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Schlözer, August Ludwig von.
von einem mehrmonatlichen Aufenthalte in Paris nach Göttingen zurückkehrte.' Vondieser Reise, theils zu wissenschaftlichen Zwecken, theils zu seiner Erholung, hatte er ei-nen günstigen Eindruck von Frankreich zurückgebracht. „Kein liebenswürdigerer Mann",schrieb er, „als ein Franzose, der über 40 Jahre hinaus ist" — eine Bemerkung, die inDeutschland oft genug wiederholt wurde und eine Art Curs erhielt. Dieser vorlheilhafteEindruck wurde durch die nähere Bekanntschaft mit einigen ausgezeichneten Männern inFrankreich, wie mit Villoison, Pfeffel*), dem Bruder des Fabeldichters, undAnderen noch erhöht. Durch diese erhielt Sch lözer fortan manche wichtige politische «und statistische Nachrichten, zumal über Frankreich, die über die in Deutschland noch we-nig gekannten staatlichen Verhältnisse des Nachbarlandes ein heiles Licht verbreiteten.Ueberdies unterhielt er seit längerer Zeit mit Schweden und Rußland eine regelmäßigeCorrespondenz und aufgemuntert durch Pütt er, der seinem Unternehmen den glänzend-sten Erfolg prophezeite, faßte er nun den Plan, dem deutschen Publicum die wichtigstender ihm zukommenden Nachrichten mitzutheilen und zu diesem Zwecke eine in zwanglosenHeften erscheinende Zeitschrift zu gründen. Damals halte selbst das protestantischeDeutschland erst nur wenige oder keine Blätter dieser Art; und das katholische sing ebenerst an, aus langem Schlummer zu erwachen. Freisinnigere religiöse und politische An-sichten kamen in Umlauf, namentlich erwachte ein lebhafteres Interesse für Verbesserungdes Volksunterrichts und der Wunsch nach größerer Oeffentlichkeit im Staatsleben.
Diese Bewegung wollte auch S ch lözer durch den Hebel der Presse unterstützen. Dererste noch schüchterne Versuch, den er mit seiner erst unter dem Titel „Briefwechsel",dann unter dem der „Staatsanzeiqen" erscheinenden Zeitschrift machte, fand indessen we-nig Beifall. Bald aber, nachdem sie in den Verlag der Vandenhöck'schen H ndlungübergegangen war, und zumal seit dem Ausbruche des nordamerikanischen Kriegs, stei-gerte sich die Theilnahme. Von allen Seiten liefen die wichtigsten Beitrage ein, und derAbsatz der jährlich in wenigstens 8 Heften erscheinenden Staalsanzeigen hob sich auf ^4400 Exemplare. Die Verlagshandlung ward dadurch bereichert, und ihrem Herausge-ber warf da°* Journal einen reinen Gewinn von nahe 3000 Thlcn. ab. Durch diesenErfolg gehoben, führte Schlözer mehr und mehr eine kühnere Sprache, machte sich zumAnwalt der Unterdrückten, zum öffentlichen Ankläger der Unterdrücker und ließ Deutsch-land zum ersten Male wieder seit Luther die Macht der Presse und d.n Segen der Oeffent-l-chkeit empfinden. Einige freisinnige Fürsten, vor Allen IosepbII., nahmen diesesStreben beifällig auf; und so hoch stieg sein Ansehen, daß einmal Maria Tkeresiaeinen Beschluß ihres Staatsraths mit den Worten niedecschlug: „Nein! Das gehtnicht; was würde Schlözer dazu sagen?" Auch auf einer nach Italien in Begleitungseiner zwölsiahrigen Tochter unternommenen Reise (1781), welche seinen Göttinger Col-lege» und Stubengelehrten als, außerordentliches Wagstück, als eine Art Donquixotiad«erschien, wurde er in allen deutschen Städten, die er durchzog, namentlich auch im Tirol,in jeher Weise gefeiert.
Bei der kecken und durchgreifenden Art, womit Schlözer auftrat, konnte es nichtfehlen, daß er in mancherlei Händel verwickelt wurde und neben eifrigen Anhängern undVertheidigern erbitterte Gegner find. Ein europäisches Aufsehen machte die durch einePublication in seinem Briefwechsel (Bd. VI. S. 57—61) veranlaßt« Hinrichtung desgewesenen Pfarrers Waserim Canton Zürich. Dieser, ein geistvoller und vielseitig ge- ^bildeter Mann, aber auch ehrsüchtig und ränkesüchtig, auf dessen Charakter und Lebens- kweise unaustilgbare Flecken hafteten und der sich wohl mehr aus persönlichen Gründenals aus Rücksichten des Gemeinwohls in den Kampf gegen die hassenswürdige Tyranneider Züricher Oligarchen eingelassen, hatte einen Aufsatz über den Züricher Kriegsfond ein-gesandt, der in Deutschland kaum verständliche und in der Folge zum Theil als irrig nach-gewiesene statistische Notizen enthielt. Auf diese Einsendung erwiderte Schlözer:
„Ihr Helvetien ist bisher immer eine stille Polyphemushöhle. Alles geschieht hinterm
*) Pfeffel wurde unter dem Namen „der Austrasier" der ausgezeichnetste MitarbeiterSchldzer'S an dessen „Briefwechsel" und „Staalsanzeigen."