Schlözer, August Ludwig vo«.
Schlözer führte eine mit kleinlichem Pedantismus bis ins Einzelne bemesseneLebensweise *). Darin spiegelt sich zugleich der ganze Charakter jener antediluvianischenZeit vor den Revolutionskriegen; und zumal das Sein und Treiben deutscher Professorenund Stubengelehrten, mit ihrer stolzen Selbstseligsprechung in der Beschränkung auf ihreStudirstube und in ihrer Abgeschlossenheit vom thatigen Leben. Auch Schlözer warmit dem niederdrückenden Ballaste jener Periode belastet, und nur sein Verstand undWissen hatte ihn wohl nicht hoch über seine gelehrten Standesgenossen erhoben. Aber erragte mit seiner besseren Hälfte als ein Mann der Zukunft über die Gegenwart hinaus;er trug ein oppositionelles Element in sich, das ihn gegen die beengenden Verhältnisse, indie er gleichfalls eingeklemmt war, vielfach ankämpfen ließ. Schon sein Trieb nach Aus-bildung durch Autopsie und seine nach ermüdenden Arbeiten immer wieder erwachendeReiselust zeichneten ihn vor der großen gelehrten Heerde, die sich über ihren Pferch nimmerhinauswagte, vortheilhaft aus. Für seine meisten Collegen war Dies Grund genug, ihnfür eine Art excentcischen Kopf zu halten, während er selbst ihnen gegenüber als Mannsich fühlte. „O was ist ein Gelehrter, der nicht gereist ist", so schrieb er aus dem Wegenach Italien, „für ein ärmliches Geschöpf!" Vor Allem aber war Schlözer einMann tüchtiger Gesinnung und starker Leidenschaft, die seinen Geist mächtig spornte,daß er über das Katheder und die Schranken des Höcsaales hinaus in weiterem Felde sichtummelte. Seme leidenschaftliche Heftigkeit, um deren willen ihn der zahme Heerenden „Tiefzürnenden" nannte, erzeugte zugleich seine hervorragendsten Tugenben undFehler, Helles Licht und dunkeln Schatten in grellem Abstich. In früheren abhängigenVerhältnissen wußte er seine Heftigkeit zu zügeln. Um so rücksichtsloser brach diese späterdurch, und um so eher wurde auch hier der Bedrückte zum Bedrücker im häuslichen Kreiseder von ihm Abhängigen. Im höchsten Grade launisch, konnte er seiner Gattin undseinen Kindern das argloseste Wort misdeuten; dabei wollte er beständig unterhalten sein,wenn sein Mismuth, z. B. bei Tisch, nicht plötzlich Hervorbrechen sollte. Leicht erregbar,kündigte sich sein Zorn, der sich indessen meistens nur in donnernden Worten entlud,durch heftiges Athemholen, durch krampfhafte Zuckungen an, die ihm einen „widrigen"Ausdruck, ein „Grauen erregendes" **) Ansehen gaben. Und wie er empfangene Wohl-thaten dankbar festhielt, so vergaß er auch Beleidigungen nie oder selten. Erkenntewegen Kleinigkeiten Jahre lang grollen: „wer nicht nachtrage", meinte er, „habe auch fürDankbarkeit keinen Sinn." Allein diese Leidenschaftlichkeit und dieser nachhaltende Eifer,in Verbindung mit seiner Offenheit, seinem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinne undseiner unbestechlichen Redlichkeit machten ihn eben so zum unermüdlichen Streiter fürdas als wahr Erkannte und ließen ihn Früchte erkämpfen, die nur auf dem Schlachtfeldedes Geistes wachsen und die er in zahmer Duldsamkeit nimmer erkämpft hätte.
Schlözer war in Allem heftig, auch in den Ausbrüchen seiner Freude oder seinesSchmerzes; nur die Liebe scheint nie bei ihm zur Leidenschaft geworden und ihm fastfremd geblieben zu sein. Sie mochte keinen Raum gewinnen vor einem Ehrgeize, der ihnzu ehrenkafter Thätigkeit fort und fort anlrieb. In seiner Zeit galten die Fürsten, diesich mit Ertheilung von Titulaturen, Standeserböhungen und Ordenskreuzen aller For-men, Farben und Namen noch nicht für alle Zukunft erschöpft hatten, für die Quelle vonEhren; und auch Schlözer war für solche im späteren Curse tief gefallene Auszeich-nungen keineswegs unempfänglich. Viel Freude machte ihm in den letzten Jahren seinesLebens die Ernennung zum geheimen Justizrathe, und noch weit größere, als ihm KaiserAlexander von Rußland im Jahre 1802 Adelsdiplom mit Orden und Wappen nebsteinigen Geschenken als „isibie margue rls soo estime" übersenden ließ. „6rsml Vien",
*) S. Lug. v. Schldzer's öffentliches und Privatleben aus Original-urkunden von seinem Sohne Christ, v. Schlözer. Leipzig bei Hinrichs, 1828.S. auch oben Literatur der Staatswiffenschaften.
**) Christ, v. Schlözer a. a. O. Er erzählt auch: „Die unerträglich willkürlicheund launenhafte Behandlung von Seiten meines Vaters ließ mir keine andere Wahl, alsschon im 22. Jahr auf alle Unterstützung zu verzichten."