85
an derselben Stelle stehen. Wer ihm eine Schuld nicht auf dengesetzten Tag bezahlt, dem fordert er Entschädigung für denAufschub, und scheuet stch nicht, von ausgelaufenen Zinsen In-teressen zu nehmen. Wenn er seinen Demoten *) ein Gastmahlgibt, so läßt er das Fleisch zu kleinen Stücken verschnitten auf-tragen. Er geht auf den Markt, um Fleisch oder Gemüse ein-zukaufen, und kehrt mit leeren Händen heim. Seiner Frauvertuschet er, irgend jemanden weder Salz, noch Dochte, nochKümmel, noch Kränze, noch Ohlfaden zu borgen; denn, sagter, dergleichen Kleinigkeiten belaufen sich im Jahre auf eine Sum-me. lim es kurz zu machen: die Geldkiste des Knickers ist ver-schimmelt, der Schlüssel verrostet. Sein Kleid läßt er sich viel zukurz schneiden ; salbt sich nothdürfcig aus einem winzigen Fläsch-chen ; läßt sich das Haar bis auf die Haut scheeren, und bittetden Bleicher dringend, an seinen Mantel die Kreide dick auf-zutragen, damit er sich nicht sobald wieder beschmutze.
L. Der Schmeichlet.
Die Schmeicheley ist ein niedriges, und auf des Schmeich-lers Vortheil berechnetes Betragen im Umgänge mir Andern.
Wenn der Schmeichler seinen Gönner über die Straßebegleitet, so sagt er zu ihm: „Siehst du wohl, wie Aller Augenauf dich gerichtet sind ? In der ganzen Stadt kann sich dessenNiemand rühmen als du. — Gestern war die Halle voll vondeinem Lobe. Es waren da mehr als dreyßig Personen beysam-men. Von ungefähr ward die Frage aufgeworfen: wer wohlder glücklichste Mann in der Stadt seyn möchte? Da nanntenAlle, wie aus einem Munde, deinen Nahmen und dabey bliebensie auch." — Noch andere solche schöne Sachen sagt er dieMenge. Er liest seinem Gönner jedes Fäserchen vom Kleide ab;
*) Ganz Attika war in 174 Distrikte, welche Demi« hießen,al'gctheilt. Die Demoten hielten monathlich, nach der Reihe ,gemeinschaftliche Gastmahle.
F 2