Druckschrift 
12 (1848) [Schl - Zwe]
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

16 Schule«, Mittelschule«.

ist und wohl immerfort sein dürste, so wesentlich ist die jeder Zeit anzupassend« Ver-änderung des Verhältnisses, in welchem dieser Grundstein ehemals zum Ganzen der Er-ziehung gestanden hat; alle bisherigen Aenderungen an diesen Anstalten hatten daher denCharakter, daß sie das Alte in ein neues Verhältnis zu dem Ganzen zu setzen und dadurchdas Wesentliche derselben eben so sehr zu erhallen suchten, als sie es veränderten und er-neuerten.

Zur Zeit der Reformation war die lateinische Sprache noch das aus dem Mittelalterüberlieferte gemeinsame Band der Gelehrten aller Völker, und das einzige Organ, durchwelches sie sich gegenseitig ihre Gedanken, Erkenntnisse und Erfahrungen mittheilen konnten. Schon frühzeitig fügte man in diesen Lateinschulen als Unterrichtsgegenftand die Ma-thematik hinzu; noch später nahm man dann eine um die andere der realen Wissenschaftenund mit der Zeit auch die neueren Sprachen auf, so daß diese ehemaligen Klosterschulen,wiewohl in ihnen wegen des vorherrschenden klassischen Sprachunterrichts die gelehrte Ten-denz unverkennbar war, das Ansehen bekamen, als sollten durch sie die Bedürfnisse allerStände, auch der Handel- und gewerbtreibendsn Classe, befriedigt werden. Endlichstiftete man nach einem dauernden Zustande des Misbehagens und heftigen Kampfes inunfern Zeiten sogenannte Real- oder höhere Bürgerschulen, und zwarnicht bkos der nächsten Nützlichkeit wegen, sondern im Interesse der Wissenschaft selbst,damit man auf diese Weise den eigentlichen Gelehrtenschulen ihren wesentlichen Charakterbelassen könnte, unter denjenigen Modifikationen nehmlich, welche das Bedürfnis derstaatsbürgerlichen Erziehung für die Gegenwart auch ihrem Lehrplane unerläßlichmachte. So hätte man denn in dem seit Bafedow und Campe °) angefachten Kriegezwischen Humanismus und Realismus Friede erwarten sollen. Aber die Ge-schichte unserer Tage lehrt das Gegentheil ^).

Es ist nehmlich eine unleugbare Thatsache, daß auch in den neuesten Zeiten dieFeinde der klassischen Studien, insofern diese der vorherrschende Lehrgegenstand der Gym-nasien sind, mit großer Energie und Entschiedenheit auftcaten, und daß diese Studien,unter einer großen Ungunst des Publikums schwer leidend, immer größerer Gefahr ent-gegensehen. Während Creuzer, durch Vossens antisymbolisches Zeugnis nicht ebensehr geschützt, mit lächerlich übertriebener Zuversicht in der Philologie einen Hebel gegenHeuchelei und Pietismus, gegen Fanatismus und Obskurantismus erblickt, versichertKanne 2), es gebe kein Studium, das den ganzen innerer Menschen mehr tödte undverkrüpple als das Studium der alten Literatur. Dieses Studium ist überhaupt Denenam Widerwärtigsten, welche darauf ausgehen, Gelehrsamkeit und Wissenschaft zu ver-bannen, damit (um mich der Worte Köthe's zu bedienen) überall nur ein blinder Auto-ritätsglaube herrsche und selbst der Klerus, wie einst in guten dunklen Zeiten, beidenvorgeschriebenen Satzungen sich beruhige, mechanisch sein Brevier bete, eine autorisirtePostille lese und zufrieden sei mit der geistigen Dämmerung, die ihn dann doch über das imFinstern wandelnde Volk erheben würde ^). Wider diese lichtscheuen Gegner, die sichvergebens bemühen, unser Zeitalter in die Beschränktheit und Geistesknechtschaft längstvergangener Jahrhunderte zurückzuschrauben, richten weder wissenschaftliche Beweise nochgeschichtliche Zeugnisse Etwas aus; sie selbst aber täuschen noch weniger die Einsichtsvollen

6) Vgl. den Art.Pädagogik", nebst Orelli's und Usteri'sPädagog. Ansich-ten" (Zürich 1831), S. 11.

7) K d t h e's (S. 723) Versicherung, daß dieser Streit eben so factisch als theoretischgeschlichtet sei, ist unwahr; ähnliche Versicherungen philologischer Schulmänner sind sogarlächerlich; vergl.Verhandlungen der 2. Versammlung der Philologen" (Mannheim 1839),S. 46.

8)Leben und aus dem Leben merkwürdiger und erweckter Christen", Vorrede zum2. Lheil.

9) Daher das elende Schicksal der klassischen Studien in Oesterreich, worüber man,außer einem Aufsatze in denHallischen Jahrbüchern", 1840, vergl. Schön,Ueber dasosterreich. Universitätswesen", in Pölitz'Jahrbüchern für Politik". 1834. I. S.208 ff.Dies geben wir den liberalen Feinden dieser Studien zur ernsten Beherzigung.