirdurch unsere Gewohnheiten, unsere Empfindungen, unsere Inter-essen uns anschließen. Kein Volk lebt vom Norden bis zum SüdenEuropas, vom Gestade der Ostsee bis zu den sonnigen GefildenItaliens, kein Volk, dessen Literatur nicht inmitten der fördern-den Lebenskeime des classischen Alterthums aufgesproßt wäre." —-„Es ist nicht meine Absicht, hier der classischen Studien An-sprüche zu verfechten, ihr Verdienst zu preisen. Aber mein freu-diges Zeugniß für die Trefflichkeit jener Studien will ich nichtverschweigen, noch mag ich die Sehnsucht vergessen, mit der ichmich von den trauten Führern meiner Jugend trennte, um michin eine Schule von weniger anziehenden Lehrmitteln zu begeben."Aus dieser Aeußerung des berühmten Mannes geht zugleich hervor: n) Wenn man spä-ter im Materiellen seines Amtes die alten Sprachen nicht braucht, so ist die Sache den-noch nicht umsonst, und b) der dem Studium der Alten gemachte Vorwurf, daß die Mei-sten nach zurückgelegten Schuljahren und im Staatsdienste diese Schriftsteller nicht mehrlesen, kommt gar häufig nicht vom Mangel an Schätzung her, sondern von der Dring-lichkeit und Beschränktheit der Verhältnisse des Lebens und Standes, in welche die Stu-dirten eingezwängt sind, oder für die sich die Studirenden mit ausschließlicher Kraft vorbe-reiten müssen.
2) Durch das Element dieser vortrefflichsten Literatur wird nicht nur aller Seelen-kräfte Anregung, Entwickelung und Uebung bewirkt, sondern der Geist der Jugend wirdauch substantiell durch jenen eigenthümlichen Stoff bereichert und genährt. Dennden edelsten Nahrungsstoff, wie sich Hegel a. a. O. ausdrückt, und in der edelstenForm, die goldenen Aepfel in silbernen Schaalen, enthalten die Werke der Alten. „Ichbrauche", fährt der ausgezeichnete Philosoph fort, „an die Großheit ihrer Ge-sinnung, an ihre plastische, von moralischer Zweideutigkeitfreie Tugend und Vaterlandsliebe, an den großen Styl ihrerThaten und Charaktere nur zu erinnern, um die Behauptung zurechtfertigen, daß in dem Umfange keiner Bildung so viel Vor-treffliches, Bewundernswürdiges, Originelles, Vielseitiges undLehrreiches vereinigt war. Dieser Reichthum aber ist an dieSprache gebunden, und nur durch diese und in dieser erreichenwir ihn in seiner ganzen Eigenthümlichkeit. Uebersetzungen glei-chen den nachgemachten Rosen, die an Gestalt, Farbe, etwa auchWohlgeruch, den natürlichen ähnlich sein können, aber die Lieblich-keit, Zartheit und Weichheit des Lebens nicht erreichen." „Ja", ummit Story zu sprechen, „wie man das Antlitz des tobten Freundes ausden vereinzelten Zügen seines Bildes sich zusammen setzt, wie manim Plätschern des Baches das Rauschen des Meeres vernimmt, wieman im Zwielicht den vollen Mittagsstrahl noch ahnet, so erkenntman aus Uebersetzungen die classischen Schriftsteller selbst."Ueberdies ist die scharfe Bemerkung Nehberg's a. a. O. richtig, daß die Achtung fürdie alte Literatur und Bekanntschaft mit ihren Werken nicht durch Uebersetzungen verbreitetwerden können, sondern daß vielmehr umgekehrt Liebe zur alten Literatur die Uebersetzun-gen beliebt macht.
3) Ist aus allen diesen Gründen .das Studium der alten Sprachen für den wissen-schaftlich gebildeten Mann unerläßlich, so spricht dafür noch der gewichtige pädagogische