Neuntes Kapitel: Das Häfsiiche. Ergänzung d. Modifikationen d.Schönen. 599
dies oder jenes so oder so charakterisiertes Schöne wäre. DieSchönheit des Menschen ist männliche oder weibliche Schönheit;die schöne Linie ist gerade oder krumme Linie. Schliefslichist jede Schönheit eines schönen Objektes einzigartig, und vonder Schönheit jedes anderen schönen Objektes verschieden.„Die“ Schönheit schlechtweg ist ein Abstraktum; „das“Schöne ist lediglich gegeben in der unendlichen Mannig-faltigkeit des Schönen.
Andererseits ist jedes Schöne ein Allgemeines, sofern esein Beispiel der allgemeinen Gesetzmäfsigkeit des Schönen ist.Der Inhalt jedes Schönen ist ein ideelles Ich, das wir nachallgemeinen Gesetzen menschlichen Wesens in uns aus-gestalten. In jedem Schönen liegt der Mensch überhaupt,obzwar immer nach einer Seite seines Wesens.
Dies hindert nicht, dafs ein Schönes die Mitte zwischenextremen Gegensätzen darstellt. Es hindert auch, wie wirschon sahen, nicht, dafs an einem individuellen Schönen das-jenige hervorgehoben ist, was eben für dies Individuum bedeut-sam und „charakteristisch“, oder was an ihm „typisch“ ist füreine Gattung, der es angehört; dafs endlich in einem Schönenallgemeinste Gesetzmätsigkeiten eines Daseins und Verhaltensfür sich zur Anschauung gebracht werden. Auch all dies„individuell Charakteristische“, dies „generell Typische“ undendlich dies „abstrakt Allgemeine“ kann man ein ideal Schönes,seine Darstellung oder Heraushebung Idealismus nennen.
Zunächst aber wird man unter dem „ideal Schönen“ freilichdasjenige verstehen, das am wenigsten das an sich Häfsiiche,Störende, Dissonante in sich aufnimmt, also das Schöne, inwelchem möglichst rein das Lichte und das Leben zu seinemRechte kommt, und frei sich auswirkt, das ohne WiderstreitAnmutende und Beglückende. Hier mufs man sich nur hüten,solches ideal Schöne ohne weiteres dem Ideal des Schönenim Sinne des höchsten und tiefsten Schönen gleichzusetzen.
„Sinnlich“ und geistig Schönes.
Endlich könnte der Begriff des „ideal Schönen“ auch nochin anderer Weise verwendet werden. Der Gegensatz des ideal